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25.4.2011
Lächeln für das vierte Reich
Frauen sind bei den Neonazis stark im Kommen, wie Andrea Röpke
und
Andreas Speit in ihrem Buch „Mädelsache“ aufzeigen
Von Stefan Gleser
Der Hass auf Demokratie und universelle Menschenrechte trägt auch
weibliche Züge. Während in Frankreich Marine Le Pen den „Front
National“
anführt und in den Umfragen für die kommenden Präsidentschaftswahlen
vor
dem Amtsinhaber liegt , machen sich ihre Kameradinnen rechts des Rheins
still, leise und effizient auf den Weg, die Gesellschaft zu unterwandern
und Macht an sich zu reissen. Die beiden Autoren haben „Mädelsache“,
das
lieber die unaufgeregte Reportage statt ein vorschnelles Urteil pflegt,
so aufgebaut, dass porträtierte Personen gleichzeitig über
Organisationen berichten und Beschreibungen der Verbände einzelne
Charaktere zeichnen.
Als Kadertruppe und verschworene Gemeinschaft mit klandestinen Zügen,
die wenig Wert auf Aussendarstellung legt, präsentiert sich die
Gemeinschaft deutscher Frauen (GDF). Ihr Ursprung wurzelt in den
Skingirls der neunziger Jahre. In die Öffentlichkeit gehen und dort
agitieren ist dagegen die Aufgabe des „Ring(s) nationaler Frauen“
(RNF).
Er ist Sprachrohr und Sammelbecken weiblicher NPD-Mitglieder. Die
rechtsextreme Partei, schon längst keine Altherrenriege mehr in
rauchigen Hinterzimmern „hat das politische Potential der sich
engagieren wollenden Frauen erkannt“, schreiben Röpke und Speit.
Noch
sind Frauen in Führung und Listenplätzen unterrepräsentiert,
marschieren
aber unaufhaltsam in höhere Positionen vor. So sitzt Gitta Schüssler
im
sächsischen Landtag und in Rheinland-Pfalz steht eine Frau an der Spitze
des Landesverbandes.
Frauen bei Neonazis sind nichts Neues. Auf eine lange und reichhaltige
Erfahrung im rechten Milieu kann beispielsweise Ursula Haverbeck,
ehemalige Leiterin des inzwischen verbotenen Collegium Humanum, dass
ökologisch verbrämt Blut, Boden und Arterhaltung propagierte, und
die
Mainzerin Ursula Müller von der „„Hilfsgemeinschaft für
nationale
Gefangene“ (HNG) zurückblicken. Wie Frauen sich in fliessenden,
nicht
klar strukturierten Organisationen verhalten, zeigen die Beispiele von
der „Mädelgruppe“ der „Kameradschaft Tor Berlin“
und „Frontbann 24“.
Inzwischen hat auch die strammste Nationalsozialistin gelernt, dass
ständiges „Heil Hitler“-Gegröhl nicht viel weiter führt.
Deshalb
probiert sie es auf die „sanfte Tour“ und nimmt sich „weicher
Themen“
an. Und hier führen Röpke und Speit eine vielfältige Palette
von
Beispielen vor, wie geschickt, energisch und auf den ersten Blick
unauffällig rechte Frauen agieren. Sie sind in Elternbeiräten aktiv
und
drängeln sich in Nachbarschaftsvereinen und Bürgerinitiativen hinein.
Ihre Stände tauchen auf Wochenmärkten und Mittelalterveranstaltungen
auf
oder sie reklamieren auch mal eine Turnhalle wie in Berlin-Weissensee
für sich. In bevölkerungsarmen Regionen, aus denen die Leute abwandern,
starten sie „Siedlungsprojekte“. Auch dabei erst mal vorsichtig
Gift
einsickern. Man solle mit einem Laden oder einen Handwerksbetrieb
anfangen, statt die Dörfler heuschreckenartig zu überfallen, rät
eine
Faschistin im Internet. Auf kommunaler Ebene erreichen sie oft bessere
Ergebnisse als Männer. Die nette Rassistin von nebenan, die auf Biokost
im Kindergarten besteht, wirkt ja auch irgendwie adretter als der
besoffene Skinhead, wes wegen sie auch gefährlicher sein dürfte.
Gegenwärtig sind Frauen die kühnen Eroberer, wenn es um „kulturelle
Hegemonie“ und politisches Vorfeld geht. Sie instrumentalisieren Familie
und Kinder zu nationalistischen Zwecken.
Besonders perfide dabei, dass rechte Frauen bewusst Bereiche besetzen,
in denen man von der angeborenen Gleichheit der Menschen ausgeht, in
denen Übereinkunft herrscht, dass Leistung statt Ariernachweis zählen
sollte, wie Kindergarten, Schule oder Sport. Hier geben die Verfasser
Hilfe, wie sich die Demokratie gegen rechte Infiltration schützen kann.
Was trägt nun die Kämpferin fürs Vaterland wenn es gegen Linke
und
Ausländer geht? Da die Rechte sich immer mehr zu einer
Gesinnungsgemeinschaft wandelt, die mit ausdifferenziertem
Erscheinungsbild in die Gesellschaft tritt, ist auch die braune
Schwester abwechselungsreich gestylt. Weiter Rock, Skingirls mit
Glatzen, schwarz gewandet als autonome Nationalistin oder schlicht
unauffällig. Viele von ihnen setzen mit schwarz-weiss-roten Farbtupfern
Akzente oder bevorzugen kleine, dezente Erkennungszeichen wie Thors
Hammer und Lebensrunen. Eine sofortige Zuordnung zur Naziszene ist oft
nicht gewünscht. Lockmittel der Rechten ist eine Mischung aus
Abenteuerlust, Brauchtumspflege und reaktionärem Frauenbild.
Speit und Röpke überzeugen durch einen nüchternen Tonfall,
der vor allem
durch den Verzicht auf Soziologenslang erfreut. Ist ihr Buch
unübersichtlich und zu keiner eindeutigen Wertung bereit, so deshalb
weil die Wirklichkeit rechter Frauen unübersichtlich, in Bewegung,
vielgestaltig und nicht eindeutig definierbar ist. Was rechte Frauen
eint, ist ihre sträfliche Unterschätzung durch Öffentlichkeit
und
Behörden.
Andrea Röpke /Andreas Speit
Mädelsache!
Frauen in der Neonazi-Szene
Ch. Links, Berlin, 2011, 240 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-86153-615-4
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15. März
2011
In mörderischer Tradition – Info-Flugschrift
zur „Burschenschaft Ghibellinia zu Prag“ erschienen in Allgemein
und Burschenschaften
Antifa Saar / Projekt AK fordert Konsequenzen
an der Universität des Saarlandes
Die Antifa Saar / Projekt AK hat ein vierseitiges Informations-Flugblatt
zu der Saarbrücker „Burschenschaft Ghibellinia zu Prag“ erstellt
und mehrere tausend Exemplare an der Universität, in Scheidt und in Saarbrücken
verteilt. Aufgrund der Geschichte der Burschenschaft, ihrer Rolle im Nationalsozialismus
und ihrer Verstrickungen ins extrem rechte Milieu fordert die Antifa Saar
die Universität und insbesondere den Universitätspräsidenten
Prof. Dr. Volker Linneweber auf, Konsequenzen zu ziehen und ihre Politik gegenüber
den Saarbrücker Burschenschaften radikal zu ändern.
Im Folgenden findet sich die Info-Flugschrift im Wortlaut sowie als Pdf-Datei
im Drucklayout. Außerdem dokumentieren wir die von Lutz Paulmann verfasste
„Geschichte der Burschenschaft Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken“,
die zwischenzeitlich von den Internetseiten der Burschenschaft gelöscht
wurde.
Info-Flugschrift „In mörderischer Tradition“ im pdf-Format
„Lutz Paulmann, Geschichte der Burschenschaft Ghibellinia“ als
pdf
In mörderischer Tradition
Wieso hofiert der Universitätspräsident eine schlagende Verbindung
in Saarbrücken?
An prominenten Fürsprechern fehlt es ihnen wahrlich nicht: der saarländische
Noch-Ministerpräsident Peter Müller dankte ihnen ganz herzlich für
„ihr Engagement zur Wahrung gesellschaftlicher, demokratischer und freiheitlicher
Werte“, und Universitätspräsident Prof. Dr. Volker Linneweber
sieht in ihnen gar die „Vorreiter der künftigen akademischen Ausbildung“.
Wem so hohes Lob zuteil wird, der – so könnte man meinen –
muss Beachtliches geleistet haben, ganz im Sinne der Ziele einer Universität,
die bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre internationale Ausrichtung,
ihre Lage im Herzen Europas, und ihre traditionell guten Verbindungen ins
benachbarte Frankreich kolportiert.
Doch die warmen Worte, gesprochen bzw. vorgetragen am 14. Mai 2010 im großen
Saal des Saarbrücker Schlosses, gelten einer Organisation, die in ihrer
nunmehr 130jährigen Geschichte für so einiges stand, ganz bestimmt
aber nicht für demokratische Werte. Die Saarbrücker Burschenschaft
Ghibellinia zu Prag, anlässlich deren 130. Stiftungsfests der Ministerpräsident
die Schirmherrschaft übernommen hatte und der Universitätspräsident
die Festrede hielt, hat eine militant völkische Geschichte.
Braunes Nest…
Gegründet wurde die Ghibellinia an der Deutschen Karls-Universität
in Prag im Jahre 1880, neben anderen von dem radikalen Antisemiten und Tschechen-Hasser
Karl Hermann Wolf. Seine demokratischen Überzeugungen demonstrierte der
heute noch von den Ghibellinen als unvergessener Vater der Gründung hoch
verehrte Wolf, als er im Jahre 1897 den tschechischen Abgeordneten im Reichsrat
drohte: „Wir kommen wieder und schießen euch wie Hunde nieder“.
Seine Anschauungen hatten Vorbildcharakter für den Prager Reichsprotektoren
und Nazi-Kriegsverbrecher Karl Hermann Frank, wie der Historiker René
Küpper deutlich macht1.
Eine Vorreiterrolle übernahmen die deutschen Burschenschaften denn auch
auf einem anderen Aktionsfeld, allerdings nicht in dem Sinne, wie es der Universitätspräsident
gerne hätte: schon 1920, also ganze 15 Jahre vor den Nürnberger
Rassegesetzen, machte der Verfassungsausschuss des Dachverbandes Deutsche
Burschenschaft (DB) den Rassenantisemitismus zur Regel: „Die Burschenschaft
steht auf dem Rassestandpunkt, deshalb dürfen nur deutsche Studenten
arischer Abstammung, die sich offen zum Deutschtum bekennen, in die Burschenschaft
aufgenommen werden. […] Der Burschentag verpflichtet die einzelnen Burschenschaften,
ihre Mitglieder so zu erziehen, dass eine Heirat mit einem jüdischen
oder farbigem Weib ausgeschlossen ist, oder dass bei einer solchen Heirat
der Betreffende ausscheidet“. Für die Ghibellinia war die „Judenfrage“
damals schon lange kein Thema mehr, denn, wie der „liebe Bundesbruder
Lutz Paulmann“ anlässlich des 125jährigen Bestehens der Burschenschaft
2005 euphemistisch zu berichten weiß, kam es bei den deutschen Volkstumskämpfern
in Prag bereits 1887 zum „Auszug der Israeliten“2.
Die deutsche Karls-Universität Prag, die Heimatuniversität der
Ghibellinia, wurde seit der Gründung der tschechoslowakischen Republik
im Jahre 1918 zu einem wachsenden Zentrum antisemitischer und nationalistischer
Agitation. Im Wintersemester 1922/23 hetzt die Studentenschaft gegen die Wahl
des jüdischen Professors Samuel Steinherz zum Rektor der Universität
und organisiert einen Vorlesungsboykott und antisemitische Kundgebungen3.
Die deutsche Studentenschaft in Prag, ihnen voran die radikalen Studentengruppen
und Burschenschaften, wird zu einer Kaderschmiede der radikalen nationalistischen
Bewegungen und Kampfverbände. Einer der Hauptaktivisten: Karl Hermann
Wolf, Mitbegründer der Ghibellinia.
In der Geschichte der Burschenschaft Ghibellinia, die von“ Lutz Paulmann
zum Jubiläum 2005 verfasst wurde und die bis vor kurzem noch auf der
Internetseite der Burschenschaft nachzulesen war, taucht von all dem nichts
auf. Stattdessen wird der Einmarsch der Nazi-Wehrmacht in Prag 1939 und die
Zerschlagung der tschechoslowakischen Republik als Akt der Befreiung glorifiziert:
„Der Einmarsch der deutschen Truppen befreite die Deutschen von einer
ungeheueren Bedrückung“, so Paulmann. Vor lauter Dankbarkeit stimmten
die Ghibellinen dann auch einer Auflösung ihrer Burschenhaft zu, um als
gleichgeschaltete „Kameradschaft Peter Parler“ weiterbestehen
zu können.
Erwähnung findet auch ein „Überfall von Tschechen“ auf
den „Bundesbruder Hugo Jury“, der „durch Messerstiche erheblich
verletzt“ wurde. Über Jury heißt es weiter, er „sollte
später großen politischen Einfluss gewinnen“. Über die
Details der politischen Karriere Hugo Jurys schweigt sich Paulmann jedoch
wohlwissend aus: Hugo Jury wurde bereits 1931 Mitglied der NSDAP, von 1936
bis 1938 war er stellvertretender Landesleiter der illegalen NSDAP in Österreich.
Im Mai 1938 wurde er Gauleiter des Reichsgaues Niederdonau, ab 1940 zusätzlich
Reichsstatthalter und ab 1942 auch Reichsverteidigungskommissar für dieses
Gebiet. Im selben Jahr wurde Jury zum SS-Obergruppenführer ernannt. Am
Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, am 8. Mai 1945, entzog
sich Hugo Jury einer juristischen Verfolgung seiner Taten – darunter
die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem Reichsgau Niederdonau
in die Vernichtungslager und die Mitverantwortung für die Ermordung von
61 politischen Häftlingen durch die SS am 7. April 1945 in Hadersdorf
am Kamp – durch Selbstmord. Ein konsequenter Abgang, denn „der
zweite Weltkrieg [hatte] alle Wünsche und Hoffnungen zerstör[t]“,
wie Paulmann voller Wehmut über das Ende des „Tausendjährigen
Reichs“ berichtet.
…am Schmittenberg in Scheidt.
Heute ist die pflichtschlagende und farbentragende Burschenschaft Ghibellinia,
von deren Aktivitäten man an der Universität wohl vor allem ihre
Zimmerangebote und Flyer für Cocktail-Partys (auf denen dann auch ausdrücklich
„Damen“ erlaubt sind!) wahrnimmt, Mitglied im Dachverband „Deutsche
Burschenschaft“ (DB) und im „Ostdeutschen Bund“. Bis 2008
war sie außerdem Mitglied der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“
(BG), die als extrem rechter Flügel der DB gilt.
Auf ihrem Verbindungshaus in Saarbrücken-Scheidt veranstaltet die Ghibellinia
unter dem Slogan „Scheidter Runde“ regelmäßig Vorträge
zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Unter den Referenten der letzten
Jahre waren diverse rechte Politiker wie etwa Rolf Schlierer (Die Republikaner),
Lutz Weinzinger (FPÖ) und der Mitbegründer der rassistischen „Bürgerbewegung
Pro Köln“, Markus Beisicht. Außerdem durfte der ehemalige
General und Kommandeur des „Kommando Spezialkräfte“ (KSK)
der Bundeswehr, Reinhard Günzel, auf dem Ghibellinen-Haus sprechen. Günzel
wurde im November 2003 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, weil er dem
wegen einer antisemitischen Rede aus der CDU ausgeschlossenen Bundestagsabgeordneten
Martin Hohmann einen Solidaritätsbrief geschrieben hatte. Seine Affinität
zum Nationalsozialismus bewies Günzel mehrfach: so sagte er 1995, er
„erwarte von [s]einer Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern
oder bei der Waffen-SS“; 2007 sorgte er erneut für Aufsehen, als
er in seinem Buch „Geheime Krieger“ eine Verbindung von der Sondereinheit
„Brandenburg“ der Wehrmacht zum KSK zog. Ebenfalls beehrten die
Ghibellinia mit ihrer Anwesenheit der Präsident des saarländischen
Verfassungsschutzes, Helmut Albert, sowie der ehemalige SPD-Minister Reinhard
Klimmt – trotz eines Unvereinbarkeitsbeschlusses des SPD-Vorstandes
von 2006 im Bezug auf die Mitgliedsburschenschaften in der BG, die der Bundesvorstand
der Jusos zu Recht als „rechtsextreme[n] Kampfverband“ diagnostizierte4.
Der Festkommers zum 130jährigen Gründungsjubiläum am 14.Mai
2010 im Saarbrücker Schloss klang dann auch so aus, wie es sich die Kameraden
aus alten Kampfzeiten sicherlich gewünscht hätten: gemeinsam sang
man das „saarländische Heimatlied“ „Deutsch ist die
Saar“. Das Lied, das Anfang der 1920er Jahre von dem Lehrer und späteren
NS-Beamten Hanns Maria Lux auf die Melodie der Bergmannshymne „Glück
auf, der Steiger kommt“ (auch „Steigerlied“) getextet wurde,
ist stramm antifranzösisch und völkisch aufgeladen. Die musikalische
Kampfansage an das Völkerbund-Mandat, das das Saargebiet nach dem 1.
Weltkrieg unter französische Verwaltung stellte, wurde dann auch von
den Nationalsozialisten gerne im Abstimmungskampf 1935 übernommen. So
schmetterten Zehntausende die Zeilen „Deutsch ist die Saar… deutsch
immerdar…Deutsch bis zum Grab, Mägdlein und Knab…Ihr Himmel,
hört! Jung Saarvolk schwört…Wir wollen niemals Knechte sein;
wir wollen ewig Deutsche sein!“ etwa bei einer „Saartreuekundgebung“
am 27. August 1933 bei Rüdesheim. In den folgenden Jahren wurde „Deutsch
ist die Saar“ als Vermächtnis der ‚Kampfzeit‘ in zahlreiche
NS-Liederbücher aufgenommen5. Auch bei der Abstimmung über den Anschluss
des Saargebietes an die Bundesrepublik 1955 wurde „Deutsch ist die Saar“,
vor allem von den Anhängern der FDP-Vorgängerin „Demokratischen
Partei Saar“ (DPS) unter Vorsitz des hochrangigen NS-Funktionärs
Heinrich Schneider, wieder gerne gesungen. Dass das Lied heutzutage auch zum
festen Repertoire des Nazi-Barden Frank Rennicke gehört, dürfte
wohl niemanden verwundern.
Es bleibt wohl das Geheimnis des Universitätspräsidenten Prof. Dr.
Volker Linneweber, warum er, der einer Universität vorsteht, die so viel
Wert auf ihre vorgebliche Frankophilie und die guten akademischen Verbindungen
ins Nachbarland legt, einer Veranstaltung seine Aufwartung macht, die mit
einem stramm völkisch-deutschnationalen, antifranzösischen Hasslied
beendet wird.
So what?
Von den im Grußwort des Ministerpräsidenten behaupteten Grundwerten
„Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Solidarität, und Kollegialität“,
denen sich die deutschen Burschenschaften angeblich seit ihrer Gründung
im 19. Jahrhundert verpflichtet fühlten, bleibt – außer Kameradschaft
in ihrem negativsten Sinne – nicht viel übrig. Die Gründungsburschen
in Prag einte vor allem der Hass auf Juden und Tschechen und der Drang, die
nichtdeutsche Bevölkerung zu unterwerfen. Eine kritische Beschäftigung
mit der eigenen Geschichte findet bei den Ghibellinen indes nicht statt. Das
wäre vielleicht halb so wild, würde man sie bloß als das bezeichnen
und behandeln, was sie sind: ein antidemokratischer, reaktionärer und
frauenfeindlicher Männerbund, dem eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft
selbstverständlich die Teilhabe am zivilen Miteinander zu verweigern
hat. Doch das Gegenteil ist der Fall: die Ghibellinia wird hofiert von der
Führungsriege der saarländischen Landespolitik, sie erhält
finanzielle Zuschüsse von der CDU-Fraktion im Landtag, und der Universitätspräsident
entblödet sich nicht, diesen reaktionär-völkischen Haufen als
Vorbild für die Studierenden des 21. Jahrhunderts hinzustellen.
Dass die Geschichte der Ghibellinia in der saarländischen Landesregierung
und im Universitätspräsidium nicht bekannt ist, dürfte kaum
möglich sein. So räumte Prof. Linneweber gegenüber dem Journalisten
Wilfried Voigt dann auch ein „„dass einzelne Studenten oder auch
‚alte Herren‘ dem rechtsextremen Umfeld zuzuordnen sind“,
hält es aber dennoch für „unangemessen“, damit „generell
die Tätigkeit der Burschenschaften zu verteufeln“6.
Wieso ist es möglich, dass Ministerpräsident Peter Müller,
der aktuell darauf spekuliert, Richter am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe
zu werden, einer antidemokratischen militanten Vereinigung durch die Schirmherrschaft
über ihr Stiftungsfest das demokratische Feigenblatt mimt, und das niemanden
im Saarland zu stören scheint? Warum hofiert der Universitätspräsident
dennoch eine Organisation wie die Burschenschaft Ghibellinia, die ihre Verstrickung
in den NS-Terror im besetzten Prag bis heute verschweigt und sich wahrheitswidrig
als dessen Opfer geriert? Warum ist es im Saarland unwidersprochen möglich,
dass die Landesregierung eine solche Gruppierung nicht nur ideell, sondern
auch finanziell unterstützt und sie durch Fürsprecher von höchster
Regierungsebene hoffähig macht?
Wir fordern von der Universität des Saarlandes:
- keine Unterstützung der „Burschenschaft Ghibellinia zu Prag“,
weder finanziell noch ideell; keine Räume, keine Schaukästen, keine
positive Würdigung auf den Uni-Webseiten
- eine Erklärung des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Volker
Linneweber, wie es zu seinem Auftritt bei dem Stiftungsfest der Ghibellinia
im Mai 2010 kommen konnte
- eine historische Aufarbeitung der Geschichte der Saarbrücker Burschenschaften
und ihrer Mitglieder, insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus, und
eine Veröffentlichung der Ergebnisse durch die Universität!
Literatur:
Ein Großteil der Informationen in diesem Text stammt aus den folgenden
beiden Monographien, sowie von der Internetseite der Burschenschaft (www.ghibellinia-prag.de)
selbst.
- Voigt, Wilfried. Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar. Saarbrücken,
2011.
- Später, Erich. Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche
Vernichtungselite in Prag 1939 – 1945. Hamburg, 2009.
Kontakt:
Antifa Saar / Projekt AK
www.antifa-saar.org
antifasaar@yahoo.de
März 2011
Fußnoten:
1. s. Küpper, René: Karl Hermann Frank (1898-1946).
Politische Biographie eines sudetendeutschen Nationalsozialisten. München,
2010 [zurück]
2. s. Paulmann, Lutz. Burschenschaft Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken.
Geschichte der Burschenschaft Ghibellinia, anlässlich des 125. Jubiläums
2005 verfasst. Der Text stand bis vor Kurzem sowohl auf den Internetseiten
der Burschenschaft Ghibellinia www.ghibellinia-prag.de sowie auf der Seite
www.tradition-mit-zukunft.de , wurde aber mittlerweile entfernt. Er ist jedoch
unter www.antifa-saar.org dokumentiert und nachzulesen [zurück]
3. Vgl. Später, Erich: Villa Waigner. Hamburg, 2009. S.48f [zurück]
4. Leffers, Jochen. „Entweder Sozialdemokrat oder Burschenschafter.“
in: SPIEGEL online, 28.03.2006. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,408440,00.html
[zurück]
5. Vgl. Voigt, Wilfried. Die Jamaika-Clique. S.156ff [zurück]
6. Ebenda, S.162 [zurück]
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