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8.1.2011
Das Bürgertum verroht
Die „Deutschen Zustände“ zeigen die Elite ohne Maske
Von Stefan Gleser
In den Abgrund stürzen und dabei Ausschau halten,
wer noch unter einem
steht. So lässt sich die Seelenlage unserer „Leistungsträger“
zusammenfassen. Untersucht hat den Gemütszustand der wohlhabenden,
gut
situierten Bürger der Bielefelder Pädagogikprofessor Werner
Heitmeyer.
Seit 2002 erforschen er und seine Kollegen in den „Deutschen Zuständen“
„gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Darunter verstehen
sie die
Stigmatisierung von Mitbürger wegen ihrer ethnischen, kulturellen
oder
religiöser Abkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Präferenz,
ihrer
körperlichen Handicaps, ihrer wirtschaftlichen Schwäche sowie
die
Haltung zu den Privilegien der Reichen. (Etabliertenvorrechte). Im Mai
und Juni des vergangenen Jahres befragten sie 2 000 Personen. Als
„höheres Einkommen“ galt dabei über 2600 Euro Haushaltsnettoeinkommen,
umgerechnet und gewichtet nach Anzahl der Personen.
Jetzt sind Vorurteile nichts Neues; erschreckend ist
es, bei wem sie
angekommen sind: Bei den aufgeklärten, zivilisierten Konservativen,
bei
den Gutverdienenden, die sich selbst als links von der Mitte einstufen.
Golfplatz und Opernhaus zeigen ihr hässliches
Antlitz. Das
ledergebundene Buch wird zur Seite gelegt, die Hausmusik verstummt und
man pöbelt „verroht“ und „entkultiviert“ über
Moslems und
Arbeitssuchende. Es ist verdammt hart, in einer Villa zu vegetieren. Man
muss „wirtschaftlich Nutzlose“ durchfüttern, siecht unter
der Steuerlast
dahin und der Islam bedroht noch die christlich-jüdisch-abendländische
Kultur.
Wenn die Rede ist, dass wir vor einem Jahrhundert
des „autoritären
Kapitalismus“ stünden, eine „Ideologie der Ungleichwertigkeit“
um sich
greife, die Mitte sich radikalisiere, ein „Klassenkampf von oben“
herrsche oder die Demokratie verachtet würde, so sollte man beachten,
dass hier besonnene Wissenschaftler schreiben und nicht wild gewordene
Wahlkämpfer einer linken Partei.
Der Neoliberalismus hat jeden Lebensbereich der Barbarei
der Ökonomie
unterworfen. 58,9 % der Befragten sind empört, dass "sich
Langezeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben
machen“. Ein knappes Drittel meint, dass wir in uns in der
Wirtschaftskrise nicht mehr leisten können, „alle Menschen
gleiche
Rechte“ einzuräumen und 61 % finden, dass in Deutschland zu
viele
schwache Gruppen mitversorgt werden müssten.
Die Islamfeindlichkeit verbreitete sich weiter. Ein
gutes Viertel lehnt
einen weiteren Zuzug von Moslems ab. Islamophobie stärkt das eigne
Selbstwertgefühl ungeheuer. Sie erlaubt es, sich als Vorkämpfer
für
Toleranz und Aufklärung gegenüber einer Religion des Zwanges
aufzuführen. Wer die Gleichbehandlung aller Kulte einfordert, gilt
als
unheilbarer Gutmensch mit Illusionen.
„Rechtspopulistische Einstellungen“, so
die Forscher „gehen deutlich mit
Orientierungslosigkeit einher, sind stärker mit aggressiven Stimmungen
durchsetzt und mit gewaltbilligenden Einstellungen verbunden.“ Den
Rechtspopulisten fehlt noch ein „Mobilisierungsexperte“, eine
charismatische Persönlichkeit, die es versteht in Stil, Form und
Auftritt, nicht unbedingt vom Inhalt, sich von der Schmuddelecke der NPD
zu distanzieren.
Damit der „Status“ des Gutverdienenden
erhalten bleibe, drängt er seine
Meinung gern anderen auf und dies in einer äusserst geschickten Weise.
„Spiegel“ und „Zeit“ gelten in der Aussenwahrnehmung
noch immer als
liberal und so erscheint das Ressentiment als differenziert und wohl
erwogen. Auch verbinden unsere Herrenreiter ihren ansonst so forschen
Auftritt gern mit dem larmoyanten Hinweis, sie stünden kurz vor der
medialen Hinrichtung. Ihre schneidige Wehleidigkeit, ihr märtyrerhaftes
Auftrumpfen ist schon eine abstossende Mischung. Die Haltung der Wenigen
soll zur Ansicht der Vielen werden, und so wird den Unterschichten, die
nach den Demütigungen, von Harzt IV über Gesundheitspolitik
bis zur
Rentenreform, die ihnen ihre einstige Partei zufügte, in „wutgetränkter
Apathie“ dahindämmern, die „Eiseskälte“, mit
der sie verachtet werden,
in Talkshows mit menschlicher Wärme, in ergreifenden Einzelschicksalen
und mit lächelndem Gesicht oder auf dem Boulevard, hübsch drapiert
zwischen halbnacktem Hintern und Fussball, gereicht.
Der katholische Sozialwissenschaftler Friedhelm Hengsbach
sieht den
„Gesellschaftsvertrag“ von oben gekündigt. Hengsbach
äusserst
Verständnis für Jugendliche, die von vorne herein keine Lehrstelle
annehmen, da ihnen auch nach Abschluss einer Ausbildung nichts als
atemloses Springen von einer ungesicherten Beschäftigung in die nächste
bevorstünde.
Zu den Vorzügen der „Deutschen Zustände“
gehört die Korrespondenz
zwischen Wissenschaft und Praxis. Aus dem Alltag des Prekariats
berichtet ein Berliner Zeitungsverkäufer. Wenn demokratische Parteien
und Vereine ohne Attraktivität für Jugendliche für sich
hindümpeln,
wittert die Rechte ihre Chance. Reportagen berichten über den Anschlag
auf das „Haus der Demokratie“ in Zossen oder Dortmunds Aufstieg
zur
Hochburg der Autonomen Nationalisten.
Der Kotau vor der Bank und der Tritt nach dem Kopftuchmädchen.
In den
„Deutschen Zuständen“ begegnet uns Heinrich Manns „Untertan“
in der
zeitgenössischen Fassung.
Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände.
Folge 9, Suhrkamp, Berlin
2010,
15,00 €, Broschur, 348 Seiten
ISBN: 978-3-518-12616-5
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8.1.2011
.Zur sozialen Veräppelung und Vertafelung
der Bevölkerung
Von Reinhold Schramm
Fast 900 Tafeln versorgen die Armen und vormals Lohnabhängigen mit Lebensmitteln.
Das Lob für die Tafeln ist überschwänglich, menschenwürdige
Versorgung und bürgerliches Engagement haben scheinbar eine gute Verbindung
gefunden. Aber: Die Blüte der Tafeln ist gleichzeitig der Niedergang
des bröckelnden Sozialstaats. [1]
Vom Provisorium zum Prinzip: "Lebensmittelausgabestellen für Bedürftige
haben sich zum festen Bestandteil der Armenpolitik entwickelt", schreibt
Christian Linde in der Zeitung der Berliner Mietergemeinschaft.
GeringverdienerInnen, einkommensschwache Familien, Alleinerziehende und RentnerInnen
gehören zu den "Kunden" der Tafeln. Für 2011 wird die
Gründung der eintausendsten Tafel erwartet. Das Tafelsystem steht inzwischen
als ein Symbol für den Abbau des spätbürgerlichen Sozialstaats.
Die Sozialkonzerne tüfteln bereits an neuen Geschäftsfeldern zur
weiteren Privatisierung der Existenzsicherung und Entlastung der Privatunternehmen
bei den Arbeitlöhnen und des Staates bei den Sozial- und Reproduktionsleistungen.
[2]
Anmerkung zur Beziehung von Kapital und "Sozialpartner".
Zur ökonomischen und gesellschaftspolitischen Führung der sozialdarwinistischen
und imperialistischen Bundesrepublik Deutschland und zu einem der noch zahlreichen
Repräsentanten der regierenden deutschen Bourgeoisie und Administration.
Der Multimillionär aus Privateigentum an Produktionsmitteln und Verfügungsgewalt
über die Wert- und Mehrwertschöpfung aus abhängiger Lohnarbeit
und BDA-Unternehmerpräsident Dr. Dieter Hundt - in seiner Erklärung
- zu den am 04. Januar 2010 veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen:
"Es ist ein beeindruckender Erfolg der Unternehmen und der Sozialpartner,
dass Deutschland im vergangenen Jahr trotz Krisenfolgen einen neuen Rekord
bei der Zahl der Erwerbstätigen erreicht hat. - Ich gehe fest davon aus,
dass sich der Aufschwung am Arbeitsmarkt fortsetzt. Die erfreuliche Entwicklung
muss jetzt genutzt werden, um Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte
verstärkt in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Statt künstlicher
öffentlicher Beschäftigung brauchen die Betroffenen echte Perspektiven
auf Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. - Ich warne davor, die bestehenden
Chancen für Arbeitslose aus ideologischen Gründen zu verbauen. Flexible
Beschäftigungsformen dürfen nicht eingeschränkt und die Zeitarbeit
als Jobmotor nicht abgewürgt werden." (BDA-Dr. Dieter Hundt) [3]
Ungeschminkte Klarheit.
Parallel zu den Vorstellungen und Vorgaben der Administration und Repräsentanten
des BDI-BDA-DIHK-Banken-Kapitals, bemüht sich der sozialdemokratische
"Sozialpartner", um die sozial-, arbeits-, wirtschafts-, markt-
und gesellschaftspolitische Umsetzung bzw. um deren Realisierung. Um die 'menschenwürdige'
Niedriglohnpolitik und sozial verträgliche Anpassungspolitik, zum Beispiel
in der Weiterentwicklung der Leiharbeit und Zeitarbeit - damit um die fortgesetzte
Niedriglohnpolitik und den 'Arbeitsfrieden' - in der Ausbeutung der Lohnarbeit,
kümmert sich auch "ZOOM", ein Netzwerk der IG Metall. Siehe
auch hierzu: [4]*
*Unvollständige Anmerkung zur Gewerkschaftsarbeit bei der "Leiharbeit"
und "Zeitarbeit": Bereits vor Beginn der praktischen Umsetzung von
Maßnahmen zur Auflösung gesicherter 'Normalarbeitsverhältnisse'
und Einführung von so genannten prekären (unsicheren) Arbeitsverhältnissen
(im Kapitalismus gibt es keine sicheren Arbeitsverhältnisse), müssen
gewerkschaftliche und betriebliche Abwehrkämpfe eingeleitet und geführt
werden, auch unter Beteiligung der vergleichsweise 'bezahlten' "Stammbelegschaften";
- und keine nachträgliche sozialpartnerschaftliche ["ZOOM"]
Auffanggesellschaft und 'Sozialarbeit' - fürs Kapitalinteresse etc. -
In Folge führt auch diese reale 'ZOOM'-Praxis - der 'Sozialarbeit' -
zur nachfolgenden Anpassung der Lohnarbeit an die Verwertungs-, Wirtschafts-
Markt- und Realisierungsbedürfnisse der Kapitaleigner (Bourgeoisie, Anteilseigner
und Aktionäre etc.). -
Es ist nicht die Aufgabe der DGB-Gewerkschaften die Gewinn- und Profitinteressen
der Privateigentümer zu befriedigen. So auch nicht (nur) die kurzfristigen
und tagespolitischen Interessen ihrer Versicherungs- und Gewerkschaftsmitglieder
zu befriedigen. Es ist die Aufgabe der Gewerkschaftspolitik die sozial-ökonomisch-ökologische
und gesellschaftspolitische Übernahme an den gesellschaftlichen Produktionsmitteln
- und damit an der gesamtgesellschaftlichen Wert- und Mehrwertschöpfung
- vorzubereiten und durchzuführen. - Die Herausnahme der gesellschaftlichen
Produktionsmitteln aus der privaten Verfügungsgewalt - die Überwindung
und Aufhebung des Privateigentums an gesellschaftlichen Produktionsmitteln
- ist die gewerkschaftliche Aufgabe!
Quelle: [1] Zugang über LabourNet.de Germany: Tafeln und Vertafelung.
Die Arbeitslosigkeit und die Tafeln gleichzeitig abschaffen! - eine realistisch-unrealistische
Utopie. Ein Artikel von Peter Grottian vom Mai 2010 bei den sozialdemokratischen
"Nachdenkseiten".
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/allg/tafeln.html
[2] MieterEcho, Zeitung der Berliner Mietergemeinschaft, Nr. 344, Dez, 2010:
Sozialwirtschaft statt Sozialstaat. Wie der Staat seine Aufgaben der Privatwirtschaft
überlässt.
http://www.bmgev.de/mieterecho/mepdf/me344heft.pdf
Hier, unter anderem: 1. Abschied vom Sozialstaat, Die soziale Frage soll privatwirtschaftlich
gelöst werden, von Hermann Werle. 2. Neue Spendenkulturen? Zurück
im Mittelalter: Wenn Reichen wieder die Armenfürsorge obliegt, Elke Brüns.
3. Verschwindet die Jugendarbeit? Im Jugendbereich wird seit Jahren drastisch
gekürzt, Philipp Mattern. 4. Vom Provisorium zum Prinzip, Ch. Linde.
5. Weder sozial noch solidarisch, "Kampf" der EU gegen Armut und
soziale Ausgrenzung, von Hermann Werle.
[3] BDA - "Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände",
Presse-Information Nr. 001/2011, Berlin, 4. Januar 2011.
[4] "ZeitarbeiterInnen Ohne Organsisation Machtlos" - ZOOM.
Ein Netzwerk der IG Metall - für die Kolleginnen und Kollegen in Zeitarbeit
und Leiharbeit.
http://www.igmatall-zoom.de/wir-uns-zeitarbeit-leiharbeiter-gewerkschaft-betriebsrat.html
Merke: Auch die widerstandslose Auflösung von "Normal"-Arbeitsverhältnissen
und die Folgepraxis, der weiteren sozialen Entrechtung und prekären Arbeit,
Leiharbeit und Zeitarbeit, führt zur fortgesetzten -ideologischen und
sozialen- Veräppelung und Vertafelung der werktätigen Bevölkerungsmehrheit.
Trotz alledem! Mit gewerkschaftlichem Gruß (- seit 42 Jahren)
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