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Stadtzeitung Saarbrücken


Jetzt kommt die erste Kolchose im Saarland


Prunkvolles Begräbnis für Bauer Güllerich

Von Claude Michael Jung


Es war ein schwerer Schlag für die uralte Tempelrittergemeinde Großhumpendorf an der
oberen Saar. Auf dem Nachhauseweg von Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen prallte eine
dickköpfige Eiche am Wegesrand, gleich mehrmals mit dem Traktor von Bauer Güllerich
heftig zusammen. Bei dem verzweifelten Versuch den wildgewordenen Baum zu umfahren,
kippte die schwere landwirtschaftliche Maschine, samt Bauer Güllerich in den
Humpenbach. Dort nahm der beliebte Landwirt mit Schaudern seinen letzten Schluck.
Nach einem Augenzeugenbericht fuhr seine Seele nur wenige Minuten später, leicht
schwankend, jedoch von einem halben Dutzend Engeln gestützt und mit einem Lied auf
den Lippen, in den sternenklaren Nachthimmel auf.

Unter Anteilnahe der gesamten Saar/Lor/Lux/Walonie-Großregion, wurde der verblichene
Landwirt in der Pfarrkirche Sankt Donner und Doria aufgebahrt. Aus halb Europa,
sogar aus der Pfalz eilten Landfrauen an den Sarg von Bauer Güllerich und drückten
strömeweise ihre schluchzende Trauer in Bächen von salzigen Tränen aus. Mehrmals
musste die freiwillige Feuerwehr das Kirchenschiff leer pumpen, um eine
Flutkatastrophe zu verhindern. „Der einbalsamierte Leichnam ist über Nacht zu einer
Pilgerstätte geworden“, notierte der Dorfchronist Studienrat Ernst Nonsens in sein
Tagebuch.

Die vom Kommunechef, Bürgermeister Edgar Lump eingesetzte Beerdigungskommission
unter Leitung von Pastor Friedensreich Selighauer ordnete die Aushebung eines
besonders tiefen Doppelgrabes an, um den toten Bauern Seite an Seite mit allen, im
Himmel benötigten Grabbeigaben zu bestatten. Zwei Tage lang war die gesamte
Messdienerequipe damit beschäftigt, auf dem nun verwaisten Güllerich-Hof, das
zurückgebliebene Leergut einzusammeln und die leeren Schnaps, Bier und Weinflaschen
mit DLG prämierten Premiumweihwasser wieder zu betanken. Auf die Konservierung der
Leiche in einem Schnapstank aus Edelstahl, mit Guggloch, wurde wegen der hohen
Kosten für das hochprozentige Heil und Konservierungsmittel allerdings verzichtet.
So blieb es bei einem schlichten Sarg aus bester saarländischer Eiche.

Drei mal bewegte sich der gewaltige Lindwurm aus Trauergästen, Offiziellen und
Schaulustigen um das gesamte Dorf an der oberen Saar. Das Blasorchester „Volles Rohr
Großhumpendorf“ intonierte unter der musikalischen Leitung seines Dirigenten, des
Großhumpendorfer Arztes, Schauspieler und Bergsteigers Dr. Hubert Engerling, die
Lieblingsmelodien Bauer Güllerichs, darunter den River Kwai Marsch, Alte Kameraden,
die Internationale und den bekannten Karnevalsschlager Humba Humba Täterä.

Ein knappes Dutzend mal musste der schwere Sarg wieder aus dem Grab gehoben werden,
um dann erneut unter Hurra und Alee Hopp Rufen der Beerdigungsgäste wieder in die
Tiefe gesenkt zu werden. Mehrere Stunden nahmen die Grabreden in Anspruch. Pastor
Friedensreich Selighauer verlas den, durch Dorfchronist Studienrat Ernst Nonsens
blumenreich ausgeschmückten Lebenslauf des Großbauern vorwärts und rückwärts.
Bürgermeister Edgar Lump fügte die gemeinsamen Erlebnisse an der langen Theke in
Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen als letztes Prosit hinzu.

Die Großhumpendorfer Landwehr feuerte unter dem Kommando von Oberstleutnant a. D.
Wilfried von Bockschuss 21 großkalibrige Salutschüsse auf die, mit Großhumpendorf
seit Jahrhunderten verfeindete SPD-Nachbargemeinde Schlemmerbach ab. Bei
Redaktionsschluss lag der Schadenbericht noch nicht vor, jedoch die Großhumpendorfer
Gemeindeartillerie ist bestens bekannt für ihre hohe Trefferquote.

Selbst Trollo, der etwas zu groß geratene Mischlingshund von Pastor Friedensreich
Selighauer wollte sich nicht lumpen lassen. Der gute Trollo apportierte einen, am
Dorfrand selbst gefangenen, immer noch zappelnden Sozi vor die Grube von Bauer
Güllerich und wollte seine Trophäe als letzten Gruß, dem zum Erzengel gewordenen
Bauern hinterherschicken. Nur der raschen Intervention von Bürgermeister Lump war es
zu verdanken, dass die letzte Ruhestätte von Bauer Güllerich nicht mit dem Kadaver
eines Vertreters der Sozialdemokratur geschändet wurde. Dem kreischenden „Hartz IV
Verbrecher“ wurde kräftig der Marsch geblasen, bevor er für eine Nacht zu Exerzitien
in den Bockstall der Templer-Gemeinde gesperrt wurde.

Fast eine gesamte Woche dauerte das Leichenims an der langen Theke in Ännchens
Kneipe am Dorfbrunnen. Zum Höhepunkt der Trauertage eröffnete Bürgermeister Edgar
Lump das Testament des teuren Verblichenen. Als seinen letzten Willen hatte der
kinderlos gebliebene Bauer festgelegt, dass sein Hof samt Äckern und Weiden in den
Besitz der Gemeinde übergeht und dort als Kolchose weiter betrieben werden soll. Die
landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) soll den Namen „Rote Revoluzzer
Obere Saar“ tragen und mit der jährlichen Ernte von Hopfen, Malz und Braugerste mit
dazu beitragen, den Welt-Bierdurst entscheidend zu mindern, bestimmte die
verstorbene Bierkehle weiter in ihrem letzten Willen.

Alarisch, dem blitzgescheiten Wallach des auf tragische Weise verstorbenen
Landwirts, steht bis zu dessen Lebensende die gesamte Weidefläche der Kolchose zur
freien Verfügung. Auch seine Prachtsau Elsbeth hat der Heimgegangene testamentarisch
bedacht. Elsbeth, so steht es im Testament Bauer Güllerichs, solle von „La Rabiata“,
Bürgermeister Edgar Lumps liebender Ehefrau Elfriede adoptiert werden, damit diese
neben ihrem Göttergatten noch ein zweites Schwein zu füttern hat, bestimmte Bauer
Güllerichs letzter Wille.

Sollte „La Rabiata“ die Erbschaft verweigern, müsse Pastor Friedensreich Selighauer
seinen Rosengarten als Domizil für Elsbeth zur Verfügung stellen, ist aus dem
Testament des frisch gebackenen Erzengels der Landwirtschaft zu entnehmen.
Dorfchronist, Studienrat Ernst Nonsens vermerkt dazu in seinem Tagebuch: „Elsbeth
und der Pastor wären ein gutes Gespann und Großhumpendorf ginge als erste Gemeinde,
die einen Schweinepriester auf der Kanzel stehen hat, in die Geschichte der
katholischen Kirche ein“.