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Der kommende Aufstand Ein Aufstand, wir können uns nicht mal mehr vorstellen, wo er beginnt. Sechzig Jahre der Befriedung, ausgesetzter historischer Umwälzungen, sechzig Jahre demokratischer Anästhesie und Verwaltung der Ereignisse haben in uns eine gewisse abrupte Wahrnehmung des Realen geschwächt, den parteilichen Sinn für den laufenden Krieg. Es ist diese Wahrnehmung, die wir wiedererlangen müssen, um zu beginnen.
Warum eine deutschsprachige Ausgabe? Der wichtigste Grund ist wohl, dass wir es satt haben, politische Pamphlete zu lesen, die sich mit der Darstellung der schlechten Verhältnisse begnügen, ohne konkrete Schritte zu ihrer Aufhebung in die Diskussion zu werfen. „Der kommende Aufstand“ beschreibt die bröckeligen Fundamente der gegenwärtigen Ordnung nicht, um aufzurütteln oder Therapien zu ihrer Rettung vorzuschlagen, im Gegenteil. Die Zerbrechlichkeit der verschiedenen Aspekte dieser Welt der Domestizierung und Vernutzung, ihre neusten Transformationen werden nur durchgespielt, um endlich ihre Zerstörung konkret ins Auge zu fassen. Die Selbst-Zurichtung der Individuen, die sich mit Pillen im Rennen der Vermarktung halten, die Gewöhnung schon der Kleinsten daran, dass ihr Leben in der Selektion für eine Arbeitswelt bestehen wird, deren einziger Zweck der Erhalt des Hamsterrades selbst ist; der Angriff auf unser Leben wird nur geschildert, damit wir uns darin erkennen und dagegen in Stellung bringen können. Die Rundreise durch das trostlose Existieren der Metropole ist Aufklärung nicht im mythischen, sondern im militärischen Sinne: die Klärung eines gemeinsamen Ausgangspunktes, der operativen Bedingungen einer Real-Exit-Strategie aus der globalen Misere, und nicht zuletzt der praktischen Hebel, die uns in diesem Kampf zur Verfügung stehen. Die Tatsache, dass der soziale Angriff der Eliten in den verschiedenen Staaten der westlichen Welt zusehends ähnliche Formen annimmt, kann eine derartige Positionsbestimmung über alte kulturelle Grenzen hinweg tragen. Die Vermessung und Verwaltung des Menschenmaterials kommt uns allen bekannt vor, auch wenn Dateien und Polizeien andere Namen tragen. Der Klartext hinter der Billig-Propaganda von Managern und Kriegsherren tritt international so klar zutage wie die Erfahrung sich verschärfender Ohnmacht angesichts der unbelehrbaren Arroganz der Macht. Die Kolonisierung verarmter Viertel, der expandierende Assimilationsdruck nicht nur in den Banlieues schärft das Verständnis eines Widerstands, der sich nicht mehr mit Forderungen aufhält. Der sich in der Tat organisiert. Wir schätzen den Text der französischen GenossInnen als Beitrag zur uralten, immer wieder neu aufflammenden Debatte darüber, wie wir uns diesen Quatsch vom Hals schaffen können, diese ewig gleiche Reduzierung der Welt auf die Verwertung der Welt. Eine Gebrauchsanweisung für die Revolte ist das Buch nicht. Das wäre vollkommen absurd. Jedes Aufbegehren ist so einzigartig wie die Revoltierenden selbst; eine Vielfalt an Traditionen, Kampferfahrungen und Träumen, erkennbar aber nicht vereinheitlicht durch den Glutkern ihrer Sehnsucht nach Befreiung. Viele Überlegungen über den kommenden Aufstand finden wir inspirierend, manche Taktiken direkt übertragbar, und einiges führt uns zu anderen Schlussfolgerungen, weil unsere Stärken andere, unsere Kämpfe nicht identisch sind. Richtig und gut für die Überwindung hiesiger Defizite finden wir, dass der in diesem Buch vertretene Zugang helfen könnte, den Status Quo linker Teilbereichskämpfe aufzubrechen, der im Horizont der Opposition oft an die unverbundene Aufzählung unzähliger Antis gebunden bleibt und dadurch nahe legt, sich in feindlichen Kategorien einzukästeln. Die Bedeutung der Diskussionen und praktischen Versuche, die in den letzten Jahren um die Idee des Aufstands kreisen, sehen wir in der Erneuerung einer lebendigen revolutionären Perspektive, im handgreiflichen Ringen um die Wiedervereinigung von Denken und Handeln - nicht in 500 Jahren oder am anderen Ende der Welt, sondern hier und heute. Das Experimentieren mit Alternativen und der Kampf gegen das Establishment sind nicht nur nicht unvereinbar, sie ergänzen sich und sind unmittelbar aufeinander angewiesen. Das unsichtbare Komitee fordert uns auf, die Waffe der Kritik nicht in den Dienst der eigenen Entwaffnung zu stellen und den Kampf auf der Strasse nicht in den Abschied vom Nachdenken darüber münden zu lassen, wie wir uns langfristig halten können, denn der Aufbau autonomer Strukturen ist notwendige Basis für jeden ernst gemeinten Angriff auf dieses System. Der allerdings hat viele Formen und bringt unterschiedlichste Kommunen hervor. „Der kommende Aufstand“ wird uns nicht ersparen, in unseren eigenen Zusammenhängen klar zu kriegen, wer unsere Feinde sind und wo ihre Schwachstellen liegen, wie sie angegriffen werden können und welche Fallen es zu vermeiden gilt. Wir können den Text nutzen, um unsere Ideen und unsere Praxis weiterzuentwickeln.Wir können kritisch darauf antworten und die internationale Debatte um unser Tortenstück Erfahrung bereichern, und so dazu beitragen, eine neue Sprache der Rebellion zu entwickeln. Notwendig ist das Buch dafür keinesfalls. Um unsere Situation zu erkennen und daraus aufzubrechen braucht es keinen Masterplan, keine eine Wahrheit, die uns offenbart werden muss. Wir können an jeder Ecke loslegen, unser Leben in die eigenen Hände nehmen und uns gegen die herrschenden Verhältnisse verbünden. Was die unsichtbaren GenossInnen allerdings zu bedenken geben, ist, dass es zum Schmieden einer nachhaltigen, den absehbaren Attacken der Gegenseite gewachsenen Strategie Sinn macht, eine gewisse Koordination zwischen den einzelnen Gruppen zu kultivieren, um eine gemeinsame Verteidigung zu ermöglichen. Als Diskussionsvorschlag in Richtung einer derartigen strategischen Kooperation finden wir das Buch der französischen GenossInnen gut, nicht als neue Schule oder Kult. Diese undogmatische Weigerung beinhaltet, dass es uns im Grunde gleichgültig ist, ob die AutorInnen die Emanzipation der anderen Kollektive zentral am Herzen liegt oder ob sie lieber alle nach ihrem Ebenbild schaffen würden. Es geht nicht darum ja oder nein zu ihrem Vorschlag zu sagen, sondern um die Eskalation einer Diskussion, zu der auch sie nur beigetragen. Ein libertärer Aufstand wird sich nicht ausbreiten, von der Revolution ganz zu schweigen, solange der Ruf nach FührerInnen uns innerlich schwächt. Wie alle Bücher hat auch „Der kommende Aufstand“ seine blinden Flecken, und die Unterschätzung der Möglichkeit einer autoritären Wendung der ganzen Angelegenheit zählt mit Sicherheit dazu. Was nichts anderes heisst, als dass diese Auseinandersetzung noch darauf harrt, von uns geführt und aufgeschrieben zu werden! Wenn es gelingt zu vermeiden, die Diskussion über den kommenden Aufstand auf eine banale Zugehörigkeitsmaschine einzudampfen, könnten folgende Analysen und Vorschläge helfen, uns mit organisierteren Strukturen gegen die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu formieren und eine lange nicht gesehene Schlagkraft zu entfalten.
Aus welcher Sicht ...
Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg. Das ist nicht die geringste ihrer Tugenden. Denjenigen, die unbedingt hoffen möchten, raubt sie jeden Halt. Diejenigen, die vorgeben Lösungen zu haben, werden sofort entkräftet. Es ist bekannt, dass alles nur noch schlimmer werden kann. »Die Zukunft hat keine Zukunft mehr« ist die Weisheit jener Epoche, die unter dem Anschein einer extremen Normalität auf der Bewusstseinsebene der ersten Punks angelangt ist. Die Sphäre der politischen Repräsentation schließt sich. Von Links nach Rechts nimmt die gleiche Nichtigkeit mal die Pose von Mackern, mal ein jungfräuliches Gehabe an, sind es die gleichen Ausverkäufer, die ihre Rede gemäß den neuesten Erfindungen der Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit austauschen. Diejenigen, die noch wählen, scheinen dies nur noch mit der Absicht zu tun, die Urnen durch pure Proteststimmen hochgehen zu lassen. Man fängt an zu erraten, dass gegen die Wahlen selbst weiter gewählt wird. Nichts von dem, was sich ergibt, ist auch nur im Entferntesten der Situation angemessen. In ihrer Stille selbst scheint die Bevölkerung unendlich viel erwachsener als all die Hampelmänner, die sich darum zanken, sie zu regieren. Jeder Chibani1 aus Belleville ist weiser in seinen Worten als jeder einzelne unserer sogenannten Führer in seinen Verlautbarungen. Der Deckel des sozialen Kochtopfs verschließt sich dreifach, während der innere Druck stetig steigt. Von Argentinien aus beginnt das Gespenst des »Que se vayan todos!« ernsthaft in den führenden Köpfen umzugehen. Die Feuer vom November 2005 werfen unaufhörlich ihre Schatten auf jedes Bewusstsein. Diese ersten Freudenfeuer sind die Taufe eines Jahrhunderts voller Versprechungen. Fehlt es dem medialen Märchen der Banlieues-gegen-die-Republik nicht an Effizienz, fehlt es ihm an Wahrheit. Bis in die Stadtzentren hinein haben sich die Feuer gebrannt, die methodisch verschwiegen wurden. Ganze Straßen in Barcelona haben in Solidarität gebrannt, ohne dass, außer ihren Bewohnern, irgendwer etwas davon mitbekommen hat. Und es stimmt nicht einmal, dass das Land seither aufgehört hat zu brennen. Unter den Beschuldigten sind ganz unterschiedliche Profile, die nur noch der Hass auf die bestehende Gesellschaft eint, nicht mal die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einer Rasse oder einem Stadtteil. Das Einmalige besteht nicht in einer »Revolte der Banlieues«, die bereits 1980 nichts Neues war, sondern in dem Bruch mit den etablierten Formen. Die Angreifer hören auf niemanden mehr, weder auf die großen Brüder, noch auf den lokalen Verein, welcher die Rückkehr zum Normalen verwalten sollte. Kein SOS Racisme2 kann seine krebserregenden Wurzeln in dieses Ereignis schlagen, dem nur die Müdigkeit, die Verfälschung und die mediale Omertà3 ein vorgetäuschtes Ende bereiten konnten. Die ganze Serie nächtlicher Anschläge, anonymer Angriffe und der wortlosen Zerstörung hat den Verdienst, die größtmögliche Kluft zwischen die Politik und das Politische zu reißen. Niemand kann ernsthaft die Offenkundigkeit des Angriffes verneinen, der keine Forderung stellte, der keine andere Botschaft hatte als die Bedrohung; der nichts mit der Politik zu schaffen hatte. Man muss blind sein, um das rein Politische nicht zu sehen, das in dieser entschlossenen Verneinung der Politik steckt; oder keine Ahnung von den autonomen Bewegungen der Jugend der letzten dreißig Jahre haben. Wie verlorene Kinder haben wir den Nippes einer Gesellschaft verbrannt, die nicht mehr Aufmerksamkeit verdient als die Monumente in Paris zum Ende der Blutigen Woche4, und die sich dessen bewusst ist. Für die gegenwärtige Situation wird es keine soziale Lösung geben. Zuerst, weil die verschwommene Anhäufung von Milieus, Institutionen und individuellen Blasen, die ironischerweise als »Gesellschaft« bezeichnet wird, keine Konsistenz hat, des Weiteren, weil keine Sprache mehr für die gemeinsame Erfahrung existiert. Und Reichtümer können nicht geteilt werden, wenn man keine Sprache teilt. Es bedurfte eines halben Jahrhundert des Kampfes um die Aufklärung, um die Französische Revolution zu ermöglichen, und ein Jahrhundert von Kämpfen um die Arbeit, um den furchterregenden Wohlfahrtsstaat hervorzubringen. Die Kämpfe schaffen die Sprache, in der sich die neue Ordnung ausdrückt. Anders heute. Europa ist ein Kontinent, der pleitegegangen ist, der im Geheimen bei Lidl einkauft und der Billigflüge nutzt, um überhaupt noch reisen zu können. Keines der in der sozialen Sprache formulierten »Probleme« führt darin zu einer Lösung. Die Fragen der »Renten«, jene der »Prekarität«, der »Jugendlichen« und ihrer »Gewalt« können nur in der Schwebe bleiben, während jene Gewalt, die immer verblüffender zur Tat übergeht, mit polizeilichen Maßnahmen verwaltet wird. Es wird sich nicht beschönigen lassen, den Hintern von alten Leuten zum Spottpreis zu wischen, die von den Ihren verlassen wurden und nichts zu sagen haben. Diejenigen, welche auf kriminellem Wege weniger Erniedrigung und mehr Profit gefunden haben als in der Arbeit als Reinigungskraft, werden ihre Waffen nicht strecken. Das Gefängnis wird ihnen nicht die Liebe zur Gesellschaft eintrichtern. Die auf Genuß abgehenden Horden von Rentnern werden die drastischen Kürzungen ihres monatlichen Einkommens nicht auf den Knien hinnehmen und sich nur noch mehr aufregen, dass eine breite Fraktion der Jugend die Arbeit verweigert. Wieso schließlich sollte ein Grundeinkommen, gewährt nach einem Beinahe-Aufruhr, den Grundstein für einen neuen New Deal, einen neuen Pakt, einen neuen Frieden legen. Dafür ist vom sozialen Empfinden zu viel verdampft. Als Lösung wird sich der Druck, dass nichts passiert,
und mit ihm auch das polizeiliche Raster des Territoriums stetig verstärken.
Die Drone, die laut eigenem Eingeständnis der Polizei am letzten 14.
Juli5 Seine-Saint-Denis überflog, zeichnet die Zukunft in viel deutlicheren
Farben als der humanistische Dunst. Dass man sich die Mühe gemacht hat
zu präzisieren, dass sie nicht bewaffnet war, zeigt ziemlich deutlich,
auf welchem Weg wir uns befinden. Das Territorium wird in immer dichter abgeriegelte
Zonen zerstückelt werden. Autobahnen, die am Rand eines »Problemviertels«
gebaut werden, bilden eine unsichtbare Mauer, um es ganz und gar von den Reihenhäusern
abzutrennen. Was auch immer die guten republikanischen Seelen darüber
denken mögen, das Verwalten von Stadtteilen »durch Communities«
ist bekanntlich am effizientesten. Die rein metropolitanen Stücke des
Territoriums, die wichtigsten Stadtzentren, werden in einer immer hinterhältigeren,
immer ausgefeilteren, immer eklatanteren Dekonstruktion ihr Luxusleben führen.
Mit ihrem Bordelllicht werden sie den ganzen Planeten beleuchten, während
die Patrouillen der BAC6, begleitet von privaten Sicherheitsdiensten, kurz:
die Milizen, sich unendlich vervielfachen und dabei eine immer unverschämtere
Deckung durch die Justiz genießen werden. Dieses Buch ist mit dem Namen eines imaginären Kollektivs unterzeichnet. Seine Redakteure sind nicht seine Autoren. Sie haben sich damit zufrieden gegeben, ein bisschen Ordnung in die verschiedenen Allgemeinplätze dieser Epoche zu bringen, in das, was an den Tischen der Bars, was hinter verschlossenen Schlafzimmertüren gemurmelt wird. Sie haben nur die nötigen Wahrheiten fixiert, deren universelle Verdrängung die psychiatrischen Kliniken und die Blicke mit Schmerz füllt. Sie haben sich zu den Schreibern der Situation gemacht. Es ist das Privileg der radikalen Umstände, dass die Richtigkeit in logischer Konsequenz zur Revolution führt. Es reicht aus, das zu benennen, was einem unter die Augen kommt, und dabei nicht der Schlussfolgerung auszuweichen.
»I AM WHAT I AM« »I AM WHAT I AM.« Das ist die letzte Opfergabe
des Marketing an die Welt, das letzte Entwicklungsstadium der Werbung, und
vor, weit vor all den Mahnungen, anders zu sein, man selbst zu sein, und Pepsi
zu trinken. Jahrzehnte von Konzepten, um dort anzukommen, bei der reinen Tautologie.
ICH = ICH. Er rennt auf einem Laufband vor dem Spiegel in seinem Fitnesscenter.
Sie fährt am Steuer ihres Smart von der Arbeit nach Hause zurück.
Werden sie sich treffen? Die allgegenwärtige Anordnung, »jemand zu sein«, erhält den pathologischen Zustand, der diese Gesellschaft notwendig macht. Die Anordnung, stark zu sein, erzeugt die Schwäche, durch die sie sich erhält, so dass alles einen therapeutischen Aspekt zu bekommen scheint, sogar arbeiten, sogar lieben. All die »Wie geht‘s?«, die jeden Tag ausgetauscht werden, lassen ans Fiebermessen denken, wodurch die einen den anderen die Patientengesellschaft aufzwingen. Gesellschaftlichkeit besteht heute aus tausend kleinen Nischen, aus tausend kleinen Unterschlüpfen, in denen man sich warm hält. Wo es immer besser ist als draußen in der großen Kälte. Wo alles falsch ist, weil alles nur ein Vorwand ist, um sich aufzuwärmen. Wo nichts entstehen kann, weil man dort taub wird beim gemeinsamen Schlottern. Diese Gesellschaft wird bald nur noch durch die Spannung zwischen allen sozialen Atomen in Richtung einer illusorischen Heilung zusammengehalten. Sie ist ein Werk, das seine Kraft aus einem gigantischen Staudamm von Tränen zieht, der ständig kurz vor dem Überlaufen ist. »I AM WHAT I AM.« Niemals hatte eine Herrschaft ein unverdächtigeres Motto gefunden. Das Erhalten des Ich in einem Zustand permanenten Halb-Verfalls, chronischer Halb-Ohnmacht ist das bestgehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge. Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist im Wesentlichen dieses unendlich anpassbare Subjekt, das von einer Produktion gefordert wird, die auf Innovation beruht, auf dem beschleunigten Veralten der Technologien, dem stetigen Umbruch der sozialen Normen und der verallgemeinerten Flexibilität. Es ist gleichzeitig der gefräßigste Konsument und, paradoxerweise, das produktivste Ich, welches sich mit einem Maximum an Energie und Gier auf das kleinste Projekt stürzt, um später wieder in seinen larvenartigen Originalzustand zurückzukehren. »DAS, WAS ICH BIN«, ja und? Von Kindheit
an durchdrungen von Flüssen von Milch, Gerüchen, Geschichten, Klängen,
Affektionen, Reimen, Substanzen, Gesten, Ideen, Eindrücken, Blicken,
Gesängen und Fressen. Was ich bin? Von allen Seiten gebunden an Orte,
Leiden, Ahnen, Freunde, Liebschaften, Ereignisse, Sprachen, Erinnerungen,
an Dinge aller Art, die mit aller Offenkundigkeit nicht Ich sind. Alles, was
mich an die Welt bindet, alle Verbindungen, die mich ausmachen, alle Kräfte,
die mir innewohnen, verstricken sich nicht zu einer Identität, die zur
Schau zu stellen wir aufgefordert werden, sondern zu einer Existenz: einzigartig,
gemeinschaftlich, lebendig, aus der stellenweise, im Moment, dieses Wesen
aufsteigt, das »ich« sagt. Unser Gefühl der Inkonsistenz
ist nur eine Auswirkung dieses dummen Glaubens an die Permanenz des Ich, und
der wenigen Sorgfalt, die wir dem entgegenbringen, was uns ausmacht.
»Unterhaltung ist ein Grundbedürfnis« Eine Regierung, die den Notstand über 15jährige
verhängt. Ein Land, das sein Heil in die Hände einer Fußballmannschaft
legt. Ein Bulle in einem Krankenhausbett, der klagt, zum Opfer von »Gewalt«
geworden zu sein. Ein Präfekt, der eine Verordnung erlässt gegen
jene, die sich Häuser in Bäumen bauen. Zwei Kinder im Alter von
10 Jahren aus Chelles, die der Brandstiftung an einer Ludothek8 beschuldigt
werden. Diese Epoche zeichnet sich durch eine gewisse Groteske der Situation
aus, der sie sich jedes Mal zu entziehen scheint. Dazu muss man sagen, dass
die Medialen keine Mühen scheuen, mit ihrer Tonlage der Klage und Entrüstung
das schallende Gelächter zu ersticken, das solche Neuigkeiten eigentlich
begleiten sollte. Frankreich ist ein Produkt seiner Schule, und nicht
umgekehrt. Wir leben in einem übermäßig verschulten Land,
wo man sich an das Bestehen des Abiturs als einen prägenden Moment des
Lebens erinnert. Wo Rentner vierzig Jahre später noch von ihrem Durchfallen
in dieser oder jener Prüfung erzählen und davon, wie dies ihre ganze
Karriere, und ihr ganzes Leben belastet hat. Seit eineinhalb Jahrhunderten
hat die Schule der Republik eine Art verstaatlichter Subjektivitäten
gebildet, die unter allen anderen erkennbar sind. Leute, welche die Selektion
und den Wettbewerb unter der Bedingung akzeptieren, dass die Chancen gleich
verteilt sind. Die vom Leben erwarten, dass jeder wie in einem Wettbewerb
belohnt wird, nach seinem Verdienst. Die immer um Erlaubnis fragen, bevor
sie etwas nehmen. Die ganz still die Kultur, die Regeln und die Klassenbesten
respektieren. Selbst ihre Verbundenheit mit ihren großen kritischen
Intellektuellen und ihre Ablehnung des Kapitalismus sind von dieser Liebe
zur Schule geprägt. Diese staatliche Konstruktion der Subjektivitäten
ist es, welche unter der Last der Dekadenz der schulischen Institution Tag
für Tag mehr zusammenbricht. Das Wiederauftauchen der Schule in den letzten
20 Jahren sowie der Straßenkultur in Konkurrenz zur Schule der Republik
und ihrer Pappkultur ist das tiefste Trauma, das der französische Universalismus
aktuell erleidet. An diesem Punkt versöhnt sich die extremste Rechte
im Voraus mit der giftigsten Linken. Allein schon der Name Jules Ferry, Minister
von Thiers während der Zerschlagung der Pariser Kommune und Theoretiker
der Kolonisierung9, sollte doch reichen, um uns diese Institution suspekt
zu machen. Das Volk von Fremden, in deren Mitte wir leben, als »Gesellschaft« zu bezeichnen, stellt einen derartigen Betrug dar, dass sich sogar die Soziologen überlegen, sich von einem Konzept zu verabschieden, das ein Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen heute die Metapher des Netzwerks, um die Art und Weise zu beschreiben, wie sich die kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen, bekannt unter den Namen »Kollege«, »Kontakt«, »Kumpel«, »Beziehung« oder »Affaire« verknüpfen. Dennoch passiert es, dass diese Netzwerke zu einem Milieu verdampfen, wo man nichts teilt außer Codes und nichts auf dem Spiel steht außer der unaufhörlichen Wiederherstellung einer Identität. Es wäre Zeitverschwendung, alles genau aufzuführen,
was in den existierenden sozialen Verhältnissen im Sterben liegt. Die
Familie kehrt zurück, sagt man, das Paar kehrt zurück. Doch die
Familie, die zurückkehrt, ist nicht die, die gegangen ist. Ihre Rückkehr
ist nur eine Vertiefung der herrschenden Trennung, die sie vertuschen soll,
wobei sie selbst zur Täuschung wird. Jeder kann die Dosen von Traurigkeit
bezeugen, die sich Jahr für Jahr an Familienfesten kristallisieren, dieses
mühsame Lächeln, diese Verlegenheit, alle vergeblich simulieren
zu sehen, dieses Gefühl, dass da ein Kadaver liegt, auf dem Tisch, und
alle tun so, als ob nichts wäre. Vom Flirt zur Scheidung, vom Konkubinat
zum Patchwork empfindet jeder die Sinnlosigkeit der traurigen Kernfamilie,
doch die meisten scheinen die Einschätzung zu haben, dass es noch trauriger
wäre, darauf zu verzichten. Die Familie, das ist nicht mehr so sehr das
Ersticken unter dem mütterlichen Einfluss oder das Patriarchat der Ohrfeigen,
sondern vielmehr dieses kindliche Sich-Gehenlassen in einer flauschigen Abhängigkeit,
in der alles bekannt ist, dieser Moment von Sorglosigkeit gegenüber einer
Welt, von der niemand mehr leugnen kann, dass sie in sich zusammenbricht.
Eine Welt, in der »autonom werden« ein Euphemismus dafür
ist, »einen Chef gefunden zu haben«. Man möchte in der biologischen
Vertrautheit die Entschuldigung erkennen, jede auch nur ein bisschen angriffige
Entschlossenheit in uns zu zerfressen, uns zum Verzicht anzuregen; zum Verzicht
darauf, ganz erwachsen zu werden, sowie zum Verzicht auf die Ernsthaftigkeit,
die schon in der Kindheit steckt, unter dem Vorwand, dass man uns hat aufwachsen
sehen. Vor diesem Zerfressen-werden müssen wir uns bewahren.
»Das Leben, die Gesundheit und die Liebe sind prekär, wieso sollte sich die Arbeit diesem Gesetz entziehen?« Es gibt in Frankreich keine verworrenere Frage als
die der Arbeit, es gibt keine verdrehtere Beziehung als die der Franzosen
zur Arbeit. Geht nach Andalusien, Algerien oder Neapel. Dort verachtet man
die Arbeit im Grunde. Geht nach Deutschland, in die USA oder nach Japan. Dort
wird die Arbeit verehrt. Die Dinge ändern sich, das ist wahr. Es gibt
sehr wohl auch Otaku in Japan, Glückliche Arbeitslose in Deutschland
und Workaholics in Andalusien. Aber die sind zur Zeit nur Kuriositäten.
In Frankreich reißt man sich Arme und Beine aus, um in der Hierarchie
aufzusteigen, aber im Privaten rühmt man sich, nichts zu tun. Man bleibt
bis um zehn Uhr abends auf der Arbeit, wenn man überfordert ist, aber
man hat keine Skrupel, dort Büromaterial zu klauen oder sich bei den
Waren im Lager zu bedienen und diese bei Gelegenheit zu verkaufen. Man hasst
die Chefs, will aber um jeden Preis Angestellter sein. Eine Arbeit zu haben
ist eine Ehre und arbeiten ein Zeichen der Unterwürfigkeit. Kurz: das
perfekte Krankheitsbild der Hysterie. Man liebt, indem man hasst, und man
hasst, indem man liebt. Und jeder weiß, welche Verblüffung und
Verwirrung den Hysterischen schlägt, wenn er sein Opfer, seinen Herrn
verliert. In den meisten Fällen erholt er sich davon nie wieder. Die Ordnung der Arbeit war die Ordnung einer Welt.
Die Offenkundigkeit ihres Ruins schlägt bereits die Idee davon, was alles
daraus folgt, mit Lähmung. Arbeiten bezieht sich heutzutage weniger auf
die wirtschaftliche Notwendigkeit, Waren zu produzieren, als auf die politische
Notwendigkeit, Produzenten und Konsumenten zu produzieren, um mit allen Mitteln
die Ordnung der Arbeit zu retten. Sich selbst zu produzieren ist dabei, zur
vorherrschenden Beschäftigung einer Gesellschaft zu werden, in der die
Produktion zwecklos geworden ist: wie ein Tischler, dem seine Werkstatt enteignet
wurde und der in seiner Verzweiflung beginnt, sich selbst zu hobeln. Daher
das Spektakel all dieser jungen Menschen, die für ihr Vorstellungsgespräch
lächeln üben, die sich die Zähne für ihre Beförderung
bleichen, die in Clubs gehen, um den Teamgeist anzuregen, die Englisch lernen,
um ihre Karriere zu boosten, die sich scheiden lassen oder heiraten, um wieder
in Gang zu kommen, die Theater-Workshops besuchen, um Führungskräfte
zu werden, oder Schulungen in »Persönlichkeitsentwicklung«,
um »Konflikte besser zu managen« - »Die intimste ›Persönlichkeitsentwicklung‹«,
behauptet irgendso ein Guru, »wird zu einer besseren emotionalen Stabilität
führen, einer größeren Offenheit für Beziehungen, einer
zielgerichteteren intellektuellen Sinnesschärfe und damit zu einer verbesserten
wirtschaftlichen Leistung.« Das Gewimmel dieser kleinen Welt, die ungeduldig
darauf wartet, ausgewählt zu werden, während sie trainiert natürlich
zu sein, enthüllt den Versuch, die Ordnung der Arbeit durch eine Ethik
der Mobilisierung zu retten. Mobilisiert zu sein heißt sich auf die
Arbeit nicht als Aktivität zu beziehen, sondern als Möglichkeit. Sich darüber hinaus und gegen die Arbeit zu organisieren, kollektiv vom Regime der Mobilisierung zu desertieren, der Existenz einer Vitalität und einer Disziplin in der Demobilisierung selbst Ausdruck zu verleihen, ist ein Verbrechen, das diese Zivilisation in äußerster Bedrängnis nicht bereit ist uns zu vergeben; denn dies ist die einzige Art, sie zu überleben.
»Einfacher, spaßiger, mobiler, sicherer!« Erzählt uns nichts mehr von »der Stadt«
und »dem Land«, und noch weniger von ihrer althergebrachten Opposition.
Was sich um uns herum ausbreitet, ähnelt dem weder von nah noch von fern:
Eine einzige urbane Schwade ist es, ohne Form und Ordnung, eine trostlose
Zone, unbestimmt und unbegrenzt, ein weltweites Kontinuum von musealisierten
Mega-Cities und Naturschutzgebieten, von Hochhaussiedlungen und riesigen Agrarbetrieben,
von industriellen Zonen und Reihenhaussiedlungen, Landgasthöfen und Yuppie-Kneipen:
die Metropole. Da war die antike Stadt, die mittelalterliche Stadt oder die
moderne Stadt; die metropolitane Stadt gibt es nicht. Die Metropole strebt
nach der Synthese aller Territorien. In ihr lebt alles zusammen, weniger im
geographischen Sinn, als durch Verwebung ihrer Netzwerke. Es bleiben sehr wohl einige Fragmente der Stadt und
einige Abfallprodukte des Landes in der metropolitanen Verwebung bestehen.
Aber das Lebendige hat sein Quartier in den Orten des totalen Ausschlusses
aufgeschlagen. Das Paradox will, dass die augenscheinlich unbewohnbarsten
Orte die einzigen noch in irgendeiner Art und Weise bewohnten sind. Eine alte
besetzte Baracke wird immer einen viel bewohnteren Eindruck machen als all
diese steifen Apartments, wo man seine Möbel hinstellen und die Ausstattung
perfektionieren kann, während man auf den nächsten Umzug wartet.
Die Slums sind in vielen Mega-Cities die letzten lebendigen und lebenswerten
Orte; aber auch, was keine Überraschung ist, die tödlichsten. Sie
sind die Rückseite des elektronischen Bühnenbilds der Weltmetropole.
Die Schlafstädte der Banlieue nördlich von Paris, verlassen von
einem Kleinbürgertum auf der Jagd nach Traumhäusern, wieder zum
Leben erwacht durch die Massenarbeitslosigkeit, strahlen nun viel intensiver
als das „Quartier Latin“. Durch die Worte genauso wie durch das
Feuer. Die Metropole ist das Terrain eines unaufhörlichen
Konflikts niedriger Intensität, dessen Höhepunkte die Einnahme von
Basra, Mogadischu oder Nablus sind. Lange war die Stadt für die Militärs
ein Ort, dem es auszuweichen oder den es zu belagern galt. Die Metropole ist
selbst mit dem Krieg völlig kompatibel. Der bewaffnete Konflikt ist nur
ein Moment ihrer permanenten Umgestaltung. Die von den Großmächten
geschlagenen Schlachten ähneln der immer zu wiederholenden Polizeiarbeit
in den schwarzen Löchern der Metropole - »ob in Burkina Faso, der
Süd-Bronx, in Kamagasaki, in Chiapas oder in La Courneuve«. Die
»Polizeieinsätze« zielen weder auf den Sieg, noch darauf,
Ordnung und Frieden wieder herzustellen, sondern auf das Fortsetzen einer
Sicherheitsunternehmung, die immer schon am Werk ist. Der Krieg kann nicht
mehr isoliert werden in der Zeit, denn er teilt sich auf in eine Reihe militärischer
und polizeilicher Mikro-Operationen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Metropole ist nicht nur diese urbanisierte Anhäufung,
dieses finale Aufeinanderprallen zwischen der Stadt und dem Lande, sie ist
gleichermaßen ein Fluss von Wesen und Dingen. Ein Strom, der durch ein
ganzes Netzwerk aus Fiberglasleitungen, TGV-Linien, Satelliten und Videoüberwachungskameras
fließt, damit diese Welt nie aufhört ihrem Untergang hinterherzurennen.
Ein Strom, der in seiner hoffnungslosen Mobilität alles mitreißen
will, der jeden mobilisiert. Wo man von Informationen wie von genau so vielen
feindlichen Kräften angegriffen wird. Wo nichts anderes bleibt, als zu
rennen. Wo es schwierig wird zu warten, selbst auf die x-te U-Bahn. Die Üppigkeit der Metropole ist die zufallsbedingte
Mischung definierter Stimmungen, in der Lage, sich unendlich wieder aufs Neue
zusammenzusetzen. Dabei bieten sich die Stadtzentren nicht als identische
Orte an, sondern als eigenartige Angebote von Stimmungen, in denen wir uns
bewegen, nach Lust und Laune die eine auswählend, die andere verlassend,
in einer Art existentiellem Shopping des Stils der Bar, der Leute, des Designs
oder der playlist eines ipod. »Mit meinem MP3-Player bin ich der Herr
meiner Welt.« Die einzige Möglichkeit, die umgebende Uniformität
zu überleben, ist es, die eigene innere Welt unaufhörlich wieder
herzustellen, wie ein Kind, das überall wieder die gleiche Hütte
aufbaut. Wie Robinson, der sein Tante-Emma-Laden-Universum auf der einsamen
Insel reproduziert, mit dem Unterschied, dass unsere einsame Insel die Zivilisation
selbst ist, und dass Milliarden von uns unaufhörlich dort landen.
»Weniger Güter, mehr Bindungen!« Dreißig Jahre Massenarbeitslosigkeit, »Krise«
und Wachstum auf Halbmast, und noch immer sollen wir an die Wirtschaft glauben.
Dreißig Jahre, die zugegebenermaßen durch ein paar illusorische
Pausen betont wurden: die Pause von 1981 – 83, die Illusion, dass eine
linke Regierung das Glück des Volkes herbeiführen könnte; die
Pause der »Jahre des Geldes« (1986 – 89), in denen es hieß,
dass wir alle reich, Geschäftsleute und Börsianer geworden waren,
die Pause des Internet (1998 – 2001), in denen es hieß, dass wir
alle eine virtuelle Stelle gefunden haben, weil wir alle total auf Draht waren,
in der das vielfarbige, aber geeinte Frankreich, multikulturell und kultiviert,
alle Weltmeisterschaften gewinnen würde.22 Aber die Wahrheit ist, dass
wir schon alle Ersparnisse an Illusionen ausgegeben haben; wir sind am Boden,
wir sind blank, wenn nicht sogar im Minus. Nirgendwo wird das Geld mehr respektiert, weder von denen, die es haben, noch von denen, denen es fehlt. Zwanzig Prozent der jungen Deutschen antworten, wenn man sie fragt, was sie später machen wollen: »Künstler«. Die Arbeit wird nicht mehr als Gegebenheit menschlichen Daseins ausgehalten. Die Buchführung der Firmen gibt zu, dass sie nicht mehr weiß, wo der Wert entsteht. Sein schlechter Ruf hätte den Markt seit einem guten Jahrzehnt überwunden, wären da nicht die Wut und die umfangreichen Mittel seiner Apologeten. Der Fortschritt ist überall im allgemeinen Verständnis zum Synonym von Desaster geworden. In der Welt der Wirtschaft flüchtet alles, wie in der UdSSR in der Epoche von Andropov alles flüchtete. Wer sich ein bisschen mit den letzten Jahren der UdSSR auseinandergesetzt hat, wird in den ganzen Aufrufen unserer Regierenden zum Voluntarismus, in all den lyrischen Ausschweifungen über eine Zukunft, von der wir jede Spur verloren haben, in all diesen Glaubensbekenntnissen zur »Reform« von allem und irgendwas ohne Mühe das erste Knacken in der Struktur der Mauer hören. Der Zusammenbruch des Sozialistischen Blocks hat nicht den Triumph des Kapitalismus verankert, sondern nur das Scheitern einer seiner Formen bewiesen. Übrigens war die Tötung der UdSSR nicht die Tat eines Volkes im Aufstand, sondern einer Nomenklatura in Umstrukturierung. Indem sie das Ende des Sozialismus proklamierte, befreite sich eine Fraktion der herrschenden Klasse zunächst von allen anachronistischen Aufgaben, die sie mit dem Volk verbanden. Sie übernahm die private Kontrolle über das, was sie zuvor im Namen aller kontrollierte. »Da sie so tun, als würden sie uns bezahlen, tun wir so, als würden wir arbeiten«, wurde in den Fabriken gesagt. »Wenn dem so ist, hören wir auf, so zu tun« antwortete die Oligarchie. Für die einen die Rohstoffe, die industrielle Infrastruktur, der militärisch-industrielle Komplex, die Banken und die Nachtklubs und für die anderen das Elend oder die Emigration. So wie man in der UdSSR unter Andropov nicht mehr geglaubt hat, so glaubt man heute in Frankreich in den Sitzungssälen, in den Ateliers und in den Büros nicht mehr. »Wie dem so ist!«, antworten die Chefs und die Regierenden, die sich nicht mal mehr die Mühe machen, die »harten Gesetze der Wirtschaft« zu mildern, die eine Fabrik über Nacht räumen und der Belegschaft am frühen Morgen die Schließung bekannt geben, die nicht mehr zögern die Spezialeinsatzkommandos zu schicken, um einen Streik zu beenden – wie beim Streik bei der korsischen Schifffahrtsgesellschaft SNCM23 oder bei der Besetzung des Postverteilzentrums in Rennes. Die ganze mörderische Aktivität der gegenwärtigen Macht besteht einerseits darin, diese Ruine zu verwalten, und andererseits die Basis für eine »Neue Wirtschaft« zu legen. Wir hatten uns doch ganz schön dran gewöhnt,
an die Wirtschaft. Seit Generationen werden wir diszipliniert, befriedet,
wurden aus uns Untertanen gemacht, auf natürliche Art produktiv, zufrieden
mit dem Konsum. Und dann enthüllt sich alles, das wir uns bemüht
hatten zu vergessen: dass die Wirtschaft eine Politik ist. Und dass diese
Politik heute eine Politik der Selektion der Menschheit ist, die in ihrer
Masse überflüssig geworden ist. Von Colbert zu De Gaulle und vorbei
bei Napoléon III hat der Staat die Wirtschaft immer als Politik wahrgenommen,
nicht weniger als die Bourgeoisie, die ihren Profit daraus zieht, und die
Proletarier, die sie bekämpfen. Bloß diese seltsame Zwischenschicht
der Bevölkerung, diese komische kraftlose Anhäufung aus denen, die
nicht Partei ergreifen, das »Kleinbürgertum«, das immer so
getan hat, als würde es an die Wirtschaft wie an eine Realität glauben
– weil es dadurch seine Neutralität aufrecht erhalten konnte. Es
sind die kleinen Händler, kleinen Chefs, kleinen Funktionäre, Führungskräfte,
Professoren, Journalisten und Zwischengeschaltete Ein Grafik-Designer im handgemachten Pullover trinkt auf der Terrasse eines Ethno-Cafés unter Freunden einen Frucht-Cocktail. Man ist redegewandt, herzlich, man macht kleine Späße, man macht nicht zuviel Lärm und ist auch nicht zu still, man schaut sich mit einem Lächeln an, etwas selbstgefällig: man ist so zivilisiert. Später werden die einen die Erde eines Stadtgartens
etwas auflockern, während die andern ein bisschen Töpfern, etwas
Zen machen oder einen Animationsfilm drehen. Man zelebriert die Kommunion
im berechtigten Gefühl, eine neue Menschheit zu bilden, die weiseste,
raffinierteste, die letzte. Und man hat recht. Apple und die Wachstumsrücknahme
sind sich erstaunlich einig über die Zivilisation der Zukunft. Die Idee
der einen, von der Rückkehr zur Wirtschaft von einst, ist der günstige
Nebel, in dem die Idee der anderen vom großen technologischen Sprung
voranschreitet. Denn in der Geschichte gibt es keine Rückkehr. Die Mahnrufe,
in die Vergangenheit zurückzukehren, stellen niemals etwas anderes dar
als eine der Formen des Bewusstseins der Zeit, und selten des modernsten.
Die Wachstumsrücknahme ist nicht zufällig das Banner der dissidenten
Werbemanager der Zeitschrift Casseurs de pub.26 Die Erfinder des Nullwachstums
– Der Club of Rome 1972 – waren selbst eine Gruppe von Industriellen
und Beamten, die sich auf einen Bericht von Kybernetikern des MIT27 stützten.
»Die Umwelt ist eine industrielle Herausforderung« Die Ökologie ist die Entdeckung des Jahres. Nach dreißig Jahren, in denen man sie den Grünen überließ, am Sonntag genüsslich darüber lachte, um am Montag wieder einen betroffenen Ausdruck anzunehmen. Und jetzt holt sie uns ein. Wie ein Sommerhit erobert sie die Frequenzen, weil es im Dezember 20 Grad warm ist. Ein Viertel der Fischarten ist aus den Ozeanen verschwunden.
Der Rest hat nicht mehr lange. Was sich als Umwelt herauskristallisiert, ist ein Verhältnis zur Welt, das auf Verwaltung, also auf Fremdheit aufbaut. Ein Verhältnis zur Welt, in dem wir nicht mehr ebenso gut aus dem Rascheln der Bäume, dem Fritiergeruch der Gebäude, dem Rieseln des Wassers, dem Getöse des Schulunterrichts oder der Schwüle der Sommerabende bestehen, ein Verhältnis zur Welt, in dem es mich und meine Umwelt gibt, die mich umgibt, ohne mich jemals auszumachen. Wir sind zu Nachbarn in einer planetaren Wohnungseigentümerversammlung geworden. Man kann sich kaum eine wahrhaftigere Hölle vorstellen. Kein materielles Milieu hat jemals den Namen »Umwelt« verdient, heute vielleicht mit Ausnahme der Metropole. Die digitalisierte Stimme des Ansagers, das Kreischen der Straßenbahn des 21. Jahrhunderts, das bläuliche Licht der Straßenlaternen in der Form riesiger Streichhölzer, Fußgänger in Verkleidung gescheiterter Models, stiller Schwenk einer Videoüberwachungskamera, klares Klappern der Schranken in der Metro-Station, Supermarktkassen, Stechuhren, elektronische Internetcafé-Stimmung, der Überfluss an Plasmabildschirmen, Schnellstraßen und Latex. Niemals war ein Bühnenbild ohne die es durchquerenden Seelen ausgekommen. Kein Milieu war je automatischer. Kein Kontext war je gleichgültiger und verlangte dafür, um darin zu überleben, eine gleichmäßige Gleichgültigkeit zurück. Die Umwelt ist schließlich nichts anderes als das: das eigenartige Verhältnis zur Welt, das sich auf alles projeziert, was ihr entgleitet. Die Situation ist folgende: man hat sich unserer Eltern
bedient, um diese Welt zu zerstören, nun möchte man uns an ihrem
Wiederaufbau arbeiten lassen, und der soll noch dazu profitabel sein. Die
morbide Erregung, die Journalisten und Werbemanager bei jedem neuen Beweis
für die Klimaerwärmung erfasst, enthüllt das eiserne Lächeln
des neuen grünen Kapitalismus, jenes, der sich seit den 1970ern ankündigte,
auf den man wartete und der nicht kam. Et bien, le voilá! Die Ökologie,
das ist er! Die alternativen Lösungen, das ist er! Das Heil des Planeten,
das ist er immer noch! Kein Zweifel: grün liegt in der Luft; die Umwelt
wird das Drehmoment der politischen Ökonomie des 21. Jahrhunderts sein.
Auf jeden Schub Katastrophismus folgt eine Salve »industrieller Lösungen«. Die Ökologie ist nicht nur die Logik der totalen
Ökonomie, sie ist auch die neue Moral des Kapitals. Der interne Krisenzustand
des Systems und die Unerbittlichkeit der sich abspielenden Selektion sind
so hart, dass erneut ein Kriterium benötigt wird, um in dessen Namen
ein solches Aussortieren durchführen zu können. Die Idee der Tugend
war durch die Epochen nie etwas anderes als die Erfindung der Liederlichkeit.
Ohne die Ökologie könnte die gegenwärtige Existenz zweier Ernährungsstränge
nicht gerechtfertigt werden, der eine »gesund und biologisch«
für die Reichen und ihre Kinder, der andere bekanntlich schädlich
für den Pöbel und ihre zur Fettleibigkeit verdammten Sprösslinge.
Die planetare Hyper-Bourgeoisie könnte ihren Lebenstil nicht als respektabel
gelten lassen, wären ihre letzten Launen nicht aufs Strengste »umweltfreundlich».
Nichts hätte ohne die Ökologie noch genug Autorität, jeden
Einspruch gegen den immensen Fortschritt der Kontrolle zum Schweigen zu bringen. In den Diskursen der Umweltschützer gilt es, alles umzustürzen. Da, wo sie von »Katastrophen« reden, um die Entgleisungen des gegenwärtigen Regimes der Verwaltung von Wesen und Dingen zu beschreiben, sehen wir nichts als die Katastrophe seines perfekten Funktionierens. Die größte bis heute erlebte Hungersnot in den Tropen (1876-1879) fällt mit einer weltweiten Dürre, aber vor allem mit dem Höhepunkt der Kolonisierung zusammen. Die Zerstörung der bäuerlichen Welten und der Praktiken der Subsistenz hatte die Mittel zur Bekämpfung der Not verschwinden lassen. Mehr als der Wassermangel waren es die Auswirkungen der sich in vollem Aufschwung befindlichen kolonialen Wirtschaft, welche die gesamte tropische Zone mit ausgehungerten Leichen bedeckte. Was sich allerorts als Umweltkatastrophe präsentiert, hat nie aufgehört, in erster Linie Ausdruck eines verheerenden Verhältnisses zur Welt zu sein. Nichts zu bewohnen macht uns verwundbar bei der geringsten Erschütterung des Systems, bei der geringsten klimatischen Zufälligkeit. Als der vergangene Tsunami nahte und die Touristen weiter in den Wellen herumtollten, flüchteten die Jäger und Sammler der Insel, den Vögeln folgend, eilig von den Küsten. Das gegenwärtige Paradox der Ökologie ist es, dass sie unter dem Vorwand, die Erde zu retten, lediglich das Fundament dessen rettet, was aus ihr dieses verödete Gestirn gemacht hat. Die Regelmäßigkeit des globalen Funktionierens
verdeckt in normalen Zeiten unseren wahrhaft katastrophalen Zustand der Enteignung.
Was Katastrophe genannt wird, ist nichts als die notgedrungene Aufhebung dieses
Zustands, einer der wenigen Momente, in dem wir ein wenig Anwesenheit in dieser
Welt zurückgewinnen. Auf dass wir früher als erwartet an die Grenzen
der Erdölreserven gelangen, auf dass die internationalen Ströme,
die das Tempo der Metropole aufrechterhalten, unterbrochen werden, auf dass
wir großer sozialer Unordnung entgegengehen, dass die »Verwilderung
der Bevölkerungen«, die »planetare Bedrohung«, das
»Ende der Zivilisation« geschehe! Irgendein Kontrollverlust ist
jedem Krisenverwaltungs-Szenario vorzuziehen. Die besten Tips sind von nun
an nicht bei den Experten für nachhaltige Entwicklung zu suchen. In den
Funktionsstörungen, den Kurzschlüssen des Systems erscheinen die
Elemente logischer Antworten, auf das, was aufhören könnte ein Problem
zu sein. Die einzigen Länder unter den Unterzeichnern des Kyoto-Protokolls,
die ihren Verpflichtungen unfreiwillig gerecht werden, sind die Ukraine und
Rumänien. Erratet warum. Das im weltweiten Vergleich am Weitesten fortgeschrittene
Experimentieren in Sachen »biologische Landwirtschaft« findet
seit 1989 auf Cuba statt. Erratet warum. Entlang der afrikanischen Pisten
und nicht woanders, hat die Automechanik den Rang einer Volkskunst erreicht.
Erratet wie. Einige Tage, nachdem New Orleans vom Hurrikan Cathrina
heimgesucht wurde. In dieser apokalyptischen Atmosphäre reorganisiert
sich hier und dort ein Leben. Vor der Untätigkeit der Behörden,
die eher mit der Reinigung des Touristenviertels »Carré français«
und dem Schutz der Geschäfte beschäftigt waren, als den armen Stadtbewohnern
Hilfe zu leisten, erwachten vergessene Formen zu neuem Leben. Trotz den manchmal
energischen Versuchen, die Zone zu evakuieren, trotz der von White-Supremacist-Milizen32
bei diesem Anlass eröffneten »Negerjagd«, wollten viele das
Gebiet nicht verlassen. Für diejenigen, die sich weigerten, als »Umweltflüchtlinge«
in alle Ecken des Landes deportiert zu werden, und für diejenigen von
überall her, die sich nach dem Aufruf eines ehemaligen Black Panther
entschieden, sich ihnen solidarisch anzuschließen, tauchte die Offenkundigkeit
der Selbstorganisierung wieder auf. Innerhalb weniger Wochen wurde die Common
Ground Clinic auf die Beine gestellt. Dieses waschechte Landkrankenhaus bietet
vom ersten Tage an, dank dem unaufhörlichen Strom von Freiwilligen, immer
effizientere, kostenlose Pflege an. Seit nun einem Jahr bildet die Klinik
die Basis eines tagtäglichen Widerstands gegen die Tabula-Rasa-Aktion
der Regierungsbulldozer, die darauf abzielt, den ganzen Stadtteil dem Erdboden
gleichgemacht an den Immobilienmakler zu übergeben. Volksküchen,
Versorgung, Straßenmedizin, wilde Beschlagnahmungen, Bau von Notunterkünften:
Das von den Einen und Anderen im Laufe des Lebens angehäufte praktische
Wissen hat seinen Ort der Entfaltung gefunden. Weit weg von den Uniformen
und Sirenen.
»Hier errichten wir einen zivilisierten Raum« Das erste globale Gemetzel, das von 1914 bis 1918 ermöglichte,
sich auf einen Schlag eines großen Teils des ländlichen und städtischen
Proletariats zu entledigen, wurde im Namen der Freiheit, der Demokratie und
der Zivilisation geführt. Nur dem Anschein nach im Namen der gleichen
Werte setzt sich seit fünf Jahren, von gezielten Morden bis hin zu Spezialeinsätzen,
der berühmte »Krieg gegen den Terrorismus« fort. Die Parallele
endet damit beim Anschein. Die Zivilisation ist nicht mehr diese Offenkundigkeit,
im Schnellverfahren zu den Eingeborenen transportiert. Freiheit ist nicht
mehr der Name, der an die Wände geschrieben wird33, auf den nun sein
Schatten folgt, der Name »Sicherheit«. Und die Demokratie ist
hinreichend bekannt dafür, sich in den reinsten Ausnahmegesetzen aufzulösen
– so zum Beispiel in der Wiedereinführung der Folter in den USA
oder dem „Perben II“-Gesetz in Frankreich34. Hinter ihrem Anschein von Allgemeinheit hat jene Frage der Zivilisation nichts von einer philosophischen Frage. Eine Zivilisation ist keine Abstraktion, die das Leben überragt. Sie ist vielmehr, was herrscht, belagert und kolonisiert, die alltäglichste, die persönlichste Existenz. Sie ist, was die intimste und die allgemeinste Dimension zusammenhält. In Frankreich ist die Zivilisation nicht vom Staat zu trennen. Je stärker und älter ein Staat, desto weniger ist er eine Suprastruktur, das Exoskelett einer Gesellschaft, desto mehr ist er in der Tat die Form der Subjektivitäten, die ihn bewohnen. Der französische Staat ist das eigentliche Gewebe der französischen Subjektivitäten, der Aspekt, der nach der jahrhundertelangen Kastration seiner Untertanen bleibt. Es erstaunt daher nicht, dass man sich in der Psychatrie die Welt anhand von politischen Figuren zusammenspinnt, dass man sich darin einig ist, den Ursprung all unseren Übels in unseren Führern zu sehen, dass es uns so gefällt, über sie zu meckern, und dass diese Meckereien die Jubelrufe sind, mit denen wir sie als unsere Herrscher inthronisieren. Denn hier sorgt man sich nicht um die Politik als eine fremde Realität, sondern als Teil seiner selbst. Das Leben, das wir in diese Figuren stecken, ist dasjenige, das uns geraubt wurde. Wenn es eine französische Ausnahme gibt, stammt
sie von dort35. Es gibt nichts, bis hin zur weltweiten Ausstrahlung der französischen
Literatur, was nicht die Frucht dieser Amputation wäre. Die Literatur
ist in Frankreich der Raum, den man selbstherrlich zur Unterhaltung der Kastrierten
zugelassen hat. Sie ist die formelle Freiheit, die denen gewährt wurde,
die sich nicht an die Nichtigkeit ihrer realen Freiheit gewöhnen. Wo
seit Jahrhunderten unaufhörlich obszönes Augenzwinkern ausgetauscht
wird, in diesem Land, zwischen Männern des Staates und Männern der
Schrift, wo die Einen sich gerne den Anzug der Anderen leihen und umgekehrt.
Wo auch die Intellektuellen es gewohnt sind, wichtig daherzureden, obwohl
sie ganz unbedeutend sind, um immer im entscheidenden Moment zu scheitern,
im einzigen, der ihrer Existenz einen Sinn gegeben, sie aber auch aus ihrem
Beruf verbannt hätte. Kojève36 schrieb 1945: »Das ›offizielle‹
politische Ideal Frankreichs und der Franzosen ist noch heute das des Nationalstaates,
der ›geeinten und unteilbaren Republik‹. Andererseits nimmt das
Land in der Tiefe seiner Seele die Unzulänglichkeit dieses Ideals wahr,
den politischen Anachronismus einer ausschließlich ›nationalen‹
Idee. Zwar hat dieses Gefühl noch nicht die Ebene einer klaren und deutlichen
Idee erreicht: Das Land kann und will dies noch nicht offen formulieren. Gerade
wegen des unvergleichbaren Glanzes seiner nationalen Vergangenheit, fällt
es Frankreich besonders schwer, das Ende der ›nationalen‹ Periode
der Geschichte in aller Deutlichkeit anzunehmen und wirklich zu akzeptieren,
und alle Konsequenzen daraus zu ziehen. Es ist hart für ein Land, das
aus dem Nichts das ideologische Gerüst des Nationalismus geschaffen und
in die ganze Welt exportiert hat, zuzugestehen, dass es sich dabei bloß
um ein zu klassifizierendes Archivgut handelt, das in die Geschichte gehört.« Was auch immer das Resultat der nächsten Wahlen sein wird38, ihre Rolle ist, das Signal für das Ende der französischen Illusion zu geben, die historische Blase zum Platzen zu bringen, in der wir leben, und Ereignisse wie die Bewegung gegen das CPE zu ermöglichen, die im Ausland beobachtet wird wie ein schlechter Traum, der den 1970ern entflohen ist. Deshalb wünscht sich im Grunde genommen niemand diese Wahlen. Frankreich ist wahrlich die rote Laterne der westlichen Zone. Das Abendland, das ist heute ein GI, der in einem Abraham M1 Panzer nach Falloudja rast und volle Pulle Hardrock hört. Es ist ein Tourist, der verloren mitten in den Ebenen der Mongolei von allen verlacht seine Kreditkarte umklammert wie den letzten Strohhalm. Es ist ein Manager, der auf nichts schwört außer auf das Spiel Go. Es ist ein junges Mädchen, das sein Glück bei Klamotten, Männern und Feuchtigkeitscremes sucht. Es ist ein schweizer Menschenrechtsaktivist, der um alle vier Ecken des Planeten reist, solidarisch mit allen Revolten, sofern sie niedergeschlagen werden. Es ist ein Spanier, der auf die politische Freiheit scheißt, seit ihm die sexuelle Freiheit gewährt wurde. Es ist ein Kunstfreund, der zur erstarrten Bewunderung und als letzten Ausdruck des Genies der Moderne ein Jahrhundert an Künstlern darbietet, die, vom Surrealismus bis zum Wiener Aktionismus, darum konkurrieren, wer am zielgenausten auf das Gesicht der Zivilisation spuckt. Es ist schließlich ein Kybernetiker, der im Buddhismus eine realistische Theorie des Bewusstseins gefunden hat und ein Teilchenphysiker, der in der Metaphysik des Hinduismus nach Inspiration für seine neusten Entdeckungen sucht. Das Abendland, das ist jene Zivilisation, die alle Prophezeiungen über ihren Untergang durch eine eigenartige List überlebt hat. So wie das Bürgertum sich als Klasse verneinen musste, um die Verbürgerlichung der Gesellschaft vom Arbeiter bis zum Baron zu ermöglichen. Wie sich das Kapital als Lohnverhältnis opfern musste, um sich als soziales Verhältnis durchzusetzen, um dadurch zu kulturellem Kapital und gesundheitlichem Kapital, wie auch zu finanziellem Kapital zu werden. Wie das Christentum sich als Religion opfern musste, um als affektive Struktur zu überleben, als diffuse Mahnung zu Demut, Mitgefühl und Ohnmacht, das Abendland hat sich als besondere Zivilisation geopfert, um sich als universelle Kultur durchzusetzen. Das Vorgehen lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein im Sterben liegendes Gebilde opfert sich als Inhalt, um als Form zu überleben. Das in tausend Teile zerbrochene Individuum rettet sich dank der »spirituellen« Technik des Coaching als Form. Das Patriachat, indem es den Frauen alle peinlichen Attribute des Männchens aufbürdet: Willenskraft, Selbstkontrolle und Unempfindsamkeit. Die zerfallene Gesellschaft, indem sie eine Epidemie der Geselligkeit und der Zerstreuung propagiert. Folglich halten sich all die verfaulten Fiktionen des Abendlandes durch Kunstgriffe, von denen sie Punkt für Punkt widerlegt werden. Es gibt keinen »Zivilisationsschock«. Was es gibt, ist eine Zivilisation in klinisch totem Zustand, die an sämtliche lebenserhaltenden Apparate angeschlossen wird und die in der planetaren Atmosphäre einen charakteristischen Gestank verbreitet. An diesem Punkt gibt es keinen einzigen ihrer »Werte«, an den sie noch irgendwie glauben kann, und jede Behauptung wirkt auf sie wie eine Unverschämtheit, eine Provokation, die es auszuwaiden, zu dekonstruieren und in den Zustand des Zweifels zu versetzen gilt. Der abendländische Imperialismus ist heute jener des Relativismus der »Sichtweise«, der böse Blick aus dem Augenwinkel, oder das verletzte Protestieren gegen alles, was dumm genug, primitiv genug oder selbstgefällig genug ist, um noch an etwas zu glauben, für irgendetwas einzustehen. Er ist jener Dogmatismus der Fragestellung, des komplizenhaften Augenzwinkern der universitären und literarischen Intelligentsia. Keine Kritik ist den postmodernen Denkern zu radikal, solange sie ein Nichts an Gewissheit umhüllt. Noch vor einem Jahrhundert lag der Skandal in jeder etwas auffälligen Verneinung, heute liegt er in jeder unerschütterlichen Behauptung. Keine soziale Ordnung kann dauerhaft auf dem Prinzip
aufbauen, dass nichts wahr ist. Also muss sie zusammengehalten werden. Die
Anwendung des Konzepts der »Sicherheit« auf jede einzelne Sache
ist heutzutage Ausdruck des Projekts, die ideale Ordnung in die Wesen selbst,
in Verhalten und Orte zu integrieren, eine Ordnung, der sich zu unterwerfen
sie nicht mehr bereit sind. »Nichts ist wahr« sagt nichts über
die Welt, sondern alles über das abendländische Konzept der Wahrheit.
Die Wahrheit wird hier nicht als Attribut der Wesen oder Dinge wahrgenommen,
sondern als ihre Repräsentation. Eine Repräsentation gilt als echt,
wenn sie erfahrungskonform ist. Die Wissenschaft ist in letzter Instanz dieses
Imperium der universellen Verifizierung. Aber alle Formen menschlichen Verhaltens,
von den einfachsten zu den gelehrtesten, ruhen auf einem Sockel ungleich formulierter
Offenkundigkeiten, alle Praktiken gehen von einem Punkt aus, in dem Dinge
und Repräsentationen ununterscheidbar verbunden sind, jedes Leben beinhaltet
eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept ignoriert. Wenn hier
einmal von »echten Leuten« geredet wird, dann unweigerlich, um
sich über diese geistig Armen lustig zu machen. Von daher werden die
Abendländler von denen, die sie kolonisierten, weltweit für Lügner
und Heuchler gehalten. Von daher werden sie um das beneidet, was sie haben,
ihren technologischen Fortschritt, nie um das, was sie sind, wofür sie
zurecht verachtet werden. Sade, Nietzsche und Arteaud könnten in den
Gymnasien nicht unterrichtet werden, wäre dieser Begriff der Wahrheit
nicht zuvor disqualifiziert worden. Alle Behauptungen ohne Ende zu unterdrücken,
Schritt für Schritt alle Gewissheiten zu deaktivieren, die fatalerweise
ans Licht kommen, darin besteht die langwierige Arbeit der abendländischen
Intelligenz. Die Polizei und die Philosophie sind zwei in die gleiche Richtung
weisende Mittel, obgleich verschieden in der Form. In diesem Stadium macht sich jeder ausschließlich soziale Protest, der sich weigert anzuerkennen, dass das, was uns gegenübersteht, nicht die Krise einer Gesellschaft ist, sondern der Untergang einer Zivilisation, zum Komplizen ihres Fortbestehens. Es ist nunmehr sogar eine verbreitete Strategie, diese Gesellschaft zu kritisieren in der vergeblichen Hoffnung, diese Zivilisation zu retten. Genau. Wir haben einen Kadaver auf dem Rücken, aber den werden wir nicht so einfach los. Vom Ende der Zivilisation, ihrem klinischen Tod, haben wir nichts zu erwarten. So wie sie ist, kann sie nur Historiker interessieren. Das ist eine Tatsache, aus der eine Entscheidung werden muss. Die Tatsachen können vertuscht werden, die Entscheidung bleibt politisch. Sich für den Tod der Zivilisation zu entscheiden, in die Hand zu nehmen, wie dies geschieht: Nur durch die Entscheidung werden wir uns des Kadavers entledigen.
Ein Aufstand, wir können uns nicht mal mehr vorstellen, wo er beginnt. Sechzig Jahre der Befriedung, ausgesetzter historischer Umwälzungen, sechzig Jahre demokratischer Anästhesie und Verwaltung der Ereignisse haben in uns eine gewisse abrupte Wahrnehmung des Realen geschwächt, den parteilichen Sinn für den laufenden Krieg. Es ist diese Wahrnehmung, die wir wiedererlangen müssen, um zu beginnen. Es gibt keinen Grund, sich darüber zu entrüsten, dass seit fünf Jahren ein bekanntermaßen verfassungswidriges Gesetz angewandt wird, das Gesetz über die Alltägliche Sicherheit. Es ist vergeblich, auf legalem Wege gegen die vollendete Implosion des legalen Rahmens zu protestieren. Entsprechend muss man sich organisieren. Es gibt keinen Grund, sich in diesem oder jenem Bürgerkollektiv zu engagieren, in dieser oder jener Sackgasse der radikalen Linken, in der letzten vereinten Hochstapelei. Alle Organisationen, die vorgeben, die gegenwärtige Ordnung anzufechten, haben selbst wie Marionetten die Form, die Sitten und die Sprache von Miniaturstaaten. Alle Anwandlungen, »Politik anders zu machen«, haben bis zum heutigen Tag nur zur unbestimmten Ausdehnung des staatlichen biomechanischen Apparats beigetragen. Es gibt keinen Grund mehr, auf die neusten Nachrichten zu reagieren, vielmehr ist jede Information als Operation in einem feindlichen Feld von Strategien zu verstehen, die zu durchschauen ist, Operationen, die gerade zum Ziel haben, bei diesem oder jenem diese oder jene Reaktion hervorzurufen; und diese Operation für die wirkliche Information zu halten, welche in den sichtbaren Nachrichten verborgen ist. Es gibt keinen Grund mehr zu warten – auf eine Aufheiterung, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht, was kommt, sondern was da ist. Wir verorten uns bereits jetzt in der Bewegung des Zusammenbruchs einer Zivilisation. Dort ist es, wo man Partei ergreifen muss. Nicht mehr zu warten heißt, auf die eine oder andere Weise in die aufständische Logik einzutreten. Es bedeutet, aufs Neue das leicht erschreckte Zittern in der Stimme unserer Regierenden zu hören, das sie nie verlässt. Denn regieren war niemals etwas anderes als mit tausend Listen den Moment, wo die Menge sie aufhängen wird, zu verschieben, und jeder Akt des Regierens ist nichts als die Weise, die Kontrolle über die Bevölkerung nicht zu verlieren. Wir gehen aus von einem Punkt der extremen Isolation, der extremen Ohnmacht. Alles ist aufzubauen im aufständischen Prozess. Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.
Sich binden an das, was man als wahr erkennt. Eine Begegnung, eine Entdeckung, eine große Streikbewegung, ein Erdbeben: jedes Ereignis erzeugt Wahrheit, indem es unsere Art verändert, auf der Welt zu sein. Umgekehrt hat sich eine Feststellung, die uns gleichgültig ist, die uns unverändert lässt, die zu nichts verpflichtet, noch nicht den Namen Wahrheit verdient. In jeder Geste gibt es eine unterschwellige Wahrheit, in jeder Praxis, in jeder Beziehung und in jeder Situation. Die Gewohnheit ist, dem auszuweichen, das zu verwalten, was die charakteristische Verwirrung der Allermeisten in dieser Epoche produziert. In Wirklichkeit verpflichtet alles zu allem. Noch das Gefühl, in der Lüge zu leben, ist eine Wahrheit. Es geht darum, es nicht loszulassen, davon sogar auszugehen. Eine Wahrheit ist nicht eine Sicht auf die Welt, sondern das, was uns auf unreduzierbare Art mit ihr verbunden hält. Eine Wahrheit ist nichts, was man besitzt, sondern etwas, das einen trägt. Sie stellt mich her und sie löst mich auf, sie macht mich als Individuum aus und sie zersetzt mich als solches, sie entfernt mich von vielen und verbindet mich mit jenen, die sie erkennen. Das vereinsamte Wesen, das sich daran bindet, trifft unausweichlich auf seinesgleichen. Im Grunde genommen geht jeder aufständische Prozess von einer Wahrheit aus, von der wir nicht abrücken. Es war in Hamburg in den 1980 Jahren, wo eine Handvoll Bewohner eines besetzten Hauses entschieden hatte, dass man von nun an über ihre Leiche gehen muss, um sie zu räumen. Es gab einen belagerten Stadtteil mit Panzern und Helikoptern, tagelange Straßenschlachten, gewaltige Demonstrationen – und eine Stadtregierung, die am Ende kapitulierte. Georges Guingouin, der »erste Partisan in Frankreich«, hatte als Ausgangspunkt 1940 nur die Sicherheit seiner Ablehnung der Besatzung. Damals war er für die Kommunistische Partei nur so »ein Spinner, der im Wald lebt«; bis es zwanzigtausend Spinner waren, die im Wald lebten, und sie Limoges befreiten. Nicht davor zurückweichen, was jede Freundschaft an Politischem mit sich bringt Man hat uns an eine neutrale Idee der Freundschaft
gewöhnt, wie reine Zuneigung ohne Konsequenzen. Aber jegliche Affinität
ist Affinität in einer gemeinsamen Wahrheit. Jede Begegnung ist eine
Begegnung in einer gemeinsamen Behauptung, und sei es die der Zerstörung.
Man verbindet sich nicht unschuldig in einer Epoche, in der an etwas festzuhalten
und sich nicht von etwas abbringen zu lassen regelmäßig in die
Arbeitslosigkeit führt, in der man lügen muss, um zu arbeiten, und
dann arbeiten muss, um die Mittel der Lüge zu behalten. Wenn sich Wesen
ausgehend von der Quantenphysik schwören würden, in allen Bereichen
alle Konsequenzen zu ziehen, würden sie sich nicht auf weniger politische
Weise verbinden als Genossen, die einen Kampf gegen einen Nahrungsmittel-Multi
führen. Sie würden früher oder später entweder nicht erscheinen
oder beim Kampf ankommen. Nichts von den Organisationen erwarten. Es ist nicht selten, dass man im Verlauf eines konsequenten Austritts den Organisationen begegnet – politischen, gewerkschaftlichen, humanitären, vereinten, etc.. Es kann sogar vorkommen, dass man einigen aufrichtigen, aber hoffnungslosen, oder enthusiastischen, aber durchtriebenen Wesen begegnet. Der Reiz der Organisationen besteht in ihrer augenscheinlichen Beschaffenheit – sie haben eine Geschichte, einen Sitz, einen Namen, Mittel, einen Chef, eine Strategie und einen Diskurs. Nichtsdestotrotz sind sie leere Architekturen, die der Respekt vor ihren heroischen Ursprüngen nur mühsam mit Leben zu füllen vermag. In allen Dingen wie auf jeder internen Ebene kümmern sie sich zuerst um das Überleben als Organisationen, und um nichts anderes. Ihr wiederholter Verrat also hat sie am meisten von der Verbindung zu ihrer Basis entfremdet. Darum trifft man dort manchmal schätzenswerte Wesen. Aber das in der Begegnung enthaltene Versprechen kann nur außerhalb der Organisation verwirklicht werden und, notwendigerweise, gegen sie. Viel fürchterlicher noch sind die Milieus mit
ihrer weichen Struktur, ihrem Getratsche und ihren informellen Hierarchien.
Alle Milieus sind zu fliehen. Jedes einzelne von ihnen ist beauftragt, eine
Wahrheit zu neutralisieren. Die literarischen Milieus sind da, die Offenkundigkeiten
der Schriften zu ersticken. Die libertären Milieus, die der direkten
Aktion. Die naturwissenschaftlichen Milieus, um zurückzuhalten, was ihre
Forschungen ab heute für die allermeisten mit sich bringen. Die sportlichen
Milieus, um die verschiedenen Lebensformen in ihren Sporthallen zu halten,
welche die verschiedenen Sportarten hervorbringen könnten. Insbesondere
zu fliehen sind die kulturellen und politischen Milieus. Sie sind die zwei
Hospize, in denen traditionellerweise alles revolutionäre Verlangen zerschellt.
Die Aufgabe der kulturellen Milieus besteht darin, alle aufkeimenden Intensitäten
aufzuspüren und den Sinn dessen, was Ihr tut, zu unterschlagen, durch
das Ausstellen; die Aufgabe der politischen Milieus, Euch die Energie wegzunehmen,
es zu tun. Die politischen Milieus erstrecken ihre diffusen Netzwerke über
das ganze französische Territorium und stehen jeglichem revolutionären
Werden im Weg. Sie sind nur Träger der Anzahl ihrer Niederlagen und der
daraus erwachsenden Bitterkeit. Ihr Verschleiß genauso wie ihr Übermaß
an Ohnmacht hat sie unfähig gemacht, die Möglichkeiten der Gegenwart
aufzugreifen. Außerdem wird dort viel zu viel geredet, um eine unglückliche
Passivität einzurichten; was sie polizeilich unsicher macht. So wie es
vergeblich ist, von ihnen etwas zu erhoffen, ist es dumm, von ihrer Sklerose
enttäuscht zu sein. Es reicht, sie verrecken zu lassen. Sich als Kommunen zusammentun Die Kommune ist, was passiert, wenn Wesen sich finden, sich verstehen und entscheiden, gemeinsam voranzuschreiten. Die Kommune entscheidet sich vielleicht in dem Moment, wo es Brauch ist, sich zu trennen. Sie ist die Freude des Zusammentreffens, die ihre unerläßliche Erstickung überlebt. Sie ist, was bewirkt, dass wir »wir« sagen, und dass dies ein Ereignis ist. Das Seltsame ist nicht, dass Wesen, die sich verstehen, eine Kommune bilden, sondern dass sie getrennt bleiben. Warum können sich die Kommunen nicht ins Unendliche vermehren? In jeder Fabrik, in jeder Straße, in jedem Dorf, in jeder Schule. Endlich die Herrschaft der Basiskomitees! Kommunen aber, die akzeptieren würden, zu sein, was sie sind, wo sie sind. Und möglicherweise eine Vielfalt von Kommunen, welche die Institutionen des Staates ersetzen würden: die Familie, die Schule, die Gewerkschaft, den Sportverein, etc.. Kommunen, die sich nicht fürchten würden, sich neben ihren rein politischen Aktivitäten für das materielle und emotionale Überleben eines jeden ihrer Mitglieder zu organisieren und für all die Verlorenen, die sie umgeben. Kommunen, die sich – anders als es Kollektive im Allgemeinen tun – nicht über ein Drinnen und ein Draußen definieren, sondern über die Dichte der Beziehungen in ihrem Inneren. Nicht über die Personen, die sie zusammensetzten, sondern über den Geist, der sie treibt. Eine Kommune bildet sich jedes Mal, wenn einige, befreit von der individuellen Zwangsjacke, sich entscheiden nur auf sich selbst zu zählen und ihre Kraft an der Realität zu messen. Jeder wilde Streik ist eine Kommune, jedes kollektiv besetzte Haus, das auf einer klaren Basis steht, ist eine Kommune, die Aktionskomitees von 68 waren Kommunen, so wie es die Cimarrones geflohener Sklaven in den Vereinigten Staaten waren, oder Radio Alice in Bologna im Jahre 1977. Jede Kommune will sich selbst die Basis sein. Sie will die Frage der Bedürfnisse auflösen. Sie will gleichzeitig mit jeglicher wirtschaftlichen Abhängigkeit jede politische Unterwerfung zerschlagen, und sie degeneriert zum Milieu, sobald sie den Kontakt zu den Wahrheiten verliert, die sie begründen. Es gibt allerlei Kommunen, die weder die Zahl, noch die Mittel, noch den »richtigen Moment«, der nie kommen wird, abwarten, um sich zu organisieren.
Sich organisieren, um nicht mehr arbeiten zu müssen Low Intensity Arbeitsplätze sind selten geworden
und, um die Wahrheit zu sagen, bedeutet es oft, zu viel Zeit zu verlieren,
sich dort weiter zu langweilen. Sie zeichnen sich außerdem durch schlechte
Bedingungen für die Siesta oder die Lektüre aus. Der Anspruch der Kommune ist es, für alle so viel Zeit wie möglich freizumachen. Ein Anspruch, der sich nicht nur, nicht im Wesentlichen, an der Zahl der Stunden misst, die frei von lohnabhängiger Ausbeutung sind. Die befreite Zeit schickt uns nicht in die Ferien. Die unbesetzte Zeit, die tote Zeit, die Zeit der Leere und der Angst vor der Leere, das ist die Zeit der Arbeit. Von nun an gibt es keine Zeit mehr zu füllen, aber eine Befreiung von Energie, die keine »Zeit« beinhaltet; Linien, die sich abzeichnen, die deutlicher werden, denen wir nach Belieben folgen können, bis zum Ende, bis wir sehen, wie sie andere kreuzen. Plündern, anbauen, herstellen Ehemalige Arbeiter von Metaleurop werden eher Räuber
als Schließer. Die Angestellten von EDF lassen ihren Freundeskreis wissen,
wie man einen Stromzähler überbrückt. Die »vom Lastwagen
gefallene« heiße Ware wird schnell weiterverkauft. Eine Welt,
die sich selbst derart offen zynisch erklärt, konnte seitens der Proletarier
kaum viel Loyalität erwarten. Ausbilden und sich formieren Was bleibt uns, die wir soviel Gebrauch gemacht haben von den autorisierten Vergnügungen, welche uns die marktwirtschaftliche Demokratie zugesteht? Was hat uns einst dazu getrieben, am Sonntag morgen joggen zu gehen? Was fesselt all die Karate-Fanatiker, die Liebhaber der Bastelei, des Angelns oder der Pilzkunde? Was außer der Notwendigkeit, die vollkommene Untätigkeit zu füllen, die eigene Arbeitskraft oder das eigene »Gesundheits-Kapital« wiederherzustellen. Die meisten Vergnügungen könnten mit Leichtigkeit ihren absurden Charakter ablegen und zu mehr als nur Vergnügungen werden. Das Boxen war nicht immer für die Vorführungen auf Spenden-Galas und die Spektakel großer Wettkämpfe reserviert. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, im von Horden von Kolonisten ausgewaideten und aufgrund langer Trockenheit hungernden China, organisierten sich hunderttausende armer Bauern rund um unzählige Boxclubs unter freiem Himmel, um sich von Reichen und Kolonisten zurückzuholen, was ihnen geraubt worden war. Dies war die Revolte der Boxer. Wir können nicht früh genug damit beginnen, zu lernen und anwenden, was weniger befriedete, weniger vorhersehbare Zeiten von uns verlangen werden. Unsere Abhängigkeit von der Metropole – von ihrer Medizin, ihrer Landwirtschaft, ihrer Polizei – ist so groß, gegenwärtig, dass wir sie nicht angreifen können, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen. Es ist das unausgesprochene Bewusstsein dieser Verletzbarkeit, das die unaufgeforderte Selbstbeschränkung der aktuellen sozialen Bewegungen ausmacht, das uns die Krisen fürchten und nach »Sicherheit« streben lässt. Ihm ist es zu verdanken, dass die Streiks den Horizont der Revolution gegen den der Rückkehr zur Normalität eingetauscht haben. Aus diesem Schicksal auszubrechen verlangt nach einem langen und stichhaltigen Lernprozess, nach vielfältigen massiven Experimenten. Es geht darum, kämpfen zu können, Schlösser zu knacken, Knochenbrüche ebenso zu heilen wie eine Angina, einen Piratensender zu bauen, Volksküchen einzurichten, genau zu zielen, aber auch darum, zerstreutes Wissen zu sammeln und eine Landwirtschaft des Krieges zu schaffen, die Biologie des Plankton und die Zusammensetzung des Bodens zu verstehen, das Zusammenwirken der Pflanzen zu studieren und dadurch die verlorene Intuition, alle Formen der Nutzung wiederzuentdecken, alle möglichen Bindungen an unsere unmittelbare Umgebung, und die Grenzen, über die hinaus wir sie aufbrauchen würden; und dies ab heute, für die Zeit, in der wir mehr als einen symbolischen Teil unserer Ernährung und Pflege aus ihr beschaffen müssen. Territorien schaffen. Die Zonen der Undurchdringlichkeit vermehren. Die Reformisten sind sich heute zunehmend einig, dass
es mit »dem näherrückenden Peak Oil« und, »um
Treibhausgase zu reduzieren«, einer »Re-Lokalisierung der Wirtschaft«
bedarf, der Förderung regionaler Versorgung, kurzer Vertriebswege, des
Verzichts auf die Bequemlichkeit von Importen aus der Ferne, etc.. Was sie
dabei vergessen, ist, dass es die Eigentümlichkeit dieser lokalen wirtschaftlichen
Tätigkeiten ist, das sie im Schatten stattfinden, auf »informelle«
Art; dass diese einfache ökologische Maßnahme der Re-Lokalisierung
der Wirtschaft nicht weniger impliziert, als sich aus der staatlichen Kontrolle
zu befreien, oder sich ihr bedingungslos zu unterwerfen. Reisen. Unsere eigenen Kommunikationswege anlegen. Das Prinzip der Kommunen ist nicht, der Metropole und
ihrer Mobilität die lokale Verwurzelung und die Langsamkeit entgegenzusetzen.
Die sich ausbreitende Bewegung der Bildung von Kommunen muss diejenige der
Metropole unterirdisch überholen. Es gibt keinen Grund, die Möglichkeiten
des Reisens und der Kommunikation, die uns die Infrastrukturen des Marktes
bieten, abzulehnen, es genügt, ihre Grenzen zu kennen. Man muss nur vorsichtig
genug, unauffällig genug sein. Sich zu besuchen ist allemal sicherer,
hinterlässt keine Spur und schafft Verbindungen, die gehaltvoller sind
als alle Kontaktlisten im Internet. Das Privileg, »frei zu reisen«,
quer durch den Kontinent und ohne größere Probleme in die ganze
Welt, das vielen von uns zugestanden wird, ist ein nicht zu vernachlässigender
Trumpf für die Kommunikation zwischen den Herden der Konspiration. Einer
der Reize der Metropole ist es, Amerikanern, Griechen, Mexikanern und Deutschen
zu erlauben, sich heimlich für die Zeit einer Strategiediskussion in
Paris wiederzutreffen. Alle Hindernisse umstürzen, eins nach dem anderen. Wie man weiß, laufen die Straßen über
vor Unhöflichkeiten. Zwischen dem, was sie wirklich sind, und dem, was
sie sein sollten, steht die Zentripetalkraft jeglicher Polizei, die sich abmüht
die Ordnung wiederherzustellen; und ihr gegenüber gibt es uns, das heißt
die gegenläufige Bewegung, die Zentrifugalkraft. Überall wo Erregung
und Unordnung auftauchen, können wir uns über sie nur freuen. Es
erstaunt nicht, dass diese Nationalfeiern, die nichts mehr feiern, nun systematisch
verderben. Funkelnagelneu oder klapprig, das urbane Mobiliar – aber
wo fängt es an? Wo hört es auf? - materialisiert unsere gemeinsame
Enteignung. Hartnäckig in seiner Nichtigkeit, verlangt es nur danach
auf ewig wiederzukehren. Beobachten wir aufmerksam, was uns umgibt: all dies
wartet, dass seine Stunde schlägt, die Metropole nimmt nostalgische Züge
an, wie dies sonst nur Ruinen tun. Was die Methode angeht, behalten wir für die Sabotage
folgendes Prinzip: ein Minimum an Risiko bei der Aktion, ein Minimum an Zeit,
ein Maximum an Schaden. Für die Strategie, erinnern wir uns daran, dass
ein umgestürztes, aber nicht ausgeräumtes Hindernis – ein
befreiter, aber nicht bewohnter Raum – einfach durch ein weiteres Hindernis
zu ersetzen ist, das beständiger und schwerer anzugreifen ist. Die Sichtbarkeit fliehen. Die Anonymität in eine offensive Position wenden. Während einer Demonstration reißt eine Gewerkschafterin
die Maske eines Anonymen runter, der gerade eine Scheibe eingeschlagen hat:
»Steh zu dem, was du tust, anstatt dich zu verstecken«. Sichtbar
zu sein bedeutet ohne Deckung, das heißt vor allem verletzbar zu sein.
Wenn die Linken aller Länder nicht aufhören ihre Sache »sichtbar«
zu machen - sei es die der Obdachlosen, der Frauen oder der Sans-Papiers –
in der Hoffnung, dass man sich darum kümmert, tun sie genau das Gegenteil
dessen, was getan werden müsste. Nicht sich sichtbar zu machen, sondern
die Anonymität, in die wir abgeschoben wurden, zu unserem Vorteil zu
wenden und daraus, mittels der Verschwörung, der nächtlichen oder
vermummten Aktion, eine unangreifbare Position des Angriffs zu machen. Das
Feuer von November 2005 bietet dafür das Vorbild. Kein Führer, keine
Forderung, keine Organisation, sondern Worte, Gesten, Komplizenschaften. Gesellschaftlich
nichts zu sein ist kein erniedrigender Stand, die Quelle eines tragischen
Mangels an Anerkennung – anerkannt: von wem? - vielmehr ist es die Bedingung
einer maximalen Aktionsfreiheit. Seine Untaten nicht zu unterzeichnen, mit
sinnlosen Kürzeln bekannt zu machen – man erinnert sich noch der
kurzlebigen BAFT (Anti-Bullen-Brigade Tarterêts)41 – ist eine
Art, diese Freiheit zu bewahren. Offenkundig ist das Konstruieren eines Subjekts
»Banlieue« als Akteur der »Unruhen von 2005« eines
der ersten defensiven Manöver des Regimes gewesen. Sich die Fressen derjenigen
anzusehen, die in dieser Gesellschaft jemand sind kann helfen die Freude zu
verstehen, dort niemand zu sein. Die Selbstverteidigung organisieren. Wir leben unter Besatzung, unter polizeilicher Besatzung.
Die Razzien gegen Sans-Papiers auf offener Straße, die Zivilstreifen,
welche den Boulevard hoch und runter fahren, die Befriedung von Stadtteilen
der Metropole mittels Techniken, die in den Kolonien geschmiedet wurden, die
Vorträge des Innenministers gegen die »Banden«, die jenen
aus dem Algerienkrieg ähneln, erinnern uns täglich daran. Genügend
Motive, sich nicht mehr zerquetschen zu lassen, in die Selbstverteidigung
zu gehen.
Die Kommune ist die elementare Einheit der Realität der Partisanen. Eine aufständische Erhebung ist vielleicht nichts anderes als eine Vervielfachung der Kommunen, ihrer Verbindungen und ihres Zusammenspiels. Im Lauf der Ereignisse verschmelzen die Kommunen zu größeren Einheiten oder splittern sich auf. Zwischen einer Bande von Brüdern und Schwestern, verbunden »auf Leben und Tod«, und der Zusammenkunft einer Vielzahl von Gruppen, Komitees und Banden um die Versorgung und Selbstverteidigung eines Stadtteils, oder sogar einer aufständischen Region, gibt es nur einen Unterschied im Umfang, sie sind ununterscheidbar Kommunen. Jegliche Kommune kann nur zwangsläufig nach Selbstversorgung
streben und in ihrem Innern Geld als etwas Lächerliches und genau gesagt
Deplaziertes empfinden. Die Macht des Geldes besteht darin, eine Bindung zu
schaffen zwischen denen, die ohne Bindung sind, Fremde als Fremde zu verbinden
und dadurch, dass jedes Einzelne als äquivalent gesetzt wird, alles in
Zirkulation zu versetzen. Die Fähigkeit des Geldes, alles zu verbinden,
wird mit der Oberflächlichkeit dieser Verbindung bezahlt, in der die
Lüge zur Regel wird. Der Argwohn ist das Fundament des Kreditverhältnisses.
Die Herrschaft des Geldes muss deswegen immer die Herrschaft der Kontrolle
sein. Die praktische Abschaffung des Geldes kann nur durch die Ausweitung
der Kommunen geschehen. Bei der Ausweitung der Kommunen muss jede einzelne
der Sorge Rechnung tragen, eine gewisse Größe nicht zu überschreiten,
eine Größe, ab der sie den Kontakt zu sich selbst verliert und
damit unweigerlich eine dominante Kaste ins Leben ruft. Die Kommune zieht
es also vor, sich aufzuspalten und sich auf diese Weise auszudehnen, wodurch
sie gleichzeitig einem unglücklichem Ende zuvorkommt. Aus jeder Krise ein Feuer machen »Man muss außerdem hinzufügen, dass
nicht die gesamte französische Bevölkerung behandelt werden könnte.
Daher gilt es eine Auswahl zu treffen.« So fasst ein Experte der Virologie
am 7. September 2005 in »le Monde« zusammen, was sich im Falle
einer Pandemie der Vogelgrippe ereignen würde. »Terroristische
Bedrohungen«, »Naturkatastrophen«, »Virenalarm«,
»Soziale Bewegungen« und »Städtische Gewalt«
sind für die Verwalter der Gesellschaft gleichermaßen Momente der
Instabilität, in denen sie ihre Macht durch die Selektion dessen sichern,
was ihnen gefällt, und durch die Vernichtung dessen, was sie stört.
Dies ist also, logischerweise, die Gelegenheit für jegliche andere Kraft,
sich zu festigen oder zu verstärken, indem sie dagegen Partei ergreift.
Die Unterbrechung der Warenflüsse, das Aussetzen der Normalität
– es genügt sich anzusehen, was bei einem plötzlichen Stromausfall
an sozialem Leben in ein Gebäude zurückkehrt, um sich vorzustellen,
zu was das Leben werden könnte in einer Stadt, in der alles versagt –
und der polizeilichen Kontrolle, setzen an Möglichkeiten der Selbstorganisierung
frei, was unter anderen Umständen unvorstellbar wäre. Das ist allen
bewusst. Die revolutionäre Arbeiterbewegung hatte dies wohl verstanden,
die aus den Krisen der bürgerlichen Wirtschaft Höhepunkte ihrer
wachsenden Stärke machte. Heutzutage sind die islamischen Parteien nirgends
so stark wie dort, wo es ihnen gelingt, für die Schwäche des Staates
auf intelligente Art Ersatz zu bieten, zum Beispiel: bei der Einrichtung der
Nothilfe nach dem Erdbeben von Boumerdès in Algerien, oder bei der
alltäglichen Unterstützung der Bevölkerung im Süd-Libanon,
der von der israelischen Armee zerstört wurde. Jegliche Instanz der Repräsentation sabotieren Als erstes Hindernis, lange noch vor der eigentlichen Polizei, trifft die soziale Bewegung auf die gewerkschaftlichen Kräfte und all die Mikrobürokratie, deren Berufung es ist, die Kämpfe einzuhegen. Die Kommunen, die Basisgruppen, die Banden misstrauen ihnen spontan. Deswegen haben die Parabürokraten vor zwanzig Jahren die Bündnisse erfunden, die durch ihre Abwesenheit eines Etiketts einen unschuldigeren Eindruck machen, aber dadurch nicht weniger das ideale Terrain ihrer Manöver bleiben. Wenn ein orientierungsloses Kollektiv sich in Autonomie übt, hören sie nicht auf, es von jeglichem Inhalt zu leeren, indem sie gute Fragen entschlossen wegwischen. Sie sind erbittert, sie erregen sich; nicht aus Leidenschaft für die Debatte, sondern in ihrer Berufung, sie zu bannen. Und sobald das Kollektiv von ihrer unnachgiebigen Verteidigung der Apathie überwältigt wurde, erklären sie dessen Scheitern durch den Mangel an politischem Bewusstsein. Man muss sagen, dass es den jungen Aktivisten in Frankreich, dank der wahnsinnigen Aktivitäten der verschiedenen trotzkistischen Sekten, nicht an der Kunst der politischen Manipulation fehlt. Sie sind es nicht, die aus den Flammen des November 2005 folgende Lehre zu ziehen wussten: Alle Bündnisse sind da überflüssig, wo man sich verbündet, die Organisationen sind immer da zuviel, wo man sich organisiert. Ein weiterer Reflex ist, bei der kleinsten Bewegung
eine Vollversammlung einzuberufen und abzustimmen. Das ist ein Fehler. Allein,
was mit der Wahl, der Entscheidung zu gewinnen, auf dem Spiel steht, reicht,
die Versammlung in einen Alptraum zu verwandeln, in ein Theater, in dem sich
alle Ansprüche auf die Macht gegenüberstehen. Wir stehen hier unter
dem Einfluss des schlechten Vorbilds der bürgerlichen Parlamente. Die
Versammlung ist nicht für die Entscheidung gemacht, sondern für
das Palaver, für das freie, ziellos ausgeübte Wort. Das Gleiche gilt bei der Entscheidung über Aktionen. Vom Prinzip auszugehen, dass »sich der Verlauf einer Versammlung an der Aktion ausrichten soll«, verunmöglicht sowohl das Aufwallen der Debatte wie die effiziente Aktion. Eine Versammlung von zahlreichen Fremden verdammt sich dazu, Spezialisten der Aktion zu schaffen, was bedeutet, die Aktion zugunsten ihrer Kontrolle zu vernachlässigen. Auf der einen Seite sind die Beauftragten per Definition in ihrer Aktion eingeschränkt, auf der anderen Seite hindert sie nichts daran, alle zu bevormunden. Es geht nicht darum, der Aktion eine ideale Form zuzuweisen. Hauptsache, die Aktion gibt sich eine Form, bringt diese hervor und ordnet sich ihr nicht unter. Dies setzt voraus, eine gleiche politische, geographische Position zu teilen – wie einst die Sektionen der Pariser Kommune während der Französischen Revolution – sowie ein gleiches, zirkulierendes Wissen. Geht es darum, über Aktionen zu entscheiden, so könnte das Prinzip lauten: Jeder holt eigene Erkundungen ein, die Übereinstimmung der Nachrichten wird geprüft, und die Entscheidung wird von alleine kommen, ergreift uns mehr, als wir sie ergreifen. Die Zirkulation des Wissens hebt die Hierarchie auf, sie gleicht alles von oben an. Horizontale, um sich greifende Kommunikation, dies ist auch die beste Form, die verschiedenen Kommunen zu koordinieren, um sich von der Hegemonie zu verabschieden. Die Wirtschaft blockieren, aber unsere Stärke zu blockieren an unserem Niveau der Selbstorganisierung messen. Ende Juni 2006 mehren sich im ganzen Staat von Oaxaca
die Besetzungen der Rathäuser, die Aufständischen besetzen öffentliche
Gebäude. In einigen Gemeinden vertreiben sie die Bürgermeister und
beschlagnahmen die offiziellen Fahrzeuge. Einen Monat später sind die
Zugänge zu gewissen Hotels und Tourismuskomplexen blockiert. Der Tourismusminister
spricht von einer »mit dem Hurrikan Wilma vergleichbaren« Katastrophe.
Einige Jahre zuvor war die Blockade zu einer der wichtigsten Aktionsformen
der argentinischen Bewegung der Revolte geworden, dabei unterstützten
sich die verschiedenen lokalen Gruppen gegenseitig, indem sie diese oder jene
Verkehrsachse blockierten, und durch ihre gemeinsame Aktion ständig drohten,
das gesamte Land zu lähmen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt
werden. Eine derartige Drohung war lange Zeit ein kraftvoller Hebel in den
Händen der Bahnarbeiter, Gasarbeiter, Elektriker und Lastwagenfahrer.
Die Bewegung gegen das CPE zögerte nicht Bahnhöfe, Ringstraßen,
Fabriken, Autobahnen, Supermärkte und sogar Flughäfen zu blockieren.
In Rennes bedurfte es nicht mehr als dreihundert Personen, um die Umgehungsstrasse
für Stunden lahmzulegen und vierzig Kilometer Stau zu verursachen.
»Diese Geschichte macht klar, dass wir es hier
nicht mit Jugendlichen zu tun haben, die ein Mehr an Sozialem fordern, sondern
mit Individuen, die der Republik den Krieg erklären«, bemerkte
ein hellsichtiger Bulle angesichts der kürzlich gelegten Hinterhalte45.
Die Offensive zur Befreiung des Territoriums von seiner polizeilichen Besatzung
hat bereits angefangen, und kann auf die unerschöpflichen Reserven von
Ressentiments zählen, welche diese Kräfte gegen sich gesammelt haben.
In den »sozialen Bewegungen« selbst verbreitet sich nach und nach
die Revolte, ebenso wie unter den Feiernden in Rennes, die im Jahr 2005 jeden
Donnerstagabend der CRS gegenüber traten, oder jene in Barcelona, welche
jüngst anlässlich eines Botellons eine der kommerziellen Arterien
der Stadt verwüsteten. Die CPE-Bewegung hat die regelmäßige
Rückkehr des Molotov Cocktails erlebt. Aber in diesem Punkt bleiben einige
Banlieues unübertroffen. Vor allem in der Technik, die sich schon seit
langem hält: der Hinterhalt. Wie der vom 13. Oktober 2006, in Epinay:
Eine Einsatzgruppe der BAC fährt um 23 Uhr nach einem Anruf wegen Diebstahls
aus einem Auto umher; bei ihrer Ankunft fand sich eine der Einsatzgruppen
blockiert »von zwei quer über die Straße stehenden Fahrzeugen
[...] und von mehr als dreißig Individuen, mit Eisenstangen und Handfeuerwaffen
ausgerüstet, die Steine auf das Fahrzeug warfen und Tränengas gegen
die Polizisten einsetzten«. In kleinerem Maßstab denkt man an
die Stadtteil-Polizeiwachen, die außerhalb der Öffnungszeiten angegriffen
werden: Eingeschlagene Scheiben, abgefackelte Autos. Bewaffnet sein. Alles daran setzen, die Nutzung der Waffen überflüssig zu machen. Gegen die Armee ist der Sieg politisch. Es gibt keinen friedlichen Aufstand. Waffen sind notwendig:
Es geht darum, alles daran zu setzen, ihre Nutzung überflüssig zu
machen. Ein Aufstand ist vielmehr ein Griff zu den Waffen, eine »bewaffnete
Permanenz« als ein Schritt in den bewaffneten Kampf. Wir haben alles
Interesse daran, die Bewaffnung von der Nutzung der Waffen zu unterscheiden.
Die Waffen sind eine revolutionäre Konstante, auch wenn ihre Nutzung
selten war, oder selten entscheidend war, in den Momenten großer Umwälzungen:
Der 10. August 1792, der 18. März 1871, Oktober 1917. Wenn die Macht
in der Gosse liegt, genügt es, sie zu zertreten. Die Autoritäten lokal absetzen. Die Frage, die sich einem Aufstand stellt, ist es, sich unumkehrbar zu machen. Die Unumkehrbarkeit ist erreicht, wenn gleichzeitig mit den Autoritäten auch der Bedarf nach Autorität besiegt wird, gleichzeitig mit dem Eigentum auch die Lust nach Aneignung, gleichzeitig mit der Hegemonie auch das Streben nach Hegemonie. Deswegen trägt der aufständische Prozess die Form seines Sieges oder seines Scheiterns in sich selbst. Im Hinblick auf die Unumkehrbarkeit reichte die Zerstörung nie aus. Alles liegt im Wie. Es gibt Arten der Zerstörung, die unweigerlich die Rückkehr dessen hervorrufen, was man vernichtet hat. Wer sich im Kadaver einer Ordnung verbeißt, stellt sicher, dass die Berufung geweckt wird, sie zu rächen. Deshalb gilt es überall, wo die Wirtschaft blockiert und die Polizei neutralisiert ist, so wenig Pathos wie möglich in den Umsturz der Autoritäten zu legen. Sie sind mit bedingungsloser Frechheit und Spott abzusetzen. Der Dezentralisierung der Macht entspricht in dieser Epoche das Ende der revolutionären Zentralitäten. Winterpaläste gibt es wohl immer noch, sie werden aber vielmehr Ziel des Sturms von Touristen als von Aufständischen. Paris, Rom oder Buenos Aires können heutzutage eingenommen werden, ohne damit eine Entscheidung zu erringen. Die Einnahme Rungis46 hätte sicher mehr Auswirkungen als die des Elysée Palastes. Die Macht konzentriert sich nicht mehr an einem Punkt der Welt, sie selbst ist diese Welt, ihre Flüsse und Straßen, ihre Menschen und Normen, ihre Codes und Technologien. Die Macht ist die Organisation der Metropole selbst. Sie ist die makellose Totalität der Warenwelt in all ihren Punkten. Wer sie lokal besiegt, produziert quer durch die Netzwerke eine planetare Schockwelle. Die Angreifer von Clichy-sous-Bois haben in mehr als einem amerikanischen Haushalt für Freude gesorgt, während die Aufständischen von Oaxaca Komplizen im Herzen von Paris gefunden haben. Für Frankreich bedeutet der Verlust der Zentralität der Macht das Ende der revolutionären Zentralität von Paris. Dies wird von jeder neuen Bewegung seit den Streiks von 1995 bestätigt. Die gewagtesten, die konsistentesten Handlungen tauchen dort nicht mehr auf. Schließlich hebt sich Paris nur noch als bloßes Ziel von Razzien, als pures Terrain der Plünderung und der Verwüstung ab. Kurze und brutale Einfälle von außerhalb, die sich daran machen, die metropolitanen Flüsse am Punkt maximaler Dichte anzugreifen. Spuren der Wut, welche die Wüste dieses künstlichen Überflusses durchziehen und sich verlieren. Ein Tag wird kommen, an dem dieses fürchterliche Konzentrat der Macht, die Hauptstadt, in großem Stil zerfallen sein wird, dies aber im Abschluss eines Prozesses, der überall sonst schon weiter fortgeschritten sein wird als dort. Alle Macht den Kommunen! In der Metro ist keine Spur mehr zu finden vom Schleier der Befangenheit, der üblichweise die Gesten der Passagiere hemmt. Die Fremden reden miteinander, sie sprechen sich nicht mehr an. Eine Bande im geheimer Absprache an einer Straßenecke. Größere Zusammenkünfte auf den Hauptstraßen, die ernstlich diskutieren. Die Angriffe antworten aufeinander von einer Stadt zur andern, von einem Tag zum andern. Eine weitere Kaserne wurde geplündert und niedergebrannt. Die Bewohner eines geräumten Wohnheims haben die Verhandlungen mit dem Rathaus abgebrochen: sie wohnen dort. In einer Anwandlung von Klarheit erstarrt ein Manager inmitten einer Sitzung einer Handvoll Kollegen. Akten mit den persönlichen Adressen aller Polizisten und Gendarmen sowie der Angestellten des Strafvollzugs sickern durch und haben zu einer bislang unbekannten Welle überstürzter Umzüge geführt. In die alte Épicerie-Bar des Dorfes wird der produzierte Überschuss gebracht und geholt, was uns fehlt. Dort trifft man sich auch, um zu diskutieren, über die allgemeine Situation und das notwendige Material für die Werkstatt. Das Radio informiert die Aufständischen über den Rückzug der Regierungstruppen. Eine Granate hat gerade eben die Mauer des Gefängnisses Clairveaux aufgerissen. Unmöglich zu sagen, ob ein Monat oder Jahre vergangen sind, seit die »Ereignisse« begonnen haben. Der Premierminister mit seinen Mahnungen zur Ruhe scheint ziemlich alleine dazustehen. Verfasst am: 21.07.2010
1 Slang für alte Menschen 2 antirassistische Organisation 5 14. Juli 2007 7 französische Hip-Hop-Gruppe 8 Einrichtung, wo Spiele Kindern zur Verfügung gestellt werden 9 Knapp zehn Jahre nach Zerschlagung der Pariser Kommune
setzte Ferry 1880 in abgeschwächter Form eine zentrale Forderung der
KommunardInnen um: den unentgeltlichen und verpflichtenden Grundschulbesuch. 13 Eliteschulen, die alle wichtigen Staatsfunktionäre,
PolitikerInnen und Wirtschaftseliten durchlaufen 15 internationale humanitäre Hilfsorganisation 18 »DRH (Direction des Ressources Humaines)«, die Abteilung Humankapital. 19 Tageszeitung 20 Stadtteile in Paris, Lyon und Lille, in denen fast ausschließlich Bürogebäude stehen. 21 Bewegung u.a. gegen die Einführung eines Arbeitsvertrages für Menschen unter 25 Jahren, die fristlose Kündigungen ohne jede Begründung innerhalb einer Probezeit von 2 Jahren vorsah. Das CPE war Teil eines Maßnahmenpakets, das die Regierung in Reaktion auf die Revolte von 2005 erlassen wollte, das auch eine Verschärfung des Aufenthaltsrechts beinhaltete. Das CPE wurde zurückgeschlagen und führte zur Politisierung einer ganzen Generation. 22 1998 hatte Frankreich die Fußball-WM ausgerichtet und gewonnen. Die Euphorie des Sieges wurde genutzt, um kurzzeitig die verlogene Idee eines mulitkulturellen Frankreich, des »France black blanc beur« zu propagieren. 23 Staatliche, d.h. französische Gesellschaft mit Monopol auf den Passagierverkehr zwischen Frankreich und Korsika. Im Sommer 2005 wurde ein Schiff der SNCM von sieben korsischen Arbeitern nach Korsika »zurückgebracht«, um die drohende Privatisierung nach EU-Recht zu verhindern. Das Schiff wurde gestürmt. 24 Association pour Taxation des Transaction financières
et pour l´Action Citoyenne 26 Gruppen, die sich auf unterschiedlichste Art und
Weise gegen die allgegenwärtige Werbung wehren. www.dailymotion.com/video/x6cgln_casseurs-anti-pub_news 28 Die Beauce ist eine Region südlich von Paris,
in der einige Großbauern riesige landwirtschaftliche Produktionsflächen
bewirtschaften. 31 Bezieht sich auf die Programme des Nicolas Hulot, der auf der Spur der Umweltkatastrophe um die Welt reiste. 32 In den USA weitverbreitete Form des Rassismus, die auf der Idee allgemeiner Überlegenheit der Weißen beruht. 33 Paul Éluard, »Liberté«,
1942 »...et par le pouvoir des mots | je recommence ma vie | je suis
née pour te connaître | pour te nommer.« - »...und
durch die Macht der Worte | fange ich mein Leben von Neuem an | ich bin geboren,
um dich zu kennen | um dich zu nennen« 35 Die französische Ausnahme bezeichnet das Selbstbild einer herausragenden französischen Kultur, die es z.B. gegen die US-amerikanische Kulturindustrie zu behaupten gilt. 36 Alexandre Kojève (1902-1968) russisch-französischer Philosoph, der zur Wiederentdeckung Hegels in Frankreich beitrug. 37 politsches Wechselspiel, anerkennende Bezeichnung
für die im Rahmen der Nation alternierenden Regierungen 39 2001 verwandelt das »Gesetz über die alltägliche Sicherheit« die ›Besatzung‹ der Eingangsbereiche der Wohnhäuser in ein Delikt. Seither kann die Polizei Jugendliche für den Aufenthalt vor ihrer Haustür verhaften. 40 Als Wütende, »enragés«, und Fanatiker, »exaltés«, wurden während der Französischen Revolution jene radikale Gruppen bezeichnet, deren Ideen einer direkt vom Volk ausgeübten Souveränität und Kritik jeder Form der Repräsentation sie zu politischen Gegnern der Jakobiner wie der Bergpartei werden ließ. 41 »Brigade Anti-Flic de Tarterêts«, einer Hochhaussiedlung im Département Saint-Denis. 42 »Garde à vue« bedeutet juristisch, eine Person bis zu drei Tage ›der Polizei zur Verfügung zu stellen‹. Sie kann auf verschiedenste Gesetzesverstöße angewendet werden, auch auf Verdacht, und betrifft jährlich 900.000 Menschen. 43 U-Richtlinie von 1996 »zur Beherrschung der
Gefahren bei schweren Betriebsunfällen mit gefährlichen Stoffen
und zur Begrenzung der Unfallfolgen«, benannt nach der Giftmüll-Katastrophe
von Seveso, klassifiziert Verseuchungsgrade. 45 Nach der Wahl von Sarkozy wurden in der Pariser Blanlieue immer wieder Polizeifahrzeuge, aber auch viele Linienbusse in Hinterhalte gelockt und angezündet. 46 Stadt südlich von Paris, in der alle Lebensmittel für die Pariser Region angeliefert, gelagert und verteilt werden. |
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Der kommende Aufstand -Bild: Bernd Rausch |
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