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Saarländische Kommune will
Karlspreis verleihen
Das Kommunistische Manifest wird
Pflichtlektüre am Großhumpendorfer Baldrianeum
Von Claude Michael Jung
Jeden dritten Sonntag im Monat quillt die uralte Tempelritterkommune Großhumpendorf
an der obern Saar vor unüberschaubaren Pilgerscharen über. Denn
jeden dritten
Sonntag im Monat widmet Pastor Friedensreich Selighauer seine Sonntagspredigt
in der
Pfarrkirche Sankt Donner und Doria dem, von Karl Marx und Friedrich Engels
1847
verfassten kommunistischen Manifest. Tausende Proletarier aus der Großregion
Saar/Lor/Lux vereinigen sich bereits in den frühen Morgenstunden
zum gemeinsamen
Public-Gugging im großen Festzelt auf dem Rätschplatz, da die
mittelalterliche
Pfarrkirche den herbeigeströmten Menschenmassen schon lange nicht
mehr gewachsen
ist.
Reisebusse aus den elsässischen Städten Mulhouse, Colmar und
Strasbourg parken auf
dem Freigelände am Fuß der Kuckuckshöhe, neben Bussen
aus Belgien, Luxembourg
Frankreich und der gesamten einfältigen Bundesrepublik Deutschland.
Nach dem
feierlichen Segen, mit Hilfe der modernen Weihwasser-Spränkleranlage,
schmettert
dann die große Orgel zum Abschluss die Internationale, gefolgt von
der Marseillaise
und dem, aus Italien stammenden internationalen Arbeiterlied Bandiera
rossa.
Unübersehbar ist das rote Fahnenmeer beim traditionellen sonntäglichen
Fassanstich,
den der Großhumpendorfer Dorfronist, Studienrat Ernst Nonsens immer
wieder mit den
gleichen Worten „Avanti Popolo -Schluck auf“, zelebriert.
Wenn die Kirchenglocken dann endlich schweigen und der Blasebalg der
Orgel von den
vielen Zugaben seinen Dienst wegen Erschöpfung versagt, tritt der
Gemeinderat zur
Sonntagssitzung in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen zusammen. Bürgermeister
Edgar Lump
stellte als ersten Tagesordnungspunkt das Wahlverhalten seiner Gemeinde
im kommenden
Superwahljahr zur Debatte. Bereits nach drei köstlichen Humpen frischem
Fassbier
erging der einstimmige Beschluss, die gleiche Prozedur wie bei allen anderen
Wahlen
vorher anzuwenden. Die leeren Wahlurnen werden auch diesmal wieder, nach
der
offiziellen Schließung der Wahllokale, mit dem Müllwagen der
Gemeindereinigung vor
der Dienststelle des Landeswahlleiters abgekippt.
Sodann stellte Bürgermeister Edgar Lump dem hohen Rat seiner Gemeinde
ein neues
Mitglied vor. Horst Krug, der neue Lehrer an der Großhumpendorfer
Schule, dem
Baldrianeum, wird zukünftig die Geschicke der Tempelrittergemeinde
mitbestimmen.
Horst Krug war vom saarländischen Kultusministerium an die obere
Saar strafversetzt
worden, weil er im Chemieunterricht seinen Schülerinnen und Schülern
beigebracht
hatte, wie man mit wenigen Flüssigkeiten einen perfekten Molotowcocktail
bastelt.
„Das wäre zwar niemals rausgekommen, allerdings haben meine
zukünftigen
Chemikerinnen und Chemiker ihr erlerntes Wissen gleich an einem Lager
mit
Propagandamaterial der Sozis ausprobiert, sodass die Feuerwehr einschreiten
musste“,
so Horst Krug im Verlauf seiner Vorstellung. Ohne Gegenstimme wurde der
Chemielehrer
in den Gemeinderat berufen. „Krug ist ein echter Tempelritter“,
notierte
Dorfchronist, Studienrat Ernst Nonsens in sein Tagebuch.
Präzise 11 Humpen Krawallbrause und eben so vielen medizinischen
Kräuterschnäpsen
später, Pastor Selighauer hatte gerade seine Autogrammstunde beendet
und die meisten
roten Pilger hatten Großhumpendorf bereits wieder verlassen, fiel
dann die
Entscheidung des Tages. Die Initialzündung, zur Verleihung des Karlspreises
der
Gemeinde, stammte vom neuen Mitglied des Gemeinderats Horst Krug. Man
möge zu Ehren
von Karl Marx, dem großen Sohn der Stadt Trier, die diese Ehre ihrem
ehemaligen
Mitbürger schnöde verweigert, alljährlich den Großhumpendorfer
Karlspreis an
verdiente Kämpfer gegen das marodierende Großkapital verleihen,
so Horst Krug in
seiner kämpferisch vorgetragenen Antragsbegründung.
Aus einem Fuder frischem Fassbier, verbunden mit der Aufnahme in den
Orden der
tollen Ritter vom großen Humpen, wie der heilige Gral an der oberen
Saar genannt
wird, solle der Großhumpendorfer Karlspreis bestehen, beschloss
spontan die
Vollversammlung des Gemeinderats.
Bevor Bürgermeister Edgar Lump unter dem Druck einer Kampfansage
seiner geliebten
Ehefrau Elfriede, besser bekannt als „La Rabiata“, die Sitzung
des Gemeinderats
auflösen musste, versprach Neulehrer Horst Krug noch künftig,
das Kommunistische
Manifest als Pflichtlektüre in seinen Unterricht einfließen
zu lassen.
Dass Horst Krug, wegen seiner militärischen Fähigkeiten, was
die perfekte Mischung
und den Umgang mit Molotowcocktails anbelangt, noch von Oberstleutnant
a. D.
Wilfried von Bockschuss, zum Unteroffizier der Großhumpendorfer
Landwehr befördert
wurde, erlebte Bürgermeister Lump nicht mehr am Stammtisch seines
Gemeinderates.
Über das Begehren von Studienrat Ernst Nonsens, den Großhumpendorfer
Baggersee in
„See des internationalen Proletariats“ umzubenennen, wird
der hohe Rat der
Templer-Gemeinde in seiner nächsten Sitzung eingehend beraten, war
abschließend an
der langen Theke in Ännchens Kneipe am Dorfbrunnen zu erfahren.
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