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Von Mittenwald bis Mexiko
Der neue antifaschistische Kalender ist da
Von Stefan Gleser
Als man sich in Europa noch vom Geschwätz
über die postmaterialistische
Zivilgesellschaft einlullen liess, wurde in Mexiko gehandelt. Am 1. Janauar
1994
besetzten Tausende von vermummten Gestalten Ortschaften in Chiapas. Dies
ist ein
südlicher Bundesstaat in Mexiko mit einer armer Bevölkerung
und reichen
Bodenschätzen. Das Datum der Aktion war bewusst gewählt. Am
gleichen Tag trat das
nordamerikanische Freihandelsabkommen in Kraft. Hochsubventionierte Agrarkonzerne
drängten auf den Markt und Kleinbauern in den Ruin. Das Grundnahrungsmittel
Mais
verkam zum Biosprit.
Irgendwo im ungezieferschweren Dschungel hatte
sich eine Guerillabewegung neuen Typs
gegründet. Aus Verehrung für Emiliano Zapata, einen Führer
der mexikanischen
Revolution von 1911, nannten sie sich „Zapatisten“. Sie handeln
geschmeidig. Sie
setzen nicht auf einen militärischen Sieg, geben aber nicht ihre
Waffen ab. Sie
erobern kleine Inseln der Unabhängigkeit. Sie unterstützen nicht
die Kandidaten der
Linken und hindern niemand zu wählen. Im Gegensatz zur Selbstgewissheit
der
selbsternannten Avantgarde überprüfen die Zapatisten ihre Arbeit.
„Fragend suchen
wir unseren Weg“.
Im Vergleich zu den unerschütterbaren Resolutionen
ergrauter Zentralkomitees
entwickelten die Zapatisten eine neue aufregende Agitation. Wenn Subcommandante
Marcos sich zuweilen auf einen Urwaldkäfer namens Durito berief oder
in einem
Videoclip auftrat, so überzeugte das analphabetische Landarbeiter
und Intellektuelle
in den grossen Städten.
Die Informationen sind dem neuen Antifaschistischen
Taschenkalender entnommen. Ich
habe mir noch zwei Themen ausgewählt:
Ein Netz von Lagern überzieht Europa, in denen
Menschen festgehalten werden, die
nichts anderes getan haben, als uns um Schutz zu bitten. So trist die
Lebensumstände, so phantasiereich und blumig die Namen, um eben diesen
Zustand zu
verschleiern: Ausreisezentrum, Gemeinschaftsunterkunft, Zentrale Anlaufstelle,
Begrüssungszentrum. „Ausreisezentrum“ wurde zum Unwort
des Jahres, weil es „auf
zynische Weise einen Sachverhalt“ vertuscht. Strikte Anwesenheitspflicht,
Arbeitsverbot, ärztliche Grundversorgung nur mit behördlicher
Genehmigung,
Gutscheine statt Taschengeld, zwangsweise Vorführung bei den Botschaftern
der
Herkunftsländer und Verbot von Sprachkurse zählen zu den Druckmitteln
um
Deutschland zu verlassen.
Fast überflüssig zu erwähnen, dass
das sozialdemokratisch regierte Rheinland-Pfalz
in der Drangsalierung von Flüchtlingen einen Spitzenplatz belegt.
In Ingelheim steht
eine hochgerüstete Haftanstalt und in Koblenz stürmt die Polizei
auch schon mal ein
Gotteshaus, um eine Familie mit minderjährigen Kindern abzuschieben.
Die Mär von der sauberen und ritterlichen
Wehrmacht zu verbreiten, gehörte über
Jahrzehnte zum festen Anliegen des „Kameradenkreises der Gebirgstruppe“
in
Mittenwald. Das Bündnis aus Brauchtumspflege und Alpenkulisse, soldatischen
Tugenden
und logistischer Unterstützung durch die Bundeswehr erhielt erstmals
Risse, als die
Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“ der Glorifizierung
der Gebirgsjäger
historische Tatsachen entgegenstellte.
Gebirgsjäger der Wehrmacht machten bei zahlreichen
Kriegsverbrechen während des
zweiten Weltkrieges mit. Soldaten ermordeten1943 mehr als 300 Einwohner
des Dorfes
Komeno in Griechenland. Ebenfalls in Griechenland, ebenfalls 1943 erschossen
die
Gebirgsjäger etwa 2500 italienische Soldaten beim Massaker auf Kefalonia.
In Falzano
in der Toskana wurden 14 Dorfbewohner getötet.
An den alljährlichen Feiern zu Pfingsten wurden
diesen Opfern nicht gedacht.
Stattdessen wurde die Wehrmacht verherrlicht; Hakenkreuze und Ritterkreuze
offen
gezeigt.
Gegen diese blinde, einseitige, beschönigende Geschichtsverständnis
machte die
Kampagne „Angreifbare Traditionspflege“ mobil. Sie bezog sich
auf eine Äusserung des
ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, der den Kameraden
der Gebirgstruppe
das Attest „unangreifbare Traditionspflege“ ausstellte.
Die Initiative war eine bunte, vielfältige
und weit verzweigte Gruppe. Es gab
Demonstrationen vor Ort wie etwa ein unangemeldeter Besuch beim
„Schweinebratenessen“ der Gebirgsjäger oder in Berlin
die symbolische Pfändung der
„Neuen Wache“ um auf die Entschädigung der Opfer aufmerksam
zu machen. Historiker
wühlten in den Archiven und Filmteams waren in Griechenland unterwegs.
Es wurden
Widerstandskämpfer aus Frankreich und Slowenien eingeladen. Man stand
in Kontakt mit
den Bewohnern der verwüsteten Ortschaften. Besondere wirksam muss
es gewesen,
Mittenwald an seinem empfindlichsten Punkt, an der Abhängigkeit von
den Devisen
ausländischer Gäste zu treffen. Flugblätter in englischer
und japanischer Sprache
informierten die Touristen, dass die aufgebaute Edelweissidylle doch blutverschmiert
sein könnte.
„Angreifbare Traditionspflege“ kann
auf einige Erfolge zurückblicken.
Josef Scheungraber, Kompaniechef der Gebirgspioniere, wurde wegen Mordes
zu
lebenslanger Haft verurteilt. Ein Denkmal für die Opfer des Todesmarsches
wurde in
Mittenwald eingeweiht. Und in Italien diskutiert man, ob nicht deutsches
Eigentum
als Wiedergutmachung eingezogen werden sollte.
Noch angetippt: Die Aufsätze über Datensicherheit,
Rechtshilfe und sexualisierter
Gewalt. Der Serviceteil umfasst Buchempfehlungen und ein Adressenverzeichnis
mit den
Anschriften von Verbänden und Verlagen.
Dann tschüss kleiner Kalender, ich seh` dich
gewiss auf mancher Demo wieder!
Kalendergruppe (Hg.)
Antifaschistischer Taschenkalender 2010
Unrast-Verlag, Münster, 2009
ISBN 978-3-89771-710-7
256 Seiten, 7.00 Euro
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