|
Hartz IV brachte uns die Wolfsgesellschaft
Gewerkschaftsseminar für
Erwerbslose in Kaiserslautern
Von Stefan Gleser
Die Westpfalz steht vor dem Sturz ins Nichts. Die traditionsreiche Nähmaschinenfirma
Pfaff in Kaiserslautern ist insolvent; in Pirmasens schliessen Apotheken
in bester
Innenstadtlage. Demnächst können also der selbständige
Pharmazeut und der
qualifizierte Techniker beim rheinland-pfälzischen Erwerbslosentreffen
von der
Gewerkschaft ver.di teilnehmen.
Hans Sander, Veranstaltungsleiter, erläuterte kurz die Geschichte
des Sozialabbaus,
der Verarmung, des brutalen geführten Klassenkampfs von oben, der
den in der
Verfassung geforderten demokratischen-sozialen Rechtsstaat in eine Wolfsgesellschaft
verändert habe. Der historische Einschnitt sei die Regierungsübernahme
von SPD und
Bündnis 90 / Die Grünen im Jahr 1998 gewesen. Sander vermutet,
eine
christdemokratische geführte Koalition hätte niemals gewagt,
einen solchen Raubbau
an den sozialen Sicherheitssystemen durchzuführen. Restbestände
der katholischen
Soziallehre und der zu erwartende Widerstand der Gewerkschaften hätten
sie
abgehalten. Die Agenda 2010 sei in ein europaweites System (Lissabon-Verträge)
zum
Kampf gegen mühsam errungene Rechte der Arbeiterschaft eingebunden
gewesen. In
Deutschland sei diese Durchsetzung besonders leicht gefallen. Das Fehlen
einer
bürgerlich-demokratischen Revolution wie in Frankreich, das Fehlen
einer Kultur des
Aufstands wie sie unsere Nachbarländer besässen, wirke sich
in Deutschland bis in
die Alltagsarbeit der Gewerkschaften aus.
Am Beispiel des „Ökologieprogramms“ der Stadt Kaiserslautern
erläuterte er die
katastrophalen Folgen der „Ein-Euro-Jobs“ für reguläre,
sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Mit der Namensgebung
„Ökologie“,
der Beteiligung an der Filmreihe „Die Gesellschafter“, die
im Union-Kino stattfand
und der auftrumpfenden Selbstbehauptung „es diene als Brücke
zwischen
Arbeitslosigkeit und erstem Arbeitsmarkt“ sei das „Ökologieprogramm“
ein gelungenes
Beispiel für die Tarnung einer Systems, das sich nur durch Sanktionen
am Leben
erhalten könne. Laut einer Studie des „Instituts für Arbeitsmarkt-
und
Berufsforschung“, das dem Arbeitsamt nahe steht, verschlechtern
sich die Chancen auf
einen regulären Arbeitsplatz, bei einer Teilnahme an einer Ein-Euro-Massnahme..
In der abschliessenden Gesprächsrunde, an der auch ein Vertreter
der „ARGE“ aus
Ludwigshafen teilnahm, wurden die Folgen von Hartz IV so charakterisiert.
Hartz IV führt zu einem sozialen Verfall, zu einer Verrohung der
Gesellschaft. Hartz
IV führt zu einer Zerschlag ganzer gewachsener Milieus. Es ist schlecht
möglich ein
Ehrenamt auszuüben, wenn man kein Geld für den Apfelsaft im
Vereinsheim hat. Die
Propaganda der Neoliberalen für Hartz IV diene den Privilegien einer
Kaste. In einer
Leistungsgesellschaft, die diesen Namen verdiene , müssten die Startbedingungen
gleich sein. Deshalb müsste unser verkrustetes Bildungssystem und
das Erbrecht an
Produktionsmittel überprüft werden.
Bei Opfer von Hartz IV träten zunehmend psychosomatische Beschwerden
auf. Nach mehr
als zwanzig, fünfundzwanzig Jahren Arbeit werde man zum Bittsteller
bei den Ämtern
degradiert und gegenüber Kollegen und Kolleginnen, die noch in Arbeit
und Brot
stehen, als Drohung missbraucht.
Kritik wurde auch an der eigenen Organisation geübt: Die Gewerkschaften
hätten es
versäumt, sich an den Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV von Beginn
an tatkräftig
und solidarisch zu beteiligen.
|