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Die poetische
Wut
Ein unsichtbares Komitee aus Frankreich denkt
über den Aufstand nach
Buchvorstellung von Stefan Gleser
Sie erwägt und prüft. Dann entschliesst sich eine italienische
Pfandflasche Molotowcocktail zu werden. In Oslo hat die Vernunft einen älteren
Herrn überfallen; er fährt zum ersten Mal in seinem Leben schwarz.
Düsseldorfer Buchhalter klauen Büromaterial wie die Raben. In der
französischen Provinz entspannt sich ein abgeklemmter Stromzähler.
Er hat genug geschafft für heute. Die Schönheit eines Backsteins
in der Auslage einer Athener Bank rührt Passanten zu Tränen. „Der
kommende Aufstand“ ist schwer zu fassen, unerwartet und hat weder Namen
noch
Wohnort. Seine Nahrung bezieht er aus vielen, kleinen, unscheinbaren Gesten
des Aufbäumens. Die Fahndungsaufrufe der Polizei wirken in ihren
Mutmassungen und Verdächtigungen reichlich tapsig. So weit linksradikal,
anarchistisch und träumerisch. Die Faszination, die das schmale Bändchen,
herausgegeben von einem anonymen „unsichtbaren Komitee“ aufs
bürgerliche Feuilleton ausübt, muss also eine andere sein.
Vielleicht liegt sie in der Verachtung des Oberschülers gegenüber
den Mühen der Ebene, dem täglichen Kleinkram, dem Durchwursteln.
Die Revolutionäre des unsichtbaren Aufstandes kochen kein Teewasser und
fegen keine Versammlungsbüros wie bei Brecht oder Jack London. Klaus
Maresch hat in „Telepolis“ auf die Glorifizierung der Gangs hingewiesen.
Ich kann mich des Einrucks nicht erwehren, dass es zu den Gnaden der Reisebüros
gehört, Abenteuerurlaub ganz in der Nähe der Slums anzubieten. Und
deren Bewohner leiden unter Drogenhandel und Kriminalität und dürften
deshalb randalierende Banden kaum als revolutionäres Subjekt in Betracht
ziehen. Um es zugunsten der Verfasser
zu formulieren:
Die „unerträglichen Verhältnisse“ gebären den Aufstand
in uns. Jugendliche aus den Vororten und Intellektuelle ohne Planstellen ziehen
ihn gross statt Überläufer aus der herrschende Klasse wie bei den
Jakobiner und Bolschewisten.
Die paar übrig gebliebenen Kommunisten, die voll eiserner Schwermut noch
immer die Wahrheit verkaufen, dürfte das Komitee als grau und langweilig
empfinden. Mit den Arbeiterparteien und Gewerkschaften hat es wenig im
Sinn. Sie verdienten allenfalls noch wegen ihres „heroischen Ursprungs“
Achtung.
Die Zurichtung auf den Arbeitsmarkt erfasst den gesamten Tag einschliesslich
Freizeit. Immer mehr haben es satt, als innovatives Humankapital aufzustehen
und als selbstbestimmte Ich-AG ins Bett zu fallen. Wer uns vor den grossen
Seuchen bewahrt, wie Putzfrau und Müllabfuhr zieht bald das Gefängnis
der Arbeit vor. Die Rückzugsgebiete, die kleinen Fluchten sind kommerzialisiert
und deine Sprache schon erobert, bevor du den Mund aufmachst. Preise die Revolte
auf deinem Blog und morgen wird dich ein Chef autonom und kreativ finden.
Andererseits könnte uns die heutige Misere im Rückblick noch als
Idyll erscheinen. Merkwürdig unbeachtet bleibt, wie Europa von den Schwedendemokraten
im Norden bis zu der Jobbik im Osten sich allmählich
braun färbt.
Der frontale Angriff und Gewalt gegen Menschen werden abgelehnt. Damit Grosstädte
funktionieren, benötigen sie eine komplexe und empfindsame Technologie.
Das ist ihre Schwachstelle, darin sickert langsam, fein dosiert die Subversion
ein. Aus dem Fernsehen ruft irgendein Politiker zu einer neuen Kultur des
Dialogs auf. Irgendetwas solle geändert werden. Der Geist der Verfassung
wird beschworen oder die Partizipation der Bürger gestärkt oder
so ähnlich. Nur wenige hören zu. Denn auf der Strasse gibt`s frisches
Obst von der Landkommune.
Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand
Original: L’insurrection qui vient, La fabrique éditions
Aus dem Französischen übersetzt von Elmar Schmeda
Broschur, 128 Seiten , Nautilus Hamburg, 2010,
€ 9,90, ISBN 978-3-89401-732-3
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