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Der
rastlose Aufklärer
Eine Auswahl der Essays
Alfred Schoberts liegt vor
Von Stefan Gleser
Noch nie in der Geschichte der Erde und der Menschheit haben Gewalt,
Ungleichheit,
Ausschluss, Hunger und damit wirtschaftliche Unterdrückung so viele menschliche
Wesen betroffen.
Dieser Satz seines Lehrers, des französischen Philosophen Jacques Derrida,
war
Motivation für die Arbeit Alfred Schoberts (1963 2006). Schobert
war
wissenschaftlicher Mitarbeiter des Duisburger Instituts für Sprach- und
Sozialforschung. Er galt als profunder Kenner der deutschen und französischen
Rechtsextremen. Einer Sammlung seiner Aufsätze ist jetzt erschienen.
Diese teilt
sich in Extreme Rechte, Geschichtspolitik und Poststrukturalismus.
Schobert seziert die rhetorischen Figuren der Neuen Rechten".
Deren Trick besteht
darin, sich linker Theorien zu bedienen und diese geschickt in einen völlig
anderen
Zusammenhang einzublenden . So tarnen Verschleierungsvirtuosen ihre Texte
durch
weltoffene Belesenheit und schmiegen sich sprachlich eng an den Feind.
Ethnopluralisten oder Befreiungsnationalisten passen
sich frappant manchen
Aussagen der Antiimperalisten an, obgleich die einen von Sitten und Gebräuchen
der
Horde sprechen und die anderen sich auf die universellen Menschenrechte berufen.
Schobert liefert Beispiele. Die heidnische Internet-Zeitung Freiheit
Wattenscheid
(FW) polemisiert seit Jahren gegen die Gebietsreform im Ruhrgebiet. Die FW
vermengt wild durcheinander Kommune, Region und Erdball. Sie will salonfähig
sein.
In dem vom Schobert untersuchten Fall beruft die FW sich auf die
liberale
Wochenzeitung Die Zeit , in dem ein Buch des angesehenen Schriftstellers
Peter
Handke besprochen wird. Es ist eine doppelte Rückversicherung. Nicht
ungeschickt
verpflanzt die FW sodann Formulierungen der Zeit, die lediglich
Handke
referierten, in eine Kritik an der Eingemeindung, um schliesslich ein
Horrorszenario aufzubauen. Die FW definiert Begriffe nach
eigenem Gutdünken.
Solidarität verkümmert bei ihr zur Hilfe im Umfeld der Höhle,
während es im
allgemeinen Sprachgebrauch für die weltweite Verbrüderung der Arbeiterschaft
steht.
Alain de Benoist, führender Kopf der französischen Neuen Rechten,
ruft auf, Marx
vom Marxismus zu befreien. Wenn Martin Walser Albert Schlageter und
Viktor
Klemperer gemeinsam auftreten lässt, dann besänftigt Klemperers
Wortbeobachtung
Schlageters Nationalismus. So verschieden die Verfasser, so eint sie die Taktik
der,
wie Schobert sagt, Piraterie und des Kaperns. Insgesamt
sei die Neue Rechte
wenig originell, böte nichts Neues und versuche Trennlinien zu verwischen.
Schobert untersucht das Beziehungsgeflecht zwischen dem Burschenschaftler
Herbert
Fleissner, der die drittgrösste Verlagsgruppe Deutschlands besitzt, und
der
Wochenzeitung Junge Freiheit. Fleissners Aufstieg war der Untergang
respektabler
Verlage. Langen-Müller konnte auf die rote Bulldogge des
Simplicisissimus
zurückblicken; Herbig war Mitglied im Zirkel der Bücher der
19, und Ullstein war
in der Weimarer Republik bürgerlich-liberal.
Die Neuhofer Rede des ehemaligen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann
steht für
Eliten-Antisemitismus in Nazi-Kontinuität. Die harte
Naziszene könne sich mit
einiger Berechtigung durch Hohmanns Vortrag bestätigt und angefeuert
sehen. Der
Hohmann zu Hilfe geeilte und daraufhin entlassene Bundeswehrgeneral Reinhard
Günzel
preist den gewissen soldatischen Kern in unserem Land. Was Hohmann
und Günzel
neben ihrer politischen Ansicht eint, ist die Seelenlage: Herrenreiter sehen
sich
gerne als Tabubrecher und Opfer von Denkverboten. Sie stilisieren sich zur
ausgegrenzten Minderheit im Land.
Schobert schildert am Beispiel der Dark-Wave-Musik und der Wochenzeitung
Junge
Freiheit, wie die Rechte suggeriert, sie hätte gegenüber dem
schnöden Alltag
vitale Todessehnsucht, rauschhaftes Leben und faszinierenden Schönheitssinn
anzubieten. Schobert und die ehemalige Mitarbeiterin der Jungen Freiheit,
Gerlinde
Gronow, warnen davor, den Stockkonservativen, die über magische Erlebniswelten
schreiben und Kasernenhof meinen, auf den Leim zu gehen. Würde sich deren
Kulturpolitik durchsetzen, wäre dies das Aus für jede Subkultur,
auch für die
Dark-Wave-Szene.
Schoberts Genauigkeitssinn, die Fron im Archiv, lässt seine Arbeiten
urplötzlich
tagesaktuell aufflammen. Wer, im Gegensatz zu mir, in den Genuss kam, seinen
Aufsatz
Zum Judenbild der konterrevolutionären Rechten und der intransigenten
Katholiken in
Frankreich zu lesen, war von der Äusserungen der Piusbrüderschaft,
ihres Bischofs
Richard Williamsons und Papst Benedikt XVI wenig überrascht.
Geht's gegen die gemeinsamen Feinde, die Aufklärung, die Linke, die
Juden, sind die
Reihen zwischen reaktionären Christen und Heiden überraschend fest
geschlossen.
Schobert stöbert durch französische Kioske und Buchläden,
um uns über die aktuellen
Medien der französischen Rechtsextremen zu informieren und erläutert,
warum A. Paul
Weber kein Vorbild für eine emanzipatorische Bewegung sein kann.
In Thomas Manns
Betrachtungen eines Unpolitischen sieht er das klassische Fehlverhalten
deutscher
Intellektueller. Schobert bespricht Jürgen Links Buch Versuch über
den Normalismus.
Wie Normalität produziert wird und erläutert die Stellungnahme
der indischen
Schriftstellerin Arundhati Roy zum Irakkrieg.
Alfred Schoberts vielsprachiges Wissen, seine an Karl Kraus geschulte Sprachkritik
werden, wie die Herausgeber schreiben, im Kampf für eine effektive
Arbeit gegen
Rechts und für eine gerechte Gesellschaft weiterleben.
Schobert, Alfred: Analysen und Essays. Extreme Rechte - Geschichtspolitik
-
Poststrukturalismus. Herausgegeben von Martin Dietzsch, Siegfried Jäger,
Moshe
Zuckermann. Edition DISS, Band 21. Münster 2009, 440 Seiten, 29,80 EUR
ISBN
978-3-89771-750-3
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