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Wie Martin von Tours die Wohlfahrt erfand und zum Heiligen wurde

Sankt Martin und die Rache Edmund Stoibers – Zwei Fälle und ein Heiligenschein

Glosse von Hans Martin Gans

Da ritt er so spät durch Nacht und Wind, Martinus der Römer, ein Krieger, ein Held.
Sein Ziel war die nordwestfranzösische Stadt Amiens (lat.: Samarobriva-Brücke über
die Somme), von deren Mauern aus die Römer den strategisch wichtigen Somme-Übergang
beherrschten und vorbeiziehende Kaufleute streng nach römischem Recht um ihre
Sesterzen erleichterten. Von Amiens aus schikanierten die Besatzer große Teile der
Provinz Belgica und brachten die Nachfahren von Asterix und Obelix gegen sich auf.
Die Römer hausten in Saus und Braus in den Tavernen der Stadt, und draußen hungerten
und froren die Unterdrückten. Hartz IV und die Tafeln waren noch nicht erfunden, es
gab schließlich noch keine Sozis, aber die Situation heute ist mit der spätantiken
Szene durchaus vergleichbar.

Hoch zu Ross näherte sich im November des Jahres 334 der stolze römische Offizier
Martinus den Mauern von Amiens, in deren Windschatten ein Bettler Schutz vor den
kalten Stürmen des Atlantik suchte. Den schweren Rotwein in der warmen Taverne vor
Augen zog Martinus sein Schwert und machte aus seinem Mantel einen Lumpen für den
Bettler. „Den Rest des Umhangs wird er wohl irgendwo entsorgt haben, bevor er die
Taverne betrat, um nicht zum Gespött seiner Kameraden zu werden“, vermutet Professor
Laurent Pastis von der Universität Cognac, der die Geschichte des Heiligen
analysiert hat. „Zu fortgeschrittener Stunde“, so Professsor Pastis, „der Rotwein
begann seine volle Wirkung zu entfalten, hatte Martinus eine Erscheinung. Christus
soll es gewesen sein, der ihn für seine caritative Großtat lobte, so ließ es
Martinus jedenfalls verbreiten, und die Welt glaubt bis heute ganz fest daran“.

Die „Szene der gelebten Wohltätigkeit“ öffnete dem römischen Wohltäter, nachdem er
seinen Militärdienst quittiert hatte und ordentlich in klarem Wasser getauft war,
die Pforte eines Klosters. Hier ließ es sich als Ex- Offizier erträglich leben.
Martinus begann eine zweite, weitaus erfolgreichere Karriere als Kirchenmann.
Zunächst wurde er in Poitiers zum Priester geweiht. Die lebende Legende stand im
Jahre 371, im Alter von 55 Jahren, vor einem weiteren Höhepunkt seiner Karriere.
Martinus sollte zum dritten Bischof von Tours gewählt werden.

Wie die fromme Legende weiter berichtet, wollte sich Martinus jedoch vor der
Verantwortung drücken und flüchtete kurz vor der Wahl zum Bischof in einen
Gänsestall. In ihrer Ruhe gestört wurden die Gänse ziemlich sauer auf den feigen
Flüchtling, der ihnen den Platz im warmen Stall streitig machte. Lautes Geschnatter,
als wären Fuchs und Wolf gleichzeitig in den Gänsestall eingedrungen, brachte den
Klerus von Tours auf die Spur des Entflohenen. Noch streng nach Stall riechend soll
Martinus kurz darauf gnadenlos zum Oberhirten des Bistums Tours geweiht worden sein.
Ähnliches wiederholte sich im Jahr 2005. Nach der Bundestagswahl floh Sankt Edmund
de Bavaria aus Berlin, um bloß nicht Superminister unter Angela Merkel zu werden.
Zwar verduftete Edi der Bayer nicht in einen preußischen Gänsestall, sondern in ein
heimisches Bierzelt. Edmund der Bayernfürst wurde auch nicht zum Erzbischof der
Diözese München und Freising geweiht, sondern auf eine Wolke gesetzt und als
Oberhirte und Leiter der EU-Diözese zum Bürokratieabbau befördert.

Sowohl bei Edmund de Bavaria als auch bei Sankt Martin endet hier die Legende. Von
weiteren Heldentaten ist bei beiden nichts bekannt. Lediglich die Rache des frisch
geweihten Bischofs von Tours wird alljährlich noch traditionell gefeiert. Bischof
Martinus ließ aus Rache für den schnöden Verrat der Gänse sämtlichem Geflügel in
Tours und Umgebung den Hals umdrehen und in den Bräter stecken. Für den Massenmord
an den Gänsen soll ihm der Heiligenschein verliehen worden sein.

Die Rache Edmund Stoibers steht indes noch aus. Edmunds Verräter sind allerdings
nicht in einem Gänsestall zu finden. Hier gibt die Mitgliederdatei der CSU Auskunft,
und Edmund de Bavaria wird wissen, wo der Bartel den Heiligenschein holt. “Sie haben
Sankt Martin verraten, drum müssen sie jetzt braten”, heißt es lakonisch im
Volksmund über die Martinsgänse. Wie der Volksmund die Rache Edmund Stoibers
bewerten und ob ihm die katholische Kirche dafür den Heiligenschein verleihen wird,
wird die Zukunft zeigen.