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Die Reihe „Spuren“ des Merziger Gollenstein-Verlags sammelt längst vergessene Blicke bekannter Schriftsteller auf `s Saarland und seine Nachbarn. Diesmal hat sich Herausgeber Ralph Schock Alfred Döblin (1878 – 1957), Mediziner und Verfasser des „Berlin Alexanderplatz“ vorgenommen. Döblin meldet sich bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges des höheren Gehaltes wegen freiwillig. Er wird in Saargemünd, das damals zum Deutschen Reich gehört, als Militärarzt stationiert. Döblin empfindet das lothringische Städtchen zuerst als vertratschtes Kaff mit „Oberstabsärzten und anderen halbabgestorbenen Cholerikern“. Stütze in dieser Zeit ist ihm sein Verleger Herwalth Walden, an den er zahlreiche Briefe schreibt. Sie sind ein Kuddelmuddel aus Alltag, Einschätzung der aktuellen Lage und Arbeitsbericht. Wie viele Intellektuelle ist Döblin zuerst säbelrasselnd. Döblin habe, so Schock, vielleicht im Krieg eine „antibürgerliche Revolte“ vermutet. Und dann die Hoffnung, im Schützengraben schwände der Antisemitismus – Döblin war jüdischer Abkunft. Die Realität, die Krüppel von der Front und der Stellungskrieg ersetzen bald die Vaterlandsliebe: “Ich spucke auf ein Kohlenbergwerk, wenn man es mit 100.000 Leichen zu bezahlen hat”. Trotz Umzüge, Döblin wird 1917 nach Hagenau versetzt, kleinen Wohnungen, der Familie, dem Dienst und der fehlenden Bibliothek ist Döblin ausgesprochen produktiv. Er beginnt die Arbeit am „Wallenstein“. Zwei in dieser Zeit entstandene Erzählungen, die an Blies und Saar spielen, sind abgedruckt: „Das Gespenst vom Ritthof“ und die Groteske „Das verwerfliche Schwein“. Nach dem Krieg ist Döblin vom Patriotismus gründlich geheilt: „Die Feinde Deutschlands“ seien „mitten im Land: „Stabsärzte, die mit der Reitpeitsche durch die Krankensäle gingen, Pastoren, die ritten und am liebsten Dienst mit Waffen taten.“ Der Grossstädter Döblin war zeit seines Lebens mit dem flachen Land, mit der saarländisch-lothringischen Region verbunden. Am westlichen Abhang der Vogesen, im Dorf Housseras liegt er begraben, an der Seite seines Sohnes Wolfgang, der 1940 lieber den Freitod wählte als in die Hände der anrückenden Nazis zu fallen. 1952 kehrt Döblin noch einmal ins Saarland zurück. Seine „Saarbrücker Rede über das neue Europa“ beginnt mit einem Bibelzitat. Die Fischer Andreas und Simon Petrus lassen auf ein Wort Jesus´ ihre Vergangenheit, Familie, Beruf, Heimat hinter sich und werden „Menschenfischer“. Vergleichbar solle Europa die Kriege, die wegen einem „Herrscher und seiner Clique“ geführt wurden, und die ewigen Grenzstreitigkeiten, diesen blutigen Albtraum, abschütteln: „Das Gebiß, die Maske, die Kette heißt – die Vergangenheit.“ Und das ist der Punkt, weil die Nationalisten aller Länder immer historische Rechte, immer die Geschichte oder die allerschickste Torheit, die „ethnische Selbstbestimmung“ anrufen, um einen Krieg zu beginnen. Döblins Ansprache ist präzise, nüchtern und pathosabstinent; die üblichen Beschwörungsfloskeln ans alte Rom und Griechenland bleiben draussen. Und wie leicht hätte er sich bei den Mächtigen einschmeicheln können, wenn er zur Verteidigung des christlich-abendländischen Kulturkreises gegen die Sowjets, wie es damals Mode war, aufgerufen hätte! Döblins letzte Lebensjahre sind die Geschichte einer Isolation. In den Vereinigten Staaten war er wie Franz Werfel zum katholischen Glauben übergetreten, was ihn innerhalb der Verjagten nicht unbedingt beliebter machte. Bertolt Brecht schrieb darüber das Gedicht „Peinlicher Vorfall“. Nach der Befreiung kehrte Döblin nach Deutschland zurück und arbeitete in Baden-Baden für die französische Verwaltung und als Herausgeber der Zeitschrift „Das goldene Tor“. Enger Mitarbeiter wird dabei Anton Betzner. Den kennt Döblin schon aus den Weimarer Republik, dessen Roman „Antäus“ hatte er damals gefördert. Und wie sich jetzt langsam und schmerzhaft, aber ohne dass Döblin es sich auch nur mit einem Wort anmerken lässt, dass Verhältnis zwischen den beiden umkehrt, lässt sich im Briefwechsel nachlesen. Jetzt ist es Betzner, der für Döblins Romane wirbt und Vorträge vermittelt. Es ist erschütternd, wie Döblin, halbblind und Parkinson lässt ihn schütteln, anlässlich seines 75. Geburtstags sich bei Betzner für eine Postkarte bedankt, die gar nicht ankam. Döblin war zu diesem Ausblick schon nach Frankreich umgesiedelt. Vorher hatte er die Restauration in Westdeutschland abgeschätzt: „ An den wichtigsten Stellen und an den weniger wichtigen sitzen die Nazis.“ Döblins letzter grosser Roman „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“ erschien zuerst in der DDR. Die verstreuten Texte aus vierzig Jahren Arbeit werden durch eine einzigartige Gabe Döblins zusammengehalten: Höchste Artistik in einer scheinbar hingeschluderten, hastigen Umgangssprache zu verpacken statt mit Edelschickimickiprosa zu langweilen. Alfred Döblin, Meine Adresse ist: Saargemünd
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| Buchvorstellung
mit Erich Später "Villa
Waigner - Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939
- 1945" Do. 25.2.10, 19 Uhr N.N. Nauwieserstraße 19, 66111 Saarbrücken Mit der Besetzung Prags begann am 15. März 1939 eine sechsjährige deutsche Terrorherrschaft über das »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren«. Es wurde dem deutschen Herrschaftsbereich eingegliedert, von deutschen Konzernen und Banken ausgeplündert, das Eigentum seiner 80.000 jüdischen Bürger an deutsche Banken, Konzerne, Gemeinden, Wohlfahrtsverbände und Zehntausende Volksgenossen verteilt. Erich Später schildert den Prozess der Entrechtung, Enteignung, Deportation und Ermordung der tschechischen Juden. Beispielhaft rekonstruiert er die Enteignung und Ermordung des jüdischen Ehepaares Waigner, dessen Prager Villa ein begehrtes Objekt der Begierde hoher Nazifunktionäre wurde. Den Zuschlag für die »Judenvilla« erhielt schließlich der SS-Offizier Hanns Martin Schleyer. Die Geschichte der Villa Waigner und hier erstmals publizierte Dokumente über das Schicksal der jüdischen Besitzer sowie über die Nazikarriere der Bewohner ihrer arisierten Villa machen die Erkenntnis unausweichlich: Ohne Männer wie Hanns Martin Schleyer Schleyer wäre weder der Vernichtungskrieg im Osten noch der Holocaust möglich gewesen. Erich Später schreibt regelmäßig für die Zeitschrift "konkret" mit besonderem Bezug auf die Sudetendeutschen und ihre Verbrechen in der besetzten Tschechoslowakei. Bereits 2005 erschien sein Buch "Kein Frieden mit Tschechien - Die udetendeutschen und ihre Landsmannschaft" im konkret-Literaturverlag. CriThink |
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| Schernikau
im Alltag
Die Biografie "Der letzte Kommunist" von Matthias Frings über seinen früh verstorbenen Freund, den Schriftsteller Ronald M. Schernikau, hat sicher dazu beigetragen, dessen Werk weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Mit "Königin im Dreck" erscheint nun eine Sammlung von Essays, Reportagen und Interviews Schernikaus. Hier findet sich der alltägliche Schernikau, die Arbeiten abseits des umjubelten Debüts "kleinstadtnovelle" und der beiden großen Werke "die tage in l." und "legende". "ich brauche geld. ich bin homosexuell und links, und ich schreibe romane. davon kann ich nicht leben. wer hilft mir?", heißt es in einem in "Königin im Dreck" abgedruckten Originaldokument. Viele der hier veröffentlichten Texte dürften dem schnöden Broterwerb gedient haben. Dass auch in diesen Auftragsarbeiten der Autor Schernikau unmissverständlich zu hören ist, spricht für seine Kunst. Diese Art von Texten prägen den ersten Teil der Sammlung, in ihnen ist die Lebendigkeit ihres Autors und auch sein Unwille zur Anpassung an die Gegebenheiten zu spüren. Am eindrucksvollsten aber sind zwei später entstandene Arbeiten. Es sind Texte, die auf tragische Weise mit Gegenwart und Zukunft Schernikaus verbunden sind. Das ist zum einen die Reportage "Das Personal. Über die Arbeit mit AIDS", die Patienten und Ärzte in einer Münchner Station für HIV-Positive porträtiert. Und das ist zum anderen die "Rede auf dem Kongress der Schriftsteller der DDR" aus dem März 1990, als der kurz zuvor in die DDR übergesiedelte Schernikau u.a. sagte: "Am 9. November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können." Sicher wird ohne eine gewisse Kenntnis vom Leben und Werk Schernikaus "Königin im Dreck" nur schwer zugänglich bleiben, sie vorausgesetzt aber stellt das Buch eine große Bereicherung dar. J G Ronald M. Schernikau: Königin im Dreck - Texte zur Zeit. Verbrecher Verlag, Berlin 2009. 304 Seiten, 15 EUR |
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