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Drei Jahre Linke im Saarland – Eine
wirklich tolle Geschichte 10. September 2010
Wenn’s vorne juckt und hinten beißt,
nimm Lafontaines Melissengeist
Saartire von Oliver Drecksack
Ganz klar, das Saarland braucht diese Linke. Täglich
sorgt die Partei des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit für
beste Unterhaltung. Mal ist es der einfache Krach im Treppenhaus, mal
die Blutgrätsche gegen die Parteifreundin oder den Freund. Das Wort
„Chinesenficker“, es wird der Landtagsabgeordneten Dagmar
Ensch-Engel zugeschrieben, machte die Runde durch den Südwestzipfel
und begeisterte ebenso wie die wunderbaren Austrittserklärungen,
die allesamt mit öffentlichen Tam-Tam verbreitet wurden. Für
lang anhaltenden, nicht enden wollenden Beifall sorgten die gestammelten
Reden des Landesvorsitzers Rolf Linsler.
Nicht zu vergessen das großartige Wahlergebnis
bei der Völklinger Oberbürgermeisterwahl. Hier hat die linke
Kandidatin, sie wurde dem Ortsverband von Oben übergestülpt,
gerade mal 7,81 Prozent der Wählerstimmen eingefahren und hat dabei
nicht mal den üblichen „Oskar-Bonus“ erreicht. Bei der
vorrausgegangenen Kommmunalwahl in Völklingen erzielte die Linke
noch rund 18 Prozent. Zur Wahlparty soll reichlich Côte de Blamage
geflossen sein.
Trotzdem, die Saar Linken sind begeistert von sich.
Landeschef Rolf Linsler ließ es sich nicht nehmen eine äußerst
positive Bilanz zur Entwicklung seiner Saar-Rothäute zu ziehen. Die
Entwicklung der Linken im Saarland sei ein beispielloses „Erfolgsmodell“,
so Linsler, der seine Partei. nach der feierlichen Beerdigung der Karteileichen,
immer noch im Aufwind sieht. Stolz ist der rote Rolf auch auf das Bündnis
mit Sozen und Grünen in der Landeshauptstadt. Es gelang immerhin
in einem gemeinsamen Kraftakt die Hundesteuer in Saarbrücken zu erhöhen.
Mehr als 230 rote Krieger vertreten die Saar-Linke
heute in den kommunalen Parlamenten und tragen Sorge dafür, dass
es niemanden vorne juckt und hinten beißt. Im Landtag ist man mit
elf Abgeordneten glasklar drittstärkste Kraft. Zwei Bundestagsabgeordnete
sorgen in Berlin dafür, dass es im Saarland nur so flutscht. Der
Himmel hängt einfach voller Geigen für die Linken im Saarland.
Ob das so bleibt ist eher fraglich. Die linken Musiker an der Saar haben
es nämlich noch immer nicht geschafft als Orchester aufzutreten.
Als Komiker sind sie allerdings klasse.
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10.9.2010 - Das Öffnen
und Schließen des Mundes - "warum o warum du dich nicht halten
denn dann an sprachen"
Videoaufnahmen von Ernst Jandls Frankfurter Poetikvorlesungen
Von Stefan Gleser
Aus dem artistischen Vorsatz einen Text zu schaffen, der nur den Vokal
„o“ kennt, wurde eines der populärsten Gedichte deutscher
Sprache:
„Ottos Mops“. Sein Verfasser, der experimentelle Lyriker Ernst
Jandl,
berichtet in seinen Poetikvorlesungen „Das Öffnen und Schliessen
des
Mundes“, 1984/1985 an der Frankfurter Universität über
seine Arbeitweise, seine Vorbilder und trägt eigne Gedichte vor.
Die Kamera lief, als Jandl las und der Suhrkamp Verlag hat jetzt die
Mitschnitte herausgegeben. Es gibt viele Bücher von Jandl und er
hat
eine Unmenge von Schallplatten besprochen. Warum jetzt noch ein Video?
Es heisst, Jandl sei der beste Interpret seiner Lyrik gewesen. Wenn
Jandl den Mund öffnet und schliesst, dann wächst Begeisterung
ringsum,
während der Vortragende gelassen bleibt. Gedichte und Film scheinen
einander zu mögen. Beide eignen sich für kurze Momentaufnahmen
aus der
Wirklichkeit, beide sind schnell und leicht zu bearbeiten.
Ein gesetzter Herr im blütenweissen Hemd und sehr grosser Brille
nimmt
da den Rap, den poetry slam, den Videoclip vorweg. Einfach für fünf
Minuten ein bisschen Poesie reinziehen und dann weg zappen. In der
Sprache, der Jandl stets misstraute, dem gehobenen Feuilleton, nennt
sich so was avant la lettre. Die vorgestanzte Formulierung löscht
jegliches Eigenleben aus. Die Selbsteinschätzung des Sprechers und
sein
Ausdruck geraten in ein lächerliches Missverhältnis. Jandl führt
einen
solchen, entpersonalisierten Automatismus, der der Phrase Allmacht
verleiht, in seinem Theaterstück „Die Humanisten“ vor.
Es ist die Persiflage aufs aufgeplusterte deutschnationale
Kulturbewusstsein. Ein „universitäten professor“ und
ein „kunstler“
berufen sich permanent auf das geistige Erbe, die abendländische
Tradition. Der eitle, beliebige Austausch von Zitaten, das weihevolle
Geschwätz reduziert Jandl auf den Kern einer zufälligen Geburt:
"deutschen sprach sein ein kulturensprach".
Das hochgestochene Gefasel erstarrt die Sprache. Das Gestammel der
Fremden und Ungebildeten macht sie biegsamer, geschmeidiger und weicher:
„Die arme Sprache ist die reichere.“
Jandl hat seine Angriffe gut verschanzt von der Warte des promovierten
Germanisten geführt. Wer mit der Sprache verstörend und zersetzend
wirkt, statt ein Bekenntnis Gassi zu führen, wer mit 24 Buchstaben
bastelt, spielt und experimentiert, wer für sie neue Kontinente des
Ausdrucks erobert, braucht einen materiell gesicherten Platz. Jandl
arbeitete Jahrzehnte als Gymnasiallehrer in Wien.
In seinen Vorlesungen erzählt Jandl, wer ihn beeinflusste. Er zitiert
Kurt Schwitters und ruft Raoul Hausmann in Erinnerung. Es war für
mich
überraschend, dass er Bertolt Brecht als experimentellen und konkreten
Kollegen ansieht. Brechts „Hauspostille“ hat´s ihm angetan.
Jandl fordert von der Literatur Überprüfbarkeit, sieht sie als
etwas
Machbares an. (Nietzsche: an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule
arbeiten) Das Handwerkliche unterwirft sich der Kontrolle, erlaubt
Rumbosseln, Montage, Nachahmung. Vielleicht sind deswegen seine Gedichte
bei Kindern so beliebt.
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Johannes Ullmaier gab den DVDs ein vor Informationen überberstendes
Heft
bei. Als Jandl zu dichten begann, wurden Rosen und Grashalme besprochen.
Ullmaier begleitet mit vielen Belegen Jandls Weg aus der Isolation zum
Star der konkreten Poesie. Als das „Jandl“ , das Umstellen
der
Buchstaben und Wörter, der Dialekt, die Umgangsprache in die
Öffentlichkeit vordrang, verlor es etwas vom Zauber der freischwebenden
Heiterkeit und von seinem widerborstigem Charme. Der Mops trotzt nicht
mehr. Er lässt sich streicheln.
Jandl ist ein eminent politischer Kopf. Sein Werk ist ein Manifest gegen
den Krieg und die Irrationalität, auch dann wenn es sich nicht dezidiert
dazu äussert. Die ausgefeilte Kunst birgt einen unscheinbaren Sprengsatz
in sich. Wenn es schon viel Spass macht, gegen die Normen der Sprache
zu
verstossen, dann liegt der Schluss nahe, es könne ein Fest werden,
die
Regeln der Gesellschaft zu ändern.
Ernst Jandl: Das Öffnen und Schließen des Mundes, zwei DVDs
mit einem
Booklet, ,Suhrkamp, Berlin 2010, Euro 29,90
ISBN: 978-3-518-13517-4
http://www.youtube.com/watch?v=ZX0trk26tp8
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