Stilübungen mit und ohne Ball
Peter Esterhazys Buch „Keine Kunst“
Von Stefan Gleser
Das ist ein Reiz des Buches: Wer da am Spielfeldrand
steht und bis an die Grenze der
„Gotteslästerung“ gröhlt, ist kein Ultra in der
Kutte mit dem Flachmann in der
Gesässtasche, sondern leibhaftig die Mama in einem „klassischen
Christlich-adlige-Mitte-Dress“. Die ist nämlich Fussballfan:
„ Es gab nichts, womit
meine Mutter so eine Leidenschaft verband wie mit dem Fußball,
weder mit meinem
Vater noch mit ihren Kindern noch mit dem Herrgott." Die Mutter
als bestimmende
Figur hält die Buchdeckel zusammen. Denn im Roman „Keine
Kunst“ des ungarischen
Schriftstellers Peter Esterhazy trifft man auf vieles, die Geschichte
seines Landes
seit 1945, die Familienbande, die Stars der ungarischen Nationalelf
der fünfziger
Jahre, Anmerkungen zu Schreiben, Tod und Fussball, aber nicht auf eine
durchgängige
Erzählung.
„Keine Kunst“ ist ein trickreiches
Passspiel zwischen angenehm dahinplätschernden
Plauderton und Tragik. Weich hingetupft die Idylle: Lilike, so der Vorname
der
Mutter, setzt sich in ihre Gartenstühle die drei Genies, Bozsic,
Puskás und
Hidegkuti hin. Die nippen allerliebst Kaffee aus kostbarem Porzellan
und vergöttern
die Gastgeberin. Und rasch und bitter der Wechsel zum grossen Trauergesang
des Miki
Görög. Früher Mitspieler des Erzählers, jetzt versoffen,
krakeelt Görög vom
Dahinsiechen seiner Mutter, von ihren Beinstümpfen, vom „Mutterollstuhl“,
vom
vertrockneten Kuchen, den er ihr in den Mund bröckelt, von ihrem
Sterben
scheibchenweise.
Schon vor Jahren wies Esterhazy sinngemäss
daraufhin, dass wenn jeder, der von der
Rückkehr Ungarns nach Mitteleuropa spräche, nur einen Forint
in die Staatskasse
zahlen würde, Ungarn saniert wäre. Er macht sich gerne einen
Jux aus dem konformen
Einheitsbrei und vorgestanzten Formulierungen. Respekt, ja Furcht hat
er nur vor
„Patronisieren“ . Patronisieren ist das Wort, vor dem ihm
schaudert. Patronisieren
zerstört die Illusion als könnten Spott, freundliches Parlieren,
die Kunst überhaupt
helfen.
Und schon bevor die Häuser brannten und
die EU sich routinemässig besorgt zeigte,
fragte sich der junge Esterhazy: Wieso gehen die Gyetvás in eine
andere Schule als
ich? Die Gyetvás sind die einzigen in der ganzen Strasse, die
nicht in einem
Einfamilienhaus wohnen sondern in einem Verschlag. Die hausen so, wie
sich der
„Nicht-Zigeuner“ Zigeunerleben vorstellt. Gerade dann fair
zu spielen, wenn kein
Schiedsrichter da ist, ist ein Luxus, den man den Gyetváskindern
früh austreibt.
Niemand weiss, woher die Sätze kommen. Hat
er die von den Rentner am Stammtisch des
Sportheims, von sensiblen Intellektuellen, die plötzlich ihre Liebe
zum Fussball
entdeckt haben, oder ist es die in abertausenden von Spielen gekelterte
Weisheit:
Von einem Holzpfosten springt der Ball ganz anders ab als von Aluminium,
ein Spiel
gewinnt man nur über die Flügel, der Ball ist immer schneller
als du. .
Im Sozialismus verprügelte der Geheimdienst
seinen Vater. Der Kapitalismus startet
mit einem Mafiamord, wobei sich Esterhazy bitterspöttisch beklagt,
dass das Land
eines Bartok und eines Puskás auf albanische Hilfe angewiesen
ist, als ob man nicht
selbst korrupt sei, und liquidiert die Weberei, in der seine Mutter
arbeitete und
mit glanzvollem Kartenspiel und perfektem Französisch brillierte.
Was für uns früher
Jugo und Kamerad Türk, heute die Altenhelferin aus Polen, sind
für den Ungarn
anscheinend die Ungarn aus Siebenbürgen. Die alternde Mutter hat
so eine „Tante“ als
Pflegekraft.
Ungarn musste 1954 in Bern verlieren, damit der
Nichtungar sich unter Ungarn
weiterhin, die unverstandene Melancholie, die Wehmut der grossen Ebene,
die
Ausgeschlossenheit von der Welt vorstellen konnte, und Deutschland musste
gewinnen,
damit der Nichtdeutsche sich unter Deutsche weiterhin unermüdlich
rackernde
Arbeitstiere vorstellte. Das 3:2 vollendete Klischees.
Die wahre Heldin von „Keine Kunst“
aber ist, wie es sich für einen Schriftsteller
gehört, nicht die Mutter und nicht die „Goldene Elf“
(6:3 gegen England 1953 in
Wembley) sondern die Sprache. Da gibt´s Sätze, die sind länger
als ein 40-Meter-Pass
von Puskás, wahrscheinlich eine mir unbekannte Art der Bohumil-Hrabal-Ehrung,
da
gibt´s zuhauf Klammern, da gibt´s Einschübe aus dem
Deutschen und
Aneinanderreihungen sinnverwandter Wörter „Aber es ist nicht
einfach (sondern
schwierig, verwickelt, kompliziert, verworren, umständlich, verzwickt,
knifflig,
heikel, komplex, vielschichtig, verzweigt, unübersichtlich, diffizil,
umständlich,
prekär, vertrackt, haarig, (vertr.), tückisch (alt), mühevoll
(alt), problematisch
(id)“, dass Synonymwörterbücher vor Neid vergilben.
Darauf der klassische Einwand,
dass dies alles zu prunkvoll, zu überladen, zu manieriert, zu gipsern,
zu parfümiert
sei. Aber unbestreitbar ist Esterházy ein Meister, wenn´s
um die direkte Rede geht.
Hier beherrscht er alle Abstufungen, jede Schattierung. Entweder er
hat dem Volk
auf´s Maul geschaut oder er ist mit einem Tonband durch die Gegend
gelaufen.
Und vorm Abpfiff der Besprechung noch der Satz,
der es wert ist, in die Sohle eines
jeden Fussballschuhes eingeritzt zu werden: „Auf einmal ließ
Boszik den Ball auf dem
Rist stehen, fror den Augenblick quasi ein, zeigte ihnen ein wenig den
anderen,
sehet, mein geliebter Ball, an dem ich meine Freude habe.“
Das Buch wurde mit dem Deutschen Fußball-Kulturpreis,
Kategorie "Fußballbuch des
Jahres", 2009 ausgezeichnet.
Péter Esterházy
"Keine Kunst"
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Berlin Verlag, Berlin 2009
Gebunden, 240 Seiten
ISBN 9783827008152
22,00 Euro