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Kunst - Roma - Madonna

Ausgebuht und vehöhnt

Bei einem Konzert in Bukarest wurde Madonna ausgebuht und verhöhnt, weil sie für die Bevölkerungsgruppe der Sinti und Roma Partei ergriff. Die 51-Jährige hatte am Mittwochabend (26.8.08) auf der Bühne erklärt, dass die in vielen Ländern Europas immer noch vorherrschende Diskriminierung gegen "Romani Gypsys" sie "sehr traurig" mache. Dagegen das Wort zu erheben, sei ihr auch wegen der Roma-Musiker, mit denen sie im Rahmen der aktuellen Tour auftritt, ein inneres Bedürfnis gewesen.

"Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass in Osteuropa viel Ausgrenzung gegenüber Roma und andere Gypsys existiert. Wir glauben nicht an Diskriminierung, wir glauben an Freiheit und gleiche Rechte für alle", erhob Madonna im Zuge der "Sticky & Sweet"-Show das Wort. Zumindest ein großer Teil der 60.000 Konzertbesucher reagierte wenig begeistert auf den Aufruf gegen Vorurteile und Benachteiligungen.


"Wie in einer inoffziellen Apartheid"

Wie Madonnas Publizistin Liz Rosenberg überliefert, habe es nur wenig Beifall gegeben, als der Superstar fortfuhr und Homosexuelle in seinen Appell gegen Diskriminierung einschloss. Unterstützung erhält Madonna aus Übersee: Hindu-Repräsentant Rajan Zed und Rabbi Jonathan B. Freirich gaben unlängst eine gemeinsame Erklärung ab. "Rumänien und Europa sollten sich für die himmelschreiende Darbietung von Vorurteilen entschuldigen", fordern die religiösen Repräsentanten. "Die alarmierende Situation für Sinti und Roma ist der soziale Pesthauch für Europa und den Rest der Welt, weil diese Menschen konfrontiert werden mit sozialer Ausgrenzung, Rassismus, minderwertiger Bildung, Feindseeligkeit, Arbeitslosigkeit, wuchernden Krankheiten, schlechten Wohnmöglichkeiten, niedriger Lebenserwartung, einer Existenz am Rande der Gesellschaft, Sprachbarrieren, Stereotypen, Misstrauen, Rechtsmissbräuchen, Diskriminierung, Marginalisierung, erschreckenden Lebensbedingungen, Vorurteilen, Menschenrechtsverletzungen und fremdenfeindlichen Slogans. Es ist wie in einer inoffiziellen Apartheid."

Zed und Freirich fordern weitere Prominente dazu auf, Madonnas Beispiel zu folgen und ebenfalls die Stimme für diese Bevölkerungsgruppe zu erheben. In Rumänien lebt die größte Gruppe der rund zwölf Millionen Sinti und Roma in Europa. Fast jeder zweite von ihnen wurde nach einer Erhebung der EU-Behörde für Grundrechte innerhalb der vergangenen zwölf Monate Opfer von Diskriminierung.

Massenabschiebungen von Roma-Flüchtlingen

Ethnische Konflikte befürchtet

Nachdem im Juli diesen Jahres das deutsche Innenministerium gemeinsam mit dem Kosovo die Rückführung von Roma-Flüchtlingen vereinbart hatte werden nun die Maßnahmen zum Start der Massenabschiebungen umgesetzt.

Dazu die Europaabgeordnete Cornelia Ernst: "Die Roma werden abgeschoben in große Armut, in Diskriminierung und an Orte, wo sie niemand haben will. Warum ignoriert die deutsche Bundesregierung die Bitte des Menschenrechtskommissars des Europarates, Thomas Hammarberg, von erzwungenen Rückführungen abzusehen? Die deutsche Regierung sollte gegenüber den Roma eine besondere Verantwortung spüren - Hunderttausende fielen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer."

Nach dem Kosovokrieg hatten etwa 23 000 Roma in Deutschland vorübergehend Schutz gefunden, allerdings nur mit Duldung. Direkt im Windschatten der Bundestagswahlen werde ihnen nun dieser Schutz genommen.

"Die Mehrheit der vor und während des Kosovokrieges aufgenommenen Flüchtlinge ist bereits zurückgekehrt. Dennoch lässt Deutschland nicht locker und übt erheblichen Druck in den europäischen Gremien aus, um auch Angehörige von Minderheiten wie die Roma in den Kosovo abschieben lassen zu können", so Ernst weiter.

"In vielen Ländern Südosteuropas, aber nicht nur dort, ist der Alltag der Roma geprägt von Gewalt und Ausgrenzung. Deshalb müssen wir einerseits für ein Bleiberecht der Roma in Deutschland kämpfen, andererseits aber auch auf europäischer Ebene Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Roma ergreifen."

Dies werde auch Gegenstand einer öffentlichen Anhörung zur Situation der Roma in Deutschland und Europa am 2.Oktober in Köln sein, die Cornelia Ernst, Mitglied im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres, organisiert.

 

Titel: Flucht und Vertreibung von Bernd Rausch, siehe auch
siehe auch: Ausstellung: Frankfurt – Auschwitz

5.10.2009 aus Neues Deutschland

Sinti und Roma und die endlose Flucht
Anhörung in Köln zeichnete ein Bild alltäglicher Diskriminierung

Von Lutz Debus

Die Situation der Sinti und Roma in Deutschland und Europa stand im Mittelpunkt der Anhörung »Die endlose Flucht«, die am Freitag von der Europaabgeordneten der LINKEN Cornelia Ernst veranstaltet wurde.

Valeriu Nicolae vom Policy Center for Roma and Minorities zeichnete im Kölner Mediapark ein düsteres Bild von der in Europa alltäglichen Diskriminierung. Die sei geprägt von staatlich tolerierten Propagandaformen. Daher führte Nicolae zunächst einen Werbespot aus dem slowakischen Fernsehen vor, in dem eine Mutter versucht, ein Roma-Kind zu waschen. Erst mit dem Einsatz von »Ariel« gelang es ihr, aus dem dunkelhäutigen, schwarz gelockten Kind einen blonden hellhäutigen Jungen zu machen.

TV-Werbung schürt neuen Hass

In der Fernsehwerbung der bulgarischen Sozialdemokraten wird vor der Überfremdung des Landes durch Roma gewarnt. Ein Videomitschnitt von einem Fußballspiel des Klubs Rapid Bukarest belegt Hassgesänge. Bekannt sind die Folgen des jüngsten Madonna-Konzerts in Bukarest. Als die Sängerin sich gegen jede Form von Diskriminierung – auch die gegen Roma – erklärte, erntete sie Buhrufe der 60 000 Zuschauer.

Auch in Italien seien Roma offener Verfolgung ausgesetzt. Als etwa 800 Gewalttätige dort ein Roma-Lager mit Schlagstöcken und Brandsätzen angriffen, schauten die Polizisten untätig zu. In Italien müssten Roma inzwischen ihre Fingerabdrücke hinterlegen und in einigen Regionen sich mit Ansteckern an der Kleidung öffentlich als Roma zu erkennen geben. Mit zu verantworten hätte das der jetzige Außenminister Italiens, Franco Frattini, der von 2004 bis 2008 EU-Justiz-Kommissar war und somit zuständig für den Schutz ethnischer Minderheiten. Ein Rechtspopulist, so kritisierte Nicolae, sollte also die Rechte der Roma in Europa garantieren.

Auch die Situation in Deutschland wurde in Köln beleuchtet. Noch immer warten hierzulande die Sinti und Roma auf eine einheitliche Entschädigungsregelung ob ihrer unter den Nazis erlittenen Qualen. Während andere Gruppen von NS-Opfern von der Bundesrepublik zumindest materiell entschädigt wurden, sind die etwa 500 000 Roma und Sinti, die während der Nazi-Zeit ermordet wurden, bislang nur eine Randnotiz, so Cornelia Ernst. Positiv sieht die linke Europaparlamentarierin das Engagement der Ausländerbeauftragten des Landes Sachsen. Dort werden Roma auf Grund der Verfolgung bis 1945 nicht abgeschoben. Ähnlich den Kontingent-Flüchtlingen jüdischen Glaubens könne so vielleicht eine Regelung zum gesicherten Aufenthaltsstatus gefunden werden.
Auch Deutschland in der Kritik

Andere Bundesländer agieren anders. Oft werden Roma, die als Bürgerkriegsflüchtlinge Anfang der 1990er Jahre aus Jugoslawien flüchteten und nun fast 20 Jahre im Land leben, von Abschiebung bedroht. Wohin diese Menschen abgeschoben werden, wurde in Köln auch gezeigt.

Viele ehemaligen Dörfer der Roma sind in Kosovo platt gemacht worden. Ein Foto zeigt die Realität der behördlich so titulierten Rückführung. Ein kleines Kind lebt mit seiner Familie in einem Bretterverschlag. Cornelia Ernst plant, schnellstmöglich nach Kosovo zu reisen, um sich selbst ein Bild von den Verhältnissen dort zu machen.