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EUropas Staatsbildungskriege:
Zerschlagen – Umbauen –
Dirigieren
Bericht vom 13. Kongress der Informationsstelle Militarisierung
http://www.imi-online.de/2010.php?id=2201
13.11.2010, IMI
Am 6./7. November 2010 veranstaltete die Informationsstelle
Militarisierung (IMI) zum mittlerweile dreizehnten Mal ihren
alljährlichen Kongress. Insgesamt trugen über 100 Menschen zum
guten
Besuch und dem Gelingen der Tagung bei, die sich mit dem Thema "EUropas
Staatsbildungskriege: Zerschlagen – Umbauen – Dirigieren"
beschäftigte.Auf dem Kongress wurde einerseits herausgearbeitet,
dass sich die Europäische Union mit dem in Kraft treten des Vertrags
von Lissabon noch einmal grundsätzlich verändert hat und zur
Durchsetzung ihrer Interessen immer aggressiver vorgeht. Andererseits
wurde sich intensiv damit beschäftigt, welche Strategien dabei zur
Anwendung kommen. Vor allem die Praxis des „Staatenbaus“ und
der „Staatenzerschlagung“ gewinnt dabei immer weiter an Bedeutung.
Richtschnur hierfür ist nicht das Völkerrecht, sondern die jeweilige
Interessenslage, wie anhand verschiedener Beispiele gezeigt wurde. Hierfür
hat sich die Europäische Union mittlerweile ein breites Instrumentarium
zugelegt. Die besondere "Qualität" der EU-Politik, so eines
der wichtigsten Fazits des Kongresses, liegt in der Kombination "sanfter"
und "harter" Machtmittel und ihrer systematischen Bündelung
und Verzahnung im neuen Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD).
Zur Eröffnung argumentierte Tobias Pflüger, dass sich die Europäische
Union mit dem Vertrag von Lissabon fundamental verändert habe. Das
Ausmaß der hiermit einhergehenden Militarisierung erfordere eine
grundlegende Neubewertung des Verhältnisses zur Europäischen
Union.
Hierfür formulierte er Eckpunkte einer linken EU-Kritik, die es weiter
zu entwickeln gelte und die vor allem darauf abzielen müsste, der
weiterhin weit verbreiteten Europhilie den Boden zu entziehen.
Zu dieser positiven Sichtweise auf die Union trage auch die Rhetorik
der
Eliten maßgeblich bei. Zwar würde mittlerweile ganz offen gefordert,
die
EU müsse eine Weltmacht werden und eingeräumt, sie sei "eine
Art
Imperium" (Kommissionschef José Manuel Barroso). Allerdings
werde dabei
stets betont, sie sei ein „gütiges Imperium“ (Wirtschaftskommissar
Olli
Rehn). Zum Mythos der "gütigen EU" trage auch die gebetsmühlenartige
Berufung auf das Völkerrecht bei. Tatsächlich sei aber das Verhältnis
zum Völkerrecht rein instrumentell, man berufe sich darauf, wenn
es den
Interesse diene, ignoriere es, wenn dem nicht der Fall sei: "Das
Völkerrecht ist verbal wichtig, praktisch nichtig", so Pflüger.
Als
Beleg zitierte Pflüger den Autor der Europäischen Sicherheitsstrategie
Robert Cooper, der einen "liberalen Imperialismus" und eine
Politik der
"doppelten Standards" propagiere, deren Kernelement in von Cooper
folgendermaßen beschrieben worden sei: "Unter uns halten wir
uns an das
Gesetz, aber wenn wir im Dschungel operieren, müssen wir ebenfalls
das
Gesetz des Dschungels anwenden."
Es werde immer deutlicher, dass die Europäische Union bei der
Durchsetzung ihrer Interessen immer aggressiver vorgehe. Die
Zerschlagung widerspenstiger und die Stützung befreundeter Staaten
rücke
dabei immer weiter ins Zentrum der EU-Planungen. Hierfür würden
alle zur
Verfügung stehenden Machtmittel eingesetzt, "sanfte" ebenso
wie "harte",
die nun im Europäischen Auswärtigen Dienst zusammengefasst würden.
Um
die Grundidee dieser Bündelung von Instrumenten zu verdeutlichen,
zitierte Pflüger aus einer Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel
bei
der Münchner Sicherheitskonferenz: „Die zentrale außenpolitische
Zielsetzung lautet, Politik und Handeln anderer Nationen so zu
beeinflussen, dass damit den Interessen und Werten der eigenen Nation
gedient ist. Die zur Verfügung stehenden Mittel reichen von freundlichen
Worten bis zu Marschflugkörpern.“ Denselben „integrierten
Ansatz“ habe
jüngst auch der Europäische Rat in seinen Schlussfolgerungen
vom
16.09.2010 propagiert, nämlich „dass alle einschlägigen
Instrumente und
Politiken der EU und der Mitgliedstaaten vollständig und auf kohärente
Weise im Dienste der strategischen Interessen der Europäischen Union
eingesetzt werden."
Im ersten Beitrag zu den „sanften“ Machtmitteln der Europäischen
Union
gab Malte Lühmann einen Überblick über die neoliberale
Außenwirtschaftspolitik und die ihr zugrunde liegenden Interessen
und
Strategien. Er machte deutlich, dass die EU als größter Wirtschaftsraum,
Handelsblock und Investor der Welt über ein enormes strukturelles
Machtpotential verfügt, um ihre geoökonomischen Interessen
durchzusetzen. Die aktive Nutzung dieser Potentiale im Sinne eines
„Global Player“-EU habe seit den 70er/80er Jahren stetig an
Bedeutung
gewonnen, was im Zusammenhang mit Machtverschiebungen innerhalb der
herrschenden Eliten zu sehen sei. Diese Neuausrichtung manifestiere sich
in der Lissabon-Strategie (2000) und insbesondere der
Global-Europe-Strategie (2006), die interne und externe
Wettbewerbsfähigkeit zum ultimativen Ziel der EU-Politik proklamierten.
In der Folge versuche die EU ihre Agenda der Liberalisierung und
Privatisierung im Interesse europäischer Konzerne überall auf
der Welt
durchzusetzen. Am Beispiel der im Jahr 2000 gestarteten
EPA-Verhandlungen mit 79 Staaten des Südens in Afrika, der Karibik-
und
Pazifikregion machte Lühmann auf die desaströsen Auswirkungen
dieser
Politik aufmerksam. Gleichzeitig würden anhand der schwierigen und
noch
immer nicht abgeschlossenen Verhandlungen aber auch die Grenzen der
sanften Machtpolitik deutlich, die in naher Zukunft möglicherweise,
so
Lühmanns Sorge, durch die beispiellose Verschmelzung von Handels-
Entwicklungs- und Sicherheitspolitik im Rahmen des Europäischen
Auswärtigen Dienstes (EAD) überwunden würden.
Mittels der Beitritts- und Nachbarschaftspolitik, so Jürgen Wager
im
anschließenden Beitrag, werde derzeit ein "Empire Europa",
ein
hierarchisch strukturierter Großraum geschaffen. Die Öffnung
für
westeuropäische Kapitalinvestitionen und Waren über sog. "Aktionspläne"
sei die Vorbedingung für die EU-Osterweiterung 2004 gewesen, was
einem
Ausverkauf gleichgekommen sei. Gleichzeitig seien die Ausgleichzahlungen
nahezu auf null reduziert und die Stimmgewichte innerhalb der EU massiv
zugunsten der Großmächte verschoben worden.
Nicht einmal mehr eine Beitrittperspektive sei für die 16 Länder
vorgesehen, die an der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP)
teilnehmen. Es handele sich deshalb um eine "Expansion ohne
Erweiterung", mit dem Ziel, eine umfassende Freihandelszone und damit
einen großeuropäischen Wirtschaftsraum zu schaffen. Auch die
nächste
Expansionshase werde derzeit schon ausgeplant, etwa von Mark Leonard,
dem Direktor des "European Council on Foreign Relations", der
beabsichtige, den EU-Großraum, von ihm als "Eurosphere"
bezeichnet, auf
80 Staaten, u.a. auf ganz Afrika und den Mittleren Osten auszudehnen.
So
nähmen mittlerweile die Konturen des "Imperium Europa"
Gestalt an. "Im
Kern befinden sich die EU-Großmächte, darum gruppieren sich
die alten
Mitgliedsländer (EU-15) und darum herum die politisch und wirtschaftlich
peripher angebunden Staaten der EU-Osterweiterung. Den äußeren
Ring
bilden die ENP-Staaten und schließlich die Mitglieder der 'Eurosphere',
jener Großraum, in dem sich die Europäische Union immer offensiver
als
imperiale Ordnungsmacht gebärdet und auch bereit ist, militärische
Gewalt zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen und strategischen
Interessen anzuwenden", so Wagners Fazit.
Wie die Europäische Union ihre "sanften" Machtmittel zur
Durchsetzung
ihrer Interessen einsetzt, veranschaulichte Martin Hantke darauf hin
anhand zweier konkreter Finanzinstrumente. "Das eine, das 'Instrument
für Demokratie und Menschenrechte', dient der Zerschlagung von Staaten,
das 'Instrument für Stabilität' wiederum dem Aufbau und der
Stützung
befreundeter Regime", so Hantke. Frappierend sei am
Menschenrechtsinstrument vor allem die räumliche Verteilung der
Programme. Während beispielsweise viele Maßnahmen in linken
Staaten
Lateinamerikas finanziert würden, würden zahlreiche Länder
mit
verheerender Menschenrechtsbilanz, die aber mit der Europäischen
Union
verbündet seien, systematisch ausgespart. Durch die Finanzierung
von
Oppositionsbewegungen würde über das Menschenrechtsinstrument
der
Nährboden für "bunte Revolutionen" bereitet, Umstürze,
in denen
pro-westliche Machthaber mit massiver Unterstützung aus Brüssel
(und
Washington) an die Macht kämen und anschließend einen Kurswechsel
in der
Politik ihres Landes einleiten würden.
Ganz entgegengesetzt hierzu funktioniere das Stabilitätsinstrument.
Mit
ihm würden v.a. Maßnahmen zum Aufbau von Armeen und Polizeien
und
generell die Stützung "befreundeter" Regime finanziert.
Beispielhaft
nannte Hantke ein Terrorabwehrzentrum der Afrikanischen Union in
Algerien, einem Staat, in dem verheerende Menschenrechtsverletzungen
begangen würden. "Welches Instrument zur Anwendung kommt, richtet
sich
nicht danach, ob ein Land die Menschenrechte achtet oder nicht, sondern,
ob es nach der Pfeife der Europäischen Union tanzt", so Hantkes
Fazit.
Den "harten" Machtmitteln widmete sich das zweite Panel des
Kongresses
unter dem Titel „Und bist du nicht willig... EUropas militärischer
Kontrollapparat"
Arno Neuber verwies zu Beginn seines Vortrages darauf, dass es sich bei
der "Militärpolitik um den sich am schnellsten entwickelnden
Politikbereich innerhalb der Europäischen Union handelt." Obwohl
die EU
militärisch eine weitgehende Autonomie anstrebe, spiele die Kooperation
mit der NATO in vielen Breichen eine zentrale Rolle und werde derzeit
massiv ausgebaut: "Die Zusammenarbeit zwischen EU und NATO gestaltet
sich derzeit enger als dies in der Vergangenheit der Fall war, weil USA,
EU und NATO einen Macht- und Bedeutungsverlust des Westens konstatieren
müssen. Das zwingt sie dazu, Konkurrenzen zurück und Kooperationen
in den Vordergrund zu stellen."
Als Beispiel nannte Neuber die Schnelle EU-Eingreiftruppe, die 60.000
Soldaten umfasse, innerhalb 60 Tagen einsatzbereit und für ein Jahr
durchhalte fähig sein solle. Diese Truppe, die bei Bedarf
zusammengestellt werde, solle nicht nur für EU Einsätze verfügbar
sein,
sondern im Bedarfsfall auch mit NATO-Eisätzen gekoppelt werden können.
Wie weit die Ziele und Ambitionen der EU reichen, sei im Dezember 2008
deutlich geworden. Damals habe der Europäische Rat ein neues Anspruchsniveau
formuliert: in Zukunft wolle sie in der Lage sein, bis
zu 19 Missionen parallel zu entsenden.
Außerdem würden Mitgliedsstaaten der EU gemeinsam weitere
militärische
Fähigkeiten aufbauen. Dazu gehöre das EUROCorp, das aus 60.000
Soldaten bestehe und in dem Deutschland und Frankreich die Hauptrolle
spielen würden. Ferner sei hier die deutsch-französische Brigade
zu nennen, die ständig präsent sei und die sowohl unter NATO-
als auch EU-Kommando eingesetzt werden könne. Schließlich führte
Neuber noch die European Gendarmerie Force auf, an der sich alle EU-Mitgliedsstaaten
mit
paramilitärischen Truppen beteiligt würden. Auch sie könne
sowohl im
Rahmen von EU als auch von NATO-Missionen, im Inland und im Ausland sowie
unter zivilem und militärischem Kommando eingesetzt werden. "Dies
ist die Truppe für jeden Fall und für jeden Bedarf", so
Neuber.
Jonna Schürkes beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit den
Sicherheitssektorreformen (SSR), die die EU als geeignetes Instrument
zur Durchsetzung ihrer Interessen vor allem in Ländern des globalen
Südens entdeckt habe. Von den 24 Missionen, die die EU seit 2003
entsandte, würde ein Großteil Elemente zur Reform des Sicherheitssektors
enthalten. Diese Reformen beschränkten sich im Allgemeinen darauf,
Soldaten und Polizisten auszubilden und auszurüsten sowie Militär-
bzw.
Polizeiberater in die jeweiligen Länder zu entsenden. Ziel dieser
Missionen sei es, die Kontrolle der EU über diese Sicherheitskräfte
zu
erhöhen und Regime zu unterstützen, die ihre Bevölkerung
im Sinne des
Westens kontrollieren. Befreundeten Staaten baue die EU somit
Repressionsorgane auf, wobei es gleichgültig sei, ob es sich dabei
um
demokratische oder autoritäre Regime handele.
Die zunehmende Bedeutung von SSR sei einerseits mit einer veränderten
Bedrohungswahrnehmung zu erklären, da inzwischen nicht mehr Staaten,
sondern vielmehr einzelne Bevölkerungsgruppen wie Terroristen,
Kriminelle, Migranten etc. zur Bedrohung des Westens erklärt worden
seien. Zum anderen hätten die massiven Probleme bei groß angelegten
„Stabilisierungseinsätzen“, wie beispielsweise Afghanistan
dazu
beigetragen, dass man nach neuen – schlankeren –
Interventionsmöglichkeiten suche, die mit weniger eigenen Opfern
und
geringeren Kosten verbunden seien.
Die EU sehe sich selbst als einen Akteur, der besonders erfolgreich SSR
durchführen könne. Hier zitierte Schürkes eine Mitteilung
der Kommission
an den Rat und das Parlament zur SSR, in dem dies begründet werde:
zum
einen habe die EU weit reichende Erfahrungen mit SSR im Zuge der eigenen
Erweiterung. Des Weiteren sei sie aufgrund der kolonialen Vergangenheit
ihrer Mitgliedsstaaten seit langer Zeit und in vielen Ländern der
Welt
präsent und verfüge über gute Kontakte zu den Sicherheitskräften
dieser
ehemaligen Kolonien. Und schließlich verfüge die EU über
eine breite
Palette von zivilen und militärischen Instrumenten, die im Rahmen
von
SSR-Missionen unter einem meist militärischen Kommando eingesetzt
werden
könnten.
"’Robuste’ Bevölkerungskontrolle – Repressionsinstrumente
vom
Drohneneinsatz bis zur gezielten Tötung" war der Titel des Vortrags
von
Claudia Haydt. Sie beschrieb, wie von der EU unliebsame Einzelpersonen
und Gruppen ausgeschaltet würden. Auf Grundlage eines vollkommen
entgrenzten Terrorismusbegriffs würden von der EU so genannte
„Terrorlisten“ erstellt. „Wer auf dieser Terrorliste
steht, über den
wurde zwar nicht eine faktische Todesstrafe, aber zumindest eine ‚zivile
Todesstrafe’ verhängt, weil diese Person in fast allen Bereichen
des
zivilen Lebens handlungsunfähig wird“, fasste Haydt die Folgen
dieser
Liste zusammen. Trotz der weit reichenden Auswirkungen für die Personen
auf dieser Liste sei ihre Erstellung in keinster Weise rechtsstaatlich
nachvollziehbar. Anhand der Bombardierung der Tanklaster bei Kunduz im
September 2009 sehe man die schwer wiegenden Folgen solcher Listen.
Diejenigen, die den Tanklaster entführten hätten, hätten
auf der so
genannten JPEL (Joint Priority Effects List) – einer Art Todesliste
–
der NATO gestanden. Personen, die auf diesen Listen stehen, seien zum
Abschuss freigegeben. Der Abschuss dieser Einzelpersonen werde zunehmend
von Drohnen ausgeführt, dabei handele es sich um außergerichtliche
Tötungen auch außerhalb des Kriegsgebietes, wie beispielsweise
in
Pakistan. Diese Form der Kriegsführung habe in den letzten Jahren
deutlich zugenommen. Bisher setzte vor allem die USA Drohnen zur Tötung
unliebsamer Personen ein, bei denen häufig auch vollkommen unbeteiligte
Menschen getötet würden. Europäische Mitgliedsstaaten würden
ebenfalls
Elemente dieser Form der Kriegsführung entwickeln. Die Europäische
Rüstungsagentur habe von Anfang an die Entwicklung von unbemannten
Drohnen als ihr Flaggschiff erklärt und in diesem Bereich umfangreiche
Forschungs- und Sponsoringprogramme aufgelegt.
Der Abendvortrag von Martin Hantke beschäftigte sich mit dem
Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD), der am 1. Dezember 2010
seine
Arbeit aufnehmen wird. Nicht zu Unrecht würde der Dienst von
Befürwortern wie Ulrike Guérot vom "European Council
on Foreign
Relations" als "Kronjuwel des Vertrags von Lissabon" bezeichnet,
denn er
werde die Politik der Europäischen Union ganz grundsätzlich
verändern.
"Vergleicht man es mit Deutschland, entsteht hier ein Superministerium,
das die Kompetenzen des Außen- und Verteidigungsministerium in sich
vereint. Dazu kommen noch die wesentlichen Abteilungen des
Entwicklungsministeriums und Teile des Wirtschaftsministeriums."
Ziel sei es, die "Schlagkraft" der Europäischen Union
über die Bündelung
sämtlicher Machtkapazitäten zu erhöhen, so Hantke. Besonders
problematisch sei die Integration nahezu sämtlicher militärischer
und
zivil-militärischer EU-Strukturen in den EAD: "Vor diesem Hintergrund
müsste man richtigerweise von einem Militärisch Auswärtigen
Dienst
sprechen", so Hantke. "Militärs werden künftig mit
am Tisch sitzen, wenn
es um Fragen ziviler Konfliktbearbeitung oder die Vergabe von
Entwicklungshilfe geht: zivile Außenpolitik wird zugunsten einer
imperialen Machtpolitik aus einem Guss systematisch vor den Karren
militärlogischer Erwägungen gespannt", so die Kritik. Dies
wiege umso
schwerer, da die wesentlichen Posten innerhalb des EAD nahezu
ausschließlich von den EU-Großmächten besetzt würden
und das neue
Superministerium weder vom Europäischen Parlament noch den
nationalstaatlichen Parlamenten kontrolliert werden könne: "Was
hier
stattfindet ist die Entfesselung sämtlicher EU-Machtpotenziale bar
jeglicher demokratischer Kontrolle", so das Fazit.
Der zweite Kongresstages beschäftigte sich vor allem mit konkreten
Länderbeispielen zu den doppelten Standards der EU-Politik. Den Auftakt
machte Jürgen Wagners Beitrag zum Gutachten des Internationalen
Gerichtshofs (IGH) über die Unabhängigkeit des Kosovo, das im
Juli 2010
veröffentlicht wurde. Tatsächlich komme das Gutachten zu dem
Ergebnis,
die Unabhängigkeitserklärung des kosovarischen Parlaments habe
nicht
gegen das Völkerrecht verstoßen. Die hieraus von Politik und
Medien
abgeleitete Schlussfolgerung, dass hierdurch auch die Anerkennung des
Kosovo durch den Großteil der westlichen Staaten rechtens gewesen
und
damit ein neuer Staat auf der Landkarte entstanden sei, sei jedoch
unzulässig. Als Beleg hierfür zitierte Wagner aus dem Gutachten:
"Die
Frage der Generalversammlung ist eindeutig formuliert. […] Sie fragt
nicht nach den rechtlichen Konsequenzen dieser Erklärung. Insbesondere
fragt sie nicht danach, ob der Kosovo damit zum Staat geworden ist. Noch
fragt sie nach Gültigkeit und Folgen der Anerkennung durch jene Staaten,
die den Kosovo anerkannt haben."
Obwohl also das Gurtachten fälschlicherweise als Persilschein für
die
Zerschlagungs- und Anerkennungspolitik des Westens auf dem Balkan
gewertet wurde, wurde gleichzeitig von der Europäischen Union betont,
daraus leite sich keinesfalls das Recht ab, in ähnlich gelagerten
Fällen
ebenfalls auf eine Sezession zu drängen. "Der Umgang mit dem
Gutachten
ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Politik und Medien die
Realitäten, in diesem Fall Völkerrecht und IGH-Gutachten, nach
Gutdünken
im Sinne ihrer eigenen Prämissen zurechtinterpretieren – was
nicht
passt, wird eben passend gemacht", so Wagner.
Claudia Haydt führte anhand des Themas "Pulverfass Kaukasus"
aus, wie
die Europäische Union einerseits versucht, ihre Einflusssphäre
auf
Kosten Russlands weiter auszudehnen und andererseits, wie instrumentell
die Frage der Anerkennung sezessionistischer Regionen gehandhabt wird.
Seit Jahren versuche die Europäische Union sowohl über zahlreiche
Programme wie INOGATE oder TRACECA, aber auch über verschiedene zivile
EU- und OSZE-Missionen in der öl- und gasreichen kaspischen Region
stärker Fuß zu fassen.
Das Ringen um Einfluss habe dabei im Sommer 2008 einen gefährlichen
Höhepunkt erreicht, nachdem Georgien – vom Westen militärisch
aufgerüstet und politisch unterstützt - die abtrünnige
Region
Süd-Ossetien angriff. Russland reagierte hierauf mit dem Einmarsch
und
der anschließenden Anerkennung Süd-Ossetiens (und Abchasiens).
"Die kurz
zuvor erfolgte westliche Anerkennung der Unabhängigkeitserklärung
des
Kosovo hat die Büchse der Pandora geöffnet. Aus Moskaus Sicht
handelte
es sich hierbei um einen Präzedenzfall, weshalb es argumentierte,
wer
den Kosovo anerkenne, könne Süd-Ossetien und Abchasien die
Unabhängigkeit nicht verweigern." Dennoch weigerten sich sowohl
die USA
als auch die Europäische Union strikt Süd-Ossetien und Abchasien
anzuerkennen, würden aber gleichzeitig eisern daran festhalten, dass
die
Abspaltung des Kosovo "rechtens" gewesen sei. "Hier treten
die doppelten
Standards offen zu Tage. Aus westlicher Sicht sind Sezessionen dann
legal, wenn es sich um pro-westliche Regionen handelt und illegal, wenn
dies nicht der Fall ist. Das Völkerrecht wird dabei durch bloße
Willkür
ersetzt", so Haydt.
Im Hintergrund der Auseinandersetzungen stünden geostrategische
Interessen, insbesondere die Verlegung von Pipelinerouten. Dies sei umso
Besorgnis erregender, da es in der kaspischen Region zahlreiche weitere
Konflikte gäbe, die ähnlich gelagert seien, wie Georgien. "Hört
das
Ringen um Einfluss in der Region nicht auf, so droht das Pulverfass
Kaukasus jederzeit wieder hochzugehen", so die Befürchtung.
Ausgehend vom DESERTEC-Projekt beschrieb Christoph Marischka, wie die
vorherrschende Wirtschaftsweise Räume im nördlichen Afrika als
„Hinterhof“ definiere und eine dauerhafte imperiale Politik
in diesen
notwendig mache. Technische Fortschritte im Bereich der erneuerbaren
Energien hätten es in letzter Zeit möglich gemacht, die
Energieversorgung zu dezentralisieren und damit auch die Kosten, Risiken
– aber auch die Gewinne – stärker zu streuen. Desertec
stelle hingegen
den Versuch deutscher Kapital- und Energieunternehmen dar, diese Gewinne
zu „remonopolisieren“. Fünfzehn Prozent des europäischen
Energieverbrauches sollten demnach bis 2050 aus Solar- und
Windkraftwerken in Nordafrika importiert werden. Diese hätten Ausmaße,
dass von ihnen erhebliche Einschränkungen und Gefahren für die
dortige
Bevölkerung ausgingen. Vor allem aber würden damit massive
Abhängigkeiten geschaffen, die wiederum eine Militarisierung der
Europäischen Union unausweichlich machen würden. Die Investitionen
im
dreistelligen Milliardenbereich müssten über Jahrzehnte geschützt
werden
und daher „auf Biegen und Brechen verhindert werden, dass in den
einzelnen Staaten bestimmte gesellschaftliche Kräfte an die Macht
kommen.“ In diesem Kontext sei auch etwa die Nato-Strategie zu sehen,
die eine Unterbrechung der Energiezufuhr als Angriff werten wolle.
Desertec sei für solche Abhängigkeiten jedoch nur ein besonders
plakatives Beispiel. Die Europäische Kommission hätte im Juni
in
Zusammenarbeit mit der Industrie eine Liste 14 „neuer strategischer
Rohstoffe“ vorgelegt, deren Versorgung in den nächsten Jahren
kritisch
werden könnte und hierzu „politische Maßnahmen zur Verbesserung
des
Zugangs zu Primärressourcen“ eingefordert.
Wie solche politischen Maßnahmen aussehen können, beschrieb
Marischka anschließend zunächst an den Beispielen der Westsahara
und des Sudans. So werde die Besetzung der Westsahara durch die EU geduldet
und sogar inoffiziell unterstützt, weil Marokko die Ausbeutung der
dortigen Fischgründe und Phosphatvorkommen (knapp 40% der weltweiten
Reserven) ermögliche. Im Sudan hingegen würde die Abspaltung
des ölreichen Südens mit dem Aufbau neuer Polizeikräfte
und Infrastrukturprojekten vorbereitet und unumkehrbar gemacht. Gleichzeitig
würde versucht, die Zentralregierung mit allen denkbaren Mitteln
- vom Haftbefehl gegen Al-Bashir über Wahlbeobachtungsmissionen und
einen Militäreinsatz im benachbarten Tschad - zu destabilisieren.
In Somalia unterstütze die EU hingegen eine „Übergangsregierung“,
die
als „theoretischer Zusammenschluss verschiedener Milizen“
de facto keine
Kontrolle im Land habe, weil diese ihr im Gegenzug das Recht einräume,
auf ihrem Territorium und in ihren Küstengewässern Piraten zu
jagen. Die
Unterstützung beinhalte v.a. die Ausbildung somalischer Soldaten
in den
Nachbarstaaten. Daher bediene sich Al-Shabaab, welche Somalia
größtenteils kontrolliere, zunehmend terroristischer Mittel.
Die
Bekämpfung des Terrorismus nehme deshalb in der EU-Strategie gegenüber
Ostafrika eine wachsende Rolle ein. Im Sahel drohe sie bereits jetzt die
dominante Strategie zu werden. Als Hauptbedrohung werde von der EU die
Präsenz der Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQIM) definiert und
entsprechend würden Spezialeinheiten und Trainingszentren für
Polizei und Militär aufgebaut. Dabei sei unklar, inwieweit es sich
bei der AQIM um ein Konstrukt handle. In einigen Fällen sei etwa
der algerische
Geheimdienst an Operationen beteiligt gewesen, die der AQIM
zugeschrieben worden sei. Auch die mutmaßlichen Verbindungen zur
Organisierten Kriminalität wirkten häufig konstruiert (als Beispiel
wurde auf dieses Dokument verwiesen:
http://s3.amazonaws.com/nytdocs/docs/60/60.pdf). Insgesamt drohe der
ganzen Region eine „Terrorisierung“ von Aufständen und
sozialen
Bewegungen, so Marischka abschließend: „Einerseits indem diese
mit
Mitteln des Krieg gegen den Terror bekämpft werden, andererseits
durch
die Gefahr, dass zumindest Teile von ihnen sich gerade wegen dieser
Maßnahmen gezwungen sehen, tatsächlich auf die Infrastrukturen
und
Rückzugsräume der AQIM zurückzugreifen“.
Im Abschlusspodium wurden einerseits die Ergebnisse des Kongresses
zusammengefasst, andererseits wurde nach Antworten auf die Frage
gesucht, was man dieser Politik der Europäischen Union entgegensetzen
kann.
Andrés Schmidt vom Ökumenischen Büro in München
zeigte am Beispiel Honduras, wie internationale Solidaritätsarbeit
heute funktionieren
könnte. Zur Erläuterung welche Gruppen in Honduras derzeit Unterstützung
benötigen, erinnerte er an den Putsch gegen den demokratisch gewählten
Präsidenten Manuel Zelaya im Juni 2009 durch das honduranische Militär.
Dieser Putsch sei sowohl von den USA als auch von der EU und ihren Mitgliedsstatten
einhellig verurteilt worden. Allerdings habe die EU zum Zeitpunkt des
Putsches die Unterzeichnung eines so genannten Assoziierungsabkommens
mit den zentralamerikanischen Ländern vorbereitet, weshalb sie sehr
daran interessiert gewesen sei, in Honduras schnell eine Regierung zu
haben, die ein solches Abkommen unterzeichnen könne. Der unter sehr
undemokratischen Umständen Ende 2009 zum Präsidenten gewählte
Präsident Perfirio Lobo habe das Abkommen schließlich unterzeichnet,
womit die Regierung von der EU als legitim anerkannt worden sei.
Seit dem Putsch bestehe eine breite und starke Oppositionsbewegung in
Honduras, die die Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung
fordere. Allerdings sei über diese Oppositionsbewegung in den deutschen
Medien kaum etwas zu erfahren. Die Solidaritätsarbeit bestehe darin,
das
Thema und die Anliegen der Bewegung hier bekannt zu machen. Zudem sei
es
ein probates Mittel der Solidaritätsarbeit, Menschen aus Europa in
die
Länder des Südens zu schicken, die dann Personen aus den Sozialen
Bewegungen begleiten. Die Angst vor einer kritischen internationalen
Öffentlichkeit sei in diesen Regimen meist so hoch, dass
Menschenrechtsverletzungen zurückgehen würden. Des Weiteren
bestehe die Internationale Solidaritätsarbeit auch darin, Gelder
für die soziale
Bewegung in Honduras zu sammeln. Man müsse der Politik des Staatenbaus
und der Staatenzerschlagung somit nicht ohnmächtig zuschauen, so
das Fazit von Schmidt.
Tobias Pflüger betonte zum Abschluss des Kongresses, dass es sich
bei
der Europäischen Union nach dem Lissabon-Vertrag um eine vollkommen
andere Union handele als zuvor. Er konstatiert eine nach wie vor weit
verbreitete Euphorie gegenüber dieser Europäischen Union und
sah in dem
Kongress einen Beitrag zur „Desillusionierung über den (neuen)
Charakter
der EU“. Er rief dazu auf, das, was man sich auf diesem Kongress
erarbeitet habe, in die anderen sozialen Kämpfe zu tragen. Die
antimilitaristischen Kämpfe müssten stärker mit den Kämpfen
gegen
Sozialabbau verbunden werden, schließlich sei „die neokoloniale,
imperialistische Militärpolitik der EU“ und deren Wirtschaftspolitik
„zwei Seiten einer Medaille“.
Die Informationsstelle Militarisierung bedankt sich bei allen, die zum
guten Gelingen des Kongresses beigetragen haben!
IMI-List - Der Infoverteiler der
Informationsstelle Militarisierung
Hechingerstr. 203
72072 Tübingen
imi@imi-online.de
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Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem das kroch
Gedenkfeiern in Kaiserslautern zur Reichspogromnacht
und zur Deportation pfälzischer Juden nach Gurs
Von Stefan Gleser
„Vor nunmehr 72 Jahren fand diese staatlich organisierte Brand-
und
Mordnacht statt. Wir kennen heute die grausige Bilanz dieser Nacht, wir
wissen aber auch, was ihr vorausging: jahrzehntelang geschürter
Antisemitismus und seit der Machtübertragung an die Nazis systematische
Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung der deutschen Juden. Und wir
wissen heute auch, was dieser Nacht folgte: der Raub an jüdischem
Vermögen durch den Nazi-Staat und durch sogenannte `arische` Banken,
Versicherungen und Firmen, das Zusammenpferchen der Juden in Ghettos,
schließlich Deportationen und millionenfache Vernichtung in
Konzentrationslagern“, so eröffnete ein Sprecher VVN-BdA (Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten) am Dienstagabend
auf dem Synagogenplatz in Kaiserslautern die Erinnerung zum Jahrestag
der Reichspogromnacht.
In Kaiserslautern brauchten die Nazis die Synagoge nicht mehr zu
schänden. Sie war schon im Spätsommer 1938 als Fremdkörper
in einer
Gauhauptstadt angesehen und abgerissen worden. Dafür wurden am 10.
November zehn von den elf verbliebenen jüdischen Geschäften
zerstört und von den ca. 160 jüdischen Wohnungen etwa 110 geplündert.
Anschliessend wurden die jüdischen Männer zwischen 16 und 65
Jahren in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Der Vertreter der
Antifaschisten schilderte dabei erschütternde Einzelschicksale. Der
Arzt Doktor Julius Wertheimer wurde in einer Polizeizelle in den Selbstmord
getrieben. In Dachau wählte der Rechtsanwalt Robert Tuteur angesichts
des Grauens den Freitod. In dieser Nacht zerstob endgültig die grosse
Illusion, Gemeinschaftssinn oder Mut an der Front würden vor dem
Naziterror schützen.
Danach informierte der Vertreter der Antifa über nazistische Umtriebe
in
der Westpfalz. In Herrschberg befindet sich ein Schulungszentrum der
NPD; in Pirmasens kann sie ein „Bürgerbüro“ errichten
und in Zweibrücken will sie am 13.11. aufmarschieren. „In welchem
Land leben wir, wenn die Rechte ungestraft `Ruhm und Ehre der Waffen-SS`
skandieren darf, Antifaschisten kriminalisiert werden und jüdische
Einrichtungen wie Hochsicherheitstrakte bewacht werden müssen?“,
fragte der Redner.
Seit der Wiedervereinigung habe der faschistische Terror mehr als 100
Menschenleben gefordert. Brechts Warnung, dass der Schoss noch fruchtbar
ist, sei leider immer noch aktuell. Zum Abschluss sprach der Vertreter
der jüdischen Gemeinde das Totengebet.
In der „Alten Eintracht“ referierte danach der Historiker
Roland Paul im
Rahmen einer Gedenkfeier der „Gesellschaft für christlich-jüdische
Zusammenarbeit“ über die Verschleppung pfälzischer Juden
in das Lager
Gurs in Frankreich. Der rassisch begründete Antisemitismus in der
Pfalz
beruhte auf den Schriften des Buchhändlers August Gotthold und dem
„Eisenhammer“. Dieser wurde vom nationalsozialistischen Abgeordneten
Fritz Heß aus Dannenfels während der Weimarer Republik publiziert.
Vorbild des „Eisenhammers“ war der „Stürmer“
des fränkischen Gauleiters Julius Streicher. Während der Nazizeit
hingen an vielen pfälzischen Ortstafel die Aufschrift „Juden
unerwünscht“. In Kaiserslautern stand der „Stürmerkasten“,
eine Vitrine in der die jeweils neueste Ausgabe der Zeitschrift hing,
direkt neben der Stiftskirche. Kein Geistlicher beklagte sich darüber.
Am 22. Oktober 1940 wurden über 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und
dem Saarland auf Befehl des badischen Gauleiters Robert Wagner und seines
pfälzische Kollegen Joseph Bürckel in das Internierungslager
Gurs deportiert. Gurs liegt am Fuss der Pyrenäen. Schon vor dem zweiten
Weltkrieg hatte hier die französische Regierung politische Flüchtlinge
und Spanienkämpfer eingesperrt.
1933 zählte die Pfalz noch über 6400 jüdische Einwohner.
Vor der danach beginnenden Entrechtung und Verfolgung waren ca. 5000 ins
Ausland oder in den vermeintlichen Schutz grosser Städte geflohen.
„Zweig um Zweig seh` ich fallen“, schrieb Ludwig Strauss,
der langjährige Rabbiner der Bad Dürkheimer Gemeinde. „Am
frühen Morgen des 22. Oktober 1940 wurden die `transportfähigen
Volljuden` – wie es in einem Merkblatt der Nationalsozialisten hieß
– in ihren Wohnungen festgenommen und abtransportiert. Für
die Deportation
nach Gurs waren 827 Personen (483 Frauen und 344 Männer) aus der
Pfalz vorgesehen. Die meisten von ihnen waren über 47 Jahre, die
beiden
Ältesten 87 und 88 Jahre alt! Deportiert wurden 63 Kinder –
zwei von
ihnen nur wenige Monate alt“, so Roland Paul. Die deutsche Gründlichkeit
trieb ihre dunklen Blüten. Es war aufgeführt worden, an wen
die verbleibenden Haustiere zu überführen seien.
Gurs hiess katastrophale hygienische Zustände, mangelhafte Verpflegung
und die täglich schwindende Hoffnung auf eine Bürgschaft, auf
das
rettende Affidavit, das eine Ausreise gestattete. Hilfsorganisationen
wie die us-amerikanischen Quäker oder das Schweizer Rote Kreuz mit
der mutigen Elsbeth Kasser milderten das Leid, soweit es in ihrer Macht
stand. Die unmenschlichen Verhältnisse rafften alt und jung dahin.
Roland Paul führte den 82 jährigen Michael Mayer aus Iggelheim
und den
fünf Monate alten Salo Mayer aus Ulmet an. „Auf den Lagerfriedhof
finden sich die Gräber von über 1100 deportierten deutschen
Juden. Im Frühjahr 1941 wurden viele ältere Personen in die
Lager Noé und Récebédou bei Toulouse verlegt. Familien
mit Kindern kamen 1941 vor allem in das Lager Rivesaltes bei Perpignan
unweit des Mittelmeeres.“
Roland Paul fuhr fort: „Einige konnten in letzter Minute aus Gurs
und
den anderen Lagern entkommen, nach Übersee auswandern oder lebten
versteckt in Südfrankreich. Viele Kinder sind dank des Einsatzes
französischer, amerikanischer und Schweizer Organisationen gerettet
worden. Ein Teil von ihnen wurde mit portugiesischen Schiffen über
Lissabon in die USA gebracht, wo sie in fremden Familien aufwuchsen. Die
meisten haben ihre Eltern nie wieder gesehen. Nachdem auf der
„Wannsee-Konferenz“ der Völkermord am europäischen
Judentum beschlossen worden war, wurden ab Sommer 1942 die Mehrheit der
Internierten nach Auschwitz und Majdanek transportiert.“. Eine Schülerin
des Albert-Schweitzer-Gymnasiums trug die Lebensdaten der 45 aus
Kaiserslautern verschleppten Mitbürger vor.
Bernhard Gerlach vom Vorstand der christlich-jüdischen Gemeinschaft
war es dank seines Spürsinns in den Archiven gelungen, einige Mauersteine
von der gesprengten Synagoge zu finden. Diese sollen die Ausstellung des
Theodor-Zink-Museums bereichern. Roland Paul hat seine umfangreichen Recherchen
in dem Buch „Die nach Gurs deportierten jüdischen Pfälzer“
gesammelt. Es ist beim Institut für Pfälzische und Volkskunde
in Kaiserslautern erhältlich.
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