|
Solidarpakt Bergbau" im Saarland kommt zu spät
Saar-Bergleute leiden nun unterVersäumnissen
der CDU-Regierung
Von Claude Michael Jung
Saarbrücken (LiZ). Saar-Ministerpräsident Peter Müller
(CDU) hat am Dienstag vor der Landespressekonferenz in Saarbrücken
über die laufenden Gespräche der Landesregierung im Zusammenhang
mit dem absehbaren Ende des Steinkohle- bergbaus an der Saar informiert.
Müller mahnte an, die aktuelle Situation nicht zu dramatisieren,
aber auch nicht zu beschönigen. Es seien nicht 10.000 Beschäftigte
betroffen. Betroffen seien unmittelbar knapp 4.000 Beschäftigte des
Bergwerks Saar in Ensdorf. Ein Teil davon werde auch in Zukunftfür
die Nachsorge benötigt. Die von einer Schließung des Bergwerks
Saar in Ensdorf ebenfalls betroffenen, über 6000 weiteren Beschäftigten
der Zulieferindustrie und deren Familienangehörige, fanden dabei
in Müllers Zahlenwerk keine Berücksichtigung.· Statttdessen
erging sich der CDU-Ministerpräsident in populistischen Sprüchen:
"Nur wenn wir uns dieser Herausforderung gemeinsam stellen, werden
wir sie auch meistern. Dann besteht aber auch eine gute Chance" und
"Bergbau, der eine Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung
darstellt, ist unakzeptabel". Bergbau, der mit der Gefahr für
Leib und Leben der Bergleute, dem Saarland noch vor wenigen Jahrzehnten
Wohlstand beschert hatte, war für sämtliche CDU-geführte
Vorgängerregierungen sehr wohl akzeptabel. Erinnert sei nur an das
schwere Grubenunglück auf der Grube Luisenthal am 7. Februar 1962.
Durch eine Explosion kamen damals 299 Bergleute ums Leben. Zum Zeitpunkt
des Unglücks waren 664 Arbeiter unter Tage, 433 von ihnen im Explosionsbereich.
Nur 61 blieben unverletzt.Klar ist, dass der Bergbau im Saarland ohne
Zukunft ist. Schon alleine angesichts der verheerenden Bergschäden
und der unbersehbaren Gefahren für die im Abbaugebiet lebenden Menschen,
ist der Kohleabbau unter bewohntem Gebiet nicht mehr möglich. Die
CDU-Landesregierung hat es jedoch versäumt, einen Alternativplan
für einen vorzeitigen Ausstieg aus der Kohleförderung zu entwickeln.
Seit Jahren hat Müllers Landesregierung wie das Kaninchen auf die
Schlange gestarrt, die ständigen Erdbeben zwar zur Kenntnis genommen,
aber ein Szenario für einen, eventuell rasch notwendig werdenden
Ausstieg aus der Kohleförderung, wurde nicht entwickelt. Jetzt kommt
Müllers Ruf: "Nur wenn wir uns dieser Herausforderung gemeinsam
stellen, werden wir sie auch meistern...., zu spät. Längst hätte
die Landesregierung den Vorschlag von Oskar Lafontaine (DIE LINKE) aufgreifen
und nach dem Muster der Stahl-Stiftung eine Beschäftigungsgesellschaft
einrichten können, die den Bergleuten bei Garantie des bisherigen
Lohns hätte Arbeit geben sowie gleichwertige Arbeitplätze in
der Saar-Wirtschaft vermitteln können. Damit wäre zunächst
den direkt betroffenen Bergleuten geholfen worden. Geschehen ist nichts
dergleichen, stattdessen war die bisherige Devise der CDU Protagonisten:
"Augen zu und durch". Wie hilflos klingt da auch Müllers
Ankündigung, dass der ehemalige CDU-Wirtschaftsminister Hanspeter
Georgi seine Unterstützung in herausgehobener Funktion des Solidarpakts
Bergbau zugesichert hat. Interessant, aber kaum tröstlisch für
die von einer Grubenschließung Betroffenen dürfte dagegen die
Information des Saar-Regierungsschefs über ein Telefonat mit der
Bundeskanzlerin gewesen sein. "Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
wurde von mir umfassend über den sofortigen und unbefristeten Abbaustopp
informiert. Mit Blick auf die absehbaren Personalanpassungsmaßnahmen
hat sie spontan das Gesprächsangebot der Bundesregierung, allen voran
durch den Bundesminister für Wirtschaft und den Bundesminister für
Arbeit, zugesichert." Ob Bundeswirtschaftsminister Michael Glos,
im Rahmen der von Müller angekündigten Personalanpassungsmaßnahmen,
beim Ausfüllen der Anträge für Arbeitslosengeld behilflich
und später den Hartz IV-Beziehern Trost zusprechen soll, ließ
Müller offen.Unterdessen hofft RAG-Kohlechef Tönjes, dass der
Abbaustopp nur befristet ist. Auch der Betriebsratsvorsitzende des Bergwerks
Saar, Hans-Jürgen Becker, forderte eine zweite Chance für den
Bergbau im Saarland. Der Bergwerksbetreiber RAG setzt seine Hoffnungen
dabei auf eine technische Lösung. Mit einem neuen Bohrverfahren aus
der Erdölgewinnung sollen die für die Beben verantwortlichen
Sandsteinplatten gesprengt werden. Tönjes wollte keine Angaben dazu
machen, wie groß die Chancen sind, dass diese Variante zum Einsatz
kommt. Er sagte, den Bergleuten wehe der Wind zurzeit "von vorne
entgegen". Was RAG-Kohlechef Tönjes und der Betriebsratsvorsitzende
des Bergwerks Saar, Hans-Jürgen Becker, heute noch als Hoffnungsschimmer
für die Bergleute verkaufen, wird wohl bald dem Blick in die Realität
der Hoffnungslosigkeit weichen müssen. Eher auf ein Ende mit Schrecken
als einen Schrecken ohne Ende hoffen die vom Bergbau betroffenen und geschädigten
Anwohner in der Region. Den RAG-Bergleuten und den Beschäftigten
in der Zuliefererindustrie sowie deren Familien steht der Schrecken der
Arbeitslosigkeit und der damit verbundene soziale Abstieg allerdings erst
noch bevor. Hier kann der, auf der Landespressekonferenz von Ministerpräsident
Peter Müller um Jahre zu spät geforderte "Solidarpakt Bergbau"
wohl kaum noch zu einem Ausweg aus der Sackgasse führen.
|
|