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Stadtzeitung Saarbrücken

Kibbuz im Wandel
> Tel Aviv, Haifa u.a.
> ca. 14. bis 29. September 2008
> Eine Reise in die Geschichte des sozialistischen
> Experimentes Kibbuz in Israel

>
> Heute gibt es noch immer 270 Kibbuzim in Israel, deren
> Mitgliederzahl von 200 bis 2000 reicht. Insgesamt leben ca.
> 127.000 Menschen in Kibbuzim, die ungefähr drei Prozent der
> israelischen Gesamtbevölkerung darstellen. Richtungsweisend
> für die Kibbuzbewegung waren einerseits jüdisch-
> sozialistische Jugendorganisationen aus Polen und
> Deutschland und andererseits der von Theodor Herzl 1897
> verkündete Gedanke der „Schaffung einer öffentlich-rechtlich
> gesicherten Heimstätte in Palästina“. Von den
> sozialistischen und emanzipativen Grundprinzipien des
> Kibbuzes ist heute hauptsächlich die Freiwilligkeit der
> Teilnahme an diesem Gemeinwesen übrig geblieben. Dazu
> gehörte lange Zeit die Vergesellschaftung von Produktion,
> Konsumtion und Reproduktion, die jedes Mitglied nicht nach
> seiner Leistung sondern seinen Bedürfnissen und
> Möglichkeiten einbeziehen sollte.
>
> Auf unserer Reise durch mehrere Kibbuzim werden wir
> Kibbuznikim treffen, die mit uns über den Wandel dieses
> Gemeinwesens sprechen wollen.
>
> Das Verhältnis von Produktion und Reproduktion könnte als
> roter Faden unserer Untersuchung des Wandels im Kibbuz
> gelten und unseren Gesprächen eine Struktur geben. Beide
> Sphären sind in anderer Weise als in der bürgerlichen
> Gesellschaft organisiert und geplant. Da die Geschichte der
> israelischen Kibbuzim nicht zu verstehen ist, ohne die
> Entstehung des israelischen Staates wird auf diesem Wege
> auch viel über die Geschichte Israels zu erfahren sein.
> Die Kibbuzbewegung und der Staat Israel
>
> Im Todesjahr Herzls begann 1904 mit der zweiten Alija
> (Einwanderungswelle) die Geschichte der Kibbuzim. 1909 wurde
> der erste Kibbuz Degania gegründet. Vor neuen Pogromen in
> Osteuropa flohen Zehntausende Juden nach Palästina. Die
> Neuankömmlinge, unter ihnen der 19jährige David Grien aus
> dem polnischen Plonsk, brachten außer Aufbruchstimmung und
> meist sozialistischer Gesinnung nicht viel mit, aber sie
> waren voller Tatendrang. Wichtigster Grundsatz der Kibbuzim
> war die „jüdische Arbeit“, was eine Beschäftigung billiger
> arabischer Lohnkräfte ausschloß. Allein die jüdischen
> Pioniere sollten den Boden beackern und von der Milchkanne
> bis zur Kindererziehung alles teilen, um so die „neue
> Gesellschaft“ zu schaffen.
>
> Die Kibbuzim, ein „verwegenes Unternehmen des jüdischen
> Volkes“ (Martin Buber), legten den Grundstein für die
> Gemeinwirtschaft in Israel. Als David Grien, der seinen
> Nachnamen inzwischen zu Ben Gurion hebräisiert hatte, 1948
> den Staat ausrief, lebte jeder zwölfte jüdische Bürger in
> einem Kibbuz.
> Gemeinschaftliche Produktion
>
> Zentral für das Verständnis dieses jüdischen Sozialismus
> scheint die Betonung der Arbeit als Bedingung der
> Entwicklung eines neuen Menschen gewesen zu sein. Reziprok
> zum antisemitischen Klischee der unproduktiven Tätigkeit der
> Juden in Europa sollte hier durch gemeinsame insbesondere
> landwirtschaftliche Arbeit eine neue Gemeinschaft aber auch
> ein neues Menschenbild erschaffen werden.
> Die Bedeutung der Agrarproduktion ist bis heute für den
> israelischen Markt relevant, wurde jedoch zunehmend aus
> ökonomischen Gründen durch industrielle Produktion abgelöst.
> Dennoch sind die meisten Kibbuzim in finanzielle
> Schwierigkeiten, bzw. ökonomische Existenzkrisen geraten.
>
> Verschiedene Schritte wurden ergriffen um dieser Krise zu
> begegnen. Alle jedoch geben der Gewalt der
> marktwirtschaftlichen Ökonomie mehr Raum.
>
> Heute werden Lohnarbeiter angestellt, immer mehr Kibbuzniki
> verdienen ihr Geld außerhalb der Siedlung. Das Verbot
> privaten Besitzes ist aufgehoben, in den Speisesälen vieler
> Kibbuzim müssen die Mitglieder für ihr Essen bezahlen. Die
> ehemals egalitäre Arbeitsteilung in der Produktion hat sich
> stark hierarchisiert, nicht nur was die Lohnhöhe angeht,
> sondern auch durch die Einsetzung von Managern, die den
> Betrieben vorstehen.
>
> Wir möchten deshalb Kibbuzniki treffen, die vom Wandel der
> Arbeit in diesem Gemeinwesen erzählen können. Was ist dabei
> von der ehemaligen gemeinschaftlichen
> Produktionsgemeinschaft übriggeblieben?
>
> Was hat dies mit den Widersprüchen einer sozialistischen
> Enklave in einer marktwirtschaftlichen Welt zu tun? Was war
> die Rolle des israelischen Staates darin und wie hat sich
> diese verändert? Wie haben sich die Individuen im Kibbuz und
> der Kibbuz in Reaktion auf die Bedürfnisse der Individuen
> verändert?
>
> Die Gemeinschaftserziehung
>
> Die Gemeinschaftserziehung unterlag in ihrer Geschichte
> einem permanenten Wandel. Sie stellt das bisher am weitesten
> von der traditionellen Kernfamilie entfernte in größerem
> Maße praktizierte Erziehungskonzept dar.
>
> Die gesellschaftstheoretischen Grundlagen lassen sich in der
> europäischen und auch deutschen Lebensreformbewegung finden.
> Die Loslösung von den traditionellen individualistischen
> Werten der patriarchalischen Familie und der
> Gleichberechtigung der Geschlechter können als zentrale
> Orientierungspunkte für die Gemeinschaftserziehung gelten.
> Als wichtigste Quellen für die Gemeinschaftserziehung im
> Kibbuz können deutsche und amerikanische Reformpädagogik,
> sowie die freudsche Psychoanalyse gelten.
>
> Die Mitglieder lebten ganz zu Anfang wie eine große Familie.
> Produktion und Konsumtion waren gemeinschaftlich. Ehe und
> Familie wurden in dieser ersten Pionierperiode als
> Überbleibsel der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft
> abgelehnt, weil sie für das Engagement des Einzelnen in der
> Gemeinschaft und die Gleichheit der Geschlechter als
> hinderlich galten.
>
> Die sich später entwickelnde Gemeinschafts-Erziehung der
> Kinder sollte die Gleichheit der Geschlechter ermöglichen
> und die autoritären Grundlagen der bürgerlich patriarchalen
> Familie überwinden.
> Die Vergesellschaftung der Erziehung sollte durch die
> Befreiung der Frau von Haushalts -und Erziehungspflichten
> gleichzeitig eine Einheit von Erziehung, Unterricht und
> produktiver Arbeit herstellen. Das Aufwachsen der Kinder im
> Kibbuz verlief weithin getrennt von den Räumlichkeiten der
> Erwachsenen in Kinderhäusern. Die Beziehungen zwischen
> Eltern und Kindern sollten durch emotionale Beziehungen,
> aber nicht durch Abhängigkeit geprägt sein.
> Sauberkeitserziehung und Pflege wurden von Kinderfrauen
> übernommen, während sich die Rolle der Eltern auf
> Freizeitgestaltung beschränkte. Nirgendwo sonst auf der Welt
> gab es bisher in einem solchen Umfang eine derartige
> Auflösung der Kernfamilie, die besonders in den 60er Jahren
> auf ein großes wissenschaftliches Interesse aus aller Welt traf.
>
> Anstoß zur Erforschung des kollektiven Erziehungsmodells
> haben die Untersuchungen von Bowlby und Spitz über
> Deprivationserscheinungen bei Heimkindern in den USA
> gegeben. Dieser Vergleichsmaßstab macht deutlich, wie wenig
> eine Gemeinschaftserziehung als Chance wahrgenommen werden
> konnte.
>
> Die Erziehung in den Gemeinschaftshäusern das als zentrales
> Element der Gemeinschafts-Erziehung gelten kann, wo Kinder
> auch nachts untergebracht waren, wurde jedoch vor einigen
> Jahren restlos abgeschafft.
>
> Es wäre deshalb interessant, Menschen zu treffen, die von
> ihren persönlichen Erfahrungen als Kind in der
> Gemeinschafts-Erziehung erzählen können. Wie gestaltete sich
> das Verhältnis zu ihren Eltern und anderen Erwachsenen?
> Welche emotionalen und sozialen Bedürfnisse gingen in diesem
> Konzept unter und was für Erfahrungen ermöglichte das
> Aufwachsen mit Gleichaltrigen?
>
> Das Treffen mit einer Metapelet (Kinderbetreuerin im Kibbuz)
> soll andererseits einen genaueren Eindruck von dem
> Erziehungskonzept vermitteln.
>
> Bei den verschiedenen Treffen soll es um Geschichte und
> Geschichten gehen, d.h. idealerweise gesellschaftliche
> Strukturen und Zusammenhänge beleuchten und zugleich Raum
> für die Erfahrungen der Individuen darin bieten. Neben den
> Besuchen von 3 Kibbuzim soll genügend Zeit sein, um eine
> Dozentin vom Institute for Kibbuz-Research in Haifa zu
> treffen, aber auch um die Architektur der Moderne in Tel
> Aviv kennen zu lernen.
>
> Vorschläge zum Besuch von Kibbuzim und Kibbuznikim, sowie
> zur weiteren Gestaltung der Reise sind ausdrücklich erwünscht.
>
> Die Reise wird im September 2008 stattfinden und knapp zwei
> Wochen dauern. Dazu soll sich eine Reisegruppe von nicht
> mehr als 10 Menschen zusammenfinden.
>
> Teilnahmebeitrag: ca. 800-950 Euro. Darin enthalten sind
> Vorbereitung, Flugkosten, Fortbewegung in Brasilien und
> Unterkunft. Leider wird die Reise nur aus IAK-Eigenmitteln
> gefördert, der Teilnahmebeitrag entspricht den Selbstkosten
> der Teilnehmenden.
>
> Teamerin: Felicita (feli (at) iak-net.de)
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> Infos und Anmeldung: israel (at) iak-net.de
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> www.iak-net.de
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