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Die Kunst der Sabotage
20. Juli 2010

Über den Widerständler Karl Wagner

Buchbesprechung von Stefan Gleser

Der junge Karl Wagner wird hin- und hergetrieben. Seine Mutter macht sich grosse Sorgen um ihn. Sieht ihren Sohn wieder eingesperrt und geschlagen: „Bub, wenn du bloss die Politik an den Nagel hängen würdest. Alles wäre gut.“ Karl erwidert, dass wenn Hitler nicht „von der Bildfläche verschwindet“ ein Krieg käme. Dann könne sich keiner drücken, da würde keine Angst was nützen. Er wolle, wenn ihm denn nichts übrig bliebe, lieber im Gefängnis sein, als „auf andere Menschen schießen.“

Der kommunistische Widerstandskämpfer Karl Wagner ist der proletarische Supermann aus dem Poesiealbum des sozialistischen Realismus. Beruflich hoch qualifiziert und von einer störrischen Wut besessen, sich permanent in Sachen Politik und Arbeit fortzubilden. Karl Wagner hat freilich den Nachteil, dass es ihn von 1909 bis 1983 wirklich gab. Und so hat Hilde Wagner mit „Der Kapo der Kretiner“ über ihren Ehemann Karl vorsätzlich spröde und zurückhaltend geschrieben. Und so reckt sich keine markige Arbeiterfaust, um die Internationale zu singen und das Buch ist ruhig und behutsam und von einer anrührenden Zärtlichkeit gegenüber dem Verstorbenen.

Wagners Sozialpartner zieht inmitten der Krise einen durchaus lukrativen Auftrag ans Land; behauptet aber, dieser sei nur durch Lohnkürzung auszuführen. Wagner, gewerkschaftlich organisiert, überführt seinen Chef der Lüge und unterrichtet seine Kollegen. Diese beugen sich dem Unternehmerdiktat; es sei immer noch besser als vor dem Arbeitsamt herumzulungern. Allein Wagner wahrt aufgrund seiner Fachkenntnisse das ohnehin spärliche Einkommen. Man solle sich nicht um die Angelegenheiten fremder Leute kümmern, auf deren Hilfe könne man nicht bauen, und überhaupt sei er, Wagner sowieso Kommunist, sagt ihm der Arbeitgeber in einem Gespräch. Und so wird der aus einem sozialdemokratischen Elternhause stammende und in Feuerbach bei Stuttgart wohnende Wagner neugierig, informiert sich und wird Mitglied in der KPD.

Jung und neu in einer organisierten Gruppe zu sein, da liegt die Gefahr nahe, zu einem frisch bekehrten Eiferer zu werden. Wagner schützt sich davor durch strenge Unterscheidung zwischen dem sozialdemokratischen Apparat mit seinem Köhlerglauben an die Gesetze und der Basis. Die Erfahrung, dass es der Partei nützt, wenn die Partei mal nicht im Vordergrund steht, wird sich später in der Zusammenarbeit mit polnischen und österreichischen Katholiken bewähren.

Die Nationalsozialisten erhalten den Auftrag zu einer stabilen Regierungsbildung und Karl Wagner wird sofort verhaftet und gefoltert. Und dann wird die Sprache zu einem Gitter der Gedanken und man sagt erschütternde Leidensstationen. Kurzfristig lebt Wagner als freier Mann und die „Rote Hilfe“ schickt ihn zur logistischen und theoretischen Schulung in die Schweiz. Und dann wieder Konzentrationslager. Und in einem davon ordnet Benz, ein ehemaliger Lehrer an der Marxistischen Arbeiterschule, die Mühsale der Gegenwart in die Geschichte ein. Kühne und verwegene Gedanken seien zuerst unterdrückt worden. Als Beispiel nennt er die Theorien der Naturwissenschaftler Johannes Kepler und Giordano Bruno. Jetzt nicht kapiert zu werden, gibt die Hoffnung, nachher wenigstens gelobt zu werden.

Wagner war der Mann mit vielen Eigenschaften zum Nutzen seiner Mithäftlinge. Eine geschmeidige Taktik. Stets innerhalb der Hierarchie des Lagers aufsteigen und nie kollaborieren. Im Lexikon unter contradictio in adjectivo nachschlagen und danach Beispiele für Wagner finden. Wagner gaukelte zäh und bedächtig, war von blitzschneller Schwerfälligkeit. Innerhalb von Sekunden schlagfertig eine Antwort finden, um das Leben des zum Vogelfreien erklärten Kowalski zu retten und vorausschauend inmitten des Stacheldrahtes sich von zwei Architekten zum unentbehrlichen Saboteur ausbilden lassen. Oder beim Bau des Bunkers für Himmlers Frau mehr Sorgfalt auf das Vorschwindeln von Arbeit als auf die Arbeit selbst zu verwenden. Oder Wagner verhindert die Fertigstellung des Krematoriums in Dachau. War da sein Leidensgenosse Kurt Schumacher, den seine Mithäftlinge aufgrund einer Kriegsverletzung besonders unterstützen, nicht etwas stur und ungeschickt?

Wagners federnde Elastizität härtet sich so gleich zum Stahl, wenn es um die Solidarität geht. Im Aussenlager Allach von Dachau lässt der Josef Jarolin einen Bürger der Sowjetunion auf den „gefürchteten Bock“ fesseln. Und „Jarolin gab mir den Befehl: ,Schlagen!‘

Ich antwortete: ,Ich schlage nicht!‘
Jarolin: ,Warum schlägt Du nicht?‘
Meine Antwort: ,Ich kann nicht schlagen!‘
Nun probierte es Jarolin mit dem Zuckerbrot: ,Versuchs‘, befahl er.
Meine erneute Antwort: ,Ich schlage nicht.‘

Jetzt spielte Jarolin den wilden Mann, zog die Pistole und brüllte: ,Du Kommunistenschwein, das hatte ich doch gewußt!‘ In diesem Moment rechnete ich damit, abgeknallt zu werden. Ich riß meine Lagerältestenbinde vom Arm und warf sie auf den Bock. Jarolin aber drückte nicht ab, er gab lediglich den Befehl, mich abzuführen.“ Wagner wird später wegen seiner Weigerung halb tot geprügelt werden.

Die „Frontbegradigung“, d.h. die Siege der Alliierten führen zu Fraktionskämpfen innerhalb der SS. Statt willkürlichem Terror soll Vernichtung durch Arbeit das Los der Häftlinge sein. Aus Objekten, die der Allmacht der SS unterstehen, werden jetzt sich selbst reparierende Industriemaschinen der Flicks und Krupps

Himmler will die Politischen still und leise liquidieren lassen. Das wagt er in Dachau nicht, dazu sind die illegalen Kräfte schon zu stark, das würde die Stilllegung der Rüstungsbetriebe bedeuten. Wagner wird nach Buchenwald verschleppt. Dort konnte am 21. April 1945 das internationale antifaschistische Lagerkomitee erklären: „Die zerschlagenen Armeen der Nazis sind ostwärts des Ettersberges zurückgeflutet. …Unsere militärische Macht sichert das Lager“. Die Karlsruher DKP ehrt Karl Wagner ausführlich auf ihrer Internetseite.

Hilde Wagner, Der Kapo der Kretiner
Pahl-Rugenstein, Bonn 2009, Bibliothek des Widerstandes, 18,90 Euro, ISBN: 978 3 89144 407 8

Die Renten- und Alterssicherung in Deutschland bleibt immer mehr zurück.

Von Reinhold Schramm

Seit dem Jahr 2001 haben die "Rentenreformen" - die keine Reformen waren - das Alterssicherungssystem deutlich geschwächt. Die Alterssicherung in Deutschland bleibt hinter anderen europäischen Ländern zurück.

Lebensstandardsicherung war bis Ende der 1990er Jahre ein Leistungsziel der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland.
Armutsfestigkeit des Rentensystems ist gegeben, wenn die Leistungen des Alterssicherungssystems bei erwerbslebenslanger Beitragszahlung aus Vollzeitbeschäftigung eine Nettoversorgung gewährleisten, die nicht nur Grundsicherungsbedürftigkeit vermeidet, sondern deutlich oberhalb des staatlichen "Fürsorge"-Niveaus liegt.

Die Wissenschaft kommt zur Feststellung, dass das deutsche Alterssicherungssystem in Zukunft beide Ziele, sowohl die Lebensstandardsicherung als auch die strukturelle Armutsfestigkeit, deutlich verfehlen wird:
- Veränderungen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt, Instabilität der Familienmuster, Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse (Minijobs, Zeitarbeit, Leiharbeit, Aushöhlung und erwünschter Zusammenbruch der Tarifsysteme, Absenkung der Lohnhöhe etc.), Massenarbeitslosigkeit und wachsende soziale Ungleichheit, haben dazu geführt, dass viele Rentenversicherte weder die Voraussetzungen für eine Rente deutlich oberhalb des (noch) staatlichen Grundsicherungsniveaus erfüllen, noch eine Sicherung ihres Lebensstandards erreichen können.
- Zum anderen haben die (Lobby-) beauftragten und regierenden Parlamentsparteien mit den "Rentenreformen" des letzten Jahrzehnts die Ziele der Lebensstandardsicherung und der Armutsfestigkeit aufgegeben und beschlossen, das Rentenniveau deutlich abzusenken.

Seit der Rentenreform im Jahr 1957 basierte die gesetzliche Rentenreform der Bundesrepublik Deutschland auf dem Umlagesystem, das den Versicherten bei erwerbslebenslanger Beitragszahlung aus Vollbeschäftigung den Lebensstandard sicherte und im Regelfall Altersarmut und gesetzliche Mindestrente (heute 'Grundsicherung' - analog "Hartz IV-Regelleistung") vermeidet.

Seit dem Jahr 2000 kam es in der Gesellschafts- und Rentenpolitik zu einem Paradigmenwechsel, zugunsten der (medial-) kapitalliberalen Markt- und Privatisierungseuphorie. Die gesellschaftspolitische Entscheidung für die Reduzierung der Altersrenten aus der abhängigen Lohnarbeit wurde mit dem (BDA-) Argument begründet, zu hohe Lohnnebenkosten seien eine entscheidende Ursache für Arbeitslosigkeit.
Mit der "Rentenreform" - zum Versorgungsabbau! - von 2001 ("Altersvermögensgesetz" und "Altersvermögensergänzungsgesetz") wurde das Ziel der Lebensstandardsicherung - vor allem für die Bevölkerungsmehrheit - ausdrücklich von den Regierungsparteien und Parlamentsmehrheit im BDI-BDA-Kapitalinteresse der Versicherungswirtschaft aufgegeben.
An die Stelle des bis dahin geltenden sozialstaatlichen Paradigmas trat das "Drei-Säulen-Modell" der Privatisierungs- und Profitinteressen. Die gesetzliche Rentenversicherung soll künftig keine volle Absicherung mehr leisten, sondern nur noch einen Teilbetrag zur Alterssicherung leisten (erste Säule). Der fehlende Teil zur Lebensstandardsicherung soll durch betriebliche und/ oder private Vorsorge (- vor allem zur Profitmaximierung der Versicherungsbetreiber und Gesellschaften etc.) aufgebracht werden (zweite und dritte Säule).

Die "Rentenreformen" der bisherigen Regierungsparteien und Parlamentsmehrheiten beruhten insgesamt auf einem von vornherein und erkennbar unerfüllbaren Versprechen und vorsätzlichen Betrug an der Mehrheitsbevölkerung:
- Die kapitalgedeckte Vorsorge kann die Einkommensersatzfunktion der gesetzlichen Rentenversicherung nicht übernehmen. Von einer Teilhabeäquivalenz an der allgemeinen Lohnentwicklung kann nicht die Rede sein (Dominanz des Profitsystems).
- Die gesetzliche Rentenversicherung einerseits und betriebliche und private Altersversorgung andererseits sind nicht deckungsgleich. Die betriebliche und private Altersvorsorge (der profitorientierten Gesellschaften) können das gesetzliche Umlagesystem nicht kompensieren.
- Private und betriebliche Altersvorsorge sind selektiv (- der Sinn, Ziel und Zweck des Systems).
- Die (Lobby- betriebene) Kombination bei der betrieblichen und privaten Vorsorge und finanziellen Förderung durch den Staat führt zu systematischer Fehlsubventionierung und Mitnahmeeffekten. Ein bereits allgemein bekanntes und erwünschtes Ziel bei der Profitmaximierung der privaten Versicherungsgesellschaften - durch den auch medial geleugneten realen Rentenraub bei der abhängigen Lohnarbeit.

Quelle vgl.: WISO - direkt, Juli 2010.
Rückkehr zur lebensstandardsichernden und armutsfesten Rente.
Von Klaus-Heinrich Dedring, Jörg Deml, Diether Döring, Johannes Steffen, Rudolf Zwiener.
http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07350-20100716.pdf

Lese-Empfehlung:
A) Lohnverzicht reduziert Altersrente.
Verzicht auf Arbeitslohn und Lohnkampf reduziert die Altersrente und erhöht die Kapitalvermögen der deutschen Bourgeoisie und Administration.
http://www.labournet.de/diskussion/wipo/rente/verzicht.pdf
B) DGB-Kuschelbärchen der Wirtschafts-Administration für Armutslöhne, Zeitarbeit und Altersarmut.
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/psa/igz_schramm2010.pdf

Merke: Ohne Kampf gibt es keine auskömmliche Rente und Alterssicherung.