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Saufen für den Regenwald
Kathrin Hartmanns Buch „Ende der Märchenstunde“

Von Stefan Gleser


Das gute Gewissen, die Moral, die Unschuld und die bessere Welt finden Sie heute in den Hochglanzprospekten der Konsumgüterindustrie. Je gekonnter sich ein Produkt folgenlos an eine Sozial- oder Ökobewegung ranschleimt, desto mehr Begeisterung findet es bei Lohas und Lifestyle-Ökos.

Diese Erkenntnis verdanke ich dem Buch „Ende der Märchenstunde“ von Kathrin Hartmann. Wer oder was ist ein Loha und was will er von der Welt? Loha ist das Kürzel für "Lifestyle of Health and Sustainability“, laut Wikipedia "Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit“. (Tja, wer möchte schon sein Leben auf der Grundlage von Krankheit und Ramsch führen? Allein der Name ist schon ein begnadet arroganter Hirnriss). Ein Loha verdient überdurchschnittlich gut, scheut Gaststätten, in denen man sich nach der Ketchupflasche erkundigt und plappert gerne die Slogans der Industrie nach. Sie nennen das dann „strategischen Konsum“ oder „ethisch korrektes Shoppen“. Begehrt sind Produkte, die vorher ein Werbefuzzi mit Ästhetik, Identität, Spiritualität, Authentizität, Moral und Nachhaltigkeit abgefüllt hat.

Der Loha ist eine Erfindung der Konsumgüterindustrie, um den Konsum zu steigern. Gesellschaftliche Aufgaben wie Arbeitsbedingungen, Umweltschutz oder Gesundheit sollen von Leuten übernommen werden, die an der Dividende interessiert sind. An zahlreichen Beispielen, über Autos, Bier, Fischstäbchen, Limonade, Kleidung etc führt Harthmann vor, dass der Verkauf eines Produktes um so besser funktioniert, je mehr Sinngebung es mit sich rumschleppt. Sittliche Überlegenheit per Kreditkarte ist angesagt.

Ein Hartz-IV-Empfänger, der im Discounter einkauft und bei der Tafel Schlange steht, schont die Umwelt mehr als jeder Lifestyle-Öko. Allein schon, weil er keine grosse Wohnung hat, selten Auto fährt und nicht mit dem Flugzeug die letzten Wildreservate dieser Welt besucht. Aber er kann sich halt kein gutes Gewissen kaufen und dies noch medienwirksam rausblöken.

Firmen, deren Sinn anscheinend darin besteht, um jeden Quadratmeter Regenwald zu kämpfen, haben ganze Mülllandschaften aus Sprachschrott errichtet, um jede
Gewinnabsicht sorgsamst zu tarnen. Bei „Corporate Responsability“ menschelt der der Konzern mal wieder, damit die Asche stimmt.

Konsum tritt an die Stelle von Wahlen, Streiks, Demonstrationen, Infoständen und
Mitgliedschaften. Der Kunde ersetzt den Bürger Es ist kein Zufall, dass Arbeitsämter und Argen arbeitssuchende Bürger als „Kunden“ bezeichnen. Es ist der Wandel weg von einer Bürgergesellschaft, die sich demokratisch und soziale Rechte erkämpft hat, hin zu einer stromlinienförmig gestylten und in Kasten unterteilten Ansammlung von Konsumtrotteln. Hie Plastikschrott und Schokoladenriegel, da Ökowein und Hybridauto. Lohas überlassen vorsätzlich das öffentliche Gespräch den Marketingexperten von den Konzernen. Bewusst einkaufen, Kundendemokratie oder Umweltschutz direkt an der
Einkaufskasse praktizieren, sind Beschönigungen für die schweifwedelnde Vergötzung des Marktes.

Loha bedeutet den endgültigen Abschied von der Politik. Lohas Erziehungssystem beispielsweise meint, dass die Güte der Windeln das Schicksal eines Menschen bestimmen soll. Zwar plärrt Loha gerne rum, dass er der Dritten Welt
hilft, in dem er sich auf den Seychellen natürlich bräunt, verschliesst "aber vor
der Armut im eigenen Land die Augen. Doch gegen die gibt es auch kein schickes
Produkt, das man kaufen und genießen kann". „Ich esse heute bewusst mein Bio-Steak, damit die ältere Frau an der Tafel nur zehn Minuten aufs Brot warten muss“, so was klingt nicht ganz publicitykompatibel, passt nicht in die heile Werbewelt der Lohas. Vorreiter, die Politik den Grossaktionären vollends zu überlassen, war die rotgrüne Bundesregierung. 2004 lud Otto Schily Vertreter von Siemens, BASF oder Deutsche Bank im Rahmen des „Personalaustauschprogramm Seitenwechsel“ in die Ministerien ein.

Hartmann hat ein bewundernswert hämisches Buch, voll grosser polemischer Wucht geschrieben, dass Spiessers Träumereien, wonach Limonade und Elektroautos „schmerzfrei“ die Welt ändern, zerpflückt: „Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem.“

Ein so schönes Buch verdient auch einen schönen Pfälzer Biostumpen, den ich mir
jetzt anzünde. Der Pfälzer Biostumpen macht die Welt in kleinen, genussvollvollen
Zügen glücklicher. Denn er stammt aus verantwortungsbewussten, heimatverwurzelten Tabakblättern. Pfälzer Biostumpen garantieren ein authentisches und nachhaltiges Wellnesshusten. Biostumpen sind das deutlich bessere Produkt, es macht unglaublich Spass, sie zu rauchen. Ich kann die Gardinen vergilben und tue etwas Gutes. Ein Cent von jeder Anstaltspackung geht an die Stiftung Raucherbein.

Kathrin Hartmann
Ende der Märchenstunde
Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt
Karl Blessing Verlag, München 2009
ISBN-10 3896674137
ISBN-13 9783896674135
Kartoniert, 250 Seiten, 16,95 EUR