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Gnade für Katrin


Im Fussballfieber steht der verbale Fettnapf immer direkt an der Seitenauslinie


Einwurf von Gisbert Spränzer


Spekulationen, wonach die ZDF- Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein
nach ihrem verbalen Foul an der political correctness des
bundesdeutschen Fussballblablas den Löwen in Südafrika zum Fraß
vorgeworfen wird, dürften sich nicht erfüllen. In einer Stellungnahme
schloss der Mainzer Sender Konsequenzen aus. Die Moderatorin hatte in
der Halbzeitpause beim triumphalen 4:0-Erfolg der DFB-Recken gegen
Australien den Satz: «Und für Miroslav Klose ein innerer
Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass er heute hier trifft»,
vom Stapel gelassen. Es war zwar eine verbale Entgleisung im Eifer der
Halbzeitpause, aber auch nicht mehr.


Klose ist derzeit der erfolgreichste aktive Torschütze in der
Nationalmannschaft und zweitbester Torschütze insgesamt nach dem „Bomber
der Nation“ Gerd Müller. Schon 1954 nach dem Finalsieg gegen Ungarn
wurde das Berner Wankdorfstadion zum Reichsparteitagsgelände. Im
Siegesrausch wurde dort die dritte Strophe der Nationalhymne von den
mitgereisten Nationalgeistern gegrölt. „Deutschland, Deutschland über
alles, über alles in der Welt“. Helmut Rahns Granate zum 3:2 machte eins
klar: „Deutschland kann wieder siegen“. Mit Müller auf der Torlinie des
Gegners gelang es 1970 bei der WM in Mexiko, England im Viertelfinale
siegreich zu schlagen und Rache für die Schmach von Wembley 1966 und
anderer Dinge aus der Vergangenheit zu nehmen. Damals feierte der
gesamte bundesrepublikanische Teil Deutschlands einen inneren
Reichsparteitag. Und bei Müllers Tor am 7. Juli 1974 im Münchner
Olympiastadion zum 2:1 im WM- Finale gegen den Erzfeind Niederlande
wurde die stolze Bundesrepublik von Flensburg bis Oberammergau zum
Reichparteitagsgelände. 1990 nach dem 1:0 Endsieg, pardon Endspielsieg,
gegen Argentinien in Rom war es „Kaiser“ Franz Beckenbauer, der im
Hinblick auf die Übernahme der DDR im nationalen Taumel phraselte:
„"Deutschland wird auf Jahre unbesiegbar sein." Zum Glück wurde nichts
draus.


Im Fussballrausch steht der verbale Fettnapf immer direkt an der
Seitenauslinie. Diesmal ist Katrin Müller-Hohenstein hineingetreten. Ein
unbeabsichtigtes Foul, aber keinesfalls elfmeterwürdig. Es gibt ganz
andere Dinge als das verbale Eigentor der Fernsehjournalistin im fernen
Südafrika, über die wir uns in diesen Tagen aufregen sollten. Da geben
die verbalen Blutgrätschen der Schwarzkittel und Gelbstirndeppen an der
politischen Heimatfront doch wesentlich mehr her als der dumme Vergleich
von Kloses Gefühlsleben mit dem Parteitagsgedönse der Nazis.


Ach ja, da war doch noch Paul Breitners Einwurf. Potato Fritz hat einmal
ganz unpatriotisch gegenüber dem Spiegel zugegeben: "Da kam dann das
Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief`s
ganz flüssig." Also, Deckel drauf auf die Reichsparteitage und hoffen,
dass die kommenden Elfmeterschießen für Deutschland nicht zum nationalen
Dünnpfiff werden.