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Freiheitsemotionen Sehr geehrter Herr Polizeipräsident, am Morgen des 9. November hatte ich mein Fahrrad gegenüber dem Eingang zu meiner Arbeitsstelle in der Wilhelmstraße 68 a (in Berlin-Mitte) abgestellt und wie üblich an einem der Bäume angeschlossen. Nichts wies darauf hin, daß das Fahrradabstellen auf dieser Straßenseite an diesem Tag ausnahmsweise verboten sei. Nach meiner Arbeit freute ich mich darauf, auf meinem Fahrrad vor der angesammelten Ergriffenheit der Politiker und ihrer Hofschranzen, die sich rund um das Brandenburger Tor selbst feierten, Richtung Osten fliehen zu können. Ich freute mich darauf, so schnell wie möglich den, von den Konzernmedien auf allen Kanälen verordneten Freiheitsemotionen zu entkommen. Direkt an der Pforte der Hausnummer 68 a, wo viele Angestellte rein und raus müssen, standen die Fahrräder wie jeden Tag dicht gedrängt, doch auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo wegen einer Baustelle keiner läuft, war mein Fahrrad, wie alle anderen Fahrräder, spurlos verschwunden. Menschenmassen drängten sich in den umliegenden Straßen, »Event Touristen«, viele hörbar aus dem Ausland, ein Mauerfall-Disneyland für Deutschland haltend. Offensichtlich wenig Berliner, die dem Staatszirkus wohl lieber fern blieben. (…) Auf der verzweifelten Suche nach meinem Fahrrad fragte ich eine Gruppe von uniformierten Beamten, ob sie nicht gesehen hätten, wie die Fahrräder geklaut wurden. Ein hilfsbereiter Polizist telefonierte und berichtete, Kollegen hätten den Befehl erhalten, die Fahrräder »aus Sicherheitsgründen« zu entfernen. Wen diese bedrohten? Na, da könnten Bomben angebracht sein. Mein Fahrradkorb war doch sichtbar leer! Und wieso waren die Fahrräder nur auf der einen Straßenseite bombenverdächtig und nicht die auf der anderen Seite? Ich ging von einer Gruppe Polizisten zur anderen. Keiner konnte mir helfen, mein Fahrrad zu finden. Diskret durch Augenverdrehen oder Schmunzeln ließen sie alle durchblicken, daß sie den Befehl, diese Fahrräder zu entfernen, auch nicht verstanden, und alle zeigten Sympathie mit meinem Vorschlag, eine Mauer zu errichten, um das Volk vor den herrschenden Politikern zu schützen. Ein weiser Uniformierter meinte, als kein anderer zuhörte, auch die Medien gehörten hinter diese Mauer. (…) Nach langem Hin und Her fanden Beamte schließlich heraus, daß ein Teil der Fahrräder (…) auf dem Abschnitt der Dorotheenstraße abgestellt wurden, durch den sich die Mauerfall-Disneyland suchenden Touristenmassen durchzwängen mußten. Ich machte mich nun auf die Suche nach meinem geliebten Fahrrad unter den vielen, die da nun zwangsverbracht im Regen standen. Schließlich gab ich auf, in der Hoffnung es am Morgen danach zu finden. Fröstelnd lief ich, meine Suche fortsetzend, durch die frühmorgendlichen Straßen. (…) Mein Fahrrad fand ich schließlich mit diebisch durchschnittenem Schloß auf einer Polizeiwache angekettet mit all den anderen polizeilich geklauten Fahrrädern. Sehr geehrter Herr Polizeipräsident, ich bitte Sie mich aufzuklären: Warum wurde auf polizeilichen Befehl mein Fahrrad als Sicherheitsrisiko eingestuft, nur weil es auf der einen und nicht auf der anderen Straßenseite stand? Warum wurden andere Fahrräder ebenso als Sicherheitsrisiko – möglicherweise bombenverdächtig – selektiert, von der menschenleeren Seite der Wilhelmstraße entfernt und von Ihren Beamten auf der mit Menschen verstopften Dorotheenstraße abgestellt? |
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