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28.6.2011 Deutschlands Klassengesellschaft 2011 von Reinhold Schramm

Der reale Lohn ist heute so niedrig wie 1985 - Viele erben wenig, wenige Erben viel.

Geschätzte 2.600 Milliarden Euro vererben die Deutschen bis 2020 - 800 Milliarden davon gehen auf das Konto der reichsten zwei Prozent der Bevölkerung.

Für die Vermögensbesitzer ist die Finanzkrise überwunden. Der Wert ihrer Anlagen hat das Vorkrisenniveau längst übertroffen. Die Profiteure des Aufschwungs der Wert- und Mehrwertschöpfung sind jedoch nicht sehr zahlreich. Ganz besonders profitierten die Vermögenden und Kapitalbesitzer. Das Geldvermögen wuchs im Jahr 2010 um 4,7 Prozent.

Bis 2020 werden in der Deutschland AG voraussichtlich 2,6 Billionen Euro vererbt. Damit wechselt mehr als ein Viertel des so genannten »Volksvermögens« - vor allem aus der Wert- und Mehrwertschöpfung der abhängigen Lohnarbeit - von insgesamt 9,4 Billionen Euro (bzw. 9.400 Milliarden Euro) den Besitzer. Das (im DGB-Text nach seiner Herkunft und Entstehung undifferenzierte) »Volksvermögen« hat sich im letzten Jahrzehnt um rund 20 Prozent erhöht. Die Verteilung des Erbvermögens ist sehr ungleich: Viele erben wenig, wenige Erben erhalten viel. Nur in 0,2 Prozent der Fälle ist die Erbschaft mehr als 250.000 Euro wert. Rund 28 Prozent der Erbschaften machen weniger als 25.000 Euro aus.

Die aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) bestätigt die Erkenntnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: Das reichste Prozent in Deutschland verfügt über 23 Prozent des »Volksvermögens«, die obersten fünf Prozent der Bevölkerung kontrollieren fast die Hälfte (46 Prozent). Für den großen Rest - vor allem aus der Wert- und Mehrwertschöpfung - bleibt nichts: Die unteren 70 Prozent der Bevölkerung kommen nur auf 9 Prozent des Gesamtvermögens bzw. »Volksvermögens«. Die reichsten zwei Prozent - aus der Gesamtbevölkerung der deutschen Klassengesellschaft - vereinigen ein Drittel aller Erbschaften auf sich - das sind bis 2020 etwa 800 Milliarden Euro.

Der DGB kommt zur Feststellung der objektiven Realität in der deutschen Klassengesellschaft:

»Seit der Jahrtausendwende driftet Deutschland stärker auseinander als andere Industrieländer - und die Finanzkrise verstärkte diese Umverteilung von unten nach oben. Während das ärmste Zehntel der Deutschen zehn Prozent weniger Einkommen hat als vor einer Dekade, verfügt das reichste Zehntel über 20 Prozent mehr. Der reale Lohn von Menschen mit geringer Qualifikation ist heute so niedrig wie 1985.« (DGB-Bundesvorstand)

Quelle vgl.:
DGB - Klartext 24/2011: “Viele erben wenig, wenige Erben viel“.
DGB-Bundesvorstand, Abteilung Wirtschafts-, Finanz- und Steuerpolitik.
www.dgb.de/themen/++co++088177b4-9e6a-11e0-6c58-00188b4dc422

Merke: »Der reale Lohn von Menschen mit geringer Qualifikation ist heute so niedrig wie 1985«

So, wie es ist, bleibt es nicht!

Gestern noch als bestmögliche Wirtschaftsform gefeiert, erscheint der Kapitalismus heute eher als fortwährende Bedrohung. Seine globale Krise hat Menschen und Unternehmen erschüttert und ganze Staaten in den Ruin getrieben. Staatliche Notkredite und radikale Kürzungsprogramme sollen den Standort retten, bedeuten aber neuen Verzicht für Lohnabhängige wie Erwerbslose. Sozial- und Gesundheitsleistungen werden gekürzt, das Rentenalter erhöht, gesellschaftliche Risiken insgesamt weiter privatisiert. Was einmal sicher schien, entpuppt sich als umkämpftes Zugeständnis auf Widerruf.

Das heraufbeschworene »neue deutsche Wirtschaftswunder« ist Teil der kapitalistischen Logik: Rasantes Wachstum hier und Staatspleite dort sind zwei Seiten desselben Prinzips. Während die »Wirtschaftsweisen« der Regierung noch darüber streiten, ob die Krise bereits überwunden oder doch nur aufgeschoben sei, ist eines bereits sicher: als ideologische Begleitmusik haben in Deutschland Rassismus und Sozialchauvinismus deutlich zugelegt.

Auf unserem Kongress wollen wir den grundlegenden Zusammenhang von Kapitalismus und Krise herausarbeiten. Wir wollen aber auch die aktuelle Krisenpolitik mit all ihren Zumutungen analysieren und über politische Strategien einer emanzipatorischen Linken streiten. Wir fragen nach der Transformation des Alltags, der Arbeit und des Sozialen. Wir untersuchen die Abgründe des Krisennationalismus und die Widersprüche der Forderung nach »sozialer Gerechtigkeit«. Wenn wir über Alternativen zum Kapitalismus diskutieren, dann in doppelter Stoßrichtung: gegen das verselbständigte, unnötige Zwangsverhältnis der Kapitalverwertung, aber auch gegen den (Real-)Sozialismus als schlechten, autoritären Versuch seiner Aufhebung.

Die »systemischen Risiken« und Krisentendenzen des Kapitalismus werden inzwischen öffentlich eingestanden. Dennoch scheint das historische Projekt seiner Überwindung derzeit ohne Chance. Gerade deshalb müssen wir klären: Wie kann ein Bezug auf »Kommunismus« heute aussehen? Wie kann radikale Kapitalismuskritik praktisch werden?

So, wie es ist, bleibt es nicht. Den Kapitalismus durch einen »Verein freier Menschen« (Marx) zu ersetzen, dieser Aufgabe sieht sich der Kongress verpflichtet.