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Bundeswehr-Strukturkommission will Ordonanzen im Offizierscasino
abschaffen - Mahnwache mit Marschmusik vor dem Bundesverteidigungsministerium
angekündigt - Militärisches von Gisbert Spränzer
Am gestrigen Dienstag wurde der Bericht der
Bundeswehr-Strukturkommission vorgelegt. Die Vorschläge der
Struktur-Kommission sind aus Sicht vieler altgedienter Haudegen jedoch
nicht stimmig. „In viel zu kurzer Zeit hat das Gremium eine
unausgegorene Streichliste geschaffen, welche die Truppe an ihrer
empfindlichsten Stelle trifft“, kommentiert Oberstleutnant a. D.
Wilfried von Bockschuss die Pläne künftig in Offizierscasinos
keine
Ordonnanzen mehr einzusetzen. Von Bockschuss sprach in diesem
Zusammenhang von Untergang der abendländischen Militärkultur,
wenn
Offiziere künftig gezwungen sein sollten ihre Wein und Schampusflaschen
selbst zu entkorken. Oberst Bernhard Bückling und Major Heinrich
Graf
von Schlendrian, beide aus dem Bundesverteidigungsministerium, begrüßten
die klare Analyse ihres alten Kameraden ausdrücklich und forderten
vom
Leiter der Reformkommission Dr. h.c. Frank-Jürgen Weise und
Verteidigungsminister zu Guttenberg in dieser Angelegenheit unverzüglich
einen geordneten strategischen Rückzug anzutreten.
Oberstleutnant a. D. Wilfried von Bockschuss sagte im schneidigen
Kasernenhofton, dass zwar viele der vorgeschlagenen Maßnahmen den
Kern
der Problematik träfen. Die Truppe sei in der Tat für die heutigen
Aufgaben nicht optimal aufgestellt. Es muss schlanker, flexibler und
klarer strukturiert werden, die Tradition in den Casinos müsse jedoch
Bestandsschutz haben. Seit dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.
von
Preußen habe der Offizier das Recht, dass ihm zur Zigarre das Feuer
von
einer strammen Ordonnanz gereicht werde, betonte von Bockschuss weiter
und vergas nicht zu erwähnen dass Offiziere zur Gattung der Gentlemen
gehörten und nicht behandelt werden dürften wie Kamerad Schnürschuh.
Abschließend kündigte Oberstleutnant a. D. von Bockschuss für
die
kommenden Tagen eine Mahnwache mit Marschmusik vor dem
Bundesverteidigungsministerium zum Erhalt der Ordonanzstellen an.
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„Ich
sterbe ruhig und mutig“ - Ein Buch über den Widerstandskämpfer
Josef Wagner
Der tapfere Friedenssoldat
Buchvorstellung von Stefan Gleser
Für´s Hüten fremder Leute Kühe gibt´s einen halben
Apfel. Zehn der
vierzehn Geschwister versterben früh. Die Mutter verliert er mit elf.
Eine Kindheit, wenn man darunter behütet und sorglos versteht, hat Josef
Wagner nie erlebt. Er wurde 1897 in Lockweiler, einer zutiefst
katholischen und bäuerlichen Gemeinde, oben im Hochwald geboren. Erste
feine Risse im Gefüge der mächtigen Kirche kündigen sich in
der
Kaiserzeit an. Der Pfarrer legt die Wahlen zum Kirchenvorstand auf einem
Samstag fest. Da haben nur Landwirte, die von ihrem Grund und Boden
leben können, Zeit. Wer in die Bergwerke an die Saar fahren muss, würde
bei Wahlteilnahme eine Schicht verlieren. Bitten und Proteste fruchten
nichts, der Kleriker bleibt stur. Kein Grubenarbeiter erringt einen
Sitz.
Für Josef Wagner ist das Leben vorprogrammiert. Wie sein Vater wird er
Bergmann. Vom kärglichen Lohn wird noch die Schlafstelle abgezogen. Die
Frauen mühen sich zu Hause mit Kindern und Feldarbeit und dem bisschen
Vieh ab.
Der Sonntag dauert eine Wimpernschlag und dann wieder zurück in den
Schacht.
Im ersten Weltkrieg schickt man den Wagner an die Front und dann sieht
er den Schützengraben, den Offizier im Casino und den kriegsblinden
Bettler auf der Strasse und wird Gewerkschaftler und Kommunist. Liest
und vergleicht man die Wahlergebnisse, so muss Wagner weit über den
Kreis der organisierten Arbeiterschaft gewirkt haben. Welche Vorurteile
mögen ihm bei den frommen Kleinbauern, die täglich um ihr Eigentum
bangen und täglich den Kapitalismus neu schaffen, begegnet sein, Wie
mühsam muss es gewesen sein zu erklären, dass sie sich selbst ausbeuten
und der Sozialismus nicht der Gottseibeiuns ist. Wagner dürfte zu den
seltenen Kommunisten gezählt werden, die einen Kleinbauern mitdenken
konnten. Auf jeden Fall wird man auf Reichsebene auf Wagner, der
anscheinend in einem ganz fremden Milieu fischen kann, aufmerksam und
schickt ihn zur Rosa-Luxemburg-Schule nach Berlin.
Nach dem Wahlsieg der Nazis konnte Wagner 1933 aus Lockweiler, das
damals zur preussischen Rheinprovinz gehörte, gerade noch rechtzeitig
nach Schmelz ins Saargebiet fliehen. Es steht unter der Verwaltung des
Völkerbundes und spielt im Kampf gegen Hitler eine wichtige Rolle. Es
ist deutschsprachig und noch frei. Wagner agitiert sofort gegen die
Kriegsvorbereitungen der Nazis. „Der rote Primstalbote“ wird bis
in den
Hochwald hinein geschmuggelt. Wagner übermittelt Nachrichten zwischen
den illegalen Zellen im Reich und der Bezirksleitung in Saarbrücken.
Die
Faschisten schätzen Wagners Bedeutung für den Widerstand richtig
ein:
Sie versuchen ihn auf Reichsgebiet zu locken und setzen eine Kopfprämie
aus. Der Druck der Gestapo auf die Familie wird unerträglich.
Schliesslich ziehen seine Frau Helena und die Tochter Maria nach
Schmelz. Die Saar wird nicht gehalten. Die verlorene Volksabstimmung
zwingt Wagner am 17. Januar 1935 ins Exil. Er lebt in Grenznähe in
Kleinrosseln und Forbach. Wagner arbeitet im Ausschuss „Zur Vorbereitung
einer Volksfront für das Saargebiet“. Nach dem Einmarsch deutscher
Truppen in Frankreich wird Wagner im Süden, in das Gefängnis von
Castres
gesperrt. Seine Tochter Maria ist äusserst mutig und es zählt zu
den
anrührendsten Stellen des Buches, wie sie die Verbindung mit dem Vater
aufrecht zu erhalten sucht. Wagner muss innerhalb der Antifaschisten ein
hoch geachteter Mann gewesen sein. Der expressionistische Schriftsteller
Rudolf Leonhard widmet ihm ein Gedicht und der Journalist Alexander
Abusch rühmt Wagner in einem Brief an Heinrich Mann als „ausgezeichneten
Nazigegner“. Die Vichy-Regierung liefert Wagner am 16. Juli 1942 an
die
Gestapo aus. Das „Volksgericht“ klagt Wagner wegen „Hochverrats“
an. Vor
zehn Jahren wurde Wagner aus seiner Heimat verjagt. Wie erinnert man
sich an ihn? Hat da nicht einer vor dem Krieg gewarnt? Selbst die
NS-Gauleitung fürchtet, dass seine Hinrichtung Unzufriedenheit und
Verbitterung mehren würde. Die Familie, nie mit Reichtümer gesegnet,
beauftragt einen Saarbrücker Rechtsanwalt statt des von des Nazis
bestellten Pflichtverteidiger. Alles vergebens. Die Blutjustiz mordet
Wagner am 1. September 1943 in Berlin-Plötzensee.
In seinem letzten Brief bittet er seine Familie, sich „keinen Kummer“
und „keine Sorgen“ zu machen. Er werde „ruhig und mutig“
sterben.
Dem Saarbrücker Schriftsteller und Journalisten Dieter Gräbner ist
es zu
verdanken, dass Josef Wagner dem Vergessen entrissen wurde. Widerstand
war, dies beweist das Buch, mehr als der Junker, dessen Gewissen
erwachte, weil die Rote Armee vor dem Rittergut stand. „Ich sterbe ruhig
und mutig“ lebt von der Spannung, dass Gräbner, Preisträger
der
Konrad-Adenauer Stiftung, Wagners Theorie vehement ablehnt, aber
zuweilen, wenn er bei seinen Erkundungen beklagt, dass Kinder chancenlos
aufwachsen oder Langzeitarbeitslose ausgemustert werden, die Welt mit
Wagners Augen anzuschauen scheint. Fundament des Buches sind die
zahlreichen Dokumente, die der Historiker Dr. Luitwin Bies zusammentrug.
Gräbners Gabe liegt in der Beobachtung, im direkten Kontakt. Er hört
Wagners hochbetagter Tochter, die im Süden Frankreichs lebt, zu und
startet in den Strassen Losheims eine kleine Privatumfrage zu Josef
Wagner mit dem durchaus erfreulichen Ergebnis, dass es doch junge Leute
gibt, die mit diesem Namen etwas anfangen können. Und wie steht die
Gemeinde Losheim zu ihrem tapferen Sohn? Nach Schlachtenlenkern und
Kriegsherren sind so viele Strassen benannt. Nach dem Friedenssoldaten
Josef Wagner keine einzige.
Dieter Gräbner, »Ich sterbe ruhig und mutig« Josef Wagner
- Bergmann,
Kommunist, Widerstandskämpfer, Conte, Saarbrücken 2010, 186 Seiten,
mit
zahlreichen s/w-Fotos und Dokumenten ISBN: 978-3-941657-07-6, Preis:
14,90 €.
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