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Oh
Saarland, Du mein liebliches Land der Anarchie
Die Aschenbecherpolka des Saar-Gesundheitsministers
Von Claude Michael Jung
Viele glauben noch immer, das Saarland sei das Land der rauchenden Schlote.
Das ist
allerdings längst nur noch eine Mär aus der guten alten Zeit.
Die Saarländer
brauchen die alten Schlote nämlich gar nicht mehr um zu rauchen.
Geraucht wird hier
wie eh und jeh und der Lungenzug in der Kneipe ist dank der anarchistischen
Seele,
die in jedem Saarländer und jeder Saarländerin schlummert, immer
noch an der
Tagesordnung.
„Wanderer, suchst Du ein liebliches, freundliches Tal, wo die Aschenbecher
auf den
Theken und Tischen winken, dann lenk Deine Schritte an die Saar. In den
Dörfern und
Städte auf rauchender Flur, da blitzen die Wellen der Anarchie so
herrlich wie
nirgend sonst auf der Erde“, so sang Max Flabbes, der größte
Thekenphilosoph des
goldisch strahlenden Ländchens, am gestrigen späten Abend, lauthals
auf der Straße.
Der Thekenwanderer Max Flabbes hatte sein Heimatland einem tagelangen,
empirischen
Aschenbechertest unterzogen und dabei wieder einmal die Menschen vom kernigen
Schlage, im anarchistischen Umgang mit skurilen Gesetzen erlebt. Dank
des
trefflichen Nichtraucherschutzgesetzes der regierenden Tollitäten
sind jetzt die
ersten Bedienungen der Gaststätten, völlig losgelöst und
befreit von Arbeit und
Lohn, auf den rauchfreien Fluren der Arbeitsagenturen aufgetaucht. Aus
Angst um ihre
eigene Existenz haben eine Reihe von Wirten beschlossen ihre Angestellten
nicht mehr
dem blauen Dunst der Zigarren, Pfeifen und Zigaretten auszusetzen und
ihre Kneipe
nun lieber, getreu dem Gesetz inhabergeführt, dafür aber mit
Qualmerlaubnis, weiter
zu betreiben.
Hier die Nichtraucherkneipe, öde und leer. Nur einige Fliegen umkreisen
die trübe
Thekenbeleuchtung. Die Gäste sind zwei Häuser weiter. Dort sprudelt
das Bier munter
aus dem Zapfhahn und die Aschenbecher sind gut gefüllt. Wohltuend
die fast
sauerstoffreine Atemluft. Für ansteckende Bazillen und Viren ist
in der dicken Luft
kein Durchkommen. Auch der aufdringliche Mix aus Deodorant, Rasierwasser,
Körperschweiß und anderen Wohlgerüchen hat hier keine
Chance.
„Auf Dein Wohl“, wird wie immer miteinander angestossen und
ein Franzose stimmt ein:
„a votre santé“. Er sagt offen ,dass er, bevor er die
Kneipe betritt, zuerst mal
durch das Fenster schaut, ob die Theke mit Aschenbechern geschmückt
ist. Früher hat
er angeblich zuerst nach den Kurven der Bedienung geschaut und deren
Flirtbereitschaft analysiert, bevor er eine Kneipe betreten haben will,
aber das
glaubt ihm hier am großen Fluss der Saarländer sowieso keiner.
Zwischen einer Frikadelle, einem großen Pils mit Aschenbecher und
klimmender Fluppe
resümiert ein, wohl der linken Szene angehörender Gast. „Ich
wollte wir hätten ein
Nichtraucherschutzgesetzt und keiner denkt daran es zu befolgen“.
So, wie dieser
Gast, denken viele Kneipenbesucher in diesen stürmischen Tagen an
der Saar. Die
Wirte dagegen haben die Qual der Wahl. Entweder sie gehen rauchfrei pleite
oder
laufen schon bald qualmend vor die Flinte der Ordnungsmacht.
In einigen Saarbrücker Stadtteilen wollen nun Wirte und Gäste
gemeinsam einen runden
Tisch bilden und über die Umgehung des schrägen Gesetzes zum
angeblichen Schutz der
Nichtraucher beraten. „Ich mache meine Kneipe zum Streiklokal“,
sagt Fred, der Wirt
vom „Runden Eck“ und beruft sich darauf, dass zu seiner aktiven
Zeit bei der IG
Metall im Streiklokal geraucht wurde und auch das Raucherkriminalisierungsgesetz
im
Saarland nicht vorsieht ein Streiklokal zur „Raucherfreien Zone“
zu erklären. Inge
und ihr Herbert wollen dagegen einen Puff eröffnen, dort darf laut
Gesetz noch
gequalmt werde. Die Kippe danach war selbst dem Gesundheitsminister von
der CDU
heilig und unantastbar. Ein Dritter spricht sich für die Gründung
einer Sekte aus
und will seine Kneipe als Tempel mit Messweinausschank deklarieren. Mit
einem
revolutionären Gesichtsausdruck meint er: „Wo es Messwein gibt,
muss es auch frommes
Bier und hochprozentiges Heiliggeistwasser geben und die Weihrauchfluppen
dazu kann
dann auch keiner mehr verbieten.
Man sagt den Saarländern nach, dass sie zu allem fähig sind.
– Das die Saarländer zu
nichts zu gebrauchen sind, behaupten nur die primitiven und ahnungslosen
Feinde des
Landes – Gerät das Saarvolk erst einmal richtig in den Rausch
der Anarchie steht die
Revolution am Himmel. Die ersten Vorboten sind schon deutlich sichtbar
und die CDU
Landesregierung ist wie immer ohne Konzept. Hier die Kohlekriese samt
der
aufgebrachten Kohlekumpels, die danach gelüsten der tatenlosen Saar-Regierung
an den
weißen Kragen gehen zu wollen. Dort das Heer der Raucher, das den
Saarfürsten Peter
Müller und seine Bücklinge ordentlich zuqualmen will. Eine dritte
Front zeichnet
sich auch bereits ab. Die Schülerinnen und Schüler, die Zukunft
des Landes, haben
die Schnauze gestrichen voll, vom G8 Turboabitur und verlangen den Umsturz
im
Bildungswesen.
„Die kleine Kneipe in unserer Straße darf nicht untergehen“
sagt der große
Thekenphilosoph Max Flabbes mit innerer Bierruhe und verweist mit qualmender
Pfeife
auf die zahllosen Stürme, die das Saarland, sein göttliches
Kleinod, in der
Vergangenheit schon überstanden hat. Nach seinem großen Aschenbechertest
in den
saarländischen Kneipen ist Max Flabbes überzeugt. „Die
Tage von Saarfürst Müller als
Ministerpräsident sind genauso gezählt, wie die Tage des schrägen
Frischluftgesetzes
in unseren Kneipen“, sagt Max Flabbes, während aus dem Lautsprecher
des neuen
Zigarettenautomaten in der Ecke die Aschenbecherpolka, gehustet vom Raucherensemble
des saarländischen Gesundheitsministeriums, erklingt.
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