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09.10.2009 Gefährliche Spekulationswirtschaft
Der Finanzwissenschaftler Rudolf Hickel schreibt am 8.10.09 in der Süddeutschen Zeitung den Beitrag Zurück an den Spieltischen

Die Folgen des Zusammenbruchs der Spekulationsgeschäfte auf den Finanzmärkten sind unübersehbar. Doch trotz der bitteren Erfahrung sind viele Finanzmarktakteure wieder zum »Business as usual« übergegangen. Ohne verschärfte Kontrollen kehren sie an die Spieltische des globalen Kasinokapitalismus zurück. Hochriskante Spekulationsprodukte werden wieder gehandelt. Diese unglaubliche Wiederbelebung »organisierter Verantwortungslosigkeit« (US-Präsident Barack Obama) belastet die Bemühungen um internationale Abkommen zur Regulierung. Interessen einiger Länder an der schnellen Rückkehr zur Dynamik der alten Finanzplätze hinterlassen erste Spuren.

Sicherlich ist der Schwur auf die Stärkung der Eigenkapitalvorsorge bei Banken für riskante Kredite ein Erfolg des jüngsten G-20-Gipfels. Jedoch werden im Abschlußkommuniqué die Täter und die Brandsätze nur noch am Rande aufgezählt: die machtvollen Hedgefonds, der außerbörsliche und damit unkontrollierte Derivatehandel, der krisentreibende Verbriefungsmarkt mit bis zu vierzigmal in Wertpapieren verpackten Krediten sowie die versagenden Ratingagenturen. Hierin spiegelt sich nicht nur eine Mischung aus Vergeßlichkeit und Bagatellisierung wieder. Es geht auch um die Rückkehr der Macht der alten Finanzakteure. (…)

Symptomtherapeutische Maßnahmen reichen nicht aus. Da die Finanzmärkte die wirtschaftliche Entwicklung dominieren, bedarf es einer fundamental neuen Finanzmarktarchitektur. Dabei geht es um die Korrektur einer Fehlentwicklung, die bereits Ende der achtziger Jahre begonnen hatte. Symbolisch dafür steht der durch Margaret Thatcher im Oktober 1986 ausgelöste Big Bang, mit dem die Regulierungen am Finanzplatz London urplötzlich aufgehoben wurden. Am Ende hat ein internationaler Wettbewerb um die Absenkung der Regulierungsstandards die selbstzerstörerischen Kräfte dieser Finanzwelt freigesetzt. Die Folge war ein viel schnelleres Wachstum des Weltfinanzsystems gegenüber der Weltproduktion. (…)

Die Lehre ist eindeutig: Die Herrschaft der hochgefährlichen Spekulationswirtschaft muß auf einen gesamtwirtschaftlich angemessenen Umfang reduziert und hart kontrolliert werden. (…) Ziel muß es sein, die zerstörerische Kraft der Finanzmärkte durch die Rückführung vor allem der Banken auf die dienende Funktion für die wertschöpfende Wirtschaft zurückzuführen. Dadurch verlieren die Finanzmärkte auch die Macht, für ihre vermögende Anlegerklientel unternehmensschädlich hohe Renditen durchzusetzen. (...)