| zurück | Das Vermächtnis des Oskar Lafontaine: Hartz IV-Sanktionen bleiben | |||||||||||||
| takt@takt.de | ||||||||||||||
Kritik am vorliegenden
Programmentwurf der Partei Die Linke
von Katja Kipping, 21. März 2010 Der von der Programmkommission vorgelegte Programmentwurf enthält viele zu begrüßende Aspekte, z. B. das klare Bekenntnis zu Selbstbestimmung, die strategische Ausrichtung auf die Verbindung von parlamentarischer mit außerparlamentarischer Arbeit und die eindeutige friedenspolitische Ausrichtung. Aus sozialpolitischer Sicht jedoch muss dieser Entwurf dringend verbessert werden. Zu den kritikwürdigen Punkten gehört u. a.: Idee sozialer Grundrechte komplett unterbelichtet Die Idee des demokratischen Sozialstaats, also die Begründung sozialer Rechte durch die Idee der Teilhabe aller an der Demokratie, ist im Entwurf komplett unterbelichtet. (Daran ändert auch der Umstand nicht, dass der demokratische Sozialstaat einmal in einer Aufzählung erwähnt wird, da es keine ausführliche Begründung dazu gibt.) Vor dem Hintergrund des aktuellen Bundesverfassungsgerichtsurteils zu den HartzIV-Regelsätzen ist das besonders blamabel für uns. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat deutlich unterstrichen, es gibt ein Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum. Das ergibt sich aus dem Sozialstaatsgebot. Und dieses Existenzminimum erfasst nicht nur das physische Überleben, sondern auch ein Mindestmaß an kultureller und politischer Teilhabe. Das erzählen inzwischen selbst CSU-Politiker. Aber in unserem Programmentwurf ist dieser Aspekt unterbelichtet. Schutz vor Altersarmut nur für Erwerbstätige Im Programm heißt es: „DIE LINKE kämpft für eine armutsfeste gesetzliche Rente für alle Erwerbstätigen.“ (S. 6) sowie „Um Altersarmut zu verhindern, wollen wir eine erhöhte bedarfsgerechte Grundsicherung im Alter.“ (S. 27) Das heißt im Klartext: Für Nicht-Erwerbstätige gibt es keine armutsfeste gesetzliche Rente, sondern nur eine Lösung im Rahmen der Grundsicherung im Alter. Diese Formulierungen zementieren im Alter das Zwei-Klassen-System: AlGruSi für die einen, Rente für die anderen. Hier war der Parteivorstand schon einmal weiter
in seiner Beschlussfassung. So fasste er auf seiner Klausurtagung im Sommer
2008 folgenden Kompromisstext zur Verhinderung von Altersarmut: „Zukünftig
soll dies [Schutz vor Altersarmut] innerhalb der Erwerbstätigenversicherung
abgesichert werden. Das Ziel ist, dass nach Anrechnung von Einkommen und
Vermögen keine Rentnerin und kein Rentner im Monat unter 800 Euro
fallen dürfen.“ Begrenzter Zumutbarkeitsbegriff Zitat aus Entwurf: „Wir fordern ein Ende
des Zwangs, untertariflich bezahlte oder der eigenen Qualifikation nicht
angemessene Arbeit anzunehmen.“ Hier geht es also um Zumutbarkeitskriterien.
Schon zu Beginn der 16. Wahlperiode hatte die Fraktion sich einvernehmlich
darauf verständigt, die Zumutbarkeitskriterien zu ergänzen.
Es geht eben nicht nur um Qualifikation und Entlohnung, sondern es geht
auch um zumutbare Fahrtwege und die Gewissenfreiheit (also der Frage nach
dem Inhalt der Erwerbsarbeit). Wortwörtlich hieß es im Fraktionsbeschluss
im Jahr 2006: Sanktionsfreiheit nicht ausreichend gewürdigt DIE LINKE hat sich auf die Abschaffung der Sanktionen im Bereich Hartz IV verständigt. Das heißt: Die Mindestsicherung ist unter keinen Umständen zu kürzen und die Sanktionsparagraphen im SGB II sind umgehend zu streichen. So steht es auch in unserem Bundestagswahlprogramm. Zwar wird im Programm die sanktionsfreie Mindestsicherung erwähnt, allerdings macht man sich nicht recht die Mühe, diese zentrale Forderung entsprechend zu würdigen und zu begründen. Mein Vorschlag lautet, die ab Seite 40 aufgeführten Mindestbedingungen für Regierungsbeteiligungen mindestens um die Abschaffung der Sanktionen im Bereich Hartz IV zu ergänzen. Gute Arbeit auf gut bezahlte Erwerbsarbeit begrenzt / 4in1 -Perspektive eine Leerstelle Im Programmentwurf ist viel von „Guter Arbeit“ die Rede. Leider wird darunter ausschließlich gut bezahlte Erwerbsarbeit behandelt. Fragen nach dem Inhalt von Arbeit, Fragen nach dem entfremdeten Charakter von Erwerbsarbeit im Kapitalismus, die Tatsache, dass gute Arbeit niemals erzwungene Arbeit sein kann, all dies sind Leerstellen im Programm. Die Erkenntnis, dass es vier gleichberechtigte Arbeitsbereiche gibt, die eine Arbeitswoche zu vier gleichen Teilen prägen, also ein Viertel Erwerbsarbeit, ein Viertel Fürsorge-und Reproduktionsarbeit, ein Viertel politische Einmischung und ein Viertel Arbeit an sich selbst, vorstellbar als Weiterbildung und Muße, fehlt im Programm. Mangel an diskursiver Offenheit bezüglich des Grundeinkommens Komplett ausgeblendet wird im Programmentwurf die Debatte um ein linkes Bedingungsloses Grundeinkommen. Dies zeigt in eklatanter Weise einen Mangel an diskursiver Offenheit. Gut ist, dass es sich bisher nur um einen ENTWURF handelt. Dieser soll nun diskutiert und verändert werden. Emanzipatorische Kräfte sind jetzt gefragt, auf entsprechende Veränderungen hinzuwirken.
|
||||||||||||||
| Zu den kritikwürdigen Punkten gehört u. a.: Idee sozialer Grundrechte komplett unterbelichtet | ||||||||||||||
| Katja Kipping ist seit 2003 stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei Linkspartei. PDS beziehungsweise seit Juni 2007 der Partei Die Linke. | ||||||||||||||
| Mein Vorschlag lautet, die ab Seite 40 aufgeführten Mindestbedingungen für Regierungsbeteiligungen mindestens um die Abschaffung der Sanktionen im Bereich Hartz IV zu ergänzen. | ||||||||||||||
| Das heißt im Klartext: Für Nicht-Erwerbstätige gibt es keine armutsfeste gesetzliche Rente, sondern nur eine Lösung im Rahmen der Grundsicherung im Alter. Diese Formulierungen zementieren im Alter das Zwei-Klassen-System: AlGruSi für die einen, Rente für die anderen. | ||||||||||||||