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Für
die soziale Revolution im Spätsommer ...
28.07.10
Wie definiert man "Armut"?
von Reinhold Schramm
Aufklärung und Emanzipation vs. bürgerliche Destruktion.
Vorbemerkung: Die bürgerliche Aufklärungs- und Emanzipationsbewegung
sollte das Weltbild überwinden, das der Feudalordnung den "Heiligenschein
göttlicher Weihe" verliehen hatte. "Religion, Naturanschauung,
Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosen Kritik unterworfen,
alles sollte seine Existenz vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen
oder auf die Existenz verzichten" (Marx/Engels). Ihr spezifisch bürgerlicher
Klassencharakter (- die bürgerliche Aufklärung) findet seinen Ausdruck
in der Ideologisierung bürgerlicher Partikularinteressen im Sinne von
"natürlichen menschlichen Interessen" und bürgerlicher
Klasseninteressen im Sinne von "allgemeinmenschlichen" und "allgemeindemokratischen"
Interessen. Karl Marx und Friedrich Engels bezeichneten die bürgerliche
"Aufklärung" aus diesem Grunde auch als eine "verdrehte
Form" der "profanen Grundlagen der bürgerlichen Welt",
als den idealen Ausdruck, "das verklärte und von der Wirklichkeit
selbst als solches aus sich geworfene reflektierte Lichtbild" oder als
das "idealisierte Reich der Bourgeoisie".
Für die marxistische Aufklärung (- für den Marxismus) ist im
Gegensatz zur Bourgeoisie und deren ökonomischen und gesellschaftspolitischen
Administration (in deren bürgerlichen Staat und Gesellschaft) nicht die
"Totenbeschwörung", sondern eine wissenschaftliche, historisch-kritische
Analyse der Aufklärungstradition eine objektiv-notwendige und nach wie
vor aktuelle Aufgabe. [1]
Die "Welt" der "Axel Springer AG" veröffentlichte
am 24. Juli 2010 einen Beitrag von Professor Meinhard Miegel (*), u. a. Sozialwissenschaftler
und Publizist, unter dem Titel "Armut neu denken". Professor Miegel
teilt hier seinen bürgerlich-konservativen Lesern mit: existenzbedrohenden
"Mangel gibt es in Deutschland nicht mehr". "Alle haben genug
zu essen, keiner geht unbekleidet, und jeder hat ein Dach über dem Kopf.
Ebenso haben alle Zugang zu schulischen, medizinischen und kulturellen Einrichtungen.
Not im eigentlichen Sinne dieses Wortes braucht niemand mehr zu leiden."
Die "emotionale Aufladung" des Armutsbegriffs in Deutschland ist
für Prof. Miegel "eine Form zynischer Missachtung des wirklichen
Elends Hunderter von Millionen Mitmenschen, denen das Nötigste zum Leben
und nicht nur sozialer Status fehlt." Auch sei es "Zynismus gegenüber
den eigenen Vorfahren ...", die "ihr Leben unter heute kaum noch
vorstellbaren Entbehrungen meisterten. Sie waren noch wirklich arm."
Meinhard Miegel schreibt, "die Hartz-IV- und Sozialgeldempfänger,
haben derzeit einen materiellen Lebensstandard, der höher, zum Teil sogar
viel höher ist als der Lebensstandard von drei Vierteln der heutigen
Weltbevölkerung".
Miegel: "Etwa eine Milliarde Menschen geht derzeit nach einem Tagewerk
mit dem Gegenwert von höchstens zwei Euro nach Hause, und noch Mitte
der 1960er Jahre erwirtschaftete ein deutscher Arbeitnehmer in einer 48-Stunden-Woche
im Durchschnitt nicht mehr als heute ein Hartz-IV-Empfänger - gegenleistungsfrei
- von seinen Mitbürgern erhält."
Miegels Schlusssatz lautet: "Vielleicht hatten ja die Altvorderen so
unrecht nicht, als sie sorgsam zwischen schicksalhafter, selbst zu verantwortender
und freiwilliger Armut unterschieden und entsprechend unterschiedlich auf
sie reagierten." [2] (Bitte den gesamten Text -"Welt-Online"-
lesen.)
Wenige Anmerkungen zu den bürgerlich-konservativen Konservierungsansichten
der bestehenden (deutschen) Weltordnung des Professors Miegel und seiner bürgerlichen
Klientel.
Auch auf akademischer Stammtischebene, - nicht nur bei der (selbst-)beauftragten
BDI-BDA-Bundesregierung (der deutschen Großbourgeoisie und Großaktionäre)
und deren bürgerlichen Parlamentsmehrheit und sozialdarwinistischen und
postfaschistischen NPD-DVU-Kameradschafts-Einsatzreserve -, wird als arm,
gerade im Vergleich mit Menschen in sozialer Unterentwicklung und Abhängigkeit
gehaltenen Ländern, eher jemand erlebt, der sich so gut wie gar nichts
mehr leisten kann und vollkommen auf Unterstützung Fremder angewiesen
ist.
Nicht nur das differenzierte private und staatliche bürgerliche Erziehungs-,
Verbildungs-, Ausbildungs-, Hochschul-, Universitäts- und Mediensystem,
auch das gesamte Hartz-IV-System, dient dazu, die werktätige Bevölkerungsmehrheit
- deren Arbeitslöhne und deren sozialen Bildungs- und Reproduktionskosten,
einschließlich bei den Armen in der Gesellschaft, im ökonomischen,
gesellschaftsideologischen und gesellschaftspolitischen Kapital- und Eigentumsinteresse
unter Kontrolle zu halten. [3]
Quellen vgl.:
[1] Philosophisches Wörterbuch. Herausgegeben von Georg Klaus und Manfred
Buhr. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1975. - Hier zu: Aufklärung,
ab Seite 153.
[2] Welt-Online - am 24.07.10. "Armut neu denken" von Meinhard Miegel.
www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article8613620/Armut-neu-denken.html
(*) Siehe auch: Meinhard Miegel, zu: Rente kann nur noch Grundsicherung leisten.
Interview im Deutschlandfunk, 15. Februar 2006. - In: Zeit-Online: www.zeit.de/
politik/dlf/2006/interview_060215
[3] Scharf-links - am 22.05.2010: Aspekte zu Hartz-IV-Armut und die notwendigen
materiell-sozialen Beteiligungsmöglichkeiten (nicht Nur) in Deutschland
und Europa.
www.scharf-links.de (...) - unter Soziales, TopNews - am 22.05.10.
Empfehlungen:
1) SWR.de - "1000 antworten": Wie definiert man "Armut"?
von Christoph Butterwegge am 23.10.2009.
www.swr.de/blog/1000Antworten/
antwort/3814/wie-definiert-man-armut/
1.1) SWR.de: Wie ist soziale Gerechtigkeit definiert? von Christoph Butterwege
am 26.10.2009.
www.swr.de/blog/1000Antworten/
antwort/4006/wie-ist-soziale-gerechtigkeit-
definiert/
2) bpb: Bundeszentrale für politische Bildung.
Armut und Reichtum in Deutschland. Von Gerd Nollmann und Hermann Strasser.
Inhalt: I. Die Verteilung des Einkommens, II. Die Verteilung des Vermögens,
III. Kampf der Armen gegen die Reichen?, IV. Die Rechtfertigung: Anspruch
und Wirklichkeit.
www.bpb.de/publikationen/
TIKE8T,0,0,Armut_und_Reichtum_in_
Deutschland.html
3) Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main.
Armut und Reichtum in Deutschland, Einstellungsmuster der Bevölkerung.
Vortrag beim Workshop "Neues von der Verteilungsfront" veranstaltet
von der Hans Böckler-Stiftung und der Akademie der Arbeit. Wolfgang Glatzer/Jens
Becker. Frankfurt am Main, 10. Februar 2009.
www.boeckler.de/
pdf/v_2009_02_10_becker_glatzer.pdf
4) Reichtum ohne Leistung -
oder die Klientel aller bürgerlichen Regierungsparteien - in Deutschland
und Europa.
www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/
allg/reichtumschramm.pdf
5) Klassengesellschaft und Vermögensverteilung in Deutschland.
www.debatte.info/fileadmin/download/
rschramm_10052009.pdf
Eine aktuelle Literaturempfehlung zur marxistischen Aufklärung - und
stets auch Emanzipation:
A) Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie. Buch I: Der
Produktionsprozess des Kapitals. Erster Band. Dietz Verlag Berlin 1972.
B) Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie. Buch II:
Der Zirkulationsprozess des Kapitals. Herausgegeben von Friedrich Engels.
Zweiter Band. Dietz Verlag Berlin 1972.
C) Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie. Buch III:
Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Friedrich
Engels. Dritter Band. Dietz Verlag Berlin 1972.
VON: REINHOLD SCHRAMM
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