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Deutschland:
Hungerlohn und Niedriglohnzone weitet sich aus.
Aus Studie Böckler Impuls 13/2009 (September
09)
Im
Jahr 1995 arbeiteten für einen Niedriglohn 4.370.000 Beschäftigte
und 2007 bereits 6.498.000. Dies entspricht einer Zunahme von 48,7 Prozent
(1995-2007). Bereits vor der Einheit war in Westdeutschland eine "Inkubationszeit
des späteren Umbruchs", schreibt ein Forscherteam. Nach der
'Wiedervereinigung' sei die frühere westdeutsche Wirtschafts- und
Sozialordnung erodiert. Der Wandel wird besonders an der exportorientierten
Industrie deutlich: Diese Unternehmen gaben die Arbeitsbedingungen vor,
ihre Wertschöpfung strahlte in die gesamte Gesellschaft aus (?).
Dies habe sich geändert; Binnenwirtschaft und Exportindustrie haben
sich voneinander abgekoppelt.
Das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) folgert: "Die gegenwärtige
Krise ist nicht nur von außen über Deutschland hereingebrochen,
sie kam auch von innen."
Das "Modell Deutschland" war von Beschäftigungsstabilität,
konstanten Eigentumsverhältnissen und flächendeckenden und oft
allgemeinverbindlichen Tarifverträgen geprägt. Kündigungsschutz
und Leistungen der Arbeitslosenversicherung sicherten das Tarifsystem
"nach unten" ab. Das "Modell Deutschland" stützte
sich auf einen "impliziten Konsens der Hauptakteure in Staat und
Wirtschaft". Die "Rahmenbedingungen" ließen die Unterstützung
schwinden. Die Autoren sprechen von der "wirtschaftlichen Zeitenwende
und den großen Kräfteverschiebungen am Ende des goldenen Zeitalters
des Nachkriegskapitalismus".
- Das Kapital ist ungeduldiger geworden -
Inzwischen haben sich die traditionellen Kapital-Verflechtungen
aufgelöst. Die Banken wandelten sich zu Investmentfirmen. Sie handeln
börsentäglich, um schnelle Kursgewinne zu erzielen - das hat
ihre Manager veranlasst, die Geschäftspolitik am "Shareholder-Value-Gedanken"
auszurichten. Diese Banken-Geschäfts-Entwicklung ist durch die Steuerfreistellung
von Veräußerungsgewinnen (Ende der 1990er) politisch befördert
worden. -
Die auch von deutschen Regierungen unterstützte Privatisierung öffentlicher
Dienstleistungen wirkte "wie ein funktionales Äquivalent zur
Shareholder-Value-Orientierung" in der Industrie. Verschärfter
Konkurrenzdruck im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge - hatte
einen destabilisierenden Effekt für das Beschäftigungsmodell
der "Deutschland AG".
Im Tarifvertragssystem "überwiegen die Erosionstendenzen".
Ausgehandelte Branchenlöhne gelten nur noch für einen geringeren
Teil der Beschäftigten als vor ein Vierteljahrhundert. Lohnverhandlungen
finden zunehmend auf Betriebs- bzw. individueller Ebene statt. Allgemeinverbindlichkeitserklärungen
von Tarifverträgen sind selten geworden. - Der Export des Tarifvertragssystems
nach Ostdeutschland gelang nur in geringen Ansätzen. Bezahlung und
Arbeitsbedingungen differieren immer stärker. Die produzierende Wirtschaft
hat ihre tarifpolitische "Leitfunktion" eingebüßt.
Die Wissenschaftler: "Ausgerechnet in den Wirtschaftsbereichen, die
dem Globalisierungsdruck nicht ausgesetzt sind", mussten die Beschäftigten
Reallohneinbußen hinnehmen. Der öffentliche Dienst wird "unter
den Vorzeichen von Haushaltssanierung und Privatisierung zu einem Faktor
der Destabilisierung". Der öffentliche Dienst und die Metallindustrie
wurden zum Vorreiter bei der Arbeitszeitverlängerung.
- Am Rande des Arbeitsmarkts sind breite Zonen
prekärer Beschäftigung entstanden. -
Die Einführung des ALG II - 'Hartz IV' hat die Ausbreitung des Niedriglohnsektors
"entscheidend befördert" und das System der Flächentarifverträge
untergraben. 'ALG_II-Empfänger müssen nun Jobs annehmen, deren
Bezahlung um bis zu 30 Prozent [58 Prozent!] unter den üblichen Tarifstandards
liegen'. Weiterbildungs-Maßnahmen bereiten Arbeitslose auf einen
beruflichen Abstieg und/oder geringeren Lohn vor. Die Anzahl der Leiharbeiter
hat sich nach der Deregulierung verdreifacht
und es boomten die staatlich subventionierten Minijobs. Bereits heute
arbeitet mehr als ein Fünftel der Beschäftigten im "Niedriglohnsektor".
- Auch im "Arbeitsmarktaufschwung" (2006-2008) setzte sich die
Zunahme der Niedriglöhner fort. - Daran sei abzulesen, "wie
sehr die Hartz-Gesetze als Nebenwirkung das große Mittelfeld beruflich
qualifizierter Beschäftigter" unter Druck setzen. Deutschland
stecke nun "sehr viel tiefer in der Krise als der Durchschnitt der
EU-Länder", so die Wissenschaftler.
Vgl. Quelle: Böckler Impuls 13/2009.
Wirtschaftssystem: "Modell Deutschland: Erfolgskonzept außer
Balance".
Im Internet: http://www.boeckler.de/32014_96762.html
Studie-Download: http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2009_13_4-5.pdf
Empfehlung:
Betr.: Monatseinkommen (Brutto) Lohndifferenz - "mit" und "ohne"
Tarifvertrag! http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/kombilohn/niedrtarif.pdf
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