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Die
Perspektive der Täter
Die Debatte um Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten«:
Mit beträchtlichem Aufwand wollte das FAZ-Feuilleton die deutsche
Debatte über Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten«
eröffnet sehen. Doch eine wirkliche literarische Debatte kam nicht
auf, wo sich offenbar die Mehrheit der Rezensenten einig ist, das Buch
sei von geringem literarischen Wert. Die Urteile reichen von »pornographischer
Kitsch« bis zu der Ansicht, es handle sich um einen Schlüsselroman
zum Verständnis des Nationalsozialismus. Wie ist das Buch zu lesen?
Der im März auf deutsch erschienene Roman stellt eine alte Frage
neu; nämlich nach den Grenzen der literarischen Verarbeitung des
Holocausts. Denn neben den Kriminalromanen, die sich des Nazigenres bedienten,
gab es in den vergangenen sechzig Jahren Versuche, sich der Monströsität
von Auschwitz’ zu nähern. Es waren Autoren wie Primo Levi,
Jean Amery und Jorge Semprun, die Adornos Verdikt widerlegten, über
Auschwitz könne es keine Poetik geben. Heute gehören ihre Bücher
zum internationalen literarischen Kanon, und wurden gerade in Deutschland
besonders stark rezipiert.
Littells Roman kehrt die narrative Perspektive um. Hier berichtet der
Ich-Erzähler von seiner Beteiligung am Holocaust. Hauptfigur des
Romans ist der SS-Offizier und Jurist Max Aue, der nach der Machtübernahme
der Nazis im Reichsicherheitshauptamt (RSHA) Karriere macht. Der von Littell
entworfene Plot sucht die neuesten Erkenntnisse der Täterforschung
in literarische Figuren zu kleiden. Denn die Mehrzahl der übrigen
im Buch auftretenden Figuren sind, wie Adolf Eichmann, Werner Best und
Reinhard Heydrich, reale Akteure der Vernichtung der europäischen
Juden. Zugleich kumulieren in der Figur Aues Charakterzüge der genannten
Personen. Litell läßt Aue an allen Schauplätzen des Holocausts
als Beobachter und Akteur auftreten, der zudem in die polykratischen Auseinandersetzungen
der NS-Bürokratie verwickelt ist, wo es um die Vollzugshoheit des
Vernichtungskrieges geht.
Littell sucht einen Tätertypus zu literarisieren, wie er in der Forschung
von Michael Wildt bis Ulrich Herbert ausgearbeitet wurde. Die Täterforschung
verwarf das Klischee vom brutalen, aber tumben nazistischen Antisemiten,
indem sie den Typus des intellektuellen Weltanschauungskriegers freilegte,
der mit dem Pathos der Kälte (Helmut Lethen) die Vernichtung der
Juden als geschichtsphilosophische Schicksalsaufgabe betrieb. Gerade diese
Gruppe völkischer Akademiker stand für einen weltanschaulichen
Antisemistismus, die sich habituell vom brutalen Radauantisemitismus der
SA abzusetzen suchten.
Erweitert ein fiktionaler Zugriff auf diesen Tätertypus das hermeneutische
Spektrum in Bezug auf die Shoa? Die über viele Seiten ausgebreiteten
Dialoge des Max Aue mit Schreibtischtätern wie Best, Schellenberger
und Six, zeigen dem Leser kaum eine charakterliche Facette, die man nicht
den biographischen Studien der Täterforschung entnehmen könnte.
Littell vertieft nicht, bietet keine narrative Perspektive, die dem Handeln
der Täter eine identifikatorische Logik mitgibt. Die realen Figuren
mit Ausnahme Aues bleiben blass, und müssen es bleiben, weil sich
bürokratisch geplanter Massenmord nun mal nicht poetisieren lässt.
So ist der Leser hin und her gerissen, was er hier denn hier nun lese,
fiktionale Nonfiction oder einen Roman?
Obsession der Gewalt
Zugleich spielt der Roman mit dem Bild der Orestie1. Denn quasi als Einführung
in den Charakter des Aue beschreibt Littell eine Inzestszene Max Aues,
die hernach im Buch variantenreich allegorisch wiederholt wird. Die Existenz
des Täters Aue will Littell dem Leser als gefährdet vorstellen,
wo er dessen homosexuelle Obsessionen ausführt. Die eigentliche Obsession
des Buches ist jedoch die allgegenwärtige Gewalt, die der Leser an
allen Schauplätzen des Romans antrifft. In der Tat muss man die Lektüre
des Buches zeitweise unterbrechen, um dem Sog der unablässigen Darstellung
von Gewalt nicht zu erliegen.
Littell arbeitet mit Chiffren, wenn er etwa auf Ernst Jüngers Kaukasus
Reise verweist oder die komplexe Verstrickung der Akteure des 20. Juli
in den Holocaust anklingen lässt. Mit welchem erzählerischen
Impuls dies geschieht, erschließt sich nicht. Ohne Zweifel hat der
Autor eine stupende Kenntnis der Materie der Shoa und ihrer Täter.
Diese nützt dem Roman als solchem nur nichts. Littells Narration
fehlt es an Welthaltigkeit, wiewohl von dieser in dem Buch unablässig
die Rede ist.
Littell wurde vorgeworfen, er verletze die Würde der Opfer, in dem
er aus der Perspektive der Täter ihr würdeloses Sterben detailliert,
ja als voyeuristische Pornographie erzähle. Und in der Tat, die Opfer
in Littells Roman bleiben ohne inneren Ort, ohne Gesicht – ganz
so, wie sie von den Tätern angesehen wurden: als Menschenmaterial.
Klaus Theweleit bot in der FAS eine Deutung, warum Littells Buch in Deutschland
auf so breite Ablehnung stoße. Die deutsche Literaturkritik weigere
sich über die Judenvernichtung aus der Täterperspektive zu lesen,
da man eine Identifikation mit den Opfern vorziehe. Theweleit hingegen
verteidigt Littells Versuch, »diese affektiv-intellektuelle Symbiose
des ›Deutschen‹ mit dem ›Jüdischen‹ des 20.
Jahrhunderts in vielen Facetten; eine Symbiose, die, nach Maßgabe
der zerissenen Körperlichkeit der Deutschen in dieser Symbiose nur
gewaltsam gelöst werden konnte« zu beschreiben. Bei einer Lesung
seines Buches im Berliner Ensembel hat Littell den Vorwurf zurückgewiesen,
er zelebriere in seinem Roman eine Empathie mit den Tätern, und ästhetisiere
deren Gewaltexzesse. Er habe lediglich literarisch gestaltet, was er bei
diesen vorgefunden habe: Monströsität, Banalität und Emphatieunwilligkeit.
Damit müsse sich ein Leser konfrontieren, der einen Verständniszugang
zum Prozess der Selbstradikalisierung der NS-Täter gewinnen wolle.
Fazit
Um Belletristik im Wortsinne handelt es sich bei Littels Buch nicht. Der
Roman ist ein Balanceakt zwischen den Abgründen der entgrenzten Gewalt
der Mörder und der zur Schau gestellten Lakonie ihrer Taten. Davon
mag man sich mit Recht angeekelt abwenden. An der historischen Faktizität
der Mentalität der Täter ändert dies nichts. Dem Buch wird
vermutlich ein breiterer Leserkreis beschieden sein als mancher wissenschaftlicher
Studie zum Thema. Leider. Wer dem Buch entnimmt, wie konkret die NS- Ideologie
bis in alle lebensweltlichen und sozialen Bezüge wirkte, hat vielleicht
etwas dazu gelernt. Wer dies jedoch aus einem guten Geschichtsunterricht
oder durch eigene Lektüre weiss, dem eröffnet dieser Roman keine
neue Perspektive auf die Täter. Der kann es nach gut einem Drittel
mit gutem Gewissen beiseite legen.
Antifa Infoblatt - Zeitschrift für Antifaschismus
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