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Weinreserven aus dem dreißigjährigen
Krieg an der oberen Saar geborgen
Jahrhunderte alte Weine in der Krypta der Pfarrkirche
Sankt Donner und Doria eingelagert – Bürgermeister Edgar Lump
spricht von einer Begegnung der dritten Art
Von Claude Michael Jung
Als im Jahre 1618 der dreißigjährige Krieg ausbrach brachte
das an der Saar und
ihren Nebenflüssen lebende, weise Volk seine gesamten Fassweinreserven
in der Krypta
der Wallfahrtskirche Sankt Donner und Doria zu Großhumpendorf an
der oberen Saar in
Sicherheit. Zwar predigte der Bernhardinermönch Emerald damals vehement
gegen die
Saufgelage und Orgien seiner Christenherde, jedoch den marodierenden Heeren
der
Warlords missgönnte der Weihwasserexperte den Vollrausch mittels
der süffigen
Saarweine ebenfalls.
Nachdem die Evakuierung nach rund einem halben Jahr abgeschlossen war,
verschloss
der Mönch Emerald die schwere Eingangstür zur Krypta, warf den
Schlüssel zum damals
größten Weinkeller der Welt in den großen Strom der Saarländer
und bat den Herrn,
dass der Schlüssel zum Vollrausch niemals wieder aufgefunden wird.
Danach mauerte
der abstinent dahinvegetierende Kuttenträger auch noch die Tür
zum Himmel der
Weinseligen mit geweihtem Quadersteinen zu und ließ das Gerücht
verbreiten, das
Luzifer jedem der es wagen würde das Gewölbe zu betreten, die
Sinne auf ewig
verwirren würde.
Dem Obermessdiener Jens, einem Neffen des Großhumpendorfer Dorfchronisten,
Studienrat Ernst Nonsens, ist die Wiederentdeckung der fast 400 Jahre
alten Weine zu
verdanken. Jens, dem Pastor Friedensreich Selighauer bei Androhung einer
ordentlichen Tracht Prügel verboten hatte, jemals wieder hinter dem
Hochaltar zu
kiffen und der deswegen seinen Joint auf der Treppe zur Krypta rauchen
wollte, war
eine stark torkelnde und rülpsende Kirchenmaus aufgefallen. Den tierischen
Vorfall
meldete der pflichtbewusste Obermessdiener auf der Stelle dem gestrengen
Gemeindehirten und handelte sich als Dank Gottes sieben gehörige
Ohrfeigen ein,
sodass Jens die Engel im Himmel singen hören konnte.
Trotzdem leitete Pastor Selighauer unverzüglich eine Ringfahndung
nach der
alkoholisierten Kirchenmaus ein. Sogar Dorfkater Baldrian nahm, wenn auch
erfolglos,
an der Fahndungsaktion teil. Erst nach rund einer Woche fand Pastor Selighauer
das
veilchenblaue Untier schnarchend neben seinen Hostienvorräten liegend
und nahm den
alkoholisierten Nager in Gewahrsam. Ausgenüchtert und mausgerecht
mit Käse und Speck
ernährt, führte die trunksüchtige Maus Pastor Selighauer
schließlich in Gegenwart
des gesamten Gemeinderats zu einem kleinen Loch in der Wand im Kellergewölbe
der
Wallfahrtskirche Sankt Donner und Doria.
Kompetenzträger wie Brandmeister Rohrbruch und Oberstleutnante a.D.
Wilfried von
Bockschuss waren rasch mit schwerem Abbruchgerät zur Stelle, um dem
Geheimnis der
blauen Maus auf die Spur zu kommen. Zum Glück verzichtete der Großhumpendorfer
Gemeinderat auf den Einsatz von Sprengstoff, wie ihn Oberstleutnante a.D.
Wilfried
von Bockschuss wiederholt vorgeschlagen hatte. „Dies hätte
unter Umständen die
eingelagerten Weinfässer beschädigt und zur größten
Weinsintflut aller Zeiten führen
gekonnt“, so Kommunechef Edgar Lump, der sich bei Brandmeister Rohrbruch
für die
Bereitstellung und den geschickten Einsatz der schweren Brecheisen bedankte.
Es war wie die Öffnung eines Pharaonengrabes. Was fehlte war lediglich
die Mumie
eines saarländischen Ramses oder Tut-Ench-Amuns. Auch kein Tempelritter
des uralten
Geschlechts der Schlendriane, die eins die obere Saar beherrschten und
den pfälzer
Heiden die saarländische Lebensart einbläuten, wurde neben den
unzähligen
Weinfässern gefunden. Ebenso hielt sich der Schaden, den die versoffene
Kirchenmaus
angerichtet hatte in Grenzen. Das Tier erlebte seine tägliche Verklärung
durch ein
langsam, aber stetig tropfendes Rieslingfass, dessen Inhalt nach einer
Analyse durch
den Großhumpendorfer Arzt, Schauspieler und Bergsteiger Dr. Hubert
Engerling, jedoch
noch immer ein Hochgenuss für den gehobenen Weintrinker ist.
Derzeit ist die Weinanalyse in der Krypta der Wallfahrtskirche Sankt
Donner und
Doria noch im vollen Gang. Dr. Hubert Engerling hat ein Feldlazarett zur
Ausnüchterung und zum Auspumpen, der in Mitleidenschaft gezogenen
Mägen der
Analysten, im Innenraum der mittelalterlichen Kirche errichtet und die
tollen Puppen
des Großhumpendorfer Jungfrauenvereins zu fürsorglichen Krankenschwestern
und
Trösterinnen in der Not verpflichtet. Wie es heißt soll Weingott
Bacchus dem
Gemeinderat erschienen sein und tatkräftig an der Analyse der erlesenen
Weine für
Spitzentrinker teilnehmen.
Wie die Pressestelle des Großhumpendorfer Rathauses meldet, wird
das Volumen des
unverhofften Weinfundes auf circa 125 000 Liter Spitzenweine und rund
80 000 Liter
gewöhnlichen Deliriumsbeschleuniger geschätzt. Nach Darstellung
von Renate
Schlüpfher, Pressesprecherin der uralten Tempelritterkommune und
Bürgermeister Edgar
Lumps liebender Ehefrau Elfriede, rechnet die Gemeinde in den kommenden
Wochen nicht
mehr damit, dass der Gemeinderat seine Arbeit an der langen Theke von
Ännchens
Kneipe am Dorfbrunnen aufnehmen kann. Elfriede (La Rabiata) Lump hofft
inständig
darauf, dass sich der Fluch des Bernhardinermönchs Emerald von 1648,
wonach
denjenigen die Sinne auf ewig verwirrt werden würden, die es jemals
wagen, die Ruhe
der Bacchus-Krypta zu stören, nicht in Erfüllung geht.
Unterdessen verdichten sich Gerüchte, wonach die Entdeckerin des
größten
Weinschatzes der Weltgeschichte, die veilchenblaue Kirchenmaus, zur Ehrenbürgerin
der autonomen Saargemeinde Großhumpendorf erklärt werden soll.
Dies verkündete
Bürgermeister Edgar Lump, der laut einem Bulletin des Großhumpendorfer
Arztes,
Schauspieler und Bergsteigers Dr. Hubert Engerling, zeitweise das Bewusstsein
wiedererlangt hat. Kein Gerücht ist es dagegen dass Obermessdiener
Jens wegen seiner
Kifferei in der Pfarrkirche Sankt Donner und Doria, im elterlichen Hause
nicht
begnadigt wurde. Jens wurde der Arsch versohlt, trotz, oder gerade wegen
seiner
Halluzination von der veilchenblauen Kirchenmaus.
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