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Niederlage in Blau

Hermann Peter Piwitts Roman „Die Gärten im März“ neu erschienen


Eine Buchvorstellung von Stefan Gleser


Gefährdete Tierarten kriegen Schutzgebiete. Eine bedrohte Lebensform, wie die des
stillen und zarten Trinkers wurde schlicht platt gemacht. Zum Beispiel dieser Ponto
oben in Hamburg. Ponto ist ein Liebhaber der Niederlagen. Er sammelt und pflegt sie
wie andere Leute Briefmarken. Er ist so richtig schwer engagiert, im Beobachten des
eigenen, langsam dahintrudelnden Absturzes.

Ende der siebziger Jahre macht sich ein verheirateter Drucker- so um die vierzig,
ein Kind, zur Zeit krankgeschrieben- daran, die Überreste seines verschwundenen
Freundes Ponto, das sind dessen Notizen und Erinnerungsfetzen und Gesprächssplitter,
zu sammeln.

Ponto, sein Vorname bleibt unerwähnt, stammt aus einer alten „antisemitischen
Familie“ wie er einem Passanten, der ihn wegen eines gegen Miethaie gerichteten
Flugblattes zum Kommunisten erklärt, behutsam erläutert. Sein Studium der
Rechtswissenschaften hat er abgebrochen und bedruckt zur Zeit T-Shirts. Den
„Kopfschuss“, wie er das abendliche Besäufnis nennt, gibt er sich in der
„Sportlerschanze“. Last exit „Sportlerschanze“, danach kommt nichts mehr, keine
Chance, sonst noch ein Bier auf den Deckel zu kriegen.

Der Wirt ist Realo. Er hat eine Kneipe, keine politische Einstellung. „Gib mir
zwanzig gutverdienende Türken, stille Trinker mit festem Wohnsitz: und ich schmeisse
das ganze Gelumpe raus, das deutsche, das mich nur Geld kostet.“

Gespenstisch exakt das Geräusch der Pfoten der Schäferhunde auf dem Linoleumboden.
Unverstandener nie als in der „Sportlerschanze“ zwischen Theke und Gedröhn, der
richtige Ort um sich in Gesellschaft einsam zu fühlen, also der Anlass ,um noch ein
Bier zu zischen. Und viel tiefer sinken geht schlecht, das gibt Sicherheit, da
kannst du dir noch eins bestellen wie der „Baron“ von drüben.

„Die Gärten im März“ wussten schon bei ihrer Erstausgabe 1979, was auf uns zu kommt.
Lisa, die Frau des Erzählers, verkauft überteuerten Plastikschrott, wahrscheinlich
Tupperware. Die großspurigen Versprechungen ihrer Firma sind heiße Luft. Freundinnen
abklappern, Verwandtschaft abklappern, als freie Subunternehmerin freie
Subsubunternehmerinnen suchen, von denen sie sich Provision erhofft. Es sind die
ersten zarten Blüten der Ich-AG. Procher, ein Schriftsteller, der mit seiner
proletarischen Herkunft kokettiert, schafft den Sprung in die Talk-Shows und wird
samt deren emanzipatorischem Anspruch stromlinienförmig. Und einen wie Ponto, ein
zerbrechlicher Kornflüsterer, zu sehr im Klaren um ein Mietmaul (Bez. für Menschen,
die für ihre Reden bezahlt werden) zu werden, den hätte Hartz IV schon längst
zerschunden. Vier Bier in der „Sportlerschanze“, um „in sich hinein zu gucken“, das
kostet ein Tag Fron.

Die väterliche, gut eingebundene Bibliothek klärt über den Nutzen der Literatur auf.
Pontos älterer Bruder erhält in Russland einen Beinschuss. Notabitur, dazu der Vater
ein überzeugter Nazi, das Studium ist erst mal futsch. Jetzt fängt er an, Vaters
Bücher fürs Klo zu verwenden. Ernst Jüngers „Stahlgewitter“, Willi Vesper, alles
gepflegte Werke, wandern aufs stille Örtchen. Bilder aus den Schwarten regen Ponto
an, seine Pubertät selbst in die Hand zu nehmen. Seine profunden kunsthistorischen
Kenntnisse ruhen auf Wichsvorlagen.

So im Rückblick Ponto, wenn ich mir die Gestalten anschaue, die vom Fernsehen herab
auf mich einrieseln, das hättest du doch auch schaffen können, da aufzutreten, mit
deiner Biographie. Das zuckt doch ständig unter dem Text, diese Möglichkeit. Wenn du
gern Bier trinkst, eine Reise nach Bayern oder nach Böhmen rüber; vielleicht braucht
deine Katze mal eine teure Operation. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.
Überleg dir das doch noch mal, wenn du die Schnapsflasche in der Hand hältst. Ein
kleines Kopfnicken, ein kleiner Kompromiss, ein kleiner Tabubruch, ein gebrochener
Lebenslauf, siehe Procher, so was verkauft sich doch. Einmal öffentlich bekennen,
wie du unter deiner Familie dahinsiechst. Betroffenheitswettbewerbe,
Sensibilitätsevents, Leidensliveshows, Beichte als Happening im Abendprogramm. Aber
dieser Ponto bleibt ruhig hocken in der „Sportlerschanze“ und trinkt sich noch
einen.

Zwischen Katzenklo und leeren Bierflaschen hat sich bei Ponto ein Austernbesteck für
24 Personen breitgemacht. Es rührt von Pontos Expedition zu den besseren Leuten. Bei
Bruck ,seinem Hauswirt, schlief er, während einer Party kindlich sanft auf Carlas
Schoß ein. Carla, unerhört reich, weltgewandt, mehrsprachig. Da baut sich Ponto eine
Illusion der Gleichheit und Selbständigkeit auf. Ist er mit Carla unterwegs,
bestellt er nur, was er selbst bezahlen kann.

Wenn der Lärm der Strasse versickert ist, wenn die Kneipen sich totgegröhlt haben,
zeichnet Piwitt sanfte Momentaufnahmen des flachen Landes: Der Erzähler mit seiner
Familie und Ponto durchziehen die moorigen Wiesen und Weiden. Da braucht Piwitt nur
ein paar Wörter hin zu tupfen, da ein „pelziges Grün“ , und da einen
„waschlaugetrüben Schlamm“. Groß in Form kommt Ponto, spricht er über Spinnen,
allerlei Ungeziefer, Ratten und Mäuse. Werfen dabei „Übelwollende“ , wie Ponto
erzählt, der Hausmaus „durchaus Naschhaftigkeit, Neugier, Schüchternheit, Putzsucht“
vor , dann schenkt Piwitt dem Leser wunderbar lockere Augenblicke der Entspannung.
Dann möchte ich Pontos Kater sein und wohlig hingestreckt nur zuhören.

Hermann Peter Piwitt
Die Gärten im März
Wallstein-Verlag, Göttingen 2008
234 Seiten
Einband: gebunden, Schutzumschlag
Format: 12 x 20 cm
19 Euro
ISBN-10: 3-8353-0324-4
ISBN-13: 978-3-8353-0324-9