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Karstadt in Kaiserslautern macht dicht - Kolleginnen und Kollegen in Kaiserslautern sind die Avantgarde unter den Filialen

„Kapitalismus in Reinkultur“


Von Stefan Gleser

Was in Kaiserslautern noch floriert, ist der Erwerbslosenausschuss der
Gewerkschaften. Jetzt kann er über 180 neue Mitglieder begrüssen. Karstadt, das
einzige Kaufhaus in der Innenstadt, wird zum 31. März nächsten Jahres stillgelegt.
Ein 50jähriger Abteilungsleiter kann sich schon mal drauf vorbereiten, Tagesstruktur
und Bewerbungstraining in einer Qualifizierungsgesellschaft zu lernen.

Am Donnerstagmorgen fand eine Protestversammlung gegen die Schliessung, gegen die
„Geschäftsstraffung“, wie es im Rotwelsch des Kapitals heisst, statt. Kolleginnen
und Kollegen von den Technischen Werken, von Opel und vom Roten Kreuz bewiesen ihre
Verbundenheit.

„Wir wurden betrogen, belogen und hintergangen“, so der Betriebsratsvorsitzende
Hermann Heinrich zu Beginn seiner Rede. Nachdem Karstadt in Kaiserslautern
jahrzentelang lang Millionengewinne erbrachte, steht jetzt kein Cent für eine
Auffanggesellschaft bereit. Eine Verkäuferin erhalte nach dreissig Jahren
Betriebszugehörigkeit im Höchstfall 5 000 Euro Brutto Abfindung. Man sei ständig
vertröstet und hingehalten worden, um die einzeln Filialen und deren Mitarbeiter
gegeneinander auszuspielen.

Dirk Reimers von der ver.di-Landesleitung sprach vom „Kapitalismus in Reinkultur“.
Ferner: „Was Leute verbockt haben, die mit ihren Millionengehältern über alle Berge
sind, fällt jetzt Menschen auf die Füße, die von 1000 Euro netto leben müssen und in
der Westpfalz keine Perspektive haben.“

Alfred Klingel überbrachte Grüsse von den Opel-Kollegen. Michael Dietjen betonte die
Solidarität der anderen DGB-Gewerkschaften.

Es muss der Moment der gemeinsamen Gedächtnisschwäche gewesen sein, der es
Befürwortern von Hartz IV, Rente mit 67 und Rezeptgebühr, wie dem
Ministerpräsidenten Kurt Beck und der stellvertretenden Bürgermeisterin Susanne
Wimmer-Leonhardt gestattete, ihre Anteilnahme mit Lohnabhängigen auszudrücken.

Der Betriebsrat erwägt rechtliche Schritte gegen die Konzernleitung. Es bestünde der
Verdacht, dass die Insolvenzmasse geschädigt werde.

Der Untergang von Karstadt wird auch Kolleginnen und Kolleginnen in Reinigungs- und
Zuliefererfirmen in den Abgrund reissen.

Michael Sauter ist Geschäftsführer der Filiale in Kaiserslautern. Er ist seit über
dreissig Jahren in seinem Beruf und 16mal umgezogen. Für den Kaufmann macht die
Entscheidung der Insolvenzverwaltung keinen Sinn.

Was Organisationsgrad, Kampfesstärke und Solidarität angeht, so sind die Kolleginnen
und Kollegen in Kaiserslautern die Avantgarde unter den Filialen. Als Kampf gegen
die Gewerkschaften hat die Schließung also durchaus ihre Berechtigung.

Coca-Cola verlagert, Opel zittert, die Bäckerei Klein unter Insolvenzverwaltung. Um
zu wissen, wie es in Kaiserslautern demnächst aussieht, brauchen Sie nicht vor Ort
zu sein. Bleiben Sie im Lehnstuhl sitzen und lesen Sie ein unscheinbares Buch aus
dem 19. Jahrhundert. Lesen Sie, was Friedrich Engels über Trunksucht, Verbrechen,
Mangelernährung und Verwahrlosung der arbeitenden Klassen in England schrieb, um
sich ein künftiges Bild des „aufstrebenden Technologiezentrums“ zu machen. Der
knospenden Bürgerkrieg im Kleinen, die Gefahr verprügelt zu werden, weil man den
falschen Fussballklub bevorzugt oder die falschen Hauptpigmente besitzt oder auf
einen Rollstuhl angewiesen ist, beschränkt sich nicht auf die abendliche Altstadt
oder „soziale Brennpunkte“. Die ganze Stadt wird bald einer sein. Sagt die
Verwaltung „urbane Flaniermeile“, übersetzt es der Bürger mit Bauruinen,
Ein-Euro-Shops, Handygeschäfte, Schilder auf denen „Laden zu vermieten“ steht, und
Plakate, die um Schulbücher für Kinder betteln.