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Der Welttierschutztag aus dem Blickwinkel eines Insiders

Wer den Hühnern von Karl Marx Flugunterricht gegeben hat


Von Claude Michael Jung

Gestern war es wieder mal soweit. Aus heiterem Himmel ist der Welttierschutztag über
mich herein gebrochen. Herrchen hat gemeint er will mir zur Feier des Tages mal
wieder was richtig Gutes antun. Ich hab auch sofort nen richtigen Schreck gekriegt.
Im vergangen Jahr hat er mich zur Feier des Tages ins Tierheim geschleppt. Dort hat
Herrchen zehn Euro gespendet und ne Bratwurst gefuttert. Ich durfte mir dafür meine
eingesperrten Artgenossen ansehen. Heiser hab ich mich gebellt. Kumpelhaft wie
Herrchen nun mal ist, hat er auch noch gesagt: „Siehste mal wie gut du es bei mir
hast, die hier haben keinen Sessel wie du zum rumlungern bis der Briefträger
auftaucht“.

Gut hab ich es ja bei Herrchen, vor allem seit ich ihm nicht mehr die stinkigen
Pantoffeln bringen muss. Das letzte Paar hatte er gerade eingelatscht, da hab ich
die Gestanksfänger ganz früh am Morgen im Garten verbuddelt, so etwa nen halben
Schritt neben dem alten Suppenknochen, den mir mal der doofe Sozi aus dem Unterdorf
als „Versöhnungsgeste“ wie er gesagt hat, überreicht hat. Pah aus der Versöhnung ist
nix geworden. Apropos der doofe Sozi aus dem Unterdorf, der Kerl ist früher immer zu
Herrchen gekommen und hat eine Flasche Bier nach der anderen gekippt und dabei von
der großen SPD schwadroniert. Alles dummes Zeug. Herrchen hat gesagt, die Sozis
gönnen uns armen Hunden nicht mal das Futter. Am letzten Freitag hab ich 's ihm dann
so richtig gegeben. Da hat der blöde Kerl doch behauptet die Sozis würden jetzt
wieder zu richtigen Linken werden. Das war einfach nicht zu raffen für mich. Als
Knechte der Kapitalisten haben sie mir das Futter nicht gegönnt und als Linke
Banausen enteignen sie mir meinen Schlafsessel. Junge, Junge, da war mächtig was los
im Karton. Erstaunlich wie flink der Sozi sich aus dem Staub gemacht hat, als ich
ihn angegangen bin. Seine Mütze hab ich trotzdem erbeutet. Die liegt jetzt neben
meinem Schlafsessel und wartet gemeinsam mit mir darauf, dass der rosarote Wendehals
sie wieder abholen will.

So besonders war der Welttierschutztag in diesem Jahr für mich auch wieder nicht.
Zwar sind wir spazieren gegangen, aber ich musste an der Leine bleiben. Nicht mal
die fette Katze von Frieda Engels durfte ich flott machen, war eben
Welttierschutztag. Auch die Hühner von Karl Marx musste ich in Ruhe lassen. Karl
Marx, das ist der letzte Bauer bei uns im Dorf. Auf seinem Hof kann ich stundenlang
rumschnuppern. Bauer Marx hat noch ein paar Pferde, ein Dutzend Kühe, Schafe und
eben die Hühner, denen ich das Fliegen beigebracht hab. Bauer Marx war hellauf
begeistert von meinen Fähigkeiten als Fluglehrer seiner Hühner, besonders die
Blitzstartübung vergangenen Monat hatte es ihm angetan. Na ja, der Gockel hat die
Navigation nie so richtig kapiert. So kam es zur Kollision mit der Starkstromleitung
und der gebratene Erpel landete genau vor den Füßen von Bauer Marx. Ich hab mich
lieber schnell verdrückt. Entenbraten mitten in der Woche, und so ganz ohne Rotkraut
und Klöße, ist eh nicht meine Sache.

Unterwegs haben wir dann noch Herrchens Kumpel Fred getroffen. Fred hat Herrchen
erzählt, in Deutschland sei es schon wieder zur Gründung einer neuen Partei
gekommen. Vereinte Migrantenpartei oder so ähnlich soll sie heißen. Herrchen hat mir
auch erklärt was Migranten sind. Sein Kumpel Fred sei eigentlich auch Migrant, hat
Herrchen gemeint. Freds Oma und Opa seien aus der Pfalz ins schöne Saarland
eingewandert und somit habe Fred einen Migrationshintergrund. Pfälzer Migranten
könne man leicht an ihren zwei linken Händen erkennen, hat Herrchen noch gesagt.
Trotzdem komisch, am letzten Skatabend hab ich genau gesehen wie Fred sieben Pils
hintereinander mit der rechten Pfote genau ins Ziel abgekippt hat, also irgend etwas
kann mit Herrchens Theorie von den zwei linken Pfoten der pfälzer Migranten nicht
stimmen.

Einziger Höhepunkt meines Welttierschutztages war das Treffen mit Akko, dem
Bernhardinermischling von Herrchens Augenweide Rosi. Am Bach haben wir zuerst
rumgetollt, dann im Bach und hinterher kräftig neben Rosi und Herrchen das Fell
ausgeschüttelt. Toll wie Herrchen noch hüpfen kann, bloß die schreckliche Flucherei
war nicht nett. So nass waren Herrchens Klamotten nun wirklich nicht und die
Schlammspritzer auf seiner Hose lassen sich auch wieder leicht rausrubbeln. Schlimm,
Herrchen hat mich mit jenen grunzenden Ungeheuern verglichen, aus denen normal
Kotelettknochen und Sülze gemacht werden. Wie kann man am Welttierschutztag nur so
pingelisch sein? Auch Akko hat sein Fett mitgekriegt. Herrchens Augenweide Rosi ist
ne richtig geschmacklose Zimtzicke. Die neuen Tupfer auf ihrem blauen Kleid haben
doch wirklich gut ausgesehen, das war eben die hohe Kunst des Fellschütteln im
Duett.

Auf dem Heimweg sind wir nochmal bei Karl Marx vorbeigekommen. Karl und Planet, ein
großer grauer Artgenosse von mir, saßen auf der Bank unter dem großen Nussbaum und
haben Zeitung gelesen. Planet ist ein sehr weiser Hund und sogar bewohnt. Er hat
Flöhe. Gleich hat er mir auch ein paar davon geschenkt, weil er meinte das sei
sozialistisch. Alle müssten von Allem etwas abbekommen, das sei Reichtum für alle,
hat Planet hinzugefügt und mich ermahnt immer gut zu meinen neuen Bewohnern zu sein.
Ich hab 's ihm fest versprochen, gleich morgen werd ich den Biestern auch was Gutes
antun und sie im Bach baden.

Mein Welttierschutzabend verlief so richtig harmonisch. Herrchen hat früh und sehr
gleichmäßig auf dem Sofa geschnarcht. Gleich zweimal hab ich ihm quer über 's
Gesicht geschlabbert. Meine Geste des guten Geschmacks und der wahren Tierliebe hat
er aber nicht mitbekommen. Bald nach Herrchens erster Tiefschlafphase bin ich auch
eingeschlafen. Was ganz tolles hab ich auch geträumt. Das ganze Jahr müsste
Welttierschutztag sein und nicht nur auf dem Papier, begleitet von unzähligen
Lippenbekenntnissen. Kein Tier dürfte mehr geschlachtet, oder gar zu Versuchszwecken
gequält und geschunden werden.

Das war der schönste Traum meines Lebens, besonders die Stelle an der ich mit
Herrchen, meinem weisen Freund Planet und Karl Marx zusammen von der Vollversammlung
der Vereinten Nationen stürmisch begrüßt wurde. Planet hat dort eine große Rede
gebellt und die Vertreter der Welt haben zugestimmt, dass Tierschutz nicht nur am
Welttierschutztag gelten muss, sondern an allen Tagen die das Jahr hat. Jäh war mein
schöner Traum zu Ende. Die Haustürklingel ließ mein Fell und mich kerzengerade in
der Luft stehen. Draußen standen nicht die Hühner von Karl Marx, sondern der doofe
Sozi aus dem Unterdorf und hat seine Mütze gesucht. „Na dann Horridooo alter
Halunke, der Welttierschutztag gilt nicht für Sozis“!