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Schirn
Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, 60311 Frankfurt www.schirn-kunsthalle.de Tel.: (+49-69) 29 98 82-0 Ausstellung, 24.09.09 - 03.01.10, Öffnungszeiten: Di, Fr–So 10–19h, Mi + Do 10–22h |
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Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit - Schirn Kunsthalle, Frankfurt (24.9.09-3.1.2010)
Neben ihrem beachtlichen Umfang waren es zweifellos die vermeintliche – durch die Ausstattung mit realen Werkzeugen und Geräten aus dem bäuerlichen Alltag untermauerte – Authentizität und unmittelbare Ausdruckskraft der Installation, die ihren sensationellen Erfolg begründet haben. Nach der Eröffnung setzte sofort ein regelrechter Besucheransturm ein, wobei es Berichten zufolge immer wieder zu hoch emotionalen Szenen gekommen sein muss. Ein Teil der Besuchergruppen war zwar organisiert, doch vielen Menschen war es auch ein echtes Bedürfnis, die Figuren zu sehen, sodass sie oft lange Fußmärsche auf sich nahmen. Aufgrund der überwältigenden Resonanz sowohl bei der Landbevölkerung als auch unter hochrangigen Offiziellen fand noch 1965 in Peking eine Ausstellung mit Kopien von 40 der 114 Figuren statt, die in drei Monaten von einer halben Million Menschen gesehen wurde. Schon während der laufenden Arbeiten in Dayi waren erste Artikel in der Presse erschienen, 1966 wurden ein 35-minütiger Dokumentarfilm sowie eine Schallplatte herausgebracht. Innerhalb kürzester Zeit war der Hof für die Pachteinnahme landesweit bekannt. Die weitreichende Erfolgsgeschichte des Werks ist untrennbar verbunden mit dem Beginn der chinesischen Kulturrevolution im Frühjahr 1966, als sich das politische und kulturelle Klima im Land schlagartig radikalisierte. Auf Betreiben von Mao Zedongs Ehefrau Jiang Qing, die in das neu gegründete Zentralkomitee der Kulturrevolution berufen und mit der direkten Kontrolle über die Kultur betraut worden war, wurde der Hof für die Pachteinnahme zu einem verbindlichen Musterkunstwerk erklärt, an dem sich bildende Künstler orientieren sollten. Gleichzeitig kam jedoch auch Kritik an dem Ensemble auf, da es den neu formulierten Richtlinien der Kunstproduktion – die ausdrücklich eine Fokussierung auf positive Helden und heroische Charaktere verlangten – nicht in vollem Umfang entsprach. So wurden in den darauf folgenden Jahren zahlreiche Varianten der Skulpturengruppe angefertigt und überall im Land ausgestellt, allerdings mit einer drastisch modifizierten und an die neuen ideologischen Anforderungen angepassten Schlusssequenz. Begleitet war dies von einer intensiven politischen und propagandistischen Textproduktion. Mittels reich illustrierter Kataloge, die in zahlreichen Sprachen und sogar im Westen publiziert wurden, erregte das Werk auch außerhalb Chinas früh Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt in Deutschland: Dort wurde es im Kontext der 68er-Bewegung als herausragendes Beispiel für eine authentische revolutionäre Kunst rezipiert. Immer wieder gab es Bemühungen, das Werk auch im Westen auszustellen. So versuchte 1972 Harald Szeemann als Kurator der documenta 5, eines der Figurensets nach Kassel zu holen, um es dem internationalen Kunstpublikum zu präsentieren. Dies war jedoch aus politischen und finanziellen Gründen nicht möglich. 1999 plante er gemeinsam mit dem in den USA lebenden chinesischen Künstler Cai Guo-Ciang, die Skulpturengruppe auf der Biennale von Venedig zu zeigen. Als dies ebenso misslang, realisierte Cai stattdessen eine auf den Hof für die Pachteinnahme rekurrierende Arbeit, mit der er den Goldenen Löwen gewann. In China entzündete sich daraufhin ein Konflikt um die Urheberrechte an dem Werk, der zum Ausgangspunkt einer weitreichenden Debatte um aktuell bedeutende Fragen nach der Position des Künstlers und der Freiheit von Kunst im heutigen China sowie nach dem Verhältnis der chinesischen zur westlichen Kunstwelt wurde. Seitdem hat der Hof für die Pachteinnahme auch andere junge Künstler zu Neuauflagen inspiriert. Die Ausstellung „Kunst für Millionen. 100 Skulpturen der Mao-Zeit” richtet das Augenmerk auf eine Periode der chinesischen Kunst, die innerhalb wie auch außerhalb Chinas bislang kaum kritisch aufgearbeitet worden ist. Die visuelle Kultur der Mao-Zeit – und insbesondere die Periode der chinesischen Kulturrevolution – ist aber nicht nur für die Entwicklung der chinesischen Kultur im 20. Jahrhundert, sondern auch für das Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Kunst in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. In diesem Sinne möchte die Ausstellung anhand eines herausragenden Werks – und dessen bewegter und bewegender Geschichte von 1965 bis heute – die Diskussion eröffnen und einen Beitrag zur Erforschung dieser weitgehend unbearbeiteten Thematik leisten. (Presse / Schirn)
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