takt@takt.de
zurück

30.3.2011- Wir dokumentieren:

konkret magazin online

"Aus aktuellem Anlaß

Hermann L. Gremliza

Option in grün-braun"

Was ist eigentlich der designierte baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann für einer? Das konnten KONKRET-Leser schon im September 1989 erfahren.

Eigentlich hat es Nazis nie gegeben. Mag sein, daß da mal ein "Verbrecherstaat" war, das will der SS-Mann nicht leugnen, "aber die Menschen, die darin lebten, waren keine Verbrecher, zumindest zu 98 Prozent". Die waren nämlich bloß Arbeitslose, Verführte oder "Idealisten", verstärkt um einige Selbstlose, die vorübergehend Nazis wurden, um das Schlimmste, das die verführten arbeitslosen Idealisten anzurichten drohten, zu verhindern. Wenn das der Führer gewußt hätte!

Und so ist es eigentlich geblieben. "In der Tat ist es richtig", antwortet der Sozialdemokrat Peter Glotz dem SS-Mann Schönhuber beim Plausch in der Redaktion der "Welt", "daß hunderttausende Wähler, die die Republikaner wählen, keineswegs rechtsradikal sind, sondern auf real bestehende Defizite in unserer Gesellschaft, wie die katastrophale Wohnungsversorgung für Leute mit kleinem Einkommen beispielsweise, reagieren. Diese Leute zu beschimpfen, ist absurd und falsch." Wenn der Mann mit dem kleinen Einkommen nämlich die Partei wählt, deren Vorsitzender sagt: "Der Zentralrat der Juden ist die fünfte Besatzungsmacht", reagiert er bloß auf die hohen Mieten und auf das real bestehende Defizit in unserer Gesellschaft: daß keiner sagt, wer daran schuld ist - außer eben der Schönhuber, der ausspricht, was diesem Volk tümlich ist, deshalb von Glotz "Populist" genannt und vor dem Vorwurf, Faschist oder Nazi zu sein, in Schutz genommen wird. Auch Schönhuber zu beschimpfen ist absurd und falsch, denn, sagt Glotz, es könnte ein Schlimmerer kommen, der "diese Partei einmal als Hülse benutzen könnte", und das "könnte in der Tat gefährlich werden". Wenn das der Führer wüßte! (Aber er weiß es jetzt, Glotz hat ihn gewarnt.)

Nein, eigentlich gibt es keine Nazis, wie es eigentlich nie welche gegeben hat. Darin herrscht Einigkeit der Demokraten, zumindest zu 98 Prozent ihrer populären Politiker. Denn nachdem Glotz, der Klabautermann auf dem "Tanker" SPD, den letzten SS-Mann entnazifiziert hat, entlassen ihn auch seine Rangen, die realo existierenden Grünen, aus der Uniform: Nicht Antisemitismus und Rassismus bestimmten Schönhubers Wähler, sondern der Aufstand gegen die korrupte "politische Klasse", gegen "Patronage, Klientelismus, Nepotismus, Postenschieberei und Filz, Selbstbedienung und Selbstgerechtigkeit" (eine Aufzählung, deren Prioritäten den Verdacht wecken, die Autoren seien nichts geworden oder doch nicht das, was sie zu verdienen glauben; "in der Tat" heißen sie Udo Knapp und Winfried Kretschmann). Jedenfalls, und wieder spürt man, wie gut sie das verstehen und warum, seien Schönhubers Nazis geradezu alternative Rebellen: "Erstmal haben die Republikaner uns den Protest geklaut." Sie sind "wie unser negatives Spiegelbild".

Was das ist? Die Beurkundung der finalen Pleite des "grünen Projekts" und sein Endsieg zugleich: Der "Protest" gegen den "Augiasstall" (Knapp/Kretschmann) wechselt den Eigentümer und kann ihn wechseln, weil der Vorbesitzer des Geländes den Widerspruch gegen die gesellschaftliche Herrschaft heruntergebracht hat aufs gesellige Gerede, in dem jeder, der "irgendwie betroffen" war und zum Beweis seine Innereien hörbar grummeln ließ, eigentlich recht hatte und jedenfalls als "glaubwürdig" galt, was nie mehr besagte, als daß er mit dem Quatsch, den er anderen erzählte, auch seine einsamen Stunden füllte: Selbstfindung in der Landkommune, nationale Frage auf makrobiotisch, christliche Ökologie, neue soziale Bewegungen, neuer Politikansatz, neue Mütterlichkeit, neue Mittelschichten (= Schichten, die neulich zu Mitteln gekommen sind; siehe unter Parvenüs), konsumbewußter Citoyen..., ach, wer weiß das alles noch, wer will es noch wissen? Die "Republikaner", die diesen Protest "geklaut" haben, genießen die Beute und würden weinen vor Lachen, wenn sie lesen könnten, wie die Bestohlenen die Diebe bestehlen wollen: "Tod, Trauer, Verdrängung, entfremdete Umwelt, Reduktion natürlicher Vielfalt, soziale Nähe, Demokratie als Prozeß, Sinnsuche, Kultur, Mentalitäten und die Schönheit sollten für uns Grüne wesentlicher als die Tyrannei der Ökonomie in der Politik der Industriegesellschaften sein!" Die Schönheit und der Tod, Eros und Thanatos, Arno und Breker, drunter tuns grüne Fraktionsassistenten heute nicht mehr, wenn sie nach einer Antwort auf die neue Nazipartei gefragt werden.

Aber was sollten sie auch dazu sagen, daß sich eine Gesellschaft, der die Grünen ein Jahrzehnt lang ihre "politische Kultur" talkshowbeherrschend aufgeprägt haben, im Handumdrehen als jene alte Volksgemeinschaft erweist, die auf Mieterhöhungen am liebsten mit einem Pogrom reagiert? Die Betreffenden sind ja Betroffene, und darum sagen Knapp/Kretschmann ganz offen: "Zusätzlich befördert eine Politik der Offenen Grenzen den Rassismus, weil sie die verständlichen Wünsche vieler Menschen nach Abgrenzung und Abwehr gegen Unbekanntes und Neues einfach zu Fremdenhaß erklärt und verurteilt." Am Antisemitismus waren ja auch die vielen Juden schuld.

Die Deutschen waren und sind es, zumindest zu 98 Prozent, nie gewesen, auch diesmal nicht: "Die meisten Menschen wissen über die verworrenen Ideen der Republikaner wenig oder nichts. Es interessiert sie wahrscheinlich auch gar nicht. Aber sie sind davon überzeugt, daß alle Politiker die gleiche Mischpoke sind." Die meisten Menschen sind bloß verführte idealistische Mietpreisopfer, die hoffen, Schönhubers Gang werde ihnen die Artfremden und die Roten vom Hals schaffen; und die Politiker. Daß die grünen Autoren an dieser Stelle das jiddische Wort für Familie setzen, beweist ihr Gespür für die Bedürfnisse der deutschen Menschen.

Diese aber sind gut. "Der ganze aufgeregte Gestus der Linken bei den Grünen", sagen die beiden Rechten bei den Grünen, "ruht auf der überheblichen Selbsteinschätzung als die besseren Menschen, die dem Rest zeigen müssen, wie gefährlich die Neofaschisten und das System, das sie stützt, schon wieder oder immer noch ist" (oder, in der Landessprache: sind). "Der Widerwille der Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik gegen rechtsextreme Lösungen jedenfalls scheint uns größer und stärker als viele Helden des antifaschistischen Kampfes uns glauben machen wollen. Diese Politik bornierten alt linken Antifaschismus liefert Geißler und Waigel die Bestätigung für das Argument Republikaner gleich grün!"

Und alle (deutschen) Menschen sind gleich (gut), ob Faschist oder Ökologe, Gegner der "fünften Besatzungsmacht" oder Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Halt, nein, es gibt eine Sorte, deren überhebliche Selbsteinschätzung moralische Minderwertigkeit beweist: die bornierten alt linken Antifaschisten, die das System, in dem der konsumbewußte Citojäng sich eingerichtet hat, für gefährlich halten. Der Feind steht links. Und so trägt, mit der Verzögerung, die biodynamischem Wachstum eigen ist, die Saat des Historikerstreits endlich auch grüne Früchte: Die Faschisten sind eine Reaktion auf den Antifaschismus (wie der Antisemitismus eine Reaktion auf die Juden ist).

Das kommt dabei heraus, "wenn unsere Fragen und unsere Vorschläge den politischen Diskurs... durcheinanderwirbeln" (Knapp/Kretschmann) und jenen minimalen Anstandskodex zerstören, der den guten deutschen Menschen einmal verbot, in Anwesenheit der überlebenden Opfer ihre beste, ja allerwerteste Seite zu zeigen, und sie darauf verwies, das Braune unter ihren Nägeln nur hervorzupulen, wenn sie glaubten, allein oder unter sich zu sein.

Daß die Schweine auch arme Schweine sind, war vor Glotz und Knapp bekannt. Damals wußte man sogar in jenen Kreisen, die heute das theorielose Geschwätz (oder meinetwegen: den wirbelnden Diskurs) führen, was es mit den "real bestehenden Defiziten in unserer Gesellschaft" auf sich hat und warum vom Faschismus schweigen soll, wer vom Kapitalismus nicht reden will. Dieses Wissen zu liquidieren, war der ganze Sinn des "grünen Projekts". Nun können sich die Protestanten aller Richtungen vereinigen.

 

Braune Graswurzeln

Astrid Geisler und Christoph Schultheiss berichten wie der Rechtsextremismus den Alltag erobert

Buchvorstellung von Stefan Gleser

Wenn das Geld nicht mehr für Bier und Bockwurst beim Dorffest reicht, wenn der Kandidat der CDU als „Nestbeschmutzer“ gilt, weil er sich mit völkischen Wahn nicht arrangiert, wenn die letzten Reste örtlichen Kitts wie Bäckerei, Kneipe und Vereine verschwunden sind, wenn das Propangas für ´s Heizen mit dem Handkarren über die holprige Strasse gezogen wird, wenn vieles an Falladas „Bauern, Bonzen, Bomben“ und wenig an eine
selbstbewusste Bürgergesellschaft erinnert, dann sind wir in Bargischow, einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern hart an der polnischen Grenze. Bei den Landtagswahlen 2006 war dort die NPD mit über 30 % die stärkste der Parteien. Kleine Fluchten aus dem Alltag wie Grillparties, Ausflüge und Zeltlager sind hier eine Angelegenheit der nationalen Kameraden des „Heimatbund Pommern“. Gute Voraussetzungen, dass die NPD bei den Septemberwahlen wieder im Schweriner Schloss vertreten sein
wird.

Dass Rechtsextremismus nicht nur ein Problem vergessener Regionen und vergessener Menschen ist, davon kann Renate Sommer erzählen. Astrid Geisler und Christoph Schultheiss haben bei ihrer Tour quer durch Deutschland die Mutter eines jungen Neonazis in einer bayrischen Kleinstadt besucht. Die Sommers scheinen gegen das braune Gift erst mal gut geimpft zu sein. Der Vater hat sich zu einem selbständigen und erfolgreichen Maschinenbauer hochgearbeitet mit einem weltweiten
Kundenstamm. Der ältere Sohn studiert in England. Wenn Simon, der jüngste, ausländische Geschäftsfreunde des Vaters oder die
indischstämmige Freundin seines Bruders mit erlesener Höflichkeit
behandelte, dann glomm immer wieder Hoffnung, sein Abdriften in die Faschoszene, sei falschen Freunden oder der Pubertät geschuldet. Simon landete schliesslich wegen Brandstiftung im Knast. Heute blickt Renate Sommer mit Verbitterung zurück, wie Jugendamt und Polizei Simons Nazikarriere als altersbedingte Auflehnung gegen das Elternhaus, die sich von selbst wieder legen würde, schönredeten.


Die Erfolge der Klassenkameraden in den Niederlanden und der Schweiz locken. So versucht eine schwarzbraune Truppe von enttäuschten Rechtskonservativen bis zu Neonazis mit Islamfeindlichkeit zu punkten. Als Zentralorgan und Klammer fungiert dabei der Webblog „Politically Incorrect“ (PI). Er gehört zu den am häufigsten aufgerufenen politischen Seiten Deutschlands. Wie sein Erbfeind, der türkische Ramschladen um die
Ecke, hat PI so ziemlich alles im Angebot: Den gut situierten
Lodenmantel, der sein Abitur Gassi führt und um die letzten Werte des christlich-abendländischen Kulturkreises ringt und ein paar Mausklicks weiter den Amoklauf des anonymen Mobs.


Geisler und Schultheis bestechen mit einer neuen Arbeitsweise. Sie
reisten dorthin, wo der Skandal war, wo es noch vor kurzem von
Mikrophonen und Kameras nur so wimmelte. Die Gemeinde Halberstadt fiel unangenehm auf, als der Liedermacher Konstantin Wecker nach NPD-Drohungen ein Konzert absagen musste, als Schauspieler nach Vorstellungsende brutal überfallen wurden. Jetzt hat sich die Aufregung gelegt, jetzt ist die Justiz in bester Tradition wieder auf dem rechten Auge blind, jetzt ist der braune Trott eingezogen und ein Gericht tut rechtsextreme Gewalttaten als „jugendtypische Verfehlung“ ab. Etwas weiter westlich von Halberstadt sonnte sich Delmenhorst bundesweit im
Erfolg, den Ankauf eines Hotels durch den nazistischen Anwalt Jürgen Rieger verhindert zu haben. Heute ist Delmenhorst eine Hochburg neofaschistischer Aktivitäten in Niedersachsen, was wiederum der Presse vollkommen egal ist. Die beiden Autoren hecheln also nicht dem provozierten Skandal und dem geplanten Tabubruch der Nazis hinterher, sondern registrieren ruhig und gelassen den ganz gewöhnlichen Faschismus. „Denn das Extreme lässt sich leicht stigmatisieren, das Alltägliche hingegen kaum bekämpfen“. Die Rechte ist wesentlich präsenter, als es uns die Zeitung n glaubhaft machen will. Und so hat sich der freundlich grüssende Rassist von nebenan „cool“ und „trendig“ in der Mitte der Gesellschaft bequem gemacht.


Astrid Geisler und Christoph Schultheis: „Heile Welten“. Rechter Alltag in Deutschland - Carl Hanser Verlag, München 2011. 224 S., br., 15,90 €.
ISBN: 978-3-446-23578-6


Parteiliches Frühjahrsgedicht

Die Grünen, gerade wo es wieder grünt,
sitzen auf den angestammten Plätzen,
sind gleich dabei, ganz unverblümt,
Natur und Laken, heißt: wir besetzen.
Besetzen, was euch lieb und teuer scheint,
Von Rentnern, Frauen bis zur Nazi.Glatz' -
ein Jeder/ Jede schützt den Klimaschatz.
Das kann man nur in der Partei vereint.

Die SPD kennt die Natur länger,
hebt zum Diskurs zeigefingermahnend,
gleich an, oh, so viele dicke Männer,
die Alles, Alles wissen - Nichts ahnend.
"Keine Ahnung - sonst würden wir es wissen,
seit über hundert Jahren auf dem Posten."
Das: auf Knospe reimt sich Gustav Noske.
Vorher die Kredite - ihr habt's verschissen.

Die Linke rechtet, wie nur sie es kann.
Natur - aus unsrer ganz eigenen Sicht,
darüber könn' wer sprechen, dann und wann,
aber erwähnt Bitterfeld bitte nicht
und auch nicht die ganzen andern Orte,
die doch irgendwie mit uns verbunden,
im Klassenkampf die und uns geschunden,
es ging um Alles - darum: ohne Worte.

CDU, CSU und FDP
die schmeiß ich in eine einzige Stroph',
pack dazu noch die braune NPD,
dann wird's sogar zur echten Katastroph'.
Minister, Auto - läuft mit drei Litern,
Finanzen, Problem - nur schnell verdecken,
damit der Gewinn stimmt, muß wer verrecken,
zur nächsten Wahl tun wir's euch klittern.

Und die Moral,ja, die von der Geschicht,
hab ich Moral getextet? Oh jeeminee!
such sie - du findst sie kaum und niemals nicht
in den Parteien, die in der Landschaft stehen.

Marcel Mack