zurück
takt@takt.de

Stadtzeitung takt online

   

TEMPLIN/POTSDAM - Nach dem Mord an einem 55-jährigen Mann in Templin (Uckermark) durch Neonazis hat der Rechtsextremismus-Experte Dirk Wilking vor den Folgen eines dramatischen Werteverlusts in einigen Jugendszenen Brandenburgs gewarnt. Die Grenze zu töten sei „in bestimmten Milieus offensichtlich gering“, sagte der Leiter der Mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus gestern im RBB-Inforadio. Die rechtsextreme Szene suche sich dabei willkürlich Opfergruppen, „bei denen angenommen wird, dass die Bevölkerung nicht solidarisch hinter ihnen steht“.

Die Gewalt der Neonazi-Szene richte sich gegen Obdachlose, Punks, Homosexuelle und Christen, so Wilking. Die Wahl der Opfergruppen und ihre Ausgrenzung habe dabei einen „Resonanzboden in der Erwachsenenwelt“. So sei sowohl im familiären Bereich als auch in der Öffentlichkeit die Überzeugung weit verbreitet, dass sich ein Gemeinwesen seine Mitglieder selbst aussuchen könne.

Das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) hatte nach Bekanntwerden der Straftat vor „lebenden Zeitbomben“ im Berliner und Brandenburger Neonazimilieu und vor einer Verfestigung der rechtsextremen Gewaltszene gewarnt. Etwa 20 Prozent der mehr als 100 seit 1990 bundesweit bekannt gewordenen rechtsextremen Tötungsdelikte seien in Brandenburg verübt worden, sagte der Politikwissenschaftler Gideon Botsch vom MMZ. Nach Angaben des Vereins „Opferperspektive“ sind in den vergangenen zwölf Monaten in Templin zehn rechte Gewalttaten registriert worden – so viele wie sonst nur in Potsdam und Cottbus.

Der 55-jährige Bernd K. aus Templin war am Dienstagmorgen brutal ermordet in seiner Tischlerei aufgefunden worden. Zwei 18- und 21-jährige Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft. „Ein rechtsextremes Motiv ist nicht auszuschließen“, betont die Neuruppiner Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper. Der 18-Jährige trug am Tattag ein Shirt mit einem Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß, auf der Kleidung seines mutmaßlichen Komplizen prangte ein rechter Schriftzug. (epd/dpa/MAZ)

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11265790/62249/Debatte_nach_Mord_in_Templin_

Experten_beklagen_Werteverfall.html