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4.04.2011 Zu Paul Lafargue`s " Das Recht auf Faulheit"

von Jörg Reiners

Ist ein knapp 42 Seiten langer Text in der Lage, die Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern? Eduard Bernstein, der Lafargue`s Schrift eher brachial aus dem Französischen in Deutsche transkribierte, führte dazu aus: "Sie (gemeint ist Lafargue`s Text "Das Recht auf Faulheit") enthält in knappster Form eine Fülle von anregenden Gedanken sowie von beweiskräftigem Material für unsere Sache,..." Mit "Sache" meinte Bernstein das aufkeimende Bestreben vor allem der Sozialdemokratie, sich der Emanzipation des Proletariats anzunehmen.

Versetzt der Leser sich in die Zeit Lafargue`s zurück und bewertet den Text entsprechend retrospektiv, wird man die Sprengkraft der Lafargue`schen Gedanken durchaus spüren können. Stritten die Protagonisten der Arbeiterschaft doch für ein "Recht auf Arbeit" kam ein "Exot im Geiste" wie sein Schwiegervater Karl Marx ihn in einem Briefwechsel mit Jenny Marx bezeichnete, mit einem provozierenden Appell auf ein "Recht auf Faulheit" daher. Eine Provokation!

Doch argumentativ präzise und intellektuell stets nachvollziehbar führt Lafargue die Schlüssigkeit seiner Philosophie vor Augen. Präzise hinterfragt er die Exegese dieses Drangs nach Arbeit und entlarvt sie als säkularisiertes Arbeitsethos christlich - abendländischer Prägung, das sich der aufstrebende Kapitalismus als geeignetes Instrument aneignete. Der Parole dieses erstarkenden Kapitalismus "Ora et labora" stellt Lafargue ein bukolisch anmutendes "Panem et circenses" entgegen und führt die antiken Philosophen als Zeugen seiner Gegenwelt an.

Die von Michael Wilk 2010 im Trotzdem - Verlag herausgegebene Überarbeitung (ISBN 978 - 86569 - 907 - 7) kann nur als gelungen bezeichnet werden, führt sie doch zurück zum Originaltext und setzt Bernsteins Übersetzung behutsam zurück auf das selbst heutzutage immer noch leicht verständliche Original. ...

Dass sein Text aktuell eine Renaissance erfährt, ist dem Zustand geschuldet, dass Lafargue`s Lösungsansätze möglicherweise doch die besseren gegenüber dem steten Kampf der Vielen nach Arbeit sind. Bestrebungen, ein Grundeinkommen für Jedermann, bedingungslos und emanzipierend, einzuführen, kann durch Paul Lafargue`s satirische Polemik durchaus Munition erhalten. Vorausgesetzt, es gelingt den Sinn seiner Gedanken auf richtige Weise in die heutige Zeit zu transportieren!

Kritisch bewertet werden muss seine Utopie des Bukolischen, in der er versucht, dem Leser das Reich des "Faulen" vor Augen zu führen. Selbst Platon führte als wesentliches Merkmal für einen "freien Mann" in seiner Schrift "Politeia" das Losgelöstsein von Arbeit an. Diese Arbeit käme ausschliesslich Sklaven zu. Der "freie Mann" aber kümmere sich einzig um die Regelung des Staatswesens und das "Kriegerische".

Wenn man die heutigen Maschinen als Sklaven sieht und Kriege als obsolet betrachtet, kann es gelingen, zukunftsfähige und vor allem nachhaltige Denkmuster aus Paul Lafargue`s Vorstellungswelt zu rekrutieren. Doch Vorsicht ist geboten! Selbst in heutiger Zeit haben die Argumente der Pharisäer der Überproduktion und des verderblichen Konsumismus an Schärfe nicht eingebüßt.

Es lohnt sich, sich auf Paul Lafargue`s Text einzulassen und den eigenen Verstand zu schärfen. Vielleicht finden Sie ja Gefallen an seinen charmant eingebauten Widerhaken, die seinen Text noch lange Zeit nachwirken lassen. Ich wünsche Ihnen die gleiche Freude, die ich bei der Lektüre von "Das Recht auf Faulheit" gehabt habe.