takt@takt.de
zurück

Gauner im Frack - Ein krisensicherer Job

Immer mehr Erwerbslose verschwinden spurlos in der statistischen Twilight Zone

Von Charles Duremont

Derzeit erwecken Bundesregierung und Bundesagentur für Arbeit (BA) den Eindruck, als
suchten sie händeringend nach immer mehr gewieften Bilanzfälschern. Nur die Creme de
la Creme scheint Aussicht auf die gut bezahlten und krisensicheren Jobs im
Staatsdienst zu haben. Wer also schon mal mindestens fünf Jährchen wegen
Bilanzfälschung in Obhut des Staates gesiebte Luft inhaliert hat, sollte frohen
Mutes mal eine Bewerbung an den Bundesarbeitsminister schicken. Wer noch einsitzt,
kann sogar mit frühzeitiger Entlassung und Bewährung bei besten Konditionen rechnen.
Wer's nicht glaubt, sollte sich mal die Arbeitslosenstatistik beäugen. Einer
genaueren Prüfung durch unabhängige Experten würden die Zahlentricks mit Sicherheit
nicht standhalten.

Allmonatlich werden der Öffentlichkeit die Augen zugekleistert, was die tatsächliche
Zahl der Erwerbslosen in diesem Land anbelangt. Die Statistik wird mit allen
möglichen Tricks geschönt und aufgehübscht. Kommt es dann zur Verkündigung des
Zahlenwerks, entsteht der Eindruck, als sei die Zahl der Erwerbslosen kein
wirklicher Grund zur Sorge. Klar ein paar Drückeberger und auch ein paar gerade erst
gestern Freigesetzte gibt es schon, aber das sind Randerscheinungen, die es überall
in einer florierenden Wirtschaft gibt.

Nur notorische Nörgler behaupten dagegen, die Arbeitslosenstatistik hätte mit der
Realität nichts mehr zu tun, sei geschminkt, verwässert und schmecke wie gepanschter
Wein. Ertappte Weinpanscher jedenfalls wurden im alten Rom zu langjährigen
Leibesübungen auf den Galeeren verdonnert, aber so rund 20 Jahrhunderte später ist
Etikettenschwindel schon fast legalisiert. Das Dutzend frischer Hennenprodukte in
der Verpackung besteht eben nur noch aus neun, statt aus zwölf Eiern, und unter
deren Schale dürfen eben auch ruhig noch ein paar faule Dotter dabei sein. Fällt
doch überhaupt nicht auf.

So tauchen denn allmonatlich, dank der hohen Kunst der staatlichen Bilanzfälscher,
rund eine Million Erwerbslose in die statistische Twilight Zone unter. Alle
Arbeitslose, die älter als 58 Jahre sind (380.000), die sogenannten Ein-Euro Jobber
(326.000), alle die sich in einer beruflichen Weiterbildung (237.000) befinden, kaum
zu fassen, sogar 28.000 Kranke. Hinzu kommen noch diejenigen, die von Amts wegen
gerade in Eingliederungs und meist fragwürdige Trainigs-Maßnahmen (116 000) gesteckt
wurden. Auch wem gerade wegen despektierlichen Verhaltens gegenüber dem
Leistungsträger die finanziellen Mittel entzogen wurden, verschwindet ebenso spurlos
im statistischen Niemandsland.

Der Kreativität der statistischen Chirurgen sind wirklich keine Grenzen mehr
gesetzt. Hokus Pokus Fidibus, wer demnächst von privaten Jobvermittlern betreut
wird, löst sich statistisch betrachtet auch noch in Luft aus ( 200.000) und trägt so
zur weiteren Verschlankung der offiziellen Erwerbslosenstatistik bei. Würde es für
das Fantasy-Festival der staatlichen Bilanztrickser einen Oscar geben,
SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz könnte ihn mit stolz geschwellter Brust für die
großkotzige Bundesregierung entgegennehmen.

Was jetzt noch fehlt ist ein Magier, der die gesamte lästige Arbeitslosenstatistik
wie das Kaninchen im Zylinder verschwinden lässt. Hier offenbaren sich tatsächlich
noch wahre Wundertüten, aus deren Inhalt selbst wenig qualifizierte Zauberlehrlinge
profitieren können. Hatte man im westdeutschen Schlaraffenland in den Zeiten des
Wirtschaftswunders noch die Ein-Prozent-Marke als offizielle Vollbeschäftigunsgrenze
betrachtet, so wird seit den 1990ziger Jahren die magische Demarkationslinie
flexibel von 4, 5 oder gar 6 % als Maßstab der Vollbeschäftigung angesehen. In
Zeiten der allgemeinen Flexibilität ist es daher angebracht auch das kleine und
große Einmaleins ein wenig flexibler zu handhaben und die Fünf nun endlich zu
begradigen.

Gerade in Wahlkampfzeiten sind alle Mittel der statistischen Manipulation recht. Je
größer die Lüge vor der Wahl, desto besser das Ergebnis für die gerade regierenden
Lügenbarone. Also schnell voran mit der Flexibilisierung der
Vollbeschäftigungsgrenze. Rasch hoch damit auf zehn oder mehr Prozent und der
Wahlslogan kann lauten: „Wir haben die Arbeitslosen nicht nur halbiert, wir haben
sie abgeschafft“. Positiver Nebeneffekt dabei, die teure, allmonatliche
Statistiklüge bleibt uns erspart, denn Vollbeschäftigung marginalisiert die
Unnötigen zu vernachlässigbaren Randerscheinungen, die keiner Statistiklüge mehr
bedürfen.