Das Deutschland-Horoskop für 2010
Uns
steht ein ganz großes Jahr bevor
Orakel
von Gisbert Spränzer
Alle Jahre wieder, wenn im Herbst die ersten Blätter von den Bäumen
fallen, strömen
in den Redaktionen der Print-, TV- und Internet-Medien ganze Heerscharen
von emsigen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammen. Ihre Aufgabe besteht darin,
das
vergangene Jahr noch einmal zu lobpreisen und die Katastrophen, Affären,
Siege und
Pleiten der letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen. Das
nach dem Sommerloch
zweitberüchtigste Medienloch wird kunstgerecht aufgefüllt.
An die Zukunft denkt
dabei so gut wie niemand.
Alle Jahre wieder treffen sich jedoch am Heiligen Abend die zwölf
Propheten des
astrologischen Zirkels der Universität des Saarlandes, um miteinander
bis tief in
die stille hochheilige Nacht hinein in das große Glas der Wahrheit
zu schauen und
die kommenden Dinge der nächsten zwölf Monate vorherzusehen,
zu analysieren und
danach dem Erdkreis kund zu tun. Schon ihre Vorväter hatten das
Eisberg-Attentat auf
den Luxusliner Titanic auf die Stunde genau vorhergesagt. Der „Gugg-
in- die-
Zukunft“ der Saar-Astrologen gilt sowohl national als auch international
als
Richtlinie für das politische Handeln der Großen dieser Welt.
Januar: Die Bundesregierung gibt bekannt, dass ab sofort die Verbreitung
politischer
Witze im Internet unter Strafe gestellt wird und die entsprechenden
Webseiten
gesperrt werden. Das Bundesverfassungsgericht gibt einem Eilantrag der
Piratenpartei
statt und verhindert zunächst die Zensur der Witzseiten im Internet.
Das Wachstumsbeschleunigungsgesetz zeigt erste Wirkung in den Stundenhotels
der
Republik. Rammeln zum ermäßigten Mehrwersteuersatz, dank
der FDP, sorgt für
randvolle Etablissements. Es kommt zu Warteschlangen vor den Hoteleingängen
und zu
Protesten der Kirchen. Während sich die FDP selbst feiert, drohen
christliche
Unionspolitiker mit dem Bruch der Koalition.
Februar: Der Daimler- Konzern lässt offiziell durchsickern, man
werde bis Jahresende
die Produktion leichter bis mittelschwerer Nutzfahrzeuge nach Ägypten
und in den
Sudan verlagern. In der Begründung heißt es, dort seien die
Mitarbeiter bereit, für
einen Stundenlohn von 27 Euro-Cent die Stunde rund um die Uhr und an
sieben Tagen in
der Woche zu arbeiten. Zudem seien sowohl Ägypter als auch Sudanesen
bereit, auf
Urlaub und bezahlte Pinkelpausen zu verzichten. Nachdem sich die IG
Metall-Führung
vom ersten Schock erholt hat, bietet sie ihrerseits einen umfassenden
Lohn- und
Urlaubsverzicht an, fordert aber mit Nachdruck, der Staat müsse
für einen
entsprechenden Lohnausgleich über das Hartz- IV- Instrumentarium
sorgen. Während DIE
LINKE mal wieder die Hartz- IV- Regelsätze erhöhen will, tritt
die FDP für die freie
Entfaltung der Marktkräfte ein. Es sei egal, ob Sprinter und Atego
aus dem Sudan
oder Ägypten kommen. Wichtig sei lediglich der immens niedrige
Steuersatz am oberen
Nil, der es den Unternehmen ermögliche, ihre Rendite zu verbessern.
März: Bundeskanzlerin Merkel sagt vor dem Untersuchungsausschuss
des Deutschen
Bundestages zu dem verheerenden Bombenangriff in der Nähe von Kundus
aus. Die
Kanzlerin beteuer, von nichts eine Ahnung gehabt zu haben, will aber
des Bedauerns
wegen künftig für das Seelenheil der Witwen und Waisen beten
lassen. Während der
Aussage Merkels verbiegen sich etliche Balken in der Decke des Reichstages
und
mehrere schwere Stahlträger lösen sich aus ihrer Verankerung.
Der Reichstag muss
geräumt werden. Mit Zustimmung aller Parteien wird der Untersuchungsausschuss
vorzeitig für beendet erklärt.
April: Das Trierer Bistums-Fest HeiligRock-Tage 2010 vom 16. bis zum
25. April –
steht unter keinem guten Stern. Bereits am 1. April stellt ein Domherr
fest, der
Kittel des Heilands ist verschwunden. Eine Großfahndung nach der
Tunika Christi
bleibt erfolglos. In Luxembourg wird eine Punkerin wegen ihrer auffälligen
Kleidung
verhaftet. In Köln wird ein großes Bekleidungshaus durchsucht.
Ein Werbeprospekt
hatte verkündet, die Preise für Kittelschürzen würden
Wunder im Geldbeutel der
Konsumenten wirken. Der Hinweis einer Trierer Reinigung löst das
Geheimnis nur
wenige Stunden vor der Eröffnung des großen Bistums-Festes.
Einer Halbtagskraft war
der zerschlissene Kittel des Herrn aufgefallen. Zusammen mit dem Dienstanzug
eines
Kaplans war das völlig aus der Mode gekommene Kleidungsstück
dort zur gründlichen
Säuberung abgegeben worden. Trotzdem, die katholische Kirche meldet
ein neues Wunder
des Rocks der Röcke. Der Heilige Rock hat das Chemikalienbad auf
wundersame Weise
überstanden und ist aus der Reinigungstrommel, zwar leicht eingelaufen,
jedoch in
strahlendem Weiß wieder auferstanden. Das Bistumsfest wird daraufhin
bis in den
Sommer hinein verlängert.
Mai: Eugen Roth, Vorsitzender des DGB- Saar, hält zum Kampftag
der Arbeiter eine
flammende Rede. Roth darf im Vorprogramm auftreten. Hauptredner ist
Oskar
Lafontaine. Oskar ruft bei Freibier zum Sturz von Saarmaika- Häuptling
Peter Müller
und seiner Rastafari auf. Die Saar-Revolution wird ein Schlag ins Wasser.
Die
Revoluzzer sind irritiert. Zwar werden Handzettel mit allen Anweisungen
zur
Durchführung einer ordentlichen Revolution verteilt, allerdings
fehlt noch der
Stempel des Saarbrücker Ordnungsamtes auf der Revolutionsgenehmigung,
und eine
Revolution ohne Behördenstempel ist im Saarland undenkbar.
Juni: Deutschland einig Fussballland. - Die Nation stürzt sich
kopfüber in einen
Rausch. In Südafrika stehen Deutschlands Elitekicker samt Adler
auf der Brust nur
noch wenige Spiele vor dem Gewinn der Fussballweltmeisterschaft. In
Deutschland
steigt der Bierkonsum, während die Bundesregierung klammheimlich
über neue
Steuersenkungen für den Geldadel nachdenkt. Deutschland siegt zum
WM-Auftakt über
Australien knapp mit 2:1. Die Flugbereitschaft der Bundeswehr karrt
Kanzlerin Merkel
samt Hofstaat ans Kap der guten Hoffnung. Niemand bemerkt, dass die
Maschine der
Kanzlerin drei Tage lang über dem Kongo verschollen ist. Ein Suchhubschrauber
entdeckt die Havaristen putzmunter in einem abgelegenen Eingeborenendorf
bei einem
Fruchtbarkeitstanz mit dem Häuptling. Aussenminister Westerwelle
bleibt
verschwunden. Es sei mit einem gewissen Tarzan zu Landschaftsstudien
aufgebrochen,
meldet eine große Boulevardzeitung. Nach dem hochgefeierten Sieg
über Australien
folgt Murks gegen Ghana und eine derbe Pleite gegen die bösen Serben.
Serbische
Bohnensuppe wird in Deutschland offiziell verboten. Deutschlands Kicker
erreichen
ohne Kanzlerin Merkel nur knapp die nächste Runde.
Juli: Deutschlands Fussballrausch boomt weiter. Eine Nation kleidet
sich in schwarz-
rot- gold. Selbst Windeln in den Nationalfarben werden vollgedrückt.
Deutschlands
Kicker erreichen das Viertelfinale und treffen auf ihren Lieblingsgegner
Italien. In
Südafrika versammelt sich die gesamte Bundesregierung und bis auf
wenige linke
Fusballmuffel auch der gesamte Bundestag. Einem Staatssekretär
aus dem
Bundesfinanzministerium ist es bei einem Tauchgang im Haushaltsloch
gelungen, noch
genügend Bares an die Oberfläche zu bringen, um die Reise
ans Kap der Guten Hoffnung
zu finanzieren.
Jogi Löws Truppe schlägt sich wacker. Nach packenden 90 Minuten
steht es 2:2.
Knallhart jedoch schlägt das Schicksal in der 112. Spielminute
zu. Die Natur
verlangt von Deutschlands Nummer Eins ihren Tribut. Ein unerwartet hoher
Blasendruck
zwingt Torhüter Adler zu einer kurzen Zwangspause im Seitenaus.
Schamlos nützt der
italienische Linksverteidiger Enzo Spazzagutti die Gelegenheit zu einem
Schuss aus
40 Metern Distanz. Der Ball landet im Netz. Italien siegt. Bundespräsident
Horst
Köhler fällt auf der Ehrentribühne mit dem Götz-
Zitat auf den Lippen in Ohnmacht.
Kanzlerin Merkel entfährt gleich drei mal hintereinander der Satz:
„So ein Scheiß“.
Deutschlands Fussballrausch weicht einer gigantischen Depression. Schuld
an
Deutschlands Fussballdebakel ist die internationale Wettmafia.
August: Heiße Luft aus der Sahara bringt das öffentliche
Leben zwischen Garmisch und
Flensburg fast völlig zum Erliegen. Nur aus dem Berliner Willy-Brandt-Haus
dringt
das Geräusch einer Säge. Die Sozis sägen am Stuhl ihres
Bundestrainers. Die Hartz-
IV- Partei hat endlich das Projekt 18 erreicht. Wegen der prekären
Personalsituation
wird erstmals in der Geschichte ein Ausländer als Favorit für
den Schleuderstuhl der
SPD gehandelt.
Ein Skandal erschüttert die Lindenstraße. Tanja Schildknecht
stürzt in eine tiefe
Lebenskrise und verlobt sich spontan mit „Penner Harry“.
Mutter Beimer wird bei
einem erneuten Besuch in Indien von einer Rikscha angefahren und leicht
verletzt.
Der Fahrer wird wegen „Schändung einer heiligen Kuh“
zu einer Haftstrafe verurteilt.
Murad, Besitzer des Dönerladens, durchschnüffelt den Keller
von Andy Zenker, der
dort fünf Zentner Feuerwerkskörper und Raketen für den
kommenden Jahreswechsel
gelagert hat. Mangels Taschenlampe entzündet Murad ein Streichholz...........Eine
Nation atmet auf.
September: Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) verzichtet ab sofort
auf das monatliche
Zeremoniell der Arbeitslosenstatistik. Aus Kostengründen wurden
den Schönfärbern die
Planstellen gekündigt. Es wird ab sofort nur noch die Zahl der
offenen Stellen per
Flashmob bekannt gegeben.
Aus den USA droht eine neue Grippewelle über die Kontinente zu
schwappen. Die
Pandemie wird von einer bisher unbekannten Radieschenart ausgelöst
und kann nur
wirksam mit Hilfe von Zäpfchen einiger weniger Pharmakonzerne bekämpft
werden. In
Deutschland rufen die Gesundheitsminister der Bundesländer die
Bevölkerung auf, sich
diesmal zur Grippeabwehr den Hintern ordentlich veredeln zu lassen.
Oktober: Wieder einmal begeht die Nation den Tag der deutschen Einigkeit.
Zur Feier
des Tages wird ein allgemein gültiger Mindestlohn von 4.20 Euro
in Ost und West
verbindlich eingeführt. Quer durch das Parteienspektrum und die
Gewerkschaften geht
ein Ruck der Zufriedenheit. Lediglich die Liberalen verlangen als Ausgleich
für die
soziale Wohltat Steuererleichterungen für den Mittelstand. Für
Firmenwagen sollen
Öko- und Mehrwertsteuer an den Tankstellen um die Hälfte reduziert
werden.
November: Der Klimawandel greift in Deutschland. Im Schwarzwald wird
die erste
Kaffeeernte eingefahren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes
(Destatis)
werden keine Südfrüchte mehr eingeführt. Die Zitronen-
und Orangenbäume blühen im
Spätherbst sogar auf Helgoland, Sylt und in der Kieler Bucht. Wilde
Affen tummeln
sich auf der Kuppel des Reichstages, und im Arbeitszimmer der Kanzlerin
hält ein
Eisbär einen ausgiebigen Mittagsschlaf.
Der Deutsche Bundestag stimmt mit der Mehrheit der schwarz- gelben
Koalition einem
weiteren Wachstumsbeschleunigungsgesetz zu. Auf Flug- und Schiffsreisen
werden ab
Januar 2011 nur noch sieben statt 19 Prozent Märchensteuer erhoben.
Dezember: Während Weihnachten wieder mal unaufhaltsam heranrückt,
drohen Deutschland
Staatsbankrott und Balkanisierung. Zur kurzfristigen Deckung des Staatsdefizits
verscherbelt Bundesfinanzminister Schäuble weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns
an
einen russischen Oligarchen. Niemand im Nordosten der Republik bemerkt
den Deal,
denn es bleibt alles beim alten. Während der Investor über
ein grenzenloses Vermögen
verfügt, lebt die Bevölkerung in bitterster Armut.
Der Versuch, auch das Saarland zu verhökern, misslingt allerdings.
Die Regierung
Müller/Ostermann/Ulrich thront auf einem derart hohen Schuldenberg,
dass selbst die
tollkühnsten Investoren wieder mit Grausen das Weite suchen. Bayern,
Baden-
Württemberg und Sachsen werden mit letzter Kraft der Schuldenfalle
entkommen. Sie
gründen den Südstaat „Magna Bavaria“ und kündigen
fristlos die Mitgliedschaft in der
Bundesrepublik Deutschland.
Wie alle Jahre zuvor treffen sich am Heiligen Abend die zwölf
Propheten des
astrologischen Zirkels der Universität des Saarlandes, um miteinander
bis tief in
die stille hochheilige Nacht hinein in das große Glas der Wahrheit
zu schauen und
die kommenden Dinge der nächsten zwölf Monate vorherzusehen,
zu analysieren und
danach dem Erdkreis kund zu tun. Der brutalst mögliche „Gugg-
in- die- Zukunft“ für
das Jahr 2011 wird Deutschland auch dieses Mal wieder ein ganz großes
Jahr
vorausorakeln.