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Lili Grün - Alles ist Jazz

Gediegene Komik - Die Looser von der Kleinkunst stellen sich vor

Von Stefan Gleser

Es fällt schwer, etwas Witziges und Charmantes über ein witziges und charmantes Buch wie Lily Grüns „Alles ist Jazz“ zu erzählen. Bei jedem Versuch würde ich mit ihr verglichen werden und ins Hintertreffen geraten. Lieber den Inhalt runterspulen: „Alles ist Jazz“ erschien als „Herz über Bord“ zu dem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich 1933, im Wiener Zsolnay Verlag.

Dank Hartz IV und Prekariat braucht es weder geschichtliche Kenntnis noch viel Einfühlungsvermögen, um das Milieu des Romans zu verstehen. Die Protagonistin Elli zittert im Berlin Ende der zwanziger Jahre dem Monatsende entgegen, wenn es gilt, die Miete zu begleichen. Ihr Wunsch ist es, Schauspielerin zu werden. Das hat sie mit ihrer Schöpferin gemeinsam, die tagsüber in einer Konditorei aushalf, und abends
schrieb oder auf der Bühne stand.

In den Strassen die Filmplakate der Stars sehen, in den Auslagen Klamotten gucken, die man nicht bezahlen kann, und einen Freund, den sie nach seinem Vornamen „Robertsorgen“ nennt, haben, der durch die Pedanterie eines Ärmelschoners besticht. Da schleicht sich Ödnis ins Herz. Und sie erfindet „alleiniger“ als Steigerung von allein.

Wenn da nicht Hullo wäre! Hullo ist Kollege und macht ein Kabarett auf, in dem sie und andere arbeitslose Schauspieler spielen werden. Und es ist eine Wohltat, Hullo dabei zu lauschen, wie er die Sache ins Rollen bringt und weit und breit taucht kein Kultureventmanager auf, der eine Satireprojekt startet, das mit provozierende Thesen Tabus bricht und Denkanstösse vermittelt. Denn das ist einer der Vorzüge des Buches,
dass die Grün keine verquasten Befindlichkeiten Gassi führt, sondern der hierzulande seltnen und wenig geachteten Vorstellung frönt, dass Literatur auch mal aufklären und unterhalten solle. Und so erzählen lakonischer Witz und sparsamer Dialog, was der Elli so alles passiert, wenn sie sich den Anforderungen des Grosstadtlebens mitten in der Wirtschaftskrise stellt.

Zuflucht und letzte Stütze für Elli ist Hanna. Das ist die behaglich verheiratete Freundin in Wien. Hannas Briefe garantieren das Zimmer und versichern extra, das Elli eines Tags gross rauskommt.

Anwandlungen von Melancholie führen Elli in ihre Kindheit, die sie daunenflaumwarm mit Himbeersaft und Schulschwänzen polstert. Kritiken ihrer Auftritte hebt sie auf wie Reliquien. Man kann auch tagelang von der aufmunternden Geste, von einem lobenden Wort eines berühmten Kollegen leben. Oder man kann sich selbst einflüstern,
dass man an sich eine vernünftige Frau ist, die mit Geld und Geliebten umzugehen weiss, und sich danach sofort in die Finger schneiden.

Ellis Magen reagiert völlig verwirrt, wenn er mal mit etwas anderem konfrontiert wird, als was Lidl und Tafeln so hergeben. Zigaretten und Kaffee müssen als stetige Bestätigung für Arbeitsanspannung herhalten.
Ellis Droge ist der Applaus. Der gehetzte Tag steht still, wenn der Beifall auf die Rampe prasselt. Der Underdog erhebt sich für einen Moment zum unverwechselbaren Subjekt.

Und plötzlich wird aus dem sprudelnden, selbstironischen Witz Kälte: Ellis Kollegin Hedwig stirbt an der alten ehrwürdigen Krankheit der Armen: „Elend, Hunger, ewige Entbehrungen.“ Oder das Lied von der „Braut des unbekannten Soldaten“. Der verreckte mit 18 Jahren für „König und Vaterland“ im Schützengraben. Das Kabarett „Die Brücke“, die dem Roman als Vorlage diente, wurde als „kommunistisches Hetzkabarett“ beschimpft.

Nichts verachtet die Truppe mehr als die Tochter aus gutem Hause, die ihren Abenteuerurlaub bei den Hungerleidern von der Bohème verbringen möchte.

Die Neuauflage ehrt die Figuren mit historischer Weitsicht. Wenn heute
gomeragebräunte Rotzlöffel vom Fernsehen herab, sich zu gleichgeschlechtlicher Liebe bekennen, dann ruht das auch auf der Knochen der schlecht geschminkten Maria, die in der lesbischen „Sternenbar“ als Eintänzerin arbeitet. Nach der Vorstellung im „Jazz“
singt Elli dort. Zehn Mark sind zehn Mark.

Das Kabarett geht den Bach runter. Die letzten Zuschauer werden fürsorglich rausgeschmissen, damit sie sich in der Einsamkeit nicht so fürchten. Wenigsten für den kommenden Sommer wird aus der Überlebenskünstlerin eine wirkliche Künstlerin. Elli kriegt einen neuen Vertrag in der Provinz. Wie sie in einem „Übermutsanfall“ erkennt, bedeutet dass vielleicht ein neues Kleid und einen neuen Mann.

In Berlin hatte Lili Grün Mitstreiter, die nachher prominent werden sollten. Der Sänger Ernst Busch, der Kabarettist Werner Finck und der spätere Kommissar Erik „Stefan fahr schon mal den Wagen vor“ Ode gehörten zu ihrem Umfeld Ihr Leben verlief weit weniger erfolgreich. Anke Heimberg zeichnet es nach. Als Jüdin gab es für Lili Grün keine Möglichkeit mehr nach 1933 in Deutschland zu publizieren. Sie
floh nach Paris. Eine hartnäckige Lungenkrankheit erzwang die Rückkehr nach Wien. Dort hatte sie Schauspielunterricht bei der Arbeiterjugend genommen; dort hatte ihre Schwester für die massenwirksame Aufklärung Hugo Bettauers geschrieben. Im Ständestaat war die Grün also nicht unbedingt erwünscht. Der „Anschluss“ 1938 vermehrte jene Isolation und Armut, die keine Emigration mehr zuliess. Die Nazis
ermordeten Lili Grün am 1. Juni 1942.

Lassen Sie sich nicht abschrecken, wenn ihnen das Feuilleton sagt, hier sei die Schwester der Mascha Kaleko oder die Nichte Kästners zu entdecken. Lassen Sie sich lieber ihre Lebenszeit um ein paar amüsante Stunden durch geisterhellenden Witz verkürzen.

Lili Grün
Alles ist Jazz
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
AvivA Verlag, Berlin, Herbst 2009
Gebundene Ausgabe, 215 Seiten
ISBN: 978-3-932338-36-6
18,00 Euro

Koalition der „Jamaika-Bandidos“ steht an der Saar

Wählerwille wird mit Füßen getreten – Politische Missgeburt ergreift die Macht im Saarland

Von Charles Duremont


Am 30. August wurde im Saarland ein neuer Landtag gewählt. Verlierer war die CDU, die gleich zweistellig, um 13 Prozentpunkte auf 34,5% zurückfiel. Zwar konnte die FDP zulegen, und die Grünen schafften die fünf Prozenthürde gerade noch. Die Wählerinnen und Wähler versprachen sich einen Politikwechsel durch ein Bündnis aus Linken und SPD. Dies scheiterte jedoch am Wahlergebnis der Agenda- 2010- Partei SPD, die mit 24,5 Prozent ihr bisher schlechtestes Ergebnis im Saarland hinnehmen musste.
Alle Hoffnungen ruhten nun auf einer Dreierkoalition zwischen SPD, der Linken und den Grünen, die das Zünglein an der Waage bildeten.

Am 11. Oktober entschieden sich die Grünen jedoch mit einer eher fragwürdig zustande gekommenen Parteitagsentscheidung für ein Bündnis mit CDU und FDP, also für eine so genannte Jamaika-Koalition mit dem bisherigen CDU Ministerpräsidenten Peter Müller an der Spitze. Mit dieser Entscheidung wurde der Wählerwille gekippt. Die Basis der Grünen wurde von Landeschef Hubert Ulrich, in Parteikreisen Panzer genannt,
ausgetrickst und aus dem Europarlament heraus griff der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit den grünen Saarland-Chef scharf an: "Der Ulrich ist ein Mafioso", so Cohn-Bendit, und Oskar Lafontaine sprach von einer „Koalition der Wahlbetrüger.

Hubert Ulrich, der grüne Panzer, geriet zunehmend ins Kreuzfeuer der Presse. Er hatte verschwiegen, daß er jahrelang für eine Firma, zu deren Gesellschaftern der prominente FDP-Mann Hartmut Ostermann gehört, gearbeitet hat. Der Verdacht kam auf, Ulrich sei von Ostermann, der auch FDP-Kreisvorsitzender in Saarbrücken ist, „angefüttert“ worden. Die Rede von der „Saarland-Connection“ machte die Runde, doch der Panzer blieb stur und die grüne Partei steht jetzt im Saarland vor einem
Scherbenhaufen. Austritte waren die Folge, und wer den Schaden hat, braucht für den Spott natürlich nicht mehr zu sorgen.

Nun soll es drei Monate nach der Wahl losgehen. Die CDU- Saar hat sich dem grünen Diktat gebeugt, der Verbleib an der Regierung war zu verlockend und für die FDP hat sich das „Ostermann-Ulrich-Konstrukt“ ebenfalls ausgezahlt. Was zu Anfang noch als politische Schwergeburt belächelt wurde, stellt sich zunehmend als Missgeburt heraus. Der rund neunzigseitige Vertrag der Jamaikakoalitionäre soll noch heute der
Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ob er das Papier wert ist, auf dem er geduckt wurde, ist zu bezweifeln. Insider gehen derweil von einer Haltbarkeitsgrenze der „Saarland-Connection“ von maximal zwei Jahren aus. Den bleibenden Schaden haben die Saarländerinnen und Saarländer, aber auch die Demokratie im Land, die behandelt wurde wie in einer Bananenrepublik.