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05.09.10 Generation Praktikum, Leiharbeit und in Arbeitslosigkeit.

Von Reinhold Schramm

Nach dem Praktikum folgt häufig die Leiharbeit. Der Anteil junger Leute an den (unterbezahlten) Leiharbeitern ist doppelt so hoch wie unter allen Beschäftigten.
Viele junge Menschen hangeln sich von Praktikum zu Praktikum, andere finden nach der Ausbildung keinen festen Arbeitsplatz. Viele junge Erwachsene kommen nur bei einer Zeitarbeitsfirma und Menschenhändlern unter.


Junge arbeiten häufig nur auf Zeit.
So verteilen sich Leiharbeiter auf die Altersgruppen ...

unter 30 Jahre 39,3 %

30 - 39 Jahre 23,2 %

40 - 49 Jahre 22,9 %

50 Jahre und älter 14,5 %

Junge Leute zählen zu den Verlierern der kapitalistischen Wirtschaftskrise. Der Anteil der Arbeitslosen unter den 15- bis 25-Jährigen ist seit Beginn der Wirtschaftskrise dreimal so stark gestiegen wie in allen anderen Altersgruppen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt deutlich über der Arbeitslosenquote insgesamt. - Dabei erfasst die offizielle Statistik nicht alle Jungen ohne (bezahlte) Arbeit - wer einen Ausbildungsplatz sucht oder eine berufsfördernde Maßnahme durchläuft, gilt (formal) nicht als arbeitslos.
Das Risiko von jungen Menschen unter 35, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist in der Germany AG sechsmal größer als das älterer Kollegen.

Die Jüngeren durchlaufen zwar nur kürzere Phasen der Arbeitslosigkeit, doch die Wissenschaftler warnen vor den langfristigen Folgen: "Die Erfahrung, nicht gebraucht zu werden, kann zu vermindertem Selbstvertrauen, zum Verlust sozialer Kontakte, zur psychischen Destabilisierung und sogar zu Depressionen führen." Dieses Erlebnis am Beginn des Arbeitslebens zieht folgenschwere Beeinträchtigungen nach sich.

Im Jahr 2007 haben 600.000 Berufsanfänger (mindestens) ein Praktikum absolviert. Der Großteil der Praktikumsplätze ist prekär, es gibt keine oder nur eine geringe Vergütung. Junge Leute nehmen schlechte Bedingungen hin, weil sie die in Arbeitsverträgen garantierten Standards nicht kennen. Der Mangel an Arbeitslohn und Anerkennung führe "zu einem pessimistischen Blick auf die eigene Zukunft", so die Wissenschaft. Erwachsene in prekären Arbeitsverhältnissen sind oft nicht in der Lage eine Familie zu gründen.

Nach der Ausbildung: 2007 wurden 40 Prozent der Ausgebildeten nicht übernommen - eine Quote, die sich nach der kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftskrise nochmals erhöhte. Auf die Nicht-Übernahme (in den vorherigen Ausbildungsbetrieb) folgt häufig Arbeitslosigkeit oder eine atypische, prekäre Beschäftigung.

Der Anteil der Unter-25-Jährigen in ungesicherter (atypischer) Beschäftigung (Lohnarbeit) hat sich binnen zehn Jahren verdoppelt. Die Wissenschaftler beobachten eine massive Zunahme der befristeten Stellen infolge der Wirtschaftskrise; vor allem in großen Unternehmen ist es üblich geworden, neue Arbeitsverträge zeitlich zu begrenzen (befristete Arbeitsverträge - Zeitverträge). Eine Befristung ist häufig ein "Einstieg in eine unstete Beschäftigungskarriere". Nur 23 Prozent der beruflich qualifizierten Jugendlichen landen nach einer befristeten in einer stabilen Beschäftigung (Lohnarbeit).

Leiharbeit und Zeitarbeit: Mehr als die Hälfte der Leiharbeiter ist jünger als 36 Jahre. 40 Prozent der Unter-30-Jährigen mit einer Vollzeit-Tätigkeit hatten 2007 keinen festen Arbeitsplatz, sondern bekamen ihr Geld von einer Zeitarbeitsfirma (bzw. vom Menschenhändler). - Leiharbeiter fühlen sich "aufgrund ihres Beschäftigungsverhältnisses strukturell in den Entleihunternehmen ausgegrenzt". Leiharbeiter sind unzufriedener mit ihren Arbeitsumständen und stehen unter besonderem Druck, belegen wissenschaftliche Studien. Psychische Erkrankungen sind der häufigste Grund für eine Krankschreibung von Leiharbeitern - obwohl man davon ausgehen muss, dass Leiharbeiter in der Hoffnung auf eine mögliche Übernahme oft trotz gesundheitlicher Probleme zur Arbeit gehen. Diese Probleme und gesundheitlichen Folgen belasten junge Menschen, die noch weitere Jahrzehnte dem (kapitalistischen) Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen. (?)

Quelle vgl.: Böckler Impuls 12/2010. Arbeitsmarkt:
*Viele Hürden vor dem ersten sicheren Job. -
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2010_12_2.pdf
Thomas Langhoff, Ina Krietsch, Christian Starke:
Der Erwerbseinstieg junger Erwachsener: unsicher, ungleich, ungesund,
in: WSI-Mitteilungen 7/2010 -
In: Ganzes Heft downloaden (pdf) (25. August 2010)
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2010_12_gesamt.pdf
*Siehe hier auch:
Altersübergang - Viele mit 60 reif für die Rente.
Schlechte Arbeitsbedingungen - Ballast fürs ganze Leben.
Einmalige Pauschalen - auf Dauer weniger Gehalt.
Altersteilzeit - Zwiespältige Bilanz. <//strong>



4.09.2010 - Riester Rente (SPD + Grüne) und Rente mit 67 (SPD + CDU) haben millionen Menschen fertig gemacht

Nur Minderheit erreicht reguläres Rentenalter

Studie: Viele schlechte Erwerbsbiographien

Düsseldorf – Schlechte Arbeitsbedingungen beeinträchtigen das ganze Leben: Wer im Erwerbsverlauf meist körperlich schwere Arbeit leistet – etwa jeder Dritte Beschäftigte -, wird in der Folge häufiger arbeitslos, muss meist früher aus dem Beruf ausscheiden und hat in der Regel auch eine niedrigere Rente. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes).* Das Gros der körperlich hart Arbeitenden könne nicht bis 65 arbeiten – und erst recht nicht bis 67, schließen die Inifes-Forscher Prof. Dr. Ernst Kistler und Falko Trischler aus den Daten. Auch Beschäftigte, die bei der Arbeit seelischen Belastungen ausgesetzt sind, halten nicht so lange durch wie andere. Beschäftigte mit belastenden Tätigkeiten haben heute deutlich geringere Chancen, durch berufliche Wechsel bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen, als in den 1980er Jahren.

Die Wissenschaftler untersuchten die Lebensläufe von Beschäftigten über einen Zeitraum von 25 Jahren, um die Spätfolgen schlechter Arbeitsbedingungen zu identifizieren. Dabei zeigt sich: Wer 1985 sein Geld in einem physisch anstrengenden Beruf verdiente, musste sich häufig vorzeitig aus dem Arbeitsleben verabschieden. Unter den körperlich Schwerarbeitenden der 1980er-Jahre, die 2001 zwischen 55 und 65 Jahre alt waren, lag der Frührentner-Anteil bei 58 Prozent. Bei den zuvor weniger Geforderten war die Quote 20 Prozentpunkte niedriger.

Körperlich Belastete müssen mit zahlreichen Nachteilen leben: Neben den gesundheitlichen Problemen und dem vorzeitigen Abschied sind sie auch stärker von Arbeitslosigkeit bedroht als andere Erwerbstätige. Von den 2001 in einem körperlich anstrengenden Beruf Beschäftigten war in den folgenden fünf Jahren jeder Dritte mindestens einen Monat arbeitslos, berichten die Forscher. Die weniger belasteten Beschäftigten hatten ein geringeres Risiko: Von ihnen stand nur jeder Achte einmal ohne Job da. Die Gefahr der Langzeitarbeitslosigkeit ist für physisch Schwerarbeitende dreimal so groß, so die Studie.

Dass schlechte Arbeitsbedingungen ein Ballast für das ganze Arbeitsleben sind, ermittelten Trischler und Kistler anhand von Angaben des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Für das SOEP werden jährlich die gleichen Personen zu ihrer Lebenslage befragt. Das ermöglicht Aussagen über langfristige Erwerbsverläufe. So stellten die Wissenschaftler fest, dass die meisten Betroffenen – sofern sie nicht arbeitslos werden – über Jahre die gleichen Belastungen erdulden, “bis es nicht mehr geht und sie vorzeitig in den Ruhestand müssen”. Die Wissenschaftler sehen folgendes, durch empirische Daten gestütztes Muster: Menschen mit vergleichsweise geringen Qualifikationen sind eher gezwungen, Arbeitsplätze mit körperlichen Belastungen zu übernehmen. Sie erledigen selbst in den Branchen mit vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen die besonders anstrengenden Aufgaben. In diesen Jobs summieren sich die Nachteile der Arbeitswelt: Körperlich Schwerarbeitende haben nur wenig Freiräume bei der Arbeit und bekommen von ihren Arbeitgebern kaum Qualifizierungsangebote. Sie sind häufig als Zeitarbeiter, befristet oder in Teilzeit beschäftigt und beziehen oft nur einen Niedriglohn. Sich aus dieser Situation zu lösen, fällt inzwischen sehr schwer, denn die Aufstiegschancen in der Arbeitswelt haben abgenommen. Wer zu schlechten Bedingungen arbeitet, verbessert sich kaum noch, so Trischler und Kistler.

Beschäftigte mit körperlichen Belastungen wechseln häufiger die Stelle und berichten auch häufiger von Wechseln in Arbeitslosigkeit, Rente oder eine andere Form von Nichterwerbstätigkeit. Wo es aber zu einem Berufswechsel kommt, verschlechtert sich oft die Lage. Das war in den 1980er-Jahren noch anders: Fast zwei Drittel der Befragten erklärten damals, dass sich ihr Verdienst mit dem Wechsel verbessert habe. 2007 sagen das nur noch 42 Prozent; 29 Prozent geben stattdessen an, ihr Verdienst sei nun niedriger. Die Hälfte der Niedriglöhner des Jahres 1995 konnte ihren Status bis 2008 nicht verändern. Und auch die körperlichen und seelischen Belastungen verschwinden im neuen Job nicht, fanden die Forscher heraus. 2007 bleiben die Arbeitsbelastungen für fast die Hälfte der Befragten nach einem Wechsel ungefähr gleich, ein Viertel verschlechtert sich sogar noch. Gerade ältere Beschäftigte treffen an der neuen Stelle kaum noch bessere Bedingungen an.

Früher erwerbsunfähig, häufiger arbeitslos und schlecht vergütet – all das schlägt sich auch in der Alterssicherung nieder. Wer im Beruf körperlichen Belastungen ausgesetzt ist, sammelt weniger Rentenansprüche. Ältere Beschäftigte mit Belastungen waren von 2001 bis 2006 durchschnittlich nur 43 von 60 Monaten in Vollzeit beschäftigt, alle anderen dagegen sieben Monate länger. Das in der gesetzlichen Rentenversicherung für den so genannten “Eckrentner” angenommene Normalarbeitsleben werde für immer mehr Beschäftigte zur Illusion, warnen die Forscher.

*Falko Trischler, Ernst Kistler: Gute Erwerbsbiographien. Arbeitspapier 2: Arbeitsbedingungen und Erwerbsverlauf. inifes Internationales Institut für Empirische Sozialökonomie, Stadtbergen 2010. Download: http://www.boeckler.de/pdf_fof/S-2009-236-3-3.pdf