Neue Jugend,
alter Hass
Ein neues
Buch stellt die Autonomen Nationalisten vor
Von Stefan Gleser
„Für Musik, Essen und Kleidung gab es vorher in der Nazi-Szene
eine zwanghafte
Ordnung. Mit dem neuen Konzept konnte man freier sein.“ So ein
Aussteiger aus
faschistischen Kreisen über Auftritt und Erscheinung der „Autonomen
Nationalisten“
(AN). Die Linken reagierte über das Auftauchen der AN erstmal verblüfft:
Kapuzenpullis, englischsprachige Parolen wie „Fuck the system“,
Sonnenbrille,
Vermummung, Schwarzer Block, Hausbesetzungen, Graffiti sprühen,
Palästinensertuch
oder Musik von „Ton, Steine, Scherben“, aber das kannte
man doch von früher!
Der Unrast-Verlag erläutert jetzt in einem kleinen Band, wie sich
jugendliche Nazis
äusserlich an den Zeitgeist anpassen.
Christoph Schulze umreisst die Geschichte der AN. Nach den Pogromen
von Hoyerswerda
und Rostock, nach den Mordanschlägen von Solingen und Mölln
wurde eine Reihe
nazistischer Kleingruppen verboten. Als Reaktion darauf entstanden die
„Freien
Kameradschaften“ oder „Freie Nationalisten“; Organisationen
ohne feste Organisation,
in kleinem Rahmen, ohne Partei- oder Vereinsstatus, die sich so juristischer
Massnahmen entzogen. Die „Kameradschaft Tor“ aus Berlin
beobachtete das Verhalten
der Linken in ihren Bezirk genau und verfiel auf die Idee des Abkupferns.
Am 1. Mai
2004 trat sie bei einer Nazidemo erstmals als „schwarzer Block“
auf. Die Bilder
faszinierten die jungen Nazis bundesweit.
Hochburgen der Autonomen Nationalisten sind Metropolen wie Berlin oder
das
Ruhrgebiet. Johannes Lohmann führt uns in die Provinz, in einen
gutbürgerlichen
Vorort von Köln. Der Alltagsrassismus ist der Nährboden für
die AN. Die Jugendlichen
stammen oft aus Familien der oberen Mittelschicht Der Anteil der Männer
unter der
AN ist, entgegen der Selbstdarstellung in Videos, noch höher als
bei anderen Nazis.
Auf dem flachen Land müssen sich die AN den Problemen der Gleichaltrigen
stellen:
Beruf und Studium verlangen oft einen Umzug. In der Kleinstadt kennt
jeder jeden.
Ein Strafprozess macht schnell die Runde.
NPD und AN unterscheiden sich durch Verpackung und Kundenkreis, nicht
im Inhalt. Die
NPD, voran ihr sächsischer Flügel, propagiert den „netten
Nazi von nebenan“, der
sich in der Hausaufgabenbetreuung engagiert. Die „braune Caritas“,
die sich
scheinbar rührend um die kleinen Mann, dem Opfer der Globalisierung,
kümmert, passt
schlecht zum hippen, coolen Lifestyle der AN. Inmitten von Party, Event
und
Glamour, den alle Musikkanäle verstrahlen, würden die Autonomen
Nationalisten unter
ihren Altersgenossen als verbohrte, lustfeindliche Asketen auffallen,
wenn sie allzu
viel Wert auf angeblich deutsches Arbeitsethos und einen „gesunden
Volkskörper“
legen würden. Die NPD betreibt Stammkundenpflege; die AN erobern
neues Terrain. AN
und NPD differenzieren in Fragen der Form, des Ausdrucks, des Stils.
Genau wie es
Léon Blum, der Ministerpräsident der französischen
Volksfront sagte: Der Faschismus
ist eine Ästhetik.
David Begrich beschreibt wie Nazis klassische linke Symbole aus ihrem
Zusammenhalt
entfernen und in ein rechtsextremes Milieu bringen. Er kann sich dabei
auf den
Philosophen Ernst Bloch berufen, der in der Weimarer Republik beobachtete
wie die
Nazis Agitation, Stadtteilarbeit, Sprache und Aufzüge der Roten
nachahmten. Bei
diesen „Entwendungen aus der Kommune“ begräbt die Form
den Stoff, der Stil verdrängt
den Inhalt.
Der Mummenschanz der Autonomen Nationalisten bietet den Vorsteil, sich
in der
Gruppe, im „schwarzen Block“ als revolutionärer Strassenkämpfer
zu inszenieren und
zumindest in den grossen Städten anonym zu bleiben. Ein Skinhead
erregt sofort
Zustimmung oder Ablehnung.
Innerhalb der diversen Nazigruppen sind die AN die Speerspitze der
Brutalität. In
Hamburg sorgten sie 2008 für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse;
am 1. Mai 2009
griffen sie in Dortmund eine DGB-Kundgebung an.
Das Buch liefert einen präzisen Überblick und verdeutlicht,
dass die Autonomen
Nationalisten eine ständige Gefahr für jeden sind, der anders
aussieht oder anders
denkt, als diese es wünschen.
Jürgen Peters / Christoph Schulze (Hg.): „Autonome Nationalisten“.
Die
Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur“, Unrast Verlag,
Münster 2009, 72
Seiten 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-101-3