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Die Hackordnung im Kleinstädtchen - Ein Saarland-Krimi

Dieter Paul Rudolphs neuer Kriminalroman „Arme Leute“

Von Stefan Gleser

Unser einer schafft es ja nur, seinen ramponierten Ohrensessel nach van Gogh zu
nennen. Da ist Klaus Pirrmayer aus den „Armen Leuten“ schon ein anderes Kaliber. Er
schneidet bei einer Vernissage dem Maler Clemens Baden-Vukovics mit einem qualitativ
hochwertigen Küchenmesser (japanisches Markenfabrikat) gleich das ganze Ohr ab.
Zuerst glauben die Besucher, es sei Happening, Protest gegen den Kulturbetrieb oder
was auch immer, dann aber viel Geschrei, als tatsächlich Blut fliesst wie nur Blut
fliessen kann.

Drei Jahre Knast zahlte Pirrmayer für des Künstlers Ohr. Danach kehrt er in seine
Heimat zurück. Sein Sitzen im Eiscafé, sein Schlendern in der Fussgängerzone, sein
ganzes Dasein soll andere ständig an eine Vergangenheit erinnern, die rätselhaft und
dunkel über der Kleinstadt liegt. Ein junges Mädchen wurde überfahren, und der Täter
floh unerkannt. Pirrmayers Frau, die gut situierte Cordula, wurde in ihrem eignen
Haus ermordet.

Cordula ist die Achse zwischen den Schichten. Nach unten: Pirrmayers Vater war
Bauarbeiter, er selbst kämpfte sich zur Realschule und zum Polizeibeamten hoch; roch
aber nach dem Squash-Spiel für die Elite etwas allzu streng. Und oben ist Cordula
gut dabei: in einer Weinstube trifft sich sie sich regelmässig mit den Honoratioren
des Kaffs. Als da wären: Pfortner, städtischer Archivar, Schröder, Leiter des
örtlichen Gymnasiums, der Bankdirektor Keim und Holsten, dem ein paar Häuserzeilen
gehören und sein Fachgeschäft für Haushaltswaren nur noch pro forma betreibt. Die
Stützen der Gesellschaft lässt die Treue zum angestammten Herrscherhaus nicht los.
Die Guillotine der französischen Revolution vertrieb einst eine Gräfin, die zuvor
das tatsächlich stille Örtchen durch eine Residenz aufmotzte. Die Gebeine der
Adeligen liegen im Hessischen. Die Knochen, von denen früher die Väter getreten
wurden, wollen die Söhne unbedingt heimholen. Wortfetzen der Traditionspflege
springen rüber zu Edgar. Der sitzt am Katzentisch, kriegt ab und zu einen Tafelwein
aus verschiedenen Ländern der EU spendiert und geifert sein „Heil-Hitler“ vor sich
hin. Edgar ist sozusagen Elite-Idiot, Diplom-Depp, sein Dümmerstellen als er ist hat
er gut trainiert. Er verblüfft mit der Erkenntnis, daß früher der Tod wenigstens
einen Gran Gerechtigkeit in sich barg. Der raffte die Bälger der Gräfin genau so
dahin wie die Kinder der Leibeigenen. Heute böten Medizintechnik und
Gesundheitsreform differenzierte Lösungen.

Lange Selbstgespräche führen Edgar, Pirrmayer und Gelinka, die bei Cordula Putzfrau
war und jetzt Pirrmayers Geliebte immer wieder in die ersten Klassen der Schule
zurück. Schon dort wurde entschieden, wer das Examen in der Tasche haben wird und
wer bei der Tafel antanzen wird. Also nix mit ganz persönlichem Lebensentwurf,
sondern ein kurzer Blick ins Antlitz der Geburtszange und die Sache ist geritzt.

Aus der trübsinnigen Erkenntnis, dass wir uns in einem fein abgestuften Kastensysten
bewegen ohne Ausgang wie ein Hamster im Laufrad, befreit uns Gelika. Wenn sie „O
leck“ sagt, ist das Saarland noch nicht verloren, und ihr „Muckibude“ für die
albernen Fitness-Studios sollte schon einen Kabarettpreis wert sein.
Und wie gehts dem Krimi? Den Pirrmayer finden sie erschossen im Schilf, die Gelinka
wird ins immerwährende Koma geprügelt.

Der Speichel trieft aus dem Mundwinkel und Edgar, der Schreckensmann mit
Schreibhemmung, der Anton Reiser ohne Gönner, sieht Kathrin Hofer, Schwester der
überfahrenen Leslie, trotzig und selbstbewusst durch die Stadt gehen, als könnten
sich hinter ihrer Stirn die Mörder erahnen lassen. Paul entzieht sich charmant und
ruppig dem Genre. Der Krimi ist Folie für eine mumifizierte Ständegesellschaft. Die
inneren Monologe der Hauptpersonen beschreiben sie exakt und aus unterschiedlichen
Blickwinkeln. Die Mimi, die gerne Krimis liest und vielleicht erwartet, dass wo
Krimi drauf steht, nette Linksliberale Katzen streicheln, dürfte enttäuscht sein.

Dieter Paul Rudolph
Arme Leute
Conte-Verlag, Saarbrücken, September 2009
205 Seiten
Paperback
ISBN 978-3-9341657-06-9
Preis 12,90 €